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Heft 224: Globale chinesische Migration und die Umwälzung des kapitalistischen Weltsystems

Von: Felix Wemheuer

Heft 224: Globale chinesische Migration und die Umwälzung des kapitalistischen Weltsystems

Reihe "Pankower Vorträge", Heft 224, 2019, 40 S.
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INHALT

Globale chinesische Migration  und die Umwälzung des kapitalistischen Weltsystems 

1. Die „Auslandschinesen“ und die KPCh:     Eine transnationale Einheitsfront? 
Werbung für die „Rückkehr“ in die Heimat      
Alleinvertretungsanspruch und Diversität der Diaspora                    

2. Die vielfältigen Formen der chinesischen Migration im Weltsystem   
Migration und Weltsystemtheorie   
Migration verändert soziale Strukturen am Herkunfts- und Ankunftsort  
Bildungsmigration: Seegras oder Schildkröten  

„Schlangenköpfe“ und die Ökonomie der illegalen Migration
Klassenzusammensetzung und Integration                                        

3. Diskriminierung und Stereotypen von chinesischen MigrantInnen    
Von „Kulis“ zur Modellminderheit                                                   
Von „kranken Männern“ und Prinzessinnen      
Deutschland: Eine Minderheit wird sichtbarer        

Ausblick: Die Volksrepublik als Einwanderungsland?  
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LESEPROBE

Globale chinesische Migration 
und die Umwälzung des kapitalistischen Weltsystems

 Die große Bedeutung der Volksrepublik zeigt sich in der Gegenwart auch darin, dass wir heute fast in jedem Winkel der Welt auf Menschen und Waren aus China treffen. In den letzten Jahren nehmen Diskurse in den westlichen Medien zu, in denen chinesische Migration als Bedrohung gesehen wird. Zum Beispiel werden die chinesischen EinwanderInnen in Afrika als Instrument zur Kolonialisierung des Kontinents bezeichnet. In den anglo-amerikanischen Ländern sorgen sich manche Universitäten um die Meinungsfreiheit, da „Patrioten“ unter den chinesischen Studierenden kritische Stimmen einschüchtern würden. In Australien sorgte 2018 ein Buch für Furore, das von einer „stillen Invasion“ durch ChinesInnen warnt. Wir erleben gegenwärtig, wie sich Bedrohungsszenarien verändern. Sind MigrantInnen arm, werden sie von rechten Parteien als Belastung für die Sozialsysteme gesehen. Sind sie reich, wird ihnen vorgeworfen, das Land „aufzukaufen“. Sowohl in Hong Kong als auch in australischen Metropolen werden ChinesInnen vom Festland dafür verantwortlich gemacht, die Immobilienpreise mit „schmutzigem Geld“ in die Höhe zu treiben. Deshalb könnten sich die hartarbeitenden ortsansässigen Mittelschichten keine Eigentumswohnung mehr leisten. In mehreren US-amerikanischen Städten wurde in diesem Zusammenhang der Kauf von Immobilien mit Bargeld verboten.

Vergessen sollte man allerdings nicht, dass „die Auslandschinesen“ aus der Volksrepublik keineswegs eine homogene Gruppe sind. Die Interessen der VertreterInnen von Staatskonzernen, Privatunternehmen, ArbeitsmigrantInnen, Studierenden oder KleinhändlerInnen sind nicht immer identisch. Die chinesischen Botschaften sprechen im Interesse der UnternehmerInnen, aber setzen sich selten für die Belange ärmerer ArbeitsmigrantInnen oder gar von Staatsangehörigen ohne legalen Aufenthaltstitel ein, die das prekäre Proletariat der China Towns bilden. Es ist nicht leicht für die offizielle Seite die „alten Auslandschinesen“, die oft aus ländlichen Gebieten zuwanderten und geringe formale Bildung haben, mit „neuen Auslandschinesen“ zusammenzuführen, die aus den Städten kommen und über Hochschulabschlüsse verfügen. Deshalb sollen in dieser Abhandlung die Kategorien „Klasse“, „Gender“ und Alter besonders berücksichtigt werden.

Auch durch Migrationswellen zu unterschiedlichen Zeitpunkten sind ChinesInnen im Ausland keineswegs eine homogene Gemeinschaft. EinwanderInnen, die 1949 das Festland verließen, waren zum Teil anti-kommunistische Flüchtlinge, die sich mit der GMD (Guomindang) verbunden fühlten. Da fast alle westlichen Staaten bis Anfang der 1970er die Republik China auf Taiwan als einzige legitime Regierung anerkannten, kamen viele MigrantInnen zunächst von dort sowie der britischen Kronkolonie Hongkong. In der Volksrepublik der Mao-Ära wurde Anfang der 1950er die große Mehrzahl der westlichen Staatsangehörigen zur Ausreise gezwungen, da die Regierung die Auflösung der ausländischen Wohngebiete in Städten wie Shanghai als Teil der Entkolonialisierung sah. In Folge wurde Migration ins Ausland in erster Linie nur besonderen Gruppen wie „zurückkehrenden Auslandschinesen“ oder bi-nationalen Paaren gestattet. Unerlaubte Grenzübertritte kriminalisierte der Staat als „konterrevolutionäres Verbrechen“. Mit dem Beginn der „Reform und Öffnung“ nach 1978 änderte die Regierung ihre negative Haltung zur Auswanderung. Unter den „neuen Migranten“ (xin yimin), die damals die Volksrepublik verließen, waren in den 1980ern viele SüdchinesInnen aus den Provinzen Fujian, Zhejiang und Guangdong. Seit den späten 1990ern migrierten massenhaft Menschen aus dem Nordosten Chinas (Dongbei). Diese schwerindustriell geprägte Region befand sich nach der Privatisierungswelle der Staatsbetriebe in einer tiefen sozialen Krise. In den letzten Jahren sind unter den Auswandernden in den Westen auffällig viele Reiche. Sie wollen sich eine zusätzliche Existenz im Ausland aufbauen, Eigentumswohnungen kaufen und Unternehmen gründen. Mit der Annahme einer ausländischen Staatsbürgerschaft wollen sich einige vor einer eventuellen Strafverfolgung in China wegen Steuerhinterziehung oder Korruption absichern. Ein Teil der Zugewanderten integriert sich in die Mehrheitsgesellschaften und regulären Arbeitsmärkte. Andere arbeiten und leben in China Towns, die es auf allen Kontinenten der Erde gibt. Diese Orte sollte man sich nicht als homogene Gemeinschaften vorstellen, da in ihnen soziale und regionale Hierarchien vorherrschen. Besonders MigrantInnen ohne legalen Aufenthaltstitel sind anfällig für Ausbeutung, Missbrauch oder Betrug durch ihre „Landsleute“.

Die vorliegende Abhandlung beginnt mit einer kurzen Definition und Quantifizierung von „Auslandschinesen“. Es wird gezeigt, welche Rolle sie in der Strategie der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) spielen, eine globale Einheitsfront zu schaffen. Im zweiten Teil folgt eine Einführung in Migration vor dem Hintergrund der Weltsystemtheorie. Gegenwärtig ist die Migrationsforschung stark auf die Fragen von kultureller Identität und Integration fokussiert. Mit Hilfe der Weltsystemtheorie können hingegen stärker globale ökonomische Machtstrukturen, postkoloniale Kontinuitäten sowie lokale Klassenverhältnisse in den Vordergrund gerückt werden. Darüber hinaus wird gezeigt, wie Migration die Herkunfts- und Zielländer bezogen auf Geschlechterverhältnisse und Zusammensetzung der Bevölkerung verändert. Im Anschluss werden die verschiedenen Formen der globalen legalen und illegalen Migration am Beispiel einzelner Länder analysiert. Es wird dafür plädiert, zum Verständnis der Hierarchien in China Towns stärker die Klassenverhältnisse in den Blick zu nehmen. Es folgt eine Analyse der postkolonialen Kontinuitäten bei Vorurteilen gegenüber ChinesInnen in den Ankunftsländern. Am Ende gibt es einen kurzen Ausblick, ob die Volksrepublik selbst zum Einwanderungsland werden kann.

 

1. Die „Auslandschinesen“ und die KPCh:  Eine transnationale Einheitsfront?

Die Frage wie viele chinesischstämmige Menschen im Ausland leben ist hochpolitisiert. Es existiert keine einheitliche Definition. Die folgenden Zahlen sind daher mit Skepsis zu behandeln. In offiziellen Dokumenten der Volksrepublik wird von 60 Millionen „Landsleuten im Ausland“ bzw. „Übersee“ im Jahr 2018 gesprochen. Die größte Konzentration von Menschen chinesischer Abstammung befindet sich in Südostasien in Singapur, Malaysia, Indonesien und Thailand. Über 3,8 Millionen (ohne Taiwanesen) sollen laut Zensusbüro der US-Regierung in den USA (2010) und 1,56 Millionen in Kanada (2016) leben. Die Schätzungen der Zahl von chinesischen MigrantInnen in afrikanischen Ländern gehen weit auseinander. Einige ForscherInnen gehen von insgesamt einer Million aus, von denen sich ca. 400.000 in Südafrika niedergelassen haben sollen. In Deutschland lebten 2016 nach Angaben des Bundesamts für Statistik über 129.000 chinesische Staatsangehörige, die sich länger als drei Monate im Land aufhielten. Eingebürgerte ChinesInnen sind dabei nicht erfasst. Damit sind ChinesInnen im Vergleich zu MigrantInnen aus Südeuropa und der Türkei immer noch eine relativ kleine Gruppe.

Die Regierung der Volksrepublik unterscheidet zwischen huaqiao, das sind Staatsangehörige der Volksrepublik China, die sich langfristig im Ausland niedergelassen haben, und „Chinesen mit ausländischer Staatsbürgerschaft“ (waiji huaren). Nach offiziellen Angaben von 2018 umfassen die huaqiao über 6 Millionen (ohne Studierende) und die „Chinesen mit ausländischer Staatsbürgerschaft“ über 50 Millionen Menschen. Die Staatsbürgerschaft der Volksrepublik basiert auf dem Abstammungsprinzip und eine doppelte Staatsbürgschaft ist nicht zugelassen. Die Volksrepublik China anerkennt natürlich die Staatsbürgerschaft der Republik China nicht, da Taiwan als abtrünnige Provinz gilt. In den offiziellen Medien wird nicht immer genau zwischen „Staatsangehörigen der Volksrepublik im Ausland“ und „Chinesen mit ausländischer Staatsbürgerschaft“ unterschieden. Die KPCh sieht, auch unter Xi Jinping, alle ChinesInnen weltweit als Teil einer ethnischen Gemeinschaft, die auf Blutsverwandtschaft und gemeinsamer Kultur basieren würde.  An diese ethnischen und kulturellen Wurzeln appelliert die chinesische Regierung immer wieder. Die „Auslandschinesen“ sollen das Vaterland nicht vergessen und die Einheit der Nation gegen tibetischen oder taiwanesischen „Separatismus“ verteidigen. Sie sollen den Aufstieg der Volksrepublik sowie die „Verwirklichung des chinesischen Traums“ unterstützen.
Die Fußnoten sind in der Druckfassung des Heftes nachlesbar.

  • Preis: 3.00 €