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Heft 220: Revolution gegen Kaiser und Krieg 1918/19

Für demokratische Republik, Frieden und Sozialismus? Teil 2: Akteure der Novemberrevolution

Von: Stefan Bollinger, Marga Voigt, Ottokar Luban, Mario Hesselbarth, Gisela Notz, Vera Bianchi

Heft 220: Revolution gegen Kaiser und Krieg 1918/19

Pankower Vorträge, Heft 220, 2018, 56 S.
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Zum Thema Revolution gegen Kaiser und Krieg fand am 14. April 2018 eine Konferenz der "Hellen Panke" e.V. – Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin statt.
Referenten und Diskussionsredner stellen ihre für den Druck bearbeiteten Beiträge in zwei Heften der Reihe "Pankower Vorträge", Heft 219 und 220, vor.
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Autoren (Heft 220)

Stefan Bollinger
Dr. sc. phil., Politikwissenschaftler und Historiker, stellv. Vors. der "Hellen Panke" e.V., Berlin

Marga Voigt
Slawistin, wissenschaftliche Bibliothekarin, Berlin

Ottokar Luban
Historiker, Berlin, Sekretär der internationalen Rosa-Luxemburg-Gesellschaft

Mario Hesselbarth
Historiker, Jena

Gisela Notz
Dr., Historikerin, Berlin

Vera Bianchi
Historikerin, Hamburg
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INHALT

Stefan Bollinger
Revolution gegen Kaiser und Krieg 1918 – Akteure der Novemberrevolution
Vorbemerkungen

Marga Voigt
Gegen Kaiser und Krieg – für Revolution und internationalen Sozialismus
Aus Clara Zetkins Briefen 1915–1920

Ottokar Luban
Die verfrühte Gründung der Kommunistischen Partei Deutschlands (Spartakusbund)

Mario Hesselbarth
Die USPD und der Thüringer Weg

Gisela Notz
Der Kampf ums Frauenwahlrecht
Frauen auf dem Weg in Nationalversammlung und Reichstag

Vera Bianchi
Der Syndikalistische Frauenbund (1920–1933)

Stefan Bollinger
Unsere Revolution?
Von den Schwierigkeiten des Lernens

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LESEPROBE

Ottokar Luban

Die verfrühte Gründung
der Kommunistischen Partei Deutschlands (Spartakusbund)

Unter Berufung auf Lenin galt für die DDR-Geschichtsschreibung die von der SED vorgegebene Richtlinie, dass die Gründung einer linksradikalen Partei in Deutschland bereits während des Ersten Weltkrieges unbedingt notwendig, auch möglich, gewesen wäre, um die linkssozialistischen Kräfte besser sammeln und wirksam in den revolutionären Kämpfen zur Geltung bringen zu können.[1] Dieser Vorgabe wurde zwangsläufig in allen relevanten DDR-Publikationen gefolgt.[2] Eine genaue Untersuchung der historischen Entwicklung kommt allerdings in dieser Frage der linkssozialistischen Parteigründung zum gegenteiligen Ergebnis.

Die Führung der Spartakusgruppe von Rosa Luxemburg über Franz Mehring, Clara Zetkin, Karl Liebknecht bis zu Ernst Meyer lehnte während des Ersten Weltkrieges die Gründung einer linksradikalen Partei ab, weil sie unter dem Belagerungszustand – insbesondere wegen der scharfen Repressionsmaßnahmen der kaiserlichen Behörden – keine Entfaltungsmöglichkeiten sah und das Schicksal einer einflusslosen politischen Sekte ohne Kontakt zu den Massen befürchtete. Stattdessen kämpfte die Gruppierung unter Wahrung ihrer Autonomie in ideologischen und organisatorischen Fragen zunächst innerhalb der SPD für eine Rückkehr zu einer eindeutig antimilitaristischen Politik und nach der Parteispaltung im April 1917 innerhalb der USPD für eine konsequente Friedenspolitik mit Massenaktionen entsprechend dem Beschluss der Sozialistischen Internationale von 1907.[3] Obwohl Luxemburg und Liebknecht in der zweiten Weltkriegshälfte wegen ihrer politischen Aktivitäten in Schutzhaft bzw. im Zuchthaus saßen, spielte diese Gruppierung dank des hohen Ansehens ihrer Führungspersönlichkeiten Luxemburg, Liebknecht, Zetkin, Mehring und der hervorragenden agitatorischen und organisatorischen Arbeit des Leiters des konspirativen Netzwerkes der Spartakusgruppe Leo Jogiches mit der umfangreichsten illegalen Flugschriftenagitation auf dem linken Flügel eine nicht unbedeutende Rolle bei der Radikalisierung der SPD bzw. ab April 1917 der USPD. Jogiches konnte sich dabei auf die starke sozialdemokratische Wahlkreisorganisation Beeskow-Teltow-(Berlin-)Charlottenburg mit seinen Ortsvereinen, vor allem dem mitgliederstarken (Berlin-)Neukölln sowie auf aktive Gruppen im Berliner Vorort Spandau, in Stuttgart, Braunschweig, Duisburg und Hanau stützen. Mit diesen Voraussetzungen gelang es der Spartakusgruppe, die oppositionellen Vertrauensleute der Metallarbeitergewerkschaft, die späteren Revolutionären Obleute, bei der Initiierung und Durchführung des Massenstreiks in den Rüstungsbetrieben Ende Januar, Anfang Februar 1918 in Berlin und weiteren Städten mit einer Dreiviertelmillion Teilnehmerinnen und Teilnehmern intensiv zu unterstützen.[4]

Zwei weitere zusammenarbeitende linksradikale Gruppierungen, die Bremer Linksradikalen unter der Führung des Redakteurs Johann Knief und die Hamburger Linksradikalen unter dem Einfluss von Heinrich Laufenberg und Fritz Wolffheim, die alle seit Spätsommer 1916 auf eine Parteigründung drängten, hatten in ihren sozialdemokratischen Parteiorganisationen die Mehrheit (Bremen) bzw. waren eine aktionsstarke Minderheit (Hamburg) mit jeweils guten Verbindungen zu den Werftarbeitern. Doch hatten sie vornehmlich regionale Bedeutung mit nur wenigen Anhängern in anderen Städten und waren von Polizeispitzeln durchsetzt, so dass ihre Parteigründungsversammlung im Sommer 1917 von der Politischen Polizei ausgehoben wurde. In Bremen waren die Linksradikalen seit Dezember 1917, als ihr Anführer Johann Knief nach mehrmonatigem Leben in der Illegalität verhaftet worden war, als Gruppe äußerst geschwächt und traten nur noch durch die Zeitung "Arbeiterpolitik" in Erscheinung. Im März 1918 standen Einigungsverhandlungen zwischen den Hamburger Linksradikalen und der Spartakusführung kurz vor dem Abschluss. Doch dann wurden beide Gruppierungen ihrer wichtigsten Mitglieder durch Verhaftungen beraubt, so dass ein Zusammengehen oder eine linkssozialistische Parteigründung bis Oktober 1918 überhaupt nicht mehr auf der Tagesordnung stand. Auch das auf der gemeinsamen Konferenz am 13. (nicht 7.) Oktober in Berlin beschlossene Zusammengehen von Spartakus und Hamburger Linksradikalen wurde wegen Verhaftungen nicht richtig wirksam.[5]

Nach der Novemberrevolution kam die Spartakusführung am 11. November 1918 zu einem ersten Treffen in der Legalität zusammen. Liebknecht war durch eine Amnestie schon am 23. Oktober 1918 aus dem Zuchthaus entlassen worden und hatte an der Revolution in Berlin mitwirken können. Doch Jogiches war erst am 9. November aus dem Gefängnis von Berlin-Moabit von Spartakusgenossen befreit worden. Rosa Luxemburg, am 8. November in Breslau aus der Schutzhaft entlassen, war erst am 10. November mit der Eisenbahn nach Berlin gelangt. Die Gruppierung nannte sich nunmehr in "Spartakusbund" um und begann einen parteiähnlichen Betrieb mit eigener Zeitung "Die Rote Fahne", blieb aber in der USPD.[6] Die Gründung einer eigenen Partei wurde zu diesem Zeitpunkt ausdrücklich abgelehnt. Dies geht zum einen aus einem Brief Clara Zetkins vom 17. November 1918 an Rosa Luxemburg hervor[7], aber auch aus Gesprächen Karl Liebknechts mit Otto Rühle Ende November 1918.[8]

Die Spartakusführung war sich Mitte November ihrer organisatorischen Schwäche durchaus bewusst. In Berlin hatte sie gerade zu ein paar dutzend Anhängern Kontakt. Wie aus einem Brief Leo Jogiches‘ vom 11. November hervorgeht, sah die Führung auch sehr klar, dass die große Mehrheit der Arbeiterschaft noch hinter der Mehrheitssozialdemokratie stand.[9] Noch am 21. November zog Liebknecht eine negative Bilanz zu den Errungenschaften der Revolution.[10] In dieser Zeit versuchte er auch über Otto Rühle im Auftrage der Spartakusführung die ultraradikalen Dresdener Linkssozialisten von einer Parteigründung abzubringen, die dann aber dennoch unter dem Einfluss des führenden Bremer Linksradikalen Johann Knief am 30. November und 1. Dezember unter dem Namen "Internationale Kommunisten Deutschlands" (IKD) erfolgte.[11] Dies hatte zunächst noch keinen Einfluss auf die Haltung der Spartakusführer.

Doch sehr bald kam Rosa Luxemburgs Neigung zur Überschätzung der revolutionären Bereitschaft der Arbeiterschaft zum Ausdruck. So meinte sie am 29. November 1918 in einem Brief an Clara Zetkin, dass führende USPD-Mitglieder wie "Däumig, Eichhorn usw. behaupten, ganz auf unserem Boden zu stehen, ebenso Ledebour, Zietz, Kurt Rosenfeld und – die Massen!"[12] Allerdings wurde Luxemburg binnen kurzem auf den Boden der Tatsachen zurückführt. Auf der USPD-Generalversammlung von Groß-Berlin am 15. Dezember 1918 stellte sie den Antrag auf Ausscheiden der USPD aus der Regierung, also aus dem Rat der Volksbeauftragten, auf Ablehnung der Nationalversammlung, auf die sofortige vollständige Machtübernahme durch die Arbeiter- und Soldatenräte und die Einberufung eines USPD-Parteitages. Doch Rosa Luxemburgs Resolution erhielt nur 29 Prozent der Delegiertenstimmen gegenüber 71 Prozent für den Antrag von Rudolf Hilferding, der ein Verbleiben der USPD-Vertreter in der gemeinsamen Revolutionsregierung mit den Mehrheitssozialdemokraten, eine Beteiligung an den Wahlen zur Nationalversammlung und einen USPD-Parteitag erst nach den Parlamentswahlen befürwortete. Dieses Meinungsbild war nicht etwa auf die Delegierten der USPD beschränkt, sondern entsprach der Stimmung in der Berliner Arbeiterschaft. Denn bei der am 14. Dezember stattfindenden Wahl der Berliner Arbeiterratsdelegierten für den Reichsrätekongress erhielt die SPD – zur Überraschung aller politisch Informierten – mit 11 Delegierten wesentlich mehr Zuspruch als die USPD mit 7 Delegierten. Es ist deshalb unverständlich, dass Rosa Luxemburg – wie der "Roten Fahne" zu entnehmen ist – offenbar mit einer linken Mehrheit auf dem am 16. Dezember in Berlin beginnenden Reichsrätekongress rechnete und enttäuscht die Delegierten wegen ihrer Entscheidung für die Nationalversammlung nach der Tagung als "Eberts Mamelucken" beschimpfte.

Die Zeit für eine linkssozialistische Parteigründung war also nicht günstig. Dennoch muss die Spartakusführung gerade in der Zeit des vom 16. bis 21. Dezember tagenden Reichsrätekongresses, der lediglich ca. ein Dutzend linksradikale Delegierte (Spartakus und andere) aufwies, dem Gedanken einer eigenen Parteigründung näher getreten sein, ohne dass schon ein fester Beschluss erfolgte. Der linke USPD-Führer Wilhelm Koenen, der als Delegierter des Kongresses in Berlin weilte, hatte in dieser Zeit, also spätestens am 21. Dezember, ein Gespräch mit Luxemburg. Während er dringend darum bat, mit der Parteigründung zu warten, dann würde sein USPD-Bezirk Halle-Merseburg bereit sein, in eine neue linksradikale Partei überzutreten, bestand sie auf eine baldige Gründung.[13] Dies ist genauso wenig verständlich, wie die erneute mehrmalige Forderung nach einem USPD-Reichsparteitag in der zweiten Dezemberhälfte in der "Roten Fahne", obwohl die USPD-Basis auf der Berliner Delegiertenversammlung am 15. Dezember eine entsprechende Resolution mit Zweidrittelmehrheit abgelehnt hatte.

In dieser Zeit wurde von Seiten der IKD Druck auf den Spartakusbund ausgeübt, eine linkssozialistische Partei zu gründen. In einer ersten Reichskonferenz vom 13.–17. Dezember war noch von den IKD-Vertretern ein Zusammengehen mit dem Spartakusbund abgelehnt worden, weil er ihnen zu zentralistisch aufgebaut war. Die utopische Haltung der IKD zeigte sich in einem gleichzeitigen Beschluss, dass "die unmittelbare Einführung des Kommunismus" bevorstünde. Doch auf einer 2. IKD-Reichskonferenz in Berlin am 24. Dezember entschlossen sich die IKD-Gruppen unter dem Einfluss des anwesenden Emissärs der Bolschewiki Karl Radek eine Vereinigung mit dem Spartakusbund zu befürworten. Auch Leo Jogiches war auf dieser Konferenz dabei. Die Spartakusführung wusste also sowohl aus dieser direkten Bobachtung wie aus den veröffentlichten Beschlüssen der IKD aus beiden Konferenzen, dass sie sich mit anarcho-syndikalistischen Gruppen einließ, die schon in der Kriegszeit eine stark dezentral organisierte Einheitsorganisation aus Partei und Gewerkschaft als einzig wahre Organisationsform für die proletarische Bewegung ansah, auch dass die IKD eine Beteiligung an den Wahlen zur Nationalversammlung strikt ablehnte war bekannt.[14]

Nach außen hin wurde in der "Roten Fahne" nur zu einer Reichskonferenz zu Ende Dezember eingeladen. Es hätte also auf der Vorkonferenz am 29. Dezember durchaus noch die Möglichkeit bestanden, es tatsächlich bei einer Reichskonferenz zu belassen und die Parteigründung erst nach dem nächsten USPD-Parteitag abzuhalten und dabei möglichst viele USPD-Vertreter mitzuziehen. Doch die Vorkonferenz, deren genaue Zusammensetzung unbekannt geblieben ist, beschloss gegen nur 3 Stimmen – darunter Jogiches – die sofortige Parteigründung.[15]

Der Gründungsparteitag wurde beherrscht von der Diskussion über die Teilnahme an den Wahlen zur Nationalversammlung. Die große Mehrheit unter maßgeblicher Initiative der IKD-Vertreter, die sich der neuen Organisation, der "Kommunistischen Partei Deutschlands (Spartakusbund)" angeschlossen hatten, stimmte für einen Wahlboykott. Diese Delegierten sahen – vollständig irreal – die Stimmung in der Arbeiterschaft als reif für den schnellen, vollständigen Übergang zur Räteherrschaft, so dass die Nationalversammlung überflüssig sein würde. Die Spartakusführung sah sich trotz ihres massiven Einsatzes für die Wahlbeteiligung in der deutlichen Minderheit. Auch in der Organisationsfrage wäre es wohl zu einer Befürwortung der Einheitsorganisation von Partei und Gewerkschaften gekommen, wenn der Antrag nicht einer Kommission übergeben worden wäre.[16] Eine Beteiligung der "Revolutionären Obleute" mit der Herstellung einer Massenbasis in den Betrieben kam trotz stundenlanger Verhandlungen mit Liebknecht an zwei Tagen nicht zustande.[17]

Selbst Radek, der die Parteigründung mit gefördert hatte oder sogar darauf gedrängt hatte, sah abschließend die Parteigründung sehr skeptisch: "Der Parteitag demonstrierte grell die Jugend und Unerfahrenheit der Partei. Die Verbindung mit den Massen war äußerst schwach. … Ich fühlte nicht, dass hier schon eine Partei vor mir war."[18]

Rosa Luxemburg selbst redete sich die schlechten Ergebnisse schön. Zu Jacob Walcher bemerkte sie auf dessen entsetzte Reaktion: "Jeder große Fluss trägt Schlamm mit sich."[19] Ähnlich äußerte sie sich gegenüber ihre Freundin Clara Zetkin in einem Brief vom 11. Januar 1919 und nahm dabei eine fast ähnliche Haltung ein wie die Befürworter des Wahlboykotts: ..."und wenn die Dinge so weiterlaufen wie bisher, erscheint es sehr fraglich, ob es überhaupt zu Wahlen und zur Nationalversammlung kommt." Eine vollständig realitätswidrige Beurteilung, wenn man bedenkt, dass zu diesem Zeitpunkt – 11. Januar – die Januarkämpfe in Berlin gerade verloren gegangen waren.

Die KPD (Spartakusbund) verlor nach der Ermordung ihrer Parteiführer Luxemburg und Liebknecht im März 1919 auch den Nachfolger Leo Jogiches durch Mord durch einen Angehörigen der Freikorpstruppen und musste unter der neuen Leitung von Paul Levi die größte Zeit des Jahres illegal arbeiten. Nach Paul Levi hatte Leo Jogiches die Meinung vertreten, dass die KPD eine weit größere Bedeutung und einen größeren Umfang erreicht hätte, "wenn sie … drei oder vier Monate länger in der USPD geblieben wäre".[20] Tatsächlich hätte der USPD-Parteitag Anfang März 1919 mit einem noch in der Partei verbliebenen Spartakusbund die Chance geboten, die in den ersten 2 Monaten des Jahres 1919 sich noch weiter radikalisierende USPD in eine eindeutig revolutionäre Massenpartei umzuwandeln.

Auf dem 2. Parteitag der KPD im Oktober 1919 drängte Levi die extreme Linke aus der Partei und setzte einen Beschluss mit der Befürwortung einer Beteiligung an den Reichstagswahlen durch. Diese linksradikalen Personen und Gruppierungen gründeten im April 1920 die "Kommunistische Arbeiterpartei Deutschlands" (KAPD). Damit gab es nunmehr neben der SPD 3 linke Parteien: USPD mit den meisten Mitgliedern und Wählern, die KPD (Spartakusbund) mit einer geringen Mitglieds- und – 1920 – Wählerzahl und die KAPD, die sehr schnell mehrere Absplitterungen erlebte.

Im Oktober 1920 kam es wegen der Annahme der 21 Bedingungen für die Aufnahme in die Kommunistische Internationale zur Spaltung der USPD in "USPD-Linke", die die eindeutige Mehrheit der Parteimitglieder hinter sich hatte, und "Rest-USPD", wie die gängigen journalistischen Bezeichnungen lauteten. Es gab damit für die kurze Zeit bis zur Vereinigung der "USPD-Linken" mit der KPD (Spartakusbund) im Dezember 1920 in Berlin zur "Vereinigten Kommunistischen Partei Deutschlands" sogar für einige Monate 4 Arbeiterparteien links von der SPD.[21]

Es wird immer hervorgehoben, dass die kleine KPD – Wähleranteil von 1,7 Prozent bei den Reichstagswahlen im Juni 1920, bei 18,8 Prozent für die USPD – durch den Zusammenschluss mit der USPD-Linken nunmehr im Dezember 1920 zu einer Massenpartei geworden war. Aber es wird vergessen, dass dabei der linke Flügel der Arbeiterbewegung – links von der SPD – einen Rückgang von mind. 20 Prozent an Mitgliedern und von ca. 30 Prozent an Wählern zu verzeichnen hatte, wie der amerikanische Historiker Robert F. Wheeler festgestellt hat.[22] Diese Mitglieder und Wähler blieben erst einmal für Jahre für die entschiedenen Linken verloren.

Die Abspaltungen haben sich auf keinen Fall gelohnt, weder die des Spartakusbundes von der USPD zum Jahreswechsel 1918/19 noch die der USPD-Linken Ende 1920. Aber Historiker sind hinterher immer schlauer als die handelnden politischen Akteure.

[1] Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der SED: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Kapitel V: Periode von 1912 bis 1917. Berlin 1967, S. 76, 114.

[2] Z.B.: Heinz Wohlgemuth: Die Entstehung der KPD. Überblick. Berlin (Ost) 1978. 2. Aufl., S. 40; ebenso der sowjetische Historiker Drabkin in seinem ausgezeichneten Standardwerk: J. S. Drabkin: Die Novemberrevolution 1918 in Deutschland. Berlin (Ost) 1968, S. 443 f.

[3] Brief Rosa Luxemburgs an Clara Zetkin vom 12. Juni 1916. In: Rosa Luxemburg: Gesammelte Briefe, hrsg. v. Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED. Bd. 5. Berlin (Ost) 1984, S. 126; verschiedene Artikel Rosa Luxemburgs aus "Der Kampf" (Duisburg). In: Rosa Luxemburg: Gesammelte Werke. Bd. 7/2. hrsg. v. Annelies Laschitza und Eckhard Müller. Berlin 2017, S. 992–994 (27. Januar 1917), S. 1031–1039 (31. März 1917), S. 1043–1046 (21. April 1917).

[4] Ottokar Luban: Spartakusgruppe, revolutionäre Obleute und die politischen Massenstreiks in Deutschland während des Ersten Weltkrieges. In: ders.: Rosa Luxemburgs Demokratiekonzept. Ihre Kritik an Lenin und ihr politisches Wirken 1913–1919. Leipzig 2008, S. 127–171, insbes. S. 148–153.

[5] Gerhard Engel: Johann Knief – ein unvollendetes Leben. Berlin 2011, insbes. S. 283, 297 f., 301–303, 318 f., 325; Volker Ullrich: Vom Augusterlebnis zur Novemberrevolution. Bremen 1999, S. 92–108; Paul Frölich: Im Radikalen Lager. Politische Autobiographie 1890–1921, S. 127–131, 137, 141–143.

[6] Hermann Weber: Einleitung zu: Die Gründung der KPD. Protokoll und Materialien des Gründungsparteitages der Kommunistischen Partei Deutschlands 1918/19. Hrsg. und eingeleitet von Hermann Weber. Berlin 1993, S. 29.

[7] Clara Zetkin: Die Kriegsbriefe (1914–1918). Hrsg. von Marga Voigt. Berlin 2016, S. 440.

[8] Gerhard Engel: Johann Knief – ein unvollendetes Leben. A.a.O., S. 368.

[9] Bundesarchiv (BArch) Berlin-Lichterfelde, SgY 17 V 253/1, Bl.85-87, hier: Bl.86 (L. Jogiches an August Thalheimer, 11.11.1918).

[10] Karl Liebknecht: Gesammelte Reden und Schriften. Hrsg. vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Bd. IX, Mai 1916 bis 15. Januar 1919, Berlin (Ost), S. 604–607.

[11] Gerhard Engel: Johann Knief – ein unvollendetes Leben. A.a.O., S. 368.

[12] Rosa Luxemburg: Gesammelte Briefe. A.a.O. Bd. 5, S. 420.

[13] BArch Berlin-Lichterfelde, NY 4072, Nr. 138, Bl. 81 f.

[14] Gerhard Engel: Johann Knief – ein unvollendetes Leben. A.a.O., S. 398 f., 408.

[15] Hermann Weber: Einleitung zu: Die Gründung der KPD. A.a.O., S. 34.

[16] Hermann Weber: Einleitung zu: Die Gründung der KPD. A.a.O., S. 40–43, 45 f.; Wiedergabe der Diskussionen in: Hermann Weber (Hrsg.): Die Gründung der KPD. A.a.O., S. 88–135, 138–167, 225–239.

[17] Ebd., S. 270–280 (Bericht Liebknechts).

[18] Karl Radek: November – Eine kleine Seite aus meinen Erinnerungen. In: Otto-Ernst Schüddekopf: Karl Radek in Berlin. Ein Kapitel deutsch-russischer Beziehungen im Jahre 1919. In: Archiv für Sozialgeschichte. II. Bd., 1962, S. 119–159, hier: S. 136.

[19] Mündl. Aussage Jacob Walchers gegenüber dem Verf., 2. Juli 1969.

[20] Paul Levi: Zur Geschichte der KPD. In: Paul Levi: Ohne einen Tropfen Lakaienblut. Schriften, Reden, Briefe. Bd. I/2: Spartakus. Hrsg. von Jörn Schütrumpf, Berlin 2018, S. 1748–1757, Zitat: S. 1749.

[21] Robert F. Wheeler: USPD und Internationale. Sozialistischer Internationalismus in der Zeit der Revolution. Frankfurt/Main – Berlin [West] – Wien 1975, S. 259–262.

[22] Wheeler, S. 262–267.

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  • Erscheinungsjahr: 2018
  • ID: 69592