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Heft 42: Von Feuerbach zu Marx

Drei Studien zum revolutionären Umbruch im Denken des 19. Jahrhunderts

Von: Falko Schmieder

Heft 42: Von Feuerbach zu Marx

Reihe "Philosophische Gespräche", Heft 42, 2016, 67 S.

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Autor: Falko Schmieder
Dr. phil., Kultur- und Kommunikationswissenschaftler, arbeitet am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin

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INHALT

Zur Einführung

Für eine neue Lektüre der Feuerbachkritik
der Thesen über Feuerbach und der Deutschen Ideologie

Feuerbachs neue Philosophie als neue Religion

Zur Kritik der Rezeption des Marx’schen Fetischbegriffs

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LESEPROBE

Zur Einführung

In der Entwicklung des Werkes von Marx spielt die Auseinandersetzung mit Ludwig Feuerbach eine wichtige Rolle. Feuerbach gilt hierzulande als der wohl bekannteste Kritiker der Religion; für Marx wurde er aber insbesondere wichtig, weil er als erster „aus dem Zauberkreis von Hegels System der totalen Vermittlung“[1] herausgekommen war und so den Weg geebnet hatte für eine kritische materialistische Neuinterpretation von Hegels Werk.

Die Marx‘schen Frühschriften stehen ganz im Zeichen dieser materialistischen Wende der Philosophie, die Feuerbach eingeleitet hatte. Feuerbach war für Marx jedoch nur eine Durchgangsstation – nach einer kurzen Phase der begeisterten Rezeption war er bald vergessen, weil seine ,neue Philosophie‘ zur Analyse der bürgerlichen Gesellschaft wenig bis nichts beizutragen hatte. Die zu Marxens Zeiten unveröffentlicht gebliebenen „Thesen über Feuerbach“ sowie die gemeinsam mit Friedrich Engels verfassten Manuskripte zu Repräsentanten der Deutschen Ideologie dokumentieren den Prozess der kritischen Auseinandersetzung mit Feuerbach. Obwohl die Texte deutlich den Charakter einer Selbstverständigung tragen und speziell die Ausführungen, die sich auf die Philosophie Feuerbachs beziehen, fragmentarisch und widersprüchlich geblieben sind, wurden sie in der marxistischen Rezeptionsgeschichte in der verdinglichten Form abschließender Urteile rezipiert. Eine intensivere Auseinandersetzung mit Feuerbach selbst, die geeignet gewesen wäre, diese dogmatische Sichtweise aufzubrechen und zu einem differenzierteren Urteil zu gelangen, hat dagegen so gut wie nicht stattgefunden. Das Basisschema der Interpretation war denkbar einfach: Feuerbach sei gegen Hegels idealistischer Geistphilosophie der Durchbruch zum Materialismus gelungen; er begnüge sich aber damit, die gegebenen Verhältnisse nur kontemplativ anzuschauen, während es Marxens großes Verdienst gewesen sei, den Materialismus auch auf die gesellschaftliche Praxis zu beziehen: der ,anschauende Materialismus‘ Feuerbachs werde also in einen praktisch-kritischen Materialismus, oder in eine Art „Philosophie der Praxis“ überführt, in deren Rahmen es Marx zugleich gelungen sei, die vorwärtsweisenden Einsichten der Hegel‘schen Spekulation neu anzueignen.

Dieses simple Muster ist selbstverständlich nicht unwidersprochen geblieben. Louis Althusser hat etwa herausgestellt, dass die Entwicklung des Marx‘schen Werkes kein gradliniger Prozess, sondern durch epistemische Wendungen und Brüche gekennzeichnet ist, die auch eine Selbstkritik an früheren Positionen einschließen. Im Hinblick auf Feuerbach hat er auf die Unabgeschlossenheit und Zweideutigkeit der Marx‘schen Einschätzung aufmerksam gemacht und eine genauere Unter­suchung angeregt.[2] Eine gegen den Strich der marxistischen Orthodoxie geführte Auseinandersetzung mit Feuerbach hat in den 1970er Jahren Alfred Schmidt vorgelegt. Unter dem Titel Emanzipatorische Sinnlichkeit unternahm er den Versuch, die ästhetisch-sinnlichen Dimensionen von Feuerbachs Philosophie gegen einen zum System erstarrten Marxismus in Stellung zu bringen. Auch wenn seine Interpretation in vieler Hinsicht anfechtbar ist, so hat sie doch dazu beigetragen, Feuerbachs Werk eine neue Aktualität zu verschaffen und für neue Interpretationen zu öffnen.

Die hier versammelten Studien sind entstanden im Rahmen eines umfassenderen Versuchs, im Gefolge des Epochenumbruchs von 1989/90, der gleichbedeutend mit dem Ende des Marxismus als Legitimationswissenschaft war, das Verhältnis von anthropologischem und historischem Materialismus neu zu überdenken.[3] Feuerbachs Materialismus, der, was früher oft übersehen wurde, zugleich eine neue, diesseitige Form der Religion begründen sollte, schien „zum Standpunkt der Zeit geworden zu sein, auf dem wir nun alle – bewußt oder unbewußt – stehen“.[4] Diese Situation aber nötigt den – gesellschaftlich und theoriepolitisch bedeutungslos gewordenen – historischen Materialismus dazu, gewissermaßen wieder von vorn anfangen und dorthin zurückgehen, wo das, was aktuell überholt scheint, das, was heute triumphiert, einst über sich hinausgetrieben hat. Es war aufzuarbeiten, warum eine Anschauungsweise, die Marx nach seinem Bruch mit Feuerbach als durchaus anspruchslos erschienen war, sich praktisch gegen eine Anschauung durchgesetzt hat, deren theoretische Überlegenheit kaum zu bezweifeln ist.

Eine Beobachtung war für die Arbeit an dem Projekt von besonderer Bedeutung, nämlich die, dass Horkheimer und Adorno in den beiden zeitgeschichtlichen Kapiteln ihrer Dialektik der Aufklärung mit dem Antisemitismus und der Kulturindustrie zwei moderne Anschauungsformen analysierten, die bereits in Marx‘ „Thesen über Feuerbach“ und in den Manuskripten zur deutschen Ideologie auftauchen, und zwar signifikanterweise dort, wo Marx die reaktiven, auf Probleme der modernen Gesellschaft bezogenen Aspekte von Feuerbachs Philosophie problematisiert. In dieser Perspektive deutete sich an, dass Marx die dezidiert modernen Aspekte von Feuerbachs ,anschauendem Materialismus‘ erst ansatzweise und nur sehr unzureichend in den Blick bekommen hat. Sein praxeologisches Argument, dass Feuerbach „in letzter Instanz nicht mit der Sinnlichkeit fertig werden kann, ohne sie mit den ,Augen‘, d.h. durch die ,Brille‘ des Philosophen zu betrachten“[5], lässt sich gegen ihn selbst kehren, denn Feuerbach hatte sich in der Begründung seiner neuen, „unverfälschten, objektiven Anschauung“[6] explizit auf die Transformationen der industriellen Revolution und die gewandelten gesellschaftlichen Organe der Wahrnehmung bezogen.

In den vorliegenden Studien wird der Versuch unternommen, den „revolutionären Bruch im Denken des neunzehnten Jahrhunderts“ (Karl Löwith) im Zusammenhang mit den kulturell-medialen Umbrüchen zu verstehen, die zu einer grundlegenden Transformation der gesellschaftlichen Wahrnehmungsweisen geführt und die Umbrüche auf dem Gebiet der Theorie mit beeinflusst haben, wie sich an den apparativen Hermeneutiken und den zahlreichen medialen Leitmetaphern und Denkmodellen (Camera obscura, Projektion, Widerspiegelung, Fetischismus) ablesen lässt. Der ,anschauende Materialismus‘ Feuerbachs wird als ein theoretischer Ausdruck einer medientechnisch basierten Gestalt des Volksgeistes begriffen, die für die Konstitution des vorwissenschaftlichen Bewusstseins von kaum zu unterschätzender Bedeutung ist. In dieser Perspektive erscheint Feuerbach nicht mehr – wie im traditionellen marxistischen Verständnis – als ein unpolitischer, vom Weltgeschehen abgeschnittener Philosoph, sondern im Gegenteil als ein emi­nent aktueller und politischer Denker, der sich an neuen kulturellen Verhältnissen orientiert und (wie am Antisemitismus sichtbar wird) kulturelle Entwicklungen be­för­dert, die erst der kritischen Theorie nach Marx zum Problem und Gegenstand einer Unter­suchung werden. Und umgekehrt führt eine solche Perspektive auch zu einem neuen Verständnis von Marx. Sichtbar wird heute, dass er sich ungeachtet seiner Kritik an der Geschichtsphilosophie der Sogwirkung dieser Denkform nicht ganz zu entziehen vermochte. Wie exemplarisch anhand einer Auseinandersetzung mit seiner Fetischismuskritik vorgeführt wird, sind bestimmte Denkfiguren nur in einer sehr spezifischen historischen Situation möglich und sinnvoll gewesen. Ihr systematischer Gehalt muss im Durchgang durch die Aufklärung dieser historischen Bedingungen immer wieder neu angeeignet werden.

[1] Karl Löwith, „Vermittlung und Unmittelbarkeit bei Hegel, Marx und Feuerbach“, in: ders., Sämtliche Schriften, Bd. 5, Stuttgart 1988, S. 194.

[2] Louis Althusser, Für Marx, Frankfurt/ M. 1968, S. 37.

[3] Falko Schmieder, Ludwig Feuerbach und der Eingang der klassischen Fotografie. Zum Verhältnis von anthropologischem und historischem Materialismus, Berlin, Wien 2004.

[4] Karl Löwith, Von Hegel zu Nietzsche. Der revolutionäre Bruch im Denken des neunzehnten Jahrhunderts, Hamburg 1995, S. 96.

[5] Karl Marx, Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, in: Marx-Engels-Werke, hg. v. Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Berlin 1986, Bd. 3, S. 43.

[6] Ludwig Feuerbach, „Grundsätze der Philosophie der Zukunft“, in: ders., Gesammelte Werke, hg. v. Werner Schuffenhauer, Berlin 1982, Bd. 9, S. 326.

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