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Heft 230: Die Weltpartei aus Moskau

Zur Gründung der Komintern vor 100 Jahren

Von: Wladislaw Hedeler

Heft 230: Die Weltpartei aus Moskau

Überarbeiteter Vortrag des Verfassers auf der Tagung des Vereins „Helle Panke“ e.V. – Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin „Die Komintern – eine Bewegung in Moskau für die Welt?“ am 12. April 2019 in Berlin.

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 Autor
Wladislaw Hedeler
 Dr. phil., Historiker und Publizist, lebt in Berlin
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INHALT

Die Ausstellung „Weltpartei aus Moskau“ in der Russischen Föderation 
Die Eröffnung der Ausstellung im Moskauer Kominternarchiv
Ausstellung und Fachtagung an der Historischen Fakultät der MGU
Alte Mythen und neue Legenden
Die Konferenz „Die Zeit der Komintern“
Ausstellung und Fachtagung in der Petersburger Nationalbibliothek
Ausblick
Die Gründungsmitglieder der Kommunistischen Internationale
Anhang   

W. I. Lenin an G. W. Tschitscherin, Brief vom 28. Dezember 1918
G. W. Tschitscherin an W. I. Lenin, Brief vom 28. Dezember 1918
Die Delegierten, Gäste und Teilnehmer des Gründungskongresses  
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LESEPROBE:
Die Ausstellung „Weltpartei aus Moskau“ in der Russischen Föderation

In den zehn Jahren, die seit der Publikation des Buches „Die Weltpartei aus Moskau“[1]vergangen sind, haben Alexander Vatlin und ich unsere Studien zur Geschichte der Kommunistischen Internationale (Komintern) und den Biografien ihrer GründerInnen fortgesetzt. So konnten 19 von über 50 Biografien (siehe die Tabelle im Anhang) der an der internationalen Beratung beteiligten Delegierten und Gäste ergänzt und fortgeschrieben, im Vorfeld der Gründung von Wladimir Iljitsch Lenin verfasste Dokumente, die bisher nur gekürzt vorlagen, im Wortlaut publiziert werden. (Siehe W. I. Lenins Brief an G. Tschitscherin im Anhang.) Letztere spiegeln die im Führungszirkel der Bolschewiki geführte kontroverse Debatte über die zur internationalen Konferenz nach Moskau einzuladenden Parteien und die programmatische Ausrichtung der zu schaffenden III. Internationale wider.

A. Vatlin war zudem an der Ausstellung „Die Erbauer einer neuen Welt“[2] beteiligt, die vom 25. Mai bis 14. Juni 2017 in der „Manege“, dem Zentralen Ausstellungssaal in Moskau, gezeigt worden ist, und legte eine Skizze zur Vorbereitung und Durchführung des II. Kongresses der Komintern[3] vor.

Die Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin unterstützte den Vorschlag der Historiker, eine zweisprachige Ausstellung zu erarbeiten, in der Lenins Plan der zu schaffenden Weltpartei, die Vorbereitung und der Verlauf der internationalen Beratung sowie die auf den Kongress folgende Propagandatour der Delegierten skizziert und 14   Biografien der MitbegründerInnen vorgestellt werden. Die Darstellung der Geschichte der Weltorganisation erfolgte über die Biografien ihrer Gründer, die sich als „Erbauer einer neuen Welt“ verstanden und ihr Schicksal an dieses Projekt banden.

Die Eröffnung der Ausstellung im Moskauer Kominternarchiv

Am 5. März 2019 fand die Eröffnung der Ausstellung im Russländischen Staatsarchiv für sozial-politische Geschichte (RGASPI) im Beisein von Andrej Konstantinowitsch Sorokin, dem Direktor des Archivs, und Dagmar Enkelmann, Vorsitzende der Rosa-Luxemburg-Stiftung, statt. Teil der Vernissage war eine Ausstellung von in diesem Archiv aufbewahrten Originaldokumenten zur Geschichte der Komintern.

Ausstellung und Fachtagung an der Historischen Fakultät der MGU

Am 20. März 2019 folgte die Ausstellungseröffnung an der Historischen Fakultät der Moskauer Staatlichen Lomonossow-Universität im Rahmen einer von A. Vatlin organisierten Fachtagung am Lehrstuhl für neueste Geschichte „Die Gründung der Komintern: historische Legenden und wissenschaftliche Einschätzungen“. In drei Arbeitskreisen stellten Studenten und Hochschullehrer ihre Forschungsergebnisse zu folgenden Themen vor: Die Akteure auf dem I. Kongress der Komintern; die Schaffung nationaler Sektionen der Komintern, das Echo auf die Gründung der Komintern.

Neben dem Versuch, eine Kollektivbiografie der an der Gründung beteiligten Akteure zu skizzieren, wurde die Frage der Periodisierung der Geschichte der Komintern diskutiert. Dass es sich bei der Weltorganisation von Anbeginn an um ein Produkt bolschewistischer Politik handelte, war für die Aktivisten der ersten Stunde kein Problem. Die Niederlagen der Revolutionen im Westen trugen zur Aufwertung des Sieges der Bolschewiki in der russischen Revolution bei. Auf die Vorgeschichte, die mit dem I. Kongress endete, folgte die mit dem II. Kongress tatsächlich eingeleitete Gründungsphase.

Die Diskussion auf der Tagung in der historischen Fakultät der Moskauer Lomonossow-Universität rankte sich um die Einschätzung der 21 Bedingungen für die Aufnahme in die Komintern und die Konflikte, die sich aus den unterschiedlichen politischen Praxen der Sozialisten in Westeuropa und der Bolschewiki in Sowjetrussland ergaben.

Ab dem III. Kongress, der im Jahre 1921 stattfand, bestimmten neue Funktionäre das Bild der Komintern. In der Debatte über die nationalen Sektionen der Komintern ging es u.a. um die Spezifik der peripheren Revolutionen und den Perspektivwechsel in der Politik der Komintern. Die Verteidigung Sowjetrusslands trat damals an die Stelle des vor Warschau gescheiterten Versuchs, die Revolution zu exportieren.

Alte Mythen und neue Legenden

Das Medienecho auf das Jubiläum in der Russischen Föderation beweist, dass die Versuche, die Geschichte nach hinten und nach vorn umzuschreiben, andauern. An die Stelle sowjetischer Verklärungen und Mythen treten neue Legenden, darunter die von der Komintern als weltweit agierender Spionageorganisation. 

Die Konferenz „Die Zeit der Komintern“

„Der Zeit der Komintern“ war eine internationale wissenschaftliche Konferenz gewidmet, die vom 25.–27. März 2019 in Moskau stattfand.[4] Als Organisatoren waren die Russländische Staatliche Soziale Universität (RGSU), die Staatliche Öffentliche Historische Bibliothek (GPIB), das Moskauer Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung, das RGASPI, die Russländische Gesellschaft für Militärgeschichte und das Museum des Sieges an der Vorbereitung der Tagung beteiligt. Diese fand am historischen Ort, dem einstigen Sitz der Komintern in Moskau, in der nach Wilhelm Pieck benannten Straße, statt.

Zur Tagung und Eröffnung des Komintern-Museums im Hauptgebäude der RGSU reiste u.a. der Enkel von Georgi Dimitroff aus Sofia an. Vertreter mehrerer in der RF aktiver Kommunistischer Parteien, darunter der KPRF, der Vereinigten Kommunistischen Partei und der Marxistischen Plattform, nahmen an der Veranstaltung teil.

An den drei Konferenztagen stellten über 90 Wissenschaftler aus Bulgarien, Deutschland, Frankreich, Italien, Großbritannien, Polen, Portugal, der Russischen Föderation, der Schweiz, Spanien und den USA in 10 Arbeitskreisen ihre Forschungsergebnisse zu folgenden Schwerpunkten vor. Der ideologisch-politische Kampf in der internationalen kommunistischen Bewegung; Das Erbe Gramscis; Der II. Kongress der Komintern; Die Revolutionen 1918–19 in Europa; Die internationale Bedeutung der Komintern; Die Komintern: Menschen und Organisationen; David Rjasanow – Wissenschaftler und Revolutionär. Es ist geplant, die Ergebnisse der Tagung zu publizieren.

Ausstellung und Fachtagung in der Petersburger Nationalbibliothek
Ziel der Ausstellungsmacher und des Moskauer Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung war es, die Ausstellung „Die Weltpartei aus Moskau“ an den mit der Gründung der Komintern verbundenen historischen Orten einer breiten Öffentlichkeit zu zeigen. Mit Hilfe des Plechanow-Archivs in Sankt Petersburg konnte die Ausstellung am 2. April 2019 in der Nationalbibliothek eröffnet werden.

An der die Ausstellungseröffnung begleitenden Fachtagung in der Nationalbibliothek nahmen acht Wissenschaftler aus Deutschland, Griechenland, der Russischen Föderation und der Türkei teil.

Die oft kontrovers geführten Debatten über die Lehren aus der Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung, ihre Kontinuität und ihre Brüche, die von den per scype zugeschalteten Teilnehmern aus der Türkei befürwortete und von den teilnehmenden Historikern angezweifelte Reaktivierung der Internationale, sind ein Spiegelbild des Erfordernisses, sich der Geschichte dieser Bewegung zuzuwenden, und dabei immer noch festsitzende Mythen und Legenden zu überwinden.

Ausblick
Im Oktober wird die Ausstellung hoffentlich im Taurischen Palais in Petersburg zu sehen sein. Ein weiterer, mit der Geschichte der Komintern verbundener historischer Ort ist Ufa. Von Oktober 1941 bis Mai 1943 wurde der Apparat des EKKI nach Baschkirien evakuiert. Geplant ist ferner die Ausstellung im Moskauer Gulag-Museum zu zeigen. Unter den Opfern des Stalin`schen Terrors waren sehr viele Gründungsmitglieder und Mitarbeiter der Komintern.

[1]   Wladislaw Hedeler; Alexander Vatlin (Hrsg.): Die Weltpartei aus Moskau. Der Gründungskongreß der Kommunistischen Internationale 1919. Protokoll und neue Dokumente. Berlin: Akademie Verlag 2008; Wladislaw Hedeler: Völker hört die Signale. Zur Gründung der Komintern im März 1919. Pankower Vorträge. Heft 126, Helle Panke e. V. Berlin 2009; Alexander Vatlin: Die Komintern. Gründung, Programmatik, Akteure. Berlin: Karl Dietz Verlag 2009. (Geschichte des Kommunismus und Linkssozialismus; Bd. X)

[2]   Aleksandr Vatlin: Kommunističeskij Internacional. In: Stroiteli novogo mira. Komintern 1918–1924. Istoriko-dokumental’naja vystavka. Moskva 2017, S. 20–27.

[3]  Aleksandr Ju. Vatlin: Vtoroj kongress Kominterna: točka otsčeta istorii mirovogo kommunizma. Moskva: Rosspėn 2019. Deutsch Alexander Vatlin: Das Jahr 1920. Der zweite Kongress der Kommunistischen Internationale. Aus dem Russischen von Wladislaw Hedeler. Mit 50 Abbildungen und einem Dokumentenanhang. Berlin: BasisDruck Verlag, 2019.

[4]  http://www.hist.msu.ru/partnerships/news-cooperation/49507/.

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