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Heft 41: Karl Renner – Zum politischen Profil eines Austromarxisten

Beiträge zu Lebenswerk und Rezeption

Von: Richard Saage

Heft 41: Karl Renner – Zum politischen Profil eines Austromarxisten

Reihe "Philosophische Gespräche", Heft 41, 2016, 40 S.

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In der Reihe Vielfalt sozialistischen Denkens stellten am 12. Mai 2016 Prof. Michael R. Krätke und Prof. Dr. Richard Saage namhafte Vertreter des Austromarxismus vor. Die vorliegende Publikation enthält bisher unveröffentlichte Beiträge von R. Saage, deren Inhalt Gegenstand seiner Ausführungen in der Veranstaltung war und die im Zusammenhang mit seiner neuesten Buchveröffentlichung, der politischen Biografie Karl Renners, entstanden sind.

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Autor:
Richard Saage

Prof. i.R. Dr., geb. 1941, Politologe und Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg von 1992 bis zu seiner Pensionierung 2006; seit 1998 OM der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig

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INHALT

3 Beiträge von Richard Saage zum Lebenswerk von Karl Renner:

Karl Renner. Zur Anatomie einer politischen Biografie

Karl Renner im Spiegel der Außenperspektive

Otto Bauer und Karl Renner: Dualismus oder dialektischer Spannungsbezug?Eine Auseinandersetzung mit Norbert Lesers Zwischen Reformismus und Bolschewismus

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LESEPROBE

Karl Renner. Zur Anatomie einer politischen Biografie [1]

I.

Das Umschlagbild meines Buches zeigt Karl Renner hoch aufgerichtet in präsidialer Pose, einen Zettel in der rechten Hand. Die linke Hand in der Hosentasche, äußert er sich offensichtlich in der Öffentlichkeit zu irgendeinem politischen Thema. Dass zu seinen Füßen eine prall gefüllte, halb geöffnete Aktentasche steht, deutet auf intensive Aktenstudien hin. Aber diese gelungene grafische Darstellung der Persönlichkeit Renners als eines homo politicus darf uns nicht ablenken von der Tatsache, dass der Hintergrund des Titelbildes durch eine Graufärbung gekennzeichnet ist. Sie erhellt in der Tat eine wichtige Intention meines Buches, nämlich den Versuch, eine scharfkantige Schwarz-Weiß-Konturierung zu vermeiden und eine Auseinandersetzung mit der Persönlichkeit Renners jenseits von Hagiografie und Verriss zu versuchen. Das Erkenntnisinteresse der vorliegenden Biografie folgt also einer charakterlichen Farbenlehre, die ihre Sympathie für die Grautöne nicht leugnet: Jedenfalls sieht sich der Autor für diese Option der Ambivalenz nach dem Durchgang durch die gedruckten Quellen und das unveröffentlichte Archivmaterial bestätigt, die Zeugnis von der Vita Karl Renners ablegen.

Wer eine Biografie schreibt, muss sich ferner darüber im Klaren sein, ob er einen offenen oder einen geschlossenen Zugang zum Lebensvollzug dessen wählt, der im Zentrum seines Buches steht. Der geschlossene Zugang läuft meistens auf eine Teleologie, auf eine nicht selten von außen auf den Untersuchungsgegenstand projizierte Zielgerichtetheit hinaus. Der porträtierte Lebenslauf wird dann oft als eine Erfolgs- oder eine Niedergangsgeschichte erzählt. Der offene Zugang dagegen achtet vielmehr auf die kontingenten Umstände und Faktoren, die eine Biografie beeinflussen, aber auch auf den subjektiven Willen, das eigene Leben innerhalb der ihm vorgegebenen restriktiven sozialen, kulturellen und politischen Umstände zu gestalten. Aber in jedem Fall ist die Situation mit Einschränkung offen, weil sie die Möglichkeit nicht nur des Gelingens, sondern auch des Scheiterns eines Lebensentwurfs impliziert. Ich habe mich in meiner Biografie für den offenen Zugang entschieden. Daher interpretiere ich Karl Renners Lebenslauf nicht von seinem Zenit, d.h. von seiner Präsidentschaft in der Zweiten Republik, sondern von seiner Geburt als 17. oder 18. Zwillingskind einer verarmten Weinbauernfamilie im Jahr 1870 her, die zunächst alles andere als den Aufstieg in die politische Elite Österreichs versprach.

Ich habe außerdem den Eindruck, dass in den bisherigen Biografien Renner eher selektiv dargestellt wurde: entweder als Mensch oder als Politiker oder als austromarxistischer Theoretiker. In meiner Biografie wurde versucht, den „ganzen“ Renner abzubilden, d.h. in einer Art integrierter Zusammenschau der menschlichen, politischen und theorieaffinen Aspekte seiner Persönlichkeit und seines Lebenswerkes. Allerdings ist zu bemerken, dass der Untertitel des Buches lautet: Karl Renner – eine politische Biografie. So gesehen, ist in dieser Biografie eine Betonung des homo politicus beabsichtigt. Sie ist Ausfluss der Tatsache, dass es in dem Zeitraum zwischen 1907, dem Eintritt Renners in die österreichische Politik, und seiner Präsidentschaft in der Zweiten Republik ab Dezember 1945 keine politische Entscheidung über den Kurs der österreichischen Politik gab, an der Renner nicht in irgendeiner Weise beteiligt war – abgesehen von der Periode des Dollfuß-Regimes und des Dritten Reiches. Nicht zufällig folgen die neun Kapitel meiner Biografie dem Ablauf der österreichischen Geschichte in diesem Zeitraum. Diese Korrelation zwischen den zeithistorischen Zäsuren Österreichs und der persönlichen Biografie Renners zeigt, wie eng seine eigene Entwicklung mit der seines Heimatlandes verbunden war.

II.

Doch wie lässt sich die Persönlichkeit Karl Renners charakterisieren? Wir sind leider heute nicht mehr in der Lage, Renner persönlich zu befragen oder mit psychoanalytischen Methoden die Tiefenstruktur seiner Persönlichkeit auszuleuchten. Alles, worauf wir zurückgreifen können, sind zwei Quellensorten. Einerseits Quellentexte, denen zu entnehmen ist, wie Renner sich selbst sah, also seine Lebenserinnerungen und seine Briefe. Andererseits Stellungnahmen von Zeitgenossen, die eine positive, neutrale oder kritische Außensicht auf Renners Persönlichkeit vermitteln. Im quellenkritischen Zugriff auf diese Texte kann der Historiker aus heutiger Sicht zwei Feststellungen treffen.

Nehmen wir Renner als homo politicus ins Visier, so fällt zunächst seine vielschichtige Persönlichkeit auf. In meinem Buch lege ich dar, dass sie eine Art Synthese aus dem visionären und zugleich pragmatischen Politiker, dem austromarxistischen Theoretiker, dem Lehrer der österreichischen Arbeiterklasse, dem sozialdemokratischen Patriot und dem Verfasser sozial-lyrischer Texte war. Diese Attribute sind von seiner frühen Wiener Zeit bis zu seinem Lebensende in seiner Persönlichkeit permanent präsent. Aber je nach den wechselnden Umständen seines Lebens haben sie einen hervorgehobenen oder eher zurückgenommenen Stellenwert. Sie treten also in den verschiedenen Phasen seines Lebens als handlungsmotivierende Kraft in unterschiedlichem Maße in Erscheinung.

Wichtig ist aber auch eine andere Facette des Charakterbildes Renners, das in meiner Biografie aufscheint. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, ruhte er, mit einer ungewöhnlichen Nervenstärke, Kreativität und Arbeitskraft ausgestattet, auch in den schwierigsten Situationen in sich selbst. Diese Innensteuerung seiner Persönlichkeit ging so weit, dass sie sich gegenüber Selbstzweifeln und Selbstkritik weitgehend immunisierte. Jedenfalls bin ich auf kein von Renner hinterlassenes Dokument gestoßen, in dem er begangene Fehler zugegeben oder bedauert hätte. Andererseits darf nicht übersehen werden, dass Renner aus seiner Innenzentrierung heraus äußerst flexibel auf neue Herausforderungen von außen zu reagieren vermochte. Als Beispiele möchte ich den schnellen Wechsel seiner Berufswahl vom Anwalt im Dienst der Arbeiterbewegung zum Beamten des Vielvölkerstaates, sein rasches Umschwenken von der k. und k. Monarchie zur demokratischen Republik etc. erwähnen.

Schließlich noch ein Wort zu dem Privatmann Karl Renner. Für mich spielte Renner in seiner Familie die Rolle eines unbestrittenen pater familias. Aber er kam ohne autoritäre Allüren aus. Seine Familienmitglieder waren ihm emotional verbunden. Umgekehrt wusste er, dass er ihrer Zuneigung sein inneres Gleichgewicht mit zu verdanken hatte – auch und vor allem in Krisensituationen wie bei den Friedensverhandlungen von Saint Germain. Insbesondere einige Briefe an seine Frau Luise aus dieser Zeit beweisen die tiefe Zuneigung zu ihr und die Bedeutung, die er dem Familienleben beimaß.

III.

Wenn diese Charakterisierung der Persönlichkeit Renners zutreffen sollte, stellt sich die Frage, wie sie sich in den Herausforderungen bewährte, mit der sie in einem 80-jährigen Leben konfrontiert war. Mit dieser Feststellung ist übergeleitet zu den Fragestellungen der neun Kapitel meines Buches, die ich in der gebotenen Kürze hier vorstellen möchte. Im Fokus des ersten Kapitels steht u.a. die Frage, wie intensiv der Bruch Renners mit seiner bäuerlichen Herkunftsgesellschaft und seiner zahlreichen Verwandtschaft war. Wie ging er mit der Alltagswirklichkeit materieller Armut an der vom Hunger bedrohten physischen Überlebensgrenze um, die in der Zwangsversteigerung des Bauernhofes seiner Eltern in Unter-Tannowitz kulminierte? Welche intellektuellen Prägungen erfuhr er am Gymnasium in Nikolsburg? Welchen Eindruck machte auf ihn das bürgerliche Milieu, das er durch seine Tätigkeit als Hauslehrer kennenlernte? Der letzte Abschnitt ist Renner in der Privatsphäre seiner engeren familiären Beziehungen gewidmet. Unterschieden sie sich in ihrer Bedeutung für ihn gravierend von seinem Verhältnis zu seiner übrigen Verwandtschaft? Dieser Fokus ist vielleicht am ehesten geeignet, Licht auf den Menschen Renner und seine Persönlichkeit zu werfen – jenseits aller öffentlichen Darstellungszwänge.

Aus dieser biografischen Grundkonstellation resultiert eine Frage, die im Zentrum des zweiten Kapitels steht: Wie wurde Renner zum Sozialist? Kam er in seiner Gymnasialzeit bereits mit sozialdemokratischen Ideen in Berührung? Hat ihm seine einjährige Militärzeit in Wien neue Impulse vermittelt? Welche sozialdemokratischen Politiker während seiner frühen Wiener Zeit beeindruckten ihn am meisten? In welcher Weise engagierte er sich in den sozialdemokratischen Institutionen während seines Studiums an der Wiener Universität? Welchen Anteil hatte er an der Konstituierung der austromarxistischen Schule vor dem Ersten Weltkrieg? Worauf ist seine Offenheit gegenüber der bürgerlichen Rechts-, Sozial- und Wirtschaftswissenshaft zurückzuführen? Woran lag es, dass Renner stets bemüht war, nicht die Bodenhaftung zu den Realitäten der Politik und der Ökonomie zu verlieren, ohne jedoch auf visionäre Antizipationen zu verzichten? Gibt es Hinweise in seinen praktischen Lebenserfahrungen, die seine Aversion gegen einen empiriefernen marxistischen Begriffsrealismus einerseits und sein intensives Interesse an der Nationalitätenfrage andererseits erklärbar machen?

Im dritten Kapitel geht es um die Rolle Renners im Ersten Weltkrieg. Wie nutzte er den erweiterten politischen Spielraum innerhalb der SDAP, den ihn seine Mitgliedschaft im Parteivorstand und der Eintritt in die Redaktion der Arbeiter-Zeitung nach dem Ausscheiden Otto Bauers wegen dessen Militärdienst an der Ostfront bot? Seine Artikel aus dieser Zeit publizierte er in den Sammelbänden Österreichs Erneuerung (2016) und Marxismus, Krieg und Internationale (2017). Mit welchen Argumenten rechtfertigte er die Burgfriedenspolitik der deutschen und österreichischen Sozialdemokratie? Wie reagierte er auf das Stigma, mit dem Friedrich Adler nach dem Attentat auf den Ministerpräsidenten Stürgkh ihn vor dem Ausnahmegericht belegte, er sei ein „Lueger der Sozialdemokratie“, der die Revolution verraten habe? Welche Vorteile erwartete er für Österreich und die Arbeiterklasse von der Realisierung der Mitteleuropa-Idee Friedrich Naumanns? Wie reagierte Renner auf die sich anbahnende Dominanz der Linken auf dem Parteitag von 1917, als sich die Massenstimmung in der Arbeiterschaft gegen die Kriegspolitik der Monarchie zu wenden begann? Warum veränderte sich sein ursprünglich freundschaftliches Verhältnis zu Otto Bauer nach dessen Rückkehr aus der russischen Kriegsgefangenschaft? Mit welchen Argumenten lehnte er sowohl die Erklärung als auch das Nationalitätenprogramm der Linken ab?

Das vierte Kapitel beginnt mit der Skizzierung des Wegs Renners zur Kanzlerschaft der Ersten Republik. Wie war es möglich, dass er diesen Pfad zur politischen Macht erfolgreich beschritt, obwohl er bis zuletzt an der Monarchie als Rahmen sozialdemokratischer Reformen festhielt und innerparteilich in die Defensive geraten war? Diese Fragen leiten über zum Regierungshandeln der Großen Koalition aus Sozialdemokraten und Christlichsozialen, welche die machtpolitische Basis der beiden Renner-Kabinette von 1918 bis 1920 darstellen. Was hielt diese heterogenen weltanschaulichen Lager zusammen? In welcher Demokratievariante kam es zu einem temporären Ausgleich zwischen den divergierenden materiellen Interessen der beiden Klassenparteien? Und unter welchen sozio-politischen Rahmenbedingungen konnte den Christlichsozialen eine Sozialpolitik zugunsten der Arbeiterschaft abgerungen werden, die für die westliche Arbeiterbewegung richtungsweisend war? Wie wurde die Frage des Anschlusses der jungen Republik an das Deutsche Reich durch die Friedensverhandlungen von Saint Germain beantwortet? In welchem Maße gelang es Renner als Vorsitzender der österreichischen Delegation die Interessen seines Landes zu vertreten? Welche Rolle spielte er bei der Konstituierung der Verfassung von 1920? Und wie ging er mit dem Bruch der Großen Koalition nach den Nationalratswahlen vom 17. Oktober 1920 um?

Der Fokus des fünften Kapitels ist auf Renners Entwicklung unmittelbar nach seinem Rücktritt als Staatskanzler gerichtet. Wie fand er sich mit seiner Rolle als Oppositionspolitiker ab? Unterschied sich seine Position in der Koalitionsfrage erkennbar von der der Parteimehrheit unter der geistigen Führung Otto Bauers? Handelte es sich bei diesem Spannungsbezug um einen Dualismus oder um eine dialektische Beziehung, deren sich gegenüberstehenden Theorieelemente im Konsens der praktischen Richtungsentscheidungen der Partei konvergierten? Oder ist Norbert Leser in seiner Studie über den Austromarxismus zuzustimmen, dass Renners Koalitionskurs, wäre er von ihm konsequent vorangetrieben worden, die Chance einer Rettung der Ersten Republik bedeutet hätte? Renners weitgehender Rückzug aus der Parteipolitik kompensierte er durch ein verstärktes Engagement in der Arbeiterbildung und im Genossenschaftswesen. Zu welchen Resultaten gelangte er bei seinem Versuch, die Frage zu lösen, inwieweit der durch den Weltkrieg veränderte Kapitalismus selbst die bürgerliche Gesellschaft sozialisiert? Und welche Aufgaben stellen sich in dieser Transformationsperspektive für die Partei, die Gewerkschaften und das Genossenschaftswesen?

Der Ausgangspunkt des sechsten Kapitels ist die Massenerhebung am 15. Juli 1927, die im Brand des Wiener Justizpalastes gipfelte und von der Polizei blutig niedergeschlagen wurde. Wie analysierte Renner den Freispruch der rechtsradikalen sogenannten „Mörder von Schattendorf“, der den spontanen Aufstand in Wien provozierte? Welche im Zusammenhang mit diesem Ereignis verbundene Faktoren ermöglichten es Renner, aus dem Schatten Otto Bauers herauszutreten und sich als Brückenbauer zwischen den politischen Lagern zu profilieren? Wie schätzte er den Stimmungsumschwung im bürgerlichen Lager ein, das sich durch die Niederschlagung des Aufstandes von der sozialdemokratischen Hegemonie befreit fühlte? Gelang es Renner, die Koalitionsfrage erneut auf die politische Tagesordnung zu setzen?

Das siebente Kapitel geht zunächst auf die Vorgeschichte des austrofaschistischen Regimes ein. Aus dieser Ausgangslage resultieren einige Fragen, die von hoher biografischer Relevanz sind. Wie reagierte Renner auf die schrittweise Zerstörung der parlamentarischen Demokratie durch das Dollfußregime? Was unternahm er konkret, um zumindest Reste des parlamentarischen Systems doch noch zu retten? Hielt er an seiner Strategie der Verständigung mit den vermeintlich kooperationsbereiten Teilen des bürgerlichen Lagers fest? Oder optierte er für eine Mobilisierung der Arbeiterschaft? Und wie reagierte er auf den bewaffneten Kampf von Teilen des Republikanischen Schutzbundes gegen den Austrofaschismus im Februar 1934? Was ist unter dem mentalitätsgeschichtlichen Konstrukt des „Frontgeistes“ zu verstehen, in dessen Perspektive Renner die Praxis vor allem der Heimwehraktivisten analysiert. Zu welchen Resultaten gelangt Renner bei seinem Vergleich der Vaterländischen Front mit den Strukturen des italienischen und des deutschen Faschismus?

Das achte Kapitel deckt Renners Zeit im Dritten Reich von 1938 bis 1945 ab. Es setzt ein mit dem Ja-Interview vom 3. April 1938 im Neuen Wiener Tagblatt, das die Einverleibung Österreichs in das Dritte Reich begrüßt, und mit Renners Zustimmung zum Münchener Abkommen. Was hat Renner zu dieser für ihn verhängnisvollen Entscheidung bewogen? Ist die skandalisierende Wirkung dieses Interviews von seinem Wortlaut her gerechtfertigt? In einem zweiten Schritt diskutiere ich die Erklärungsversuche für Renners Verhalten, die bisher in der Literatur vorgebracht wurden. Eine notwendige Weiterung dieser Auseinandersetzung ist Renners Analyse des Nationalsozialismus und dessen Verhältnis zum austrofaschistischen System. Und schließlich geht der letzte Abschnitt dieses Kapitels auf Renners theoretische Schriften und sein literarisches Werk während des Dritten Reiches ein.

Karl Renners Rolle beim Aufbau der Zweiten Republik ist das Thema des neunten Kapitels. Sie wirft Fragen auf, denen sich keine Biografie entziehen kann. Dass er 1945 im Alter von 75 Jahren eine enorme Energie entfaltete und eine erstaunlich zielgerichtete Politik betrieb, ist oft beschrieben worden. Auch dass er seine eher kontemplative, den Musen gewidmete Existenz während des Dritten Reiches in Gloggnitz beendete und ohne Übergang seine unterbrochene politische Karriere nicht nur fortsetzte, sondern in ihrer Effektivität sogar noch steigerte, blieb der erstaunten Nachwelt ebenfalls nicht verborgen. Aber diese oft bewunderten Qualitäten Renners wären wohl ohne äußere kontingente Umstände kaum zur Entfaltung gekommen.

Doch um welche sozio-politischen Faktoren handelte es sich? Wie sind in diesem Zusammenhang Renners devote Briefe an Stalin zu beurteilen? Wie bewältigte er die Herausforderung, nicht als Marionette des sowjetischen Diktators zu gelten, wie anfangs besonders die britische Besatzungsmacht mutmaßte? Wie löste er die Frage der Wiedergutmachung der Opfer beider Diktaturen? Warum nahm Renner eine eher exkludierende Haltung in der Frage der Restituierung geraubten jüdischen Eigentums und der Gründung jüdischer Gemeinden ein? War Renner ein Antisemit? Oder hängt dieser Schritt mit dem von ihm mitkreierten Mythos zusammen, der Österreich als das erste Opfer des deutschen Faschismus auszuweisen suchte? Und wie positionierte sich der austromarxistische Theoretiker Renner nach dem Zweiten Weltkrieg in seiner Funktion als erster Bundespräsident der Zweiten Republik?

In neueren historischen und politikwissenschaftlichen Untersuchungen kommt es nicht selten vor, dass sie zwar ihren Untersuchungsgegenstand akribisch analysieren, aber eine zusammenfassende Diagnose dessen, was erkannt wurde, vermissen lassen. Um einer solchen Beliebigkeit der Auslegung der ausgebreiteten Materialien dieser Biografie zu begegnen, führe ich im abschließenden Epilog die vielen Facetten der Vita Karl Renners so zusammen, dass sich der Leser selbst ein Bild von diesem Lebensentwurf machen kann.

[1] Vgl. Richard Saage: Der erste Präsident. Karl Renner – eine politische Biografie, Wien 2016. Alle Belegstellen des vorliegenden Textes befinden in dieser Studie, die im Wiener Zsolnay Verlag erschienen ist.

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