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Heft 144: Antifaschismus und Solidarität gegen Apartheid

Zum Wirken von Heinz H. Schmidt und anderer Widerstandskämpfer im Solidaritätskomitee der DDR

Von: Ilona Schleicher

Heft 144: Antifaschismus und Solidarität gegen Apartheid

Reihe "hefte zur ddr-geschichte", Heft 144, 2016, 60 S.

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Grundlage der vorliegenden Publikation ist der Vortrag, den Ilona Schleicher am 3. Dezember 2015 in der „Hellen Panke“ e.V. gehalten hat.

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INHALT

1. Solidarität auf der Grundlage gegenseitigen Vertrauens

1.1. Sechaba oder Solidarität in schwerer Zeit

1.2. Antifaschistischer Widerstand und Kampf gegen Apartheid

2. Heinz H. Schmidt: Bergmann, Journalist, Widerstandskämpfer

2.1. Prägungen in der Arbeiterbewegung Mitteldeutschlands

2.2. Exil in der Tschechoslowakei und Emigration nach Großbritannien

2.3. Weggefährten im Widerstand

2.4. Freie Tribüne: Für das Zusammengehen der deutschen Antifaschisten

3. Erfahrungen eines kritischen Geistes in der DDR

3.1. Misstrauen gegen „Westemigranten“

3.2. „Neuer Kurs“: Satire und ihre Folgen

4. Solidarität auf Augenhöhe

4.1. Solidarität mit dem ANC im internationalen und nationalen Kontext

4.2. Politische Massenarbeit und bewaffneter Kampf

4.3. „Entlarvungskampagnen“ zur Zusammenarbeit der Bundesrepublik mit Südafrika

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LESEPROBE

1. Solidarität auf der Grundlage gegenseitigen Vertrauens

1.1. Sechaba oder Solidarität in schwerer Zeit

Im Oktober 1990 wurde ein bemerkenswertes Kapitel der Solidarität der DDR mit dem Kampf gegen Rassismus und Apartheid, für ein demokratisches Südafrika geschlossen: Die Herstellung der Zeitschrift Sechaba, Publikation der südafrikanischen Befreiungsbewegung African National Congress (ANC), in ostdeutschen Druckereien wurde beendet.[1]

Seit Januar 1967 war diese Zeitschrift, die erste eigene des ANC überhaupt, mit Unterstützung des DDR-Solidaritätskomitees, finanziert mit Spendengeldern aus der ostdeutschen Bevölkerung, gedruckt worden. Im Leitartikel der ersten Ausgabe hieß es: „Mit dieser ersten Ausgabe von ‚Sechaba‘ nutzen wir eine neue und mächtige Waffe, um die Wahrheit über Südafrika und die Stimme des Afrikanischen Nationalkongresses in jeden Winkel der Welt zu tragen. …‘Sechaba‘ ist als Forum für alle freiheitsliebenden südafrikanischen Patrioten gedacht, damit sie ihre Meinungen und Ziele zum Ausdruck bringen können. Vor allem aber soll ‚Sechaba‘ das Sprachrohr für die unterdrückten land- und rechtlosen Schwarzen Südafrikas sein, die keine Stimme haben; das Sprachrohr des ANC.“ (deutsche Übersetzung)[2]

Die Redaktion von Sechaba hatte ihren Sitz in London. Südafrikaner, die in der DDR im Exil lebten, begleiteten den Druck von Sechaba und brachten sie auf den Weg in die Welt. Einer von ihnen war der 2014 verstorbene Journalist Eric Singh. Er hat Sechaba einmal als das größte Geschenk der DDR an den ANC bezeichnet.[3] Hervorzuheben ist, dass die inhaltlichen Belange der Zeitschrift ausschließlich der Redaktion in London und damit dem ANC oblagen.

Sechaba hatte großen Anteil daran, das Informations- und Propagandamonopol des Apartheidregimes auf internationaler Ebene zu durchbrechen, zu seiner Isolation beizutragen, über die Befreiungsbewegung zu informieren und internationale Solidarität zu mobilisieren. Sie erreichte eine Auflage von bis zu 25.000 Exemplaren.[4] Die Mehrzahl wurde international vertrieben.

Die Monatsschrift ging an 15.250 exilierte ANC-Mitglieder; 4.550 Exemplare gingen über Bibliotheken, Universitäten, wissenschaftliche Institutionen, Journalisten und nicht zuletzt über politische und Solidaritätsorganisationen an die internationale Öffentlichkeit. Nur die verhältnismäßig kleine Anzahl von 200 Exemplaren jeder Nummer gelangte illegal nach Südafrika. Solidaritätskomitees in Kanada und Italien besorgten eine französische bzw. italienische Ausgabe von Sechaba.[5]

Auch Aktivisten der Anti-Apartheidbewegung (AAB) in der Bundesrepublik und in Westberlin hatten Anteil am Gelingen des internationalen Solidaritätsprojekts Sechaba. Ihre Aktionen gegen die Zusammenarbeit von Wirtschaft und Politik der BRD mit Apartheid-Südafrika fanden Widerhall in den Spalten der Zeitschrift. Und: Ohne das Engagement des Westberliner Journalisten und Anti-Apartheidaktivisten Detlev Reichel[6] wäre der komplizierte Weg der Manuskripte von der Redaktion in London über Blockgrenzen und Berliner Mauer hinweg zum Solidaritätskomitee und von hier in Druckereien in der DDR um einiges schwerer zu bewältigen gewesen.

Die Zeitschrift erschien zu einem Zeitpunkt, als der ANC große Anstrengungen unternahm, sich aus einer fast verzweifelten Lage zu befreien.[7] Am 21. März 1960 waren bei Sharpeville in Südafrika 69 Menschen, die gegen diskriminierende Passgesetze des Apartheidregimes demonstriert hatten, unter dem Kugelhagel der Polizei gestorben. Der ANC und der mit ihm rivalisierende Pan-Africanist Congress (PAC) waren danach verboten und jeder Möglichkeit legaler Tätigkeit beraubt worden.[8] Jahrzehntelang hatte der ANC gewaltlosen Widerstand gegen die Apartheid geleistet. Dessen Höhepunkt war der gemeinsam mit verbündeten Organisationen[9] vorbereitete Volkskongress in Kliptown am 26. Juni 1955 gewesen. Er verabschiedete die Freiheitscharta, ein historisches Dokument der Befreiungsbewegung für ein demokratisches, nicht-rassistisches Südafrika.

Angesichts der Eskalation von Unrecht und Gewalt seitens des Apartheidregimes entschloss sich die ANC-Führung nach langen Debatten, auch bewaffnete Methoden des Kampfes anzuwenden.[10] Der ANC und die South African Communist Party (SACP), die bereits 1950 verboten worden war, bildeten 1961 den bewaffneten Flügel des ANC Umkhonto we Sizwe (MK – Speer der Nation). Erster Führer von MK wurde Nelson Mandela, herausragender Organisator der politischen Kampagnen des ANC in den 1950er Jahren. MK wurde seit Ende 1961 mit Sabotageakten aktiv. Ziele waren Strommasten, Polizeistationen und Passbüros – Symbole der verhassten Apartheid-Passgesetze. Oberstes Gebot war damals, den Verlust von Menschenleben zu vermeiden. 1962 fiel Mandela der Polizei in die Hände, ein Jahr später wurden Walter Sisulu, kluger Stratege und trotz Bannung de facto Generalsekretär des ANC, sowie weitere ANC-Führungsmitglieder verhaftet. Im Rivonia-Prozess wurden sie 1964 zu lebenslanger Haft verurteilt. Abram Fischer, einer ihrer Anwälte und Führer der SACP, setzte den illegalen Widerstand – die Partei hatte nach ihrem Verbot 1950 Untergrundstrukturen gebildet – fort. Er wurde 1966 gefasst und erhielt ebenfalls das Urteil „lebenslänglich“. Die legalen Strukturen des illegalen Widerstandes gegen das Apartheidregime innerhalb Südafrikas waren in dieser Zeit nahezu zerschlagen, auch wenn es die Befreiungsbewegung vermochte einen kleinen, aber nicht unbedeutenden Untergrund aufrechtzuerhalten.[11] Sie mussten nun unter großen Schwierigkeiten und Gefahren wieder aufgebaut werden. Viele Anti-Apartheidaktivisten waren ins Exil gezwungen worden.

Angesichts der sich zuspitzenden Situation in Südafrika nach dem Massaker von Sharpeville hatte sich die Führung des ANC bereits 1960 entschlossen, bereits vorhandene Pläne zur Schaffung von Exilstrukturen der Organisation im Ausland rasch umzusetzen. Damit wurde Oliver Tambo, Vizepräsident des ANC, beauftragt. Nach dem Tod von Chief Albert Luthuli 1967, der 1961 mit dem Nobelpreis gewürdigt worden war, wurde Tambo Präsident des ANC.[12] Die sogenannten Frontstaaten im südlichen Afrika – das Hauptquartier des ANC befand sich zunächst in Tansania und später in Sambia – sowie Großbritannien wurden Zentren des ANC-Exils.[13]

Der ANC musste Antworten auf schwierige Fragen finden: Wie war der Kampf gegen das scheinbar übermächtige Gewaltregime in Südafrika im Inneren des Landes und von außen her am Leben zu erhalten, mit welchen Methoden weiterzuführen? Wie konnten Verbindungen nach Südafrika organisiert werden? Wie konnten selbst minimale legale Möglichkeiten der Arbeit genutzt und mit illegalen Aktivitäten insbesondere bei der politischen Mobilisierung verbunden werden? Wie konnte die Wahrheit über Apartheid-Südafrika verbreitet, die internationale Solidarität für den Befreiungskampf organisiert und der rasch anwachsende Exil-ANC zusammengehalten werden? Sechaba reflektierte das Ringen des ANC, Antworten auf diese Fragen und Herausforderungen zu finden.

[1] Herstellerbetriebe: 1967 Druckerei Rotation in Dessau, ab Dez. 1968 Druckerei „Erich Weinert“ in Neustrelitz, nach Umzug der Druckerei ab Mai 1974 bis Okt. 1990 in Neubrandenburg. Sechaba erschien zunächst ohne, dann ab Ende 1968 mit dem Druckvermerk „Printed in Neustrelitz“, nach dem Umzug „Printed in Neubrandenburg“ und erst später „Printed in the German Democratic Republic“. Vgl. Schleicher/Schleicher (1997), S. 55–60; Singh (1994), S. 129–140.

[2] Sechaba, 1967/1; S. 16 (deutsche Übersetzung).

[3] Singh (2012), S. 52–59, hier: S. 58. Eric Singh, geb. 1932 in Durban, musste 1965 aus Südafrika fliehen. Er kam 1967 in die DDR, besuchte zunächst die Hochschule des FDGB in Bernau und erhielt eine Schriftsetzerausbildung, bevor er Sechaba betreute.

[4] Ihre Auflage stieg von 6.230 im Jahre 1967 auf 20.000 Exemplare in den 1970er und 1980er Jahren und schließlich 25.000. Vgl. Singh (1994), S. 135.

[5] Maqetuka (1989), S. 69–98. Die Zeitschrift erschien 1976 und 1977 nur vierteljährlich.

[6] D. Reichel arbeitete bei der Zeitung der Sozialistischen Einheitspartei (SEW) Die Wahrheit und war ab 1975 „Sechaba-Kurier“. Siehe Schleicher/Schleicher (1997), S. 59.

[7] Zur Geschichte des ANC bis Mitte der 1960er Jahre siehe Sampson (1999), S. 44–270; Sisulu (2014), Part 2, 3.

[8] Der PAC trat für eine militante Interessenvertretung der schwarzen Bevölkerungsmehrheit mit prononciert „antiweißer“ Stoßrichtung („treibt die Weißen ins Meer“) ein. Er lehnte das Konzept eines „non-racial“ Südafrika, wie es vom ANC und seinen Verbündeten vertreten wurde, und eine Zusammenarbeit mit den Kommunisten ab. Der ANC hatte für den 31. März 1960 Aktionen gegen die Passgesetze geplant, dem wollte der PAC mit der Demonstration am 21. März zuvorkommen. Vgl. Sisulu (2014), S. 201–208.

[9] In der Kongress-Allianz arbeitete der ANC mit dem Congress of Democrats (COD – ihm gehörten viele Mitglieder der verbotenen SACP an), dem South African Indian Congress (SAIC), dem Coloured People’s Congress (CPC) sowie dem South African Congress of Trade Unions (SACTU) zusammen.

[10] Vgl. Magubane und andere (2004), S. 53–146, zur Bildung von MK, S. 80–90.

[11]Vgl. Suttner (2008), S. 59 und 253–317. Die SACP hatte den ANC unterstützt, nach seiner Bannung eigene Untergrundstrukturen zu entwickeln. Suttner zufolge spielten aber auch Bemühungen um die Verwirklichung des 1953 entworfenen Mandela-Plans (M-Plan), der den ANC angesichts der zunehmenden Repressionen des Regimes auf illegales Agieren vorbereiten sollte und gleichzeitig mit politischer Bildung verbunden war, eine Rolle. Eine ganze Reihe von ANC-Mitgliedern wurden für ein Verhalten im „Ernstfall“ vorbereitet, auch wenn der ANC den Plan nach einer Zeit insgesamt als gescheitert ansah.

[12] Vgl. Callinicos (2004), S. 263–274.

[13] Vgl. Schleicher, H.-G. (2004), S. 14. Diese Untersuchung konzentriert sich auf Exilerfahrungen und -prägungen in diesen beiden Zentren.

  • Preis: 3.00 €