Publikationen

Heft 194: "Warte nicht!"

Tucholskys Beiträge zur Arbeiter-Illustrierten Zeitung - Mit zwei weiteren Studien zusammengestellt anlässlich seines 125. Geburtstages

Von: Dieter Schiller

3.00 €

Reihe "Pankower Vorträge", Heft 194, 2015, 40 S.

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Das vorliegende Heft vereinigt erweiterte und bearbeitete Beiträge von Dieter Schiller zum Leben und Wirken von Kurt Tucholsky, die der Autor in Vorträgen und Publikationen erstmals vorgestellt hat:

Tucholsky in der AIZ - Erweiterte Fassung eines Vortrags im Seniorenklub am 27.1.2015 in Berlin

Ein deutsches Bilderbuch 1929 - Über Kurt Tucholskys und John Heartfields Buch "Deutschland, Deutschland über alles" . Diese Betrachtung zu "Deutschland, Deutschland über alles" wurde für die Rubrik "Neu gelesen" geschrieben und veröffentlicht in: Rundbrief 4/2002 AG Rechtsextremismus/Antifaschismus beim Parteivorstand der PDS.

Tucholsky und der "Jahrhundertkerl Heine" - Vortrag vor der Kurt-Tucholsky-Gesellschaft im Haus des Heinrich-Heine-Instituts in Düsseldorf am 16.10.2004, veröffentlicht in: Weimarer Beiträge 3/2006

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Unser Autor: Prof. Dr. Dieter Schiller – Literaturwissenschaftler, lebt in Berlin

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INHALT

Tucholsky in der AIZ

Mit Anhang: Beiträge Tucholskys in der AIZ

Ein deutsches Bilderbuch 1929

Über Kurt Tucholskys und John Heartfields Buch

"Deutschland, Deutschland über alles"

Tucholsky und der "Jahrhundertkerl Heine" 

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LESEPROBE                     

Tucholsky in der AIZ 1928–1930

"Gebrauchslyrik" hat Kurt Tucholsky eine Sorte von Gedichten genannt, die nichts anderes als "gereimtes oder rhythmisches Parteimanifest"[1] sind. Dieser Begriff hat Schule gemacht, doch seine eigene Schreibart hat Tucholsky damit nicht beschrieben. Die Verse, die er selber zum öffentlichen Gebrauch seiner Leser geschrieben hat, wollen durchaus mehr sein als gereimtes oder rhythmisches Parteimanifest, zumal er nichts weniger als ein Parteimann war. Sie entsprechen weit eher einer Definition des Begriffs "Gebrauchslyrik", wie sie Erich Kästner in seinem Band "Lärm im Spiegel" (1929) vorgeschlagen hat. Das seien Verse – heißt es da –, die "im Umgang mit den Freuden und Schmerzen der Gegenwart notiert" werden und für jeden bestimmt sind, "der mit der Gegenwart geschäftlich zu tun hat". Die Autoren solcher Verse – also in Kästners Sinne: Lyriker auf der Höhe der Zeit – seien Leute, die "wie natürliche Menschen empfinden", und die deren Empfindungen, Ansichten und Wünsche "in Stellvertretung ausdrücken".[2]

Tucholsky hätte das wahrscheinlich politisch und sozial eindeutiger, zugespitzter formuliert. Die Gedichte, die er in der Arbeiter-Illustrierten Zeitung in den Jahren zwischen 1928 und 1930 veröffentlicht hat, sind aber – denke ich – als eine solche Stellvertretung von Empfindungen, Ansichten und Wünschen der kleinen Leute in der Republik von Weimar zu verstehen. Sie sind vor allem zum Gebrauch einer Leserschaft gedacht, die sich der kapitalistischen Ordnung samt ihren wirtschaftlichen und staatlichen Machtstrukturen quer stellt. Schon das früheste dieser Gedichte, im März 1928 in der Arbeiter-Illustrierten Zeitung gedruckt, ist ein charakteristisches Beispiel dafür. Wir haben es da mit einem aktuellen politischen Sujet zu tun, satirisch wird das offizielle Begrüßungsritual für den afghanischen König kommentiert, der als erster Monarch dem republikanischen Deutschland einen Staatsbesuch abstattete. Ein Foto zeigt ihn mit dem Reichspräsidenten Hindenburg beim Abschreiten der Ehrenformation der Reichswehr. Dem Leser des Gedichts wird jedoch der routinemäßige protokollarische Vorgang aus dem Blickwinkel eines "vaterlandslosen, verstockten Roten" vermittelt, eines radikalen Sozialisten also, der schon zur Kaiserzeit als "vaterlandsloser Geselle" beschimpft worden war. Für ihn ist der militärische Pomp, die öffentliche Begeisterung für den feudalen Besuch samt dem entsprechenden Presserummel ein Ausdruck der monarchistischen Träume großer Teile der deutschen Mittel- und Oberschicht: man borgt sich einen König, um einen Moment lang wieder Monarchie spielen zu können. Der Staatsbesuch wird aus dieser Perspektive satirisch kommentiert als Spiegelung der Mentalität nationalistischer und monarchistischer Kreise der Republik. Der Titel des Gedichts heißt deshalb kurz und knapp: "Ersatz".[3] Der Verweis auf den König-Ersatz bringt diese grotesk-komische Gleichnisebene von vornherein ins Bewusstsein proletarischer Leser, die sich in der überlegen-skeptischen Position des "roten" Betrachters bestätigt finden können.



[1]   Ignaz Wrobel, Gebrauchslyrik. Weltbühne 27.11.1928. In: KT Gesamtausgabe, Band 10: Texte 1928, hg. von Ute Maack. Reinbek bei Hamburg 2001, S. 543. – Tucholsky bespricht hier Gedichte von Oskar Kanehl, Straße frei. Mit 15 Originalzeichungen von George Grosz. Berlin 1928.

[2]   Erich Kästner, Prosaische Zwischenbemerkung ("Lärm im Spiegel". Leipzig 1929). In: Erich Kästner, Zeitgenossen, haufenweise. Gedichte. Hg. von Harald Hartung (Erich Kästner, Werke. Hg. von Franz Josef Görtz Band 1). München Wien 1998, S. 88.

[3]   Theobald Tiger, Ersatz. Amanullah-Chan in Berlin. AIZ 21.3.1928. In: KT Gesamtausgabe, Band 10, S. 115 f.

3.00 €

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