Publikationen

Nach Publikationen suchen
Suche schließen

Heft 222: 68 in Westeuropa

mit Konferenzbeiträgen von Alexander Amberger und Frank Engster, Stefan Bollinger, Alexander Neupert-Doppler, Giorgio Del Vecchio und Stefania Animento

Heft 222: 68 in Westeuropa

Pankower Vorträge, Heft 222, 2019, 40 S.
_________________________________________________________ 

 Unter dem Thema Zur internationalen Dimension des "langen Jahres" 1968 fand am 28. April 2018 eine Konferenz der "Hellen Panke" e.V. – Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin statt. Wir bedanken uns bei den Referenten für die Bereitstellung ihrer Konferenzbeiträge zur Drucklegung sowie bei den Projektleitern Alexander Amberger und Frank Engster für ihren Einführungsbeitrag.
-----------------------------------------------------------------------------------------------------------
Autoren

Stefan Bollinger
Dr. sc. phil., Politikwissenschaftler und Historiker, stellv. Vors. der "Hellen Panke" e.V., Berlin

Alexander Neupert-Doppler
Dr., wissenschaftlicher Mitarbeiter für Politische Theorie am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam. Er ist Autor von Büchern zu "Staatsfetischismus" (2013) und "Utopie" (2015), Herausgeber der Bände "Kapitalismus und Opposition – Vorlesungen von Herbert Marcuse" (2017) und "Konkrete Utopien" (2018).

Giorgio Del Vecchio
Historiker, promoviert in Zeitgeschichte an der Universität Trier.

Stefania Animento
italienische Soziologin in Berlin. Sie interessiert sich u.a. für soziale Bewegungen, Arbeitskämpfe und Stadtforschung.
---------------------------------------------- 

INHALT 

Zur internationalen Dimension des „langen Jahres“ 1968
Einführung zum Thema von Alexander Amberger/Frank Engster       

Stefan Bollinger
Eine Welt im Umbruch. Chancen und Versagen der Linken                

Alexander Neupert-Doppler
Lebenskunst vs. Spektakel – Der Kairós der Situationisten im Pariser Mai      

Giorgio Del Vecchio / Stefania Animento
1968 und 1969 in Italien: Die Entstehung neuer politischer Subjekte und ihre Dialektik 
-------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------          

LESEPROBE

Zur internationalen Dimension des „langen Jahres“ 1968 

Die Linke befand sich weltweit in den 1950er- und 60er-Jahren in einer Phase des Auf- und Umbruchs, verbunden mit einer radikalen Neubestimmung.

In Deutschland waren die Organisationen der klassischen sozialistischen Arbeiterbewegung in der Zeit des Nationalsozialismus zerschlagen worden. In der frühen Bundesrepublik wurde, was davon übrig geblieben war, durch Kommunistenverfolgung einerseits und durch Wohlfahrtsstaat und „Wirtschaftswunder“, Keynesianismus und Klassenkompromiss andererseits ruhig gestellt. In den anderen westeuropäischen Staaten gab es allerdings weiterhin klassische Kommunistische Parteien, die mitunter durchaus relevante Wahlergebnisse errangen. Ihr Milieu blieb jedoch auf die klassische (Indu-strie)Arbeiterbewegung beschränkt, um das sie mit der Sozialdemokratie konkurrierten. Ideologisch versuchten sie einen Spagat zwischen Moskautreue und nationaler, teils demokratischer Eigenständigkeit.

Gegen Ende der 1960er-Jahre war in der Bundesrepublik und der DDR, wie überhaupt in Europa, der Wiederaufbau der Nachkriegszeit nicht nur weitgehend abgeschlossen, es kam auch zur ersten Nachkriegskrise in der globalen Ökonomie. Sie traf die westlich-kapitalistischen Systeme zunächst schwerer als den realsozialistischen Osten. Im Westen setzte ein Wandel innerhalb der Produktionsweise und, damit einhergehend, in der Struktur der Gesellschaft insgesamt ein: Der klassische Fordismus mit seiner Standardisierung und Normierung nicht nur der Arbeitsprozesse, sondern der Lebensweise überhaupt, geriet in eine Erschöpfungsphase, zugleich begann der Umbruch in die sog. post-fordistische Produktionsweise und in eine finanzmarktgetriebene Ökonomie, in eine prä-neoliberale Ausrichtung der Politik sowie in die „Dienstleistungsgesellschaft“ (Daniel Bell).

Dafür gewann ein Marxismus abseits der klassischen Arbeiterparteien zunehmend an Relevanz, allerdings vor allem akademisch und intellektuell. Dadurch standen sich im Feld linker Politik zwei Lager mit verschiedenen Organisationsmodellen gegenüber: den Arbeiterparteikonzepten von Maoisten, Anhängern des sowjetischen Systems, Sozialdemokraten, demokratischen Sozialisten und Trotzkisten traten Strömungen einer „Neuen Linken“ gegenüber, die mit dem Proletariat als politischem Subjekt der Revolution oder zumindest der Transformation brachen und stattdessen andere politische Kräfte – die Jugend, die Ausgebeuteten im Trikont, Marginalisierte und Randgruppen, Intellektuelle, Geschlechterverhältnisse – ins Spiel brachten. 68 steht aber auch für den Versuch, die Arbeiterschaft mit der Intelligenz, besonders mit den Studierenden und mit Jugend- und Protestbewegungen, gemeinsam auf die Straße zu bringen, um die Gesellschaft grundlegend zu verändern.

Außerhalb Europas traten indes ganz neue politische Konflikte und Akteure auf den Plan: In China schlug der Maoismus in der „Kulturrevolution“ einen anderen Weg ein als die stalinistische Sowjetunion (der allerdings ebenfalls blutig war); in vielen Ländern des globalen Südens endete, zumindest formal, der Kolonialismus, oft verbunden mit eigenständigen und zugleich von „großen Brüdern“ abgesicherten nationalen Befreiungen; in Vietnam resultierte aus diesem Streben um Unabhängigkeit ein blutiger Stellvertreterkrieg um die politische Ausrichtung eines solchen dekolonialisierten Landes.

Alle diese Entwicklungen kulminierten im langen Jahr 1968, das einschneidend wurde, weil die Frage nach dem (revolutionären) Subjekt der gesellschaftlichen Transformation neu gestellt wurde. Hatte die Arbeiterbewegung im Proletariat die „revolutionäre Klasse“ gesehen, bestand „das Neue“ der Neuen Linken darin, die enge Bindung von Revolution und Klasse zu lösen. Diese Öffnung war nicht allein Konsequenz aus der ausgebliebenen Revolution in den Industrienationen im Westen und aus den Erfahrungen mit dem Sozialismus im Osten, sie war auch Konsequenz daraus, dass das Erstarken des Faschismus in vielen Ländern Europas in den 20er- und 30er-Jahren auch Teile der Arbeiterklasse ergriffen hatte. Darüber hinaus bot die Öffnung anderen gesellschaftlichen Akteuren, vor allem den revoltierenden Studenten und Intellektuellen, die Möglichkeit, ebenfalls mit einem revolutionären Anspruch aufzutreten. Gleichwohl bestand 1968 die Hoffnung und die Herausforderung darin, beide, die Arbeiterschaft und die Studierenden, zusammen auf die Straße zu bringen. In Deutschland gelang das nur teilweise, denn ob „Studentenrevolte“, „Studentenproteste“ oder „Studentenbewegung“ – stets sind es die Studierenden, die hier bis heute das Bild von „1968“ prägen. Das belegen auch die bekannten Gesichter der 68er Revolte, von Dutschke über Cohn-Bendit bis Langhans.

Fünfzig Jahre danach, am 27. und 28. April 2018, haben wir im Rahmen einer Konferenz einerseits die internationale Dimension von ‘68 in den Blick genommen und andererseits auf die jeweils spezifische Situation einzelner Länder geblickt. Dafür war der Ablauf der Konferenz politisch-geographisch aufgeteilt: Am ersten Tag wurden die Reformbewegungen in Osteuropa betrachtet,[1] am zweiten die Ereignisse um '68 im Westen. Auch wenn die Reformbewegungen im Realsozialismus weit weniger einschneidend waren als im Westen und nicht zu einem vergleichbaren Aufbrechen autoritärer Strukturen geführt haben, werden sie doch zu Unrecht kaum beachtet.[2]  Die Ereignisse im Westen bereiten wiederum Schwierigkeiten, weil hier die Situation geradezu überkomplex war und sich ganz unterschiedliche Entwicklungen überschnitten und überlagerten, selbst wenn man sich auf West-Europa und die USA beschränkt: Das Ende des Wiederaufbaus, ein Generationswechsel und -konflikt, das Aufkommen des Massenkonsums und der Popkultur, das Interesse für die nationalen Befreiungsbewegungen im Trikont und den Vietnamkrieg, die Ablösung der Arbeiterbewegung durch neue soziale Bewegungen und neue politische Subjekte, ganz neue Formen des Sozialen, Politischen und Kulturellen etc. Im „langen Jahr 68“ überschnitten sich diese Entwicklungen und führten zu einem Kulminationspunkt, der zu einem historischen Einschnitt und Umbruch wurde.

Die Konferenz verstand sich keineswegs als historische Rückschau auf ein vergangenes Ereignis. Im Gegenteil, auch nach 50 Jahren ist „das lange Jahr ‘68“ nicht vorbei. Es gibt mindestens fünf Entwicklungen, die mit 1968 im Westen eingeleitet wurden, die bis heute fortdauern und diskutiert werden und sich einer endgültigen Historisierung widersetzen:

  1. Eine unbestreitbare Erneuerung mit ungeheuren Auswirkungen bis heute ist die zweite Welle des Feminismus, die heutige Debatten um Geschlechtergerechtigkeit,  Gender, Queer, LGBT eröffnete.
  2. Die zweite Welle des Feminismus war auch darum so wichtig, weil sie für das Aufbrechen des Paradigmas von Arbeit und Kapital und die Öffnung für das „Paradigma der Reproduktion“ steht. Die Konzentration des klassischen Marxismus und der klassischen sozialistischen und kommunistischen Parteien auf Arbeit und Produktion, auf den Klassenkampf und auf ein revolutionäres Subjekt, das, so eine oft geäußerte Kritik nach 68, letztlich als weißes, männliches Industrieproletariat der Industrienationen entworfen wurde – diese Konzentration ist in Folge dieser Kritik durch eine ganze Reihe neuer politischer Subjekte und gesellschaftlicher Widersprüche zumindest gelockert, wenn nicht ersetzt worden. Die Ergänzungen betreffen vor allem die Bereiche der gesellschaftlichen wie der individuellen Reproduktion: Haus- und Care Arbeit, Gender und Sexualität, Ökologie und Wachstumskritik, Stadt, Wohnen und Alltagsleben usw.

Allerdings steht mittlerweile der Vorwurf im Raum, dass die Linke sich mit allen nur erdenklichen Herrschafts- und Machtverhältnissen beschäftigt hat, nur nicht mehr mit der Klassenfrage. Dazu kommt der Verdacht, dass der Rechtspopulismus mit seinen Angeboten gerade bei den Verlierern von Neoliberalismus und Finanzkapitalismus erfolgreich ist, dass er also das Vakuum besetzt, das der Zusammenbruch des Realsozialismus, der neoliberale Wandel der Sozialdemokratien und die allgemeine Abkehr von Klassenpolitik in der Linken hinterlassen haben. Diese Diskussion war auch ein Grund für den Erfolg von Didier Eribons Rückkehr nach Reims.

  1. Die Abkehr von den klassischen politischen, sozialen und kulturellen Formen der Linken führte darüber hinaus zu einer Kritik an repräsentativen Formen des Politischen überhaupt und zur Suche nach anderen, nicht-repräsentativen Formen. Diese neuen Formen standen im Zeichen der kollektiven Selbstorganisierung der subjektiven Selbstbestimmung und der politischen Autonomie, die in Theorie wie Praxis zu Schlüsselbegriffen eines ganzen Zeitalters wurden. Allerdings scheint sich diese Entwicklung mit einer zweiten, ebenfalls bis heute wirksamen Entwicklung zu überlagern, nämlich mit dem Aufkommen neoliberaler Techniken der Politik, der (Selbst-)Re-gierung und der Lebensweise, die ja ebenfalls auf Individualisierung, Flexibilisierung, Ent-Staatlichung etc. zielen. Luc Boltanski und Ève Chiapello sprechen in ihrem Buch Der neue Geist des Kapitalismus von einem Übergang von der „Sozialkritik zur Künstlerkritik am Kapitalismus“.
  2. Zur Aktualität von ’68 gehört leider auch, dass wir zurzeit mit einer Art Gegen-68 konfrontiert sind. Immer wieder wird die aktuelle Situation als ein „68 von Rechts“ bezeichnet, nicht zuletzt, weil es das erklärte Programm des Rechtspopulismus ist, die Entwicklung von zu ‘68 „korrigieren“ und, nachdem 1989 „nur“ eine geopolitische Revolution war, eine zweite, kulturelle Revolution zu fordern: gegen die Folgen von ‘68 und die „versifften 68er in den Institutionen“ (wie das diverse AfD-Funktionäre wörtlich in den Sozialen Medien formulieren). Wenn das Jahr 1968 am Beginn einer post-fordistischen, neoliberalen und finanzkapitalistischen Phase steht und diesen Umbruch vielleicht selbst zumindest beschleunigt hat, so scheint die gegenwärtige Erschöpfung, Krise und Delegitimierung dieser Phase nun vom Rechtspopulismus in all seinen Erscheinungsformen übernommen und verarbeitet zu werden. Spätestens seit der Finanzkrise von 2007/2008 steht zwar erneut ein gesellschaftlicher Umbruch und eine Modernisierung an, vergleichbar mit den 1960er-Jahren. Aber diese Modernisierung bleibt aus und brachte stattdessen weltweit die „Monster“ des Nationalismus und des Rechtspopulismus hervor. In den (momentan) überkommenen Begriffen des klassischen Marxismus gesagt, gibt es im Zuge der kapitalistischen Umwälzungen eine Verwerfung in der „ökonomischen Basis“, die auf ideologische Weise im gesellschaftlichen „Überbau“ so verarbeitet wird, dass durch eine weltweite Rückkehr autoritärer, nationalistischer, rassistischer und sogar faschistischer Kräfte und ihrer Krisen“lösungen“ mittlerweile auch die klassischen Protagonisten des Neoliberalismus unter Druck geraten. Die „Dialektik der Aufklärung“ (Horkheimer  und Adorno), dass Fortschritt in Wissenschaft und Technik verhängnisvollerweise im Sozialen und im Bewusstsein in ihr Gegenteil umschlagen, in Rückschritt und Regression, scheint ungebrochen aktuell.
  3. In der Deutung nicht weniger damaliger Protagonisten, die „den Weg durch die Institution“ beschritten haben und, wie etwa Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit, oben angekommen sind, wird 1968 zum demokratischen Erfolgsprojekt, das die überkommenen Relikte der Nazizeit aufgearbeitet und somit den Weg frei gemacht hat für ein neues demokratisch-parlamentarisches Europa.

Auch auf der Konferenz waren diese unabgeschlossenen Entwicklungen immer wieder Thema. Das Verhältnis zwischen Klassen, Schichten, politischen Bewegungen und Identitäten, die „Organisationsfrage“, der Status des Utopischen und die Frage einer post-kapitalistischen, post-materialistischen Gesellschaft: All das kulminierte in einem ebenso langen wie unabgeschlossenen Jahr 1968.

Ingrid Gilcher-Holtey beschrieb im Eröffnungsvortrag die Ereignisse in Frankreich.[3] Hier war bis zum März 1968 nur wenig von einem Aufbegehren gegen die Verhältnisse zu spüren. Französische Trotzkisten ließen sich sogar von Dutschke inspirieren, war doch im Nachbarland mehr los als im „Mutterland der Revolution“. Doch wenn die Revolte bis zum Frühjahr auf sich warten ließ, so brach sie im Mai ´68 mit umso größerer Heftigkeit aus. In den ersten Tagen des Monats organisierte sich in Paris zunächst eine Studierendenbewegung und besetzte die Sorbonne. Anlass der Proteste war die Hochschulreform, die 1967/68 in Kraft trat und die Universitäten nach ökonomischen Interessen ausrichten sollte. Die Studierenden protestierten zudem gegen den gottgleichen Habitus der Universitätsprofessoren. Am 10. und 11. Mai wurden in Paris Barrikaden errichtet. Da das Radio live vom Geschehen und vom brutalen Vorgehen der Polizei berichtete, wurden die Proteste landesweit publik, zogen weitere Protestierer an und verschafften der Bewegung Solidarität in der Bevölkerung. Es folgte am 13. Mai eine Großdemonstration in Paris mit 500.000 Menschen. Dazu traten bis zu 9 Millionen ArbeiterInnen in einen Generalstreik und schlossen sich den Protesten an. Auch ihnen ging es um die Überwindung überkommener autoritärer, bevormundender Strukturen, wobei ihre Proteste auf die Strukturen in den Fabriken und Betrieben zielten. Eine andere Form von universitärer und betrieblicher Organisierung sowie der Gesellschaft überhaupt war somit gemeinsames Leitbild von ArbeiterInnen wie Studierenden. Gilcher-Holtey beschrieb, dass die Kommunistische Gewerkschaft CGT und die Kommunistische Partei die umfassende gesellschaftsstrukturelle Forderung der Streikenden nicht unterstützten, den Zusammenschluss von ArbeiterInnen und Studierenden zu unterbinden versuchten und sich mit besseren Löhnen begnügen wollten. Das emanzipatorische Interesse der streikenden Studierenden und ArbeiterInnen deckte sich nicht mit der Organisations- und Interessenstruktur der Gewerkschaften: „Der Dissens innerhalb der alten Linken verhindert die Formierung einer einheitlichen linken Opposition gegen das gaullistische Regime. Die nicht-kommunistische Neue Linke in der Mai-Bewegung entwickelt keine politische Handlungskonzeption. Sie zerfällt in Verteidiger einer basisdemokratischen Mobilisierung von Aktionsgruppen, die sich national nach rätedemokratischem Vorbild koordinieren wollen, und Verfechtern einer neuen linken Parteigründung. Die Chance eines Machtwechsels realisiert sich nicht. Die große Parallelaktion von Studenten- und Arbeiterbewegung […] zerfällt. Das einigende Band der Neuen Linken ist zu schwach, die organisierten Interessen der alten Linken setzen sich durch.“[4]

Stefan Bollinger situierte zum Einstieg in die Konferenz die „Chiffre 68“ in eine übergreifende gesellschaftliche Entwicklung. 68 sei zwar ein „Ereignisjahr“, in dem aber zum einen Entwicklungen von zwei Jahrzehnten zusammenliefen, die wiederum zum anderen eine globale Dimension anzeigten. Die globale Dimension bestand laut Bollinger zudem in einer Verbindung von Osten, Westen und Süden, denn die drei großen Ereignisse des Jahres 1968 fanden in Vietnam, in Paris und in Prag statt. Die Welt verabschiedete sich damals von den Gewissheiten eines fordistisch organisierten Kapitalismus, aber auch von einem stalinistisch geprägten Staatssozialismus sowie von den klaren Frontstellungen der System- und Blockkonfrontation. Auch die Dekolonialisierung war weitgehend abgeschlossen, und der Vietnamkrieg warf ein neues und ganz andere Licht auf den „American Way of Life“, der in der Nachkriegszeit in vielen Ländern Vorbild für die Entwicklung nicht nur im Westen geworden war. Zugleich begann eine Technologierevolution, welche die Produktivkräfte im engen Sinne betraf: Produktionsmittel und Arbeitskräfte, die aber nach neuen Formen des Ökonomischen, Politischen und Sozio-Kulturellen verlangte. Diese technologische Revolution brachte auch einen der wichtigen Träger des damaligen Aufbegehrens hervor, nämlich den Wissensproduzenten in Gestalt nun nicht mehr des fordistischen Massenarbeiters, sondern des Massenstudenten. Es gab zwar auch Verbindungen zwischen der Arbeiterschaft und den Studierenden wie Mai 68 in Paris, sie blieben aber Ausnahme.

Bollinger spannte den Bogen vom damaligen Kontext, auf den das Jahr 68 angewiesen war – die Blockkonfrontation und die Spannung zwischen Arbeiterbewegung und neuer sozialer Bewegung –, über die beginnende neoliberale Umstrukturierung, die durchaus Interessen und Vorstellungen zumindest der  akademischen Intelligenz entgegenkam, bis zur aktuellen Situation, in der die gewerkschaftlichen, sozialdemokratischen und sozialistischen Gegenkräfte weitgehend beseitigt sind.

Nun erst werde jedoch deutlich, was gesiegt hat und mit welchen Folgen – und hier kommt Bollinger zu einer eher zurückhaltenden Bilanz von 68.

Stefan Bollingers Beitrag findet sich ebenso im vorliegenden Heft wie der von Alexander Neupert-Doppler über die Situationisten im Pariser Mai. Die Situationistische Internationale war eine politisch-künstlerische Avantgarde, die, auch wenn sie zahlenmäßig nicht sehr groß war und sich zudem durch Spaltungen und Ausschlüsse gern selbst dezimierte, eine erhebliche Ausstrahlung besaß, insbesondere in Frankreich, Spanien und Italien. An der Schwelle zum sog. Medien- und Kommunikationszeitalter hatte vor allem ihr exponiertester Vertreter Guy Debord deren Techniken bereits auf den Begriff des „Spektakels“ gebracht – analog zu Marx‘ Bestimmung der kapitalistischen Ware. Spektakel ist einerseits eine Technik der Kommodifizierung und Vermarktung der Oberflächlichkeit des kapitalistischen Alltagslebens und insofern nur die andere Seite seiner Standardisierung und Normierung sowie seiner Langeweile. Andererseits ist das Spektakel aber auch, genau wie die materielle Warenproduktion und -zirkulation, eine Technik struktureller und unpersönlicher Herrschaft. Neupert-Doppler zeigte die Ambivalenz einer radikalen Kunst, die in ihrer Gesellschaftskritik einerseits eigenständig agiert und dennoch, oder vielleicht gerade darum, integriert und kommerzialisiert wird. So wie jüngst die Schredderaktion des Streetart-Künstlers Banksy beim Auktionshaus Southeby’s möglicherweise das Gegenteil des Gewollten erreichte und dem Bild durch seine Zerstörung einen nun noch höheren Tauschwert verschafft hat, so sind auch die Situationisten mit ihrer Kunstkritik und Anti-Kunst ein Teil des Kritisierten geworden – obgleich diese Integrierbarkeit von Kunst und Kultur doch der eigentliche „Gegenstand“ der Kritik der Situationisten war. Im Zeitalter von Internet und Smartphone verschärft sich diese verhängnisvolle integrative Dynamik noch durch die Techniken der Selbstintegration, der Selbstoptimierung und der Selbstvermarktung.

Einer der namhaftesten Kritiker kapitalistischer (Konsum-)Kultur und Ikone der ‘68er war Herbert Marcuse aus dem Kreis der Kritischen Theorie. Auch wenn heute vor allem auf Horkheimer und Adorno Bezug genommen wird, habe Marcuse eine „gewisse Aktualität bewahrt“, meinte Jürgen Pelzer, der sich in der Konferenz mit Marcuse auseinandersetzte (und zu ihm ein eigenes Heft plant). Marcuses Wirken und Wirkung war theoretischer wie praktischer Art: Der Universitätsprofessor engagierte sich schon vor 1968 gegen den Viet-namkrieg. Er hielt Vorlesungen im Freien und ging 1968 gemeinsam mit seinen Studenten in Kalifornien auf die Straße. In seinem Werk verband der „Freudomarxist“ die Psychoanalyse Freuds mit der Marx’schen Ökonomiekritik in der Forderung, dass die Welt und der Einzelne in ihr radikal zu verändern seien. Dabei hielt er im Unterschied zu Freud auch die Triebstruktur für veränderbar. Im Krieg sah er beispielsweise eine Einübung von Brutalität und von Haltungen, die eine Bevölkerung mit Untertanengeist erzeugt und begünstigt. Der Kampf gegen den Krieg bedeute somit auch einen Kampf um einen anderen, besseren, selbstbewussteren Menschen. Marcuses Kritik des bürgerlich-kapitalistischen Subjekts sah somit nicht einfach nur einen anderen Menschen vor, sondern mit diesem auch eine bessere, weil nicht-kapitalistische Gesellschaft. Das Subjekt der Befreiung müsse interessiert sein an der Selbst-befreiung des Subjekts.

Stefania Animento referierte über ‘68 in Italien, wobei genauer gesagt von einem ‘68 und einem ‘69 gesprochen werden muss. 1969 waren es vor allem die ArbeiterInnen, die auf die Straße gingen. Überhaupt waren es in Italien, anders als in der Bundesrepublik, neben den Studierenden die ArbeiterInnen, die sowohl massenhaft demonstrierten als auch neue Formen des Kampfes in den Fabriken erprobten, z.T. mit beachtlichem Erfolg. Die beiden Bewegungen überschnitten und überlagerten sich gleich in mehrfacher Hinsicht: Beide waren zum einen durch die Verwerfungen und Umbrüche des italienischen „Wirtschaftswunders“ der Nachkriegszeit geprägt, zum anderen durch die weltweiten sozialen und politischen Auf- und Umbrüche, aber auch durch die Formen der aufkommenden Pop- und Konsumkultur. Beide Bewegungen waren zudem eine Abkehr von den klassischen Formen des Politischen, vor allem von der Politik der nach wie vor starken Kommunistischen Partei Italiens sowie von den Gewerkschaften. Auswirkungen bis heute haben vor allem die Formen der Selbstorganisierung, die ebenfalls beide, Studierende wie ArbeiterInnen, erprobten.

Über Erbe und Aktualität von 68 diskutierten abschließend Kurt Neumann, Jan Schlemermeyer und Anna Stiede unter dem Titel „Was war eigentlich ‘68?“. Hier ging es um die eingangs angesprochene Dichotomie, dass ‘68 einerseits ein weltweites Ereignis war, in dem sich verschiedene Entwicklungen überlagerten und zu einer Art Kulminationspunkt gelangten, dass ‘68 andererseits aber stark vom jeweiligen nationalen Kontext geprägt war und in den einzelnen Ländern ganz unterschiedlich verlief. Selbst diese landesspezifischen Ereignisse waren geradezu überkomplex: ‘68 in den USA, das waren vor allem die großen Städte an der Ost- und der West-Küste, das waren die Bürgerrechtsbewegung und die Anti-Vietnam Bewegung, das waren Woodstock und die Hippies usw. ’68 und ‘69 in Italien, das waren der Operaismus und die Arbeiterkämpfe im industrialisierten Norden, das waren die Studierenden in Rom, das waren die vielen bewaffneten Gruppen, das war die italienische Frauenbewegung usw. Ähnlich überkomplex war die Situation in Frankreich. Und auch in West-Deutschland überschnitten sich verschiedene Entwicklungen – aber wie lassen sie sich für die Bundesrepublik zusammenfassen, was war ‘68 in West-Deutschland? Eine anti-autoritäre Revolte? Eine kulturelle Revolution? Eine zweite Demokratisierung durch die junge Nachkriegsgeneration, nachdem die erste Demokratisierung nach ‘45 von den Siegermächten übernommen worden war?

Die zweite Frage, die diskutiert wurde, war die nach den Folgen von ’68, und zwar auch den ungewollten Folgen. Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem umfassenden gesellschaftlichen Auf- und Umbruch um ’68 und der sog. neoliberalen Revolution, dem Post-Fordismus und der finanzmarktgetriebenen Ökonomie? Hat ‘68 gar „nur“ einer Dynamik und Tendenz zum Durchbruch geholfen, die bereits von der fordistischen Massenproduktion und Massengesellschaft eingeleitet worden war, die aber durch zwei Weltkriege aufgehalten wurde und deshalb erst nach den Jahren des Wiederaufbaus zum Zuge kam, also etwa die Enthierarchisierungen in der Arbeitswelt und in der Bildung, die Ausdifferenzierung und Individualisierung der Lebensstile, das Bedürfnis nach Selbstbestimmung und die Kritik an Standardisierung und Normierung sowie an staatlicher Bevormundung? Bediente das Zeitalter des Neoliberalismus das Begehren der jungen Generation, oder handelte es sich eher um eine feindliche Übernahme, gar um eine Art Verrat?

Die Beiträge der Konferenz zu ‘68 im Westen können, genau wie die über die Reformbewegungen der 60er-Jahre im Osten, über die Mediathek der Hellen Panke[5] zum Nachhören abgerufen werden.

Alexander Amberger / Frank Engster

[1]  Die Beiträge sind unter dem Titel „Reformen im Realsozialismus der 60er Jahre und ihre politischen Konsequenzen. NÖS, Praxisdebatte, Kybernetik und Demokratischer Sozialismus“, Konferenzbeiträge, Teil 1 und 2, in der Reihe „Pankower Vorträge“ der Hellen Panke als Hefte Nr. 217 und 221 erschienen.
[2]  Rudi Dutschke äußerte 1978 in einem Interview: „Im Rückblick war das entscheidende Ereignis des Jahres 1968 in Europa nicht Paris, sondern Prag. Damals waren wir unfähig, dies zu sehen.“ Zitiert nach: Lieber, Christoph: „Prager Frühling“, in: Helle Panke e.V., Pankower Vorträge 217, S. 22–32, S. 22.
[3]   Die Ausführungen von Ingrid Gilcher-Holtey sind im vorliegenden Heft nicht abgedruckt. Sie basieren auf den Schilderungen und Einschätzungen aus ihrem Buch „Die 68er Bewegung. Deutschland, Westeuropa, USA“, 5. Aufl., München 2017, und können dort auf S. 79–94 nachgelesen werden.
[4]    Ebenda, S. 93.
[5]   https://www.helle-panke.de/de/topic/100.mediathek.html

  • Preis: 3.00 €
  • Erscheinungsjahr: 2019