Montag, 23. September 2019, 19:00 - 21:00, Helle Panke e.V. – Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin, Kopenhagener Str. 9, 10437 Berlin

Revolution und Erwachsenenbildung

100 Jahre Volkshochschule – Ein Blick zurück nach vorn

Geschichte

"Republik ist schon viel …Sozialismus bleibt das Ziel" (Gustav Radbruch).
Zum schwierigen Umgang mit republikanischen Traditionen in den Volkshochschulen

„Die Revolution vom 9. November 1918 erlebt zu haben“, so der ehemalige Reichsjustizminister und Gründer der Kieler Volkshochschule, Gustav Radbruch, verpflichtet die Volkshochschulen, für den  Ausbau des sozialen Rechtsstaats, die Verteidigung der Grundrechte und die Sicherung des Friedens einzutreten. Diese Aufgabe blieb aus der Sicht Radbruchs für den Konstitutionsprozess der deutschen Republiken auch nach 1945 von grundlegender Bedeutung und war für den Verfassungspatrioten stets mit der Umwandlung und Intensivierung der Kultur- und Bildungsarbeit verknüpft.

Die Erinnerung an seine „Republikanische Pflichtenlehre“ ging verloren. Die jüngst vorgelegte Festschrift des DVV zu „100 Jahre Volkshochschulen“ widmet dem Mitverfasser der Weimarer Reichsverfassung und seinen Mitstreitern als Gründer von Volkshochschulen im sozialistischen Lager kaum eine Zeile. Dagegen kommen vornehmlich die zu Wort, die im „Laboratorium Dreißigacker“ Weimarer Fehlentwicklungen nicht verhinderten und 1933 zur „Selbstgleichschaltung“ neigten. Grund genug, um an andere Bausteine gesellschaftlicher Veränderung nach der Revolution von 1918 zu erinnern, die ein lebenslanges Lernen für alle anstrebten. Ein wenig bekanntes Kind der Novemberrevolution war z.B. die „Freie Hochschule für Handel, Industrie und allgemeine Volksbildung“ in Nürnberg. Ein heute noch aktuelles Modell der Krisenbewältigung in Zusammenarbeit mit der Arbeiterbewegung.

Der Blick zurück ist möglicherweise ein Blick nach vorn, wenn wir dabei auch an verdrängte linke Varianten der Volksbildung erinnern, besonders an  jene Versuche, die in der Novemberrevolution die bürgerliche Volkshochschulbewegung durch  Arbeiterhochschulen und  Räteschulen ersetzen wollten. Dabei übernahm Berlin eine Vorreiterrolle mit dem „Kind der Novemberrevolution“: Die Freie Hochschule für Proletarier vom März 1919, die sich ab Oktober 1919 Räteschule der Großberliner Arbeiterschaft nannte, geprägt von den Rätekommunisten und Wanderlehrern Karl Korsch , Alexander Schwab, Georg-Engelbert Graf und Karl Schröder. Letzterer sollte sich noch 1945 erneut am Neuaufbau des Schulwesens in Berlin beteiligen und von 1946-1948 die Volkshochschule in Neukölln leiten.

Zeitgleich dazu verkündete Bruno Tanzmann 1919 in der Bauernhochschule Dresden-Hellerau als neue „grüne deutsche Botschaft“ „die Völkische Wiedergeburt“ über „Arbeitsdienst und Siedlungstätigkeit als hohe Schule der Volkheit“ mit der Fahne der Artmanenschaft auf schwarzweißroten Grund mit dem Hakenkreuz und der Parole „Nach Ostland wollen wir reiten“. Angesichts des aktuellen Neofaschismus wird der Referent auch an diese völkischen Denktraditionen in der deutschen Volkshochschulbewegung erinnern. Der Streit um die von der AfD im Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf beantragte Errichtung der Gedenktafel für Ernst Niekisch (1889-1969), dem einstigen Leiter der Volkshochschule Berlin-Wilmersdorf von 1945-1948, gibt erneut Anlass dazu. Denn der ehemalige Sozialist und führende Kopf des Nationalbolschewismus gewinnt für die AfD eine zunehmend orientierende Bedeutung und fordert uns dazu auf, über „Linke Leute von Rechts“ nachzudenken. Denn der „Nationalrevolutionär“ Niekisch hatte als entschiedener Gegner von Hitler immer wieder versucht, ein antisemitisch und rassistisch geprägtes Bündnis nationalen Strömungen in der Arbeiterbewegung und völkischem Denken rechtskonservativer und antidemokratischer Kräfte herzustellen. Und nach 1945 gehörte der 1948 zum Professor an der Humboldt-Universität in Berlin ernannte Niekisch als KPD- und SED-Mitglied (bis zur Übersiedlung in die BRD 1963) und führender Kopf des „Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“ zu den Hauptrednern der VHS-Eröffnungsveranstaltungen in den vier Besatzungszonen. Er plädierte für die „nationale Wiedergeburt Deutschlands“ und interpretierte die Gründung der DDR und BRD als Ergebnis der „Überfremdung Deutschlands“. Bleibt noch anzumerken, dass Niekisch von 1953 bis 1966 einen Prozess gegen die BRD in Sachen Wiedergutmachung führte und vor dem Bundesgerichtshof verlor – mit der Begründung, er sei für den Kommunismus eingetreten und habe sich für das totalitäre Regime in der DDR engagiert.

Referent: Prof. Dr. Jörg Wollenberg (ehemaliger VHS-Leiter in Bielefeld und Nürnberg und Professor für Weiterbildung an der Universität Bremen)

Moderation: Dr. Stefan Bollinger

Kosten: 2,00 Euro

Wo?

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