Publikationen

Heft 49: Kritik der medialen Moralisierung politischer Konflikte

Von: Clemens Knobloch

3.00 €

Reihe "Philosophische Gespräche", Heft 49, 2018, 63 S.
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Das Feld des Politischen – und mit ihm die politische Semantik – scheint in jüngerer Zeit in starke Bewegung zu geraten. Zu den übergreifenden Trends gehören das Abwandern des Protestpotentials nach rechts, die Einbindung und diskursive Entwaffnung der Restlinken durch den moralisierenden Pseudo-Universalismus der "progressiven Neoliberalen" (Nancy Fraser), die Umkodierung sozialer Ungleichheit auf individuelle Bildung, die Delegitimierung organisierter Gruppeninteressen sowie die Privatisierung und Naturalisierung gesellschaftlicher Verhältnisse. Immer handelt es sich dabei um Entwicklungen, die auch durch politisches Sprachhandeln hergestellt und reproduziert werden.

Die vorliegenden Aufsätze analysieren diese Prozesse aus sprachwissenschaftlicher Perspektive. Sie stehen in einem thematischen Zusammenhang mit der Veranstaltung „Zum Wandel der politischen Sprache und den Perspektiven ihrer Erforschung“, die am 12. Dezember 2017 in der Hellen Panke stattgefunden hat. 
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Autor:
Prof. Dr. Clemens Knobloch, Sprachwissenschaftler, Universität Siegen

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INHALT
(3 bisher unveröffentlichte Aufsätze)

Wer hat Angst vor Verschwörungstheorie“?

Über die fallweise Improvisation moralischer Gemeinschaften durch Wertbegriffe                                                                   

[1] Präliminarien
[2] Zeitdiagnostik: Masterterm Globalisierung
[3] Imagined Communities
[4] Von der Umverteilung zur Anerkennung
[5] Normalität und Moralisierung
[6] Diversität und Inklusion
[7] Schlussfolgerungen

Moralisierung und Normalisierung – Komplementäre Techniken
der Herrschaftsverdichtung in der politischen Kommunikation             45

[1] Zu Beginn: ein altes soziologisches Paradox
[2] Normalisierungsmacht durch Verpunktung und Verdatung:
PISA als Beispiel
[3] Verbleibende Herrschaftsressourcen: Moralisierung
[4] Exkurs über den Typus des modernen Moralisten
[5] Verdichtete Herrschaft adressiert das atomisierte Individuum
[6] „Zurechnungsexpansion“ (Lübbe 1994) als ein Mittel der Herrschaftsverdichtung
[7] Die öffentliche Delegitimierung von Interessenpolitik
[8] Fazit

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LESEPROBE

[1] Nein, es sind nicht die Verschwörungstheorien selbst, deren Konjunktur dem aufmerksamen Beobachter ins Auge fällt. Es ist nur der üppig ins Kraut schießende Vorwurf, solchen Verschwörungstheorien anzuhängen, dem augenblicklich kaum einer entgeht. AfD-Anhänger glauben angeblich, die politischen und ökonomischen Eliten hätten sich verschworen, das deutsche Volk durch Flüchtlinge zu ersetzen. Putin-Versteher glauben zu beobachten, dass bei den Olympischen Spielen in Rio passiert, was eigentlich auch sonst immer passiert: Alle tun es – und die Russen werden dafür bestraft. Und Putin-Hasser wittern ohnehin den russischen Geheimdienst hinter allem, was nicht so läuft, wie sie es gerne hätten. Ob es sich um Doping handelt, um die Bombardierung Syriens, um die Behinderung fremdfinanzierter NGOs, um die (militärische und politische) Unterstützung von Rebellionen in anderen Ländern ist gleich. Wer findet, dass auch Amerikaner und Europäer (von ihren imperialen Verbündeten ganz zu schweigen) das ausgiebig tun, der fängt sich leicht den Vorwurf ein, Verschwörungstheoretiker zu sein. Und die Linke? Nun, die glaubt ohnehin an die kapitalistische Weltverschwörung, ist aber ihrerseits rasch bei der Hand, diesen Vorwurf an Pegida, AfD und Konsorten weiterzureichen. So schließt sich der Kreis. Wie sehr das V-Wort bereits verinnerlicht worden ist, kann man daran erkennen, dass viele linke Äußerungen mit der vorweggenommenen Entschuldigung beginnen: „Das klingt jetzt wie eine Verschwörungstheorie, aber …“

Grund genug, der Frage nachzugehen, was ein (sagen wir) Diskursteilnehmer eigentlich tut, wenn er einem anderen Diskursteilnehmer vorwirft, einer Verschwörungstheorie anzuhängen, und warum diese Anschuldigung momentan boomt.

Unglücklicherweise wächst in der medialen Diskussion um das V-Wort bis zur Unkenntlichkeit zusammen, was nicht wirklich zusammen gehört: Der Vorwurf aus den Medien an das (vorwiegend rechte, der AfD oder Pegida angehörige, aber natürlich auch an das linke) Publikum, man glaube eher an eine Verschwörung von Politik- und Medieneliten als an die Meldungen und Kommentare der „Lügenpresse“ – und der inverse Vorwurf aus dem (s.o.) Publikum, die mediale Aufbereitung der politischen Handlungen und Ereignisse sei selbst Teil einer Verschwörung zwischen den etablierten Machteliten im Bereich der politischen „Altparteien“ und der medialen Meinungseliten.

Festhalten müssen wir jedenfalls, dass der V-Vorwurf notorisch in beide Richtungen geht: aus den Medien an das unbotmäßige und ungläubige Publikum und aus dem Publikum an die Medien. Wachsende Teile des Publikums halten die „Leitmedien“ für eingebunden in eine Art von Elitenverschwörung gegen das Volk, und diese Leitmedien überziehen das misstrauische Publikum im Gegenzug mit dem Vorwurf, es glaube an Verschwörungstheorien.

 

3.00 €

Marx 200
Ladenlokal der Stiftung Helle Panke