Mittwoch, 30. November 2011, 11:00 bis 19:00, Humboldt-Universität zu Berlin, Senatssaal, Unter den Linden 6, 10099 Berlin

Hermann Ley – Werk und Wirken – zum 100. Geburtstag

X. Bernal-Tag

Hermann Ley gehört zu jenen Philosophen der DDR, die neben einem umfangreichen wissenschaftlichen Werk (Geschichte der Aufklärung und des Atheismus) durch zahlreiche Funktionen (staatliches Rundfunkkomitee, Direktor des Instituts für Philosophie der Humboldt-Universität Berlin) und vor allem als Lehrer einer großen Schar von Studenten national und international gewirkt haben. Er ist mit der Geschichte der DDR untrennbar verbunden und diese mit ihm.

Mit Beiträgen von:

Prof. Werner Ebeling: H. Ley und die Naturwissenschaftler

Dr. Marlene Fuchs-Kittowski: H. Ley und die Interdisziplinarität

Prof. Hubert Laitko: H. Leys Lebensweg bis zur Übernahme des Lehrstuhls in Berlin

Prof. Rolf Löther: H. Ley und die Wissenschaft vom Lebendigen

Prof. Hans-Christoph Rauh: Ein Institut im Institute

Prof. Peter Ruben: H. Ley und sein Erbe

Prof. Karl-Friedrich Wessel: H. Ley als Lehrer

Prof. Siegfried Wollgast: Zum Hauptwerk Leys „Die Geschichte der Aufklärung und des Atheismus“

Gemeinsame Veranstaltung mit dem Projekt Humanontogenetik und der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Gesellschaftsanalyse und politische Bildung e.V.

Martin Koch schrieb im ND vom 26./27. November 2011, S. W7 dazu:

Ermutigung zum Selbstdenken. Vor 100 Jahren wurde der Philosoph Hermann Ley geboren.

Martin Koch

Er sprach fließend Französisch und schätzte den Existenzialisten Jean-Paul Sartre, der ihm wiederum ein Buch mit freundlicher Widmung übersandte. Er war ein überzeugter Marxist, wenngleich keiner, der sich »von oben« vorschreiben ließ, was darunter zu verstehen sei. Er konsumierte Unmengen an Kaffee und Zigaretten und nutzte, wie ich als Hörer selbst erleben durfte, eine Vorlesung zur Philosophie Hegels, um den kurz zuvor ermordeten John Lennon als einen der großen Künstler des 20. Jahrhunderts zu würdigen.

Die Rede ist von Hermann Ley, dessen Leben und Werk so gar nicht in das Klischee passt, das über DDR-Philosophen in nachwendischen Publikationen kolportiert wird. Nicht zufällig fanden über 300 Physiker, Biologen, Chemiker und andere Einzelwissenschaftler den Weg an die Berliner Humboldt-Universität, um an dem 1959 von Ley gegründeten Lehrstuhl »Philosophische Probleme der Naturwissenschaften« den Doktortitel zu erwerben. Denn es hatte sich in Rostock ebenso herumgesprochen wie in Ilmenau oder Dresden: Im »Ley-Haus« herrschte eine offene Atmosphäre. Hier standen viele bürgerliche Naturforscher und Philosophen nicht vordergründig im Fokus der ideologischen Kritik, sondern wurden als Quellen nichtmarxistischen Denkens wahr- und ernstgenommen. Dafür musste man deren Werke natürlich gelesen haben, die sich teilweise in den »Giftschränken« der Bibliotheken befanden. Auch hier half Ley bereitwillig - mit einer Blankobescheinigung, worauf jeder interessierte Doktorand die von ihm benötigten Bücher eintragen konnte.

Geboren am 30. November 1911 in Leipzig als Sohn eines Zahnarztes, trat er mit 18 in die KPD ein und begann 1930 ebenfalls ein Studium der Zahnmedizin, welches er 1933 aus politischen Gründen abbrechen musste. In der Nazizeit war Ley im Widerstand aktiv und saß dafür 45 Monate im Gefängnis. Kurz vor Kriegsende gelang ihm die Flucht aus der Gestapohaft.

Im Selbststudium hatte sich Ley in der Philosophie und den Geisteswissenschaften ein fundiertes Wissen angeeignet. Er wurde daher 1948 als Nachfolger des »bürgerlichen Pädagogen« Theodor Litt zum Professor für Theoretische Pädagogik an der Universität Leipzig ernannt. Hier übernahm er zwei Jahre später auch den neu eingerichteten Lehrstuhl für Dialektischen und Historischen Materialismus. Schon damals begann Ley mit den Vorarbeiten zu seiner neunbändigen »Geschichte der Aufklärung und des Atheismus«, die sogar in der alten Bundesrepublik als »erstaunlich reichhaltiges und verständlich geschriebenes Werk« gewürdigt wurde. Obwohl davon noch zwei weitere Bände im Manuskript vorliegen, hat sich bisher kein Verlag gefunden, sie zu veröffentlichen.

Nach einer kurzen Lehrtätigkeit in Dresden übernahm Ley 1956 die Leitung des Nationalen Rundfunkkomitees der DDR, bevor er 1962 an die Humboldt-Universität ging und hier eine einflussreiche Tradition selbstkritischen Philosophierens etablierte. Seine legendäre Bemerkung: »Wer an meinem Bereich die Vererbung erworbener Eigenschaften vertritt, fliegt«, war bis in die 1960er Jahre eine deutliche Absage an die pseudowissenschaftlichen Theorien des sowjetischen Agronomen Trofim D. Lyssenko, denen Ley 1948 noch selbst gehuldigt hatte. Seine Bereitschaft, Irrtümer einzugestehen und ideologischen Unsinn auch als solchen zu bezeichnen, brachte ihm schon früh die Sympathien zahlreicher Naturforscher ein. Darunter waren der Astrophysiker Hans-Jürgen Treder ebenso wie der Verhaltensbiologe Günter Tembrock und der Biophysiker Werner Ebeling.

Nach Leys Emeritierung 1977 übernahm Karl-Friedrich Wessel den Bereich, aus dem im Mai 1990 das »Interdisziplinäre Institut für Wissenschaftsphilosophie und Humanontogenetik« hervorging. Ein halbes Jahr später starb Ley.Zum 100. Geburtstag Leys findet am 30. November im Senatssaal der Humboldt-Universität ein Festkolloquium statt; ab 11 Uhr.

RLS, Projekt Humanotogenetik

Kosten: 5,00 Euro

Wo?

Humboldt-Universität zu Berlin, Senatssaal
Unter den Linden 6
10099 Berlin