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Heft 143: BRD und DDR im Lichte der Befreiungsperspektiven

Von: Rolf Badstübner

Heft 143: BRD und DDR im Lichte der Befreiungsperspektiven

Reihe "hefte zur ddr-geschichte", Heft 143, 2016, 52 S.

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Grundlage der vorliegenden Publikation ist der Vortrag, den Prof. Dr. Rolf Badstübner am 4. Juni 2015 in der Geschichtsreihe der „Hellen Panke“ e.V. gehalten hat. Zur Vertiefung der Thematik sei auf die Publikationen des Referenten „Vom ‚Reich‘ zum doppelten Deutschland. Gesellschaft und Politik im Umbruch“ (1999) und „Clash“ (2007) verwiesen.

Autor: Rolf Badstübner, Prof. Dr. phil. habil., Historiker, Berlin

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INHALT

1. Befreiungsperspektiven in der „One World“
2. Alliiertes Deutschlandprojekt und deutsche Optionen.
Transformationen und Perspektiven
3. „Kommunismus am Rhein“: Westzonenkurs
4. Kalter Krieg und das Ende des „Zeitalters von Jalta und Potsdam“
5. Konstituierung von BRD und DDR: „Restaurative Neuordnung vs. „realdemokratische“ Sozialismusdiktatur

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LESEPROBE

1. Befreiungsperspektiven in der „One World“

Das Ende des 2. Weltkrieges mit Waffenruhe und Frieden blieb noch lange geprägt von Aus- und Nachwirkungen dieses Krieges mit seinen rund 70 Millionen Toten, von Völkermord, Holocaust, Vertreibungen, Rache, Zerstörungen und Verwüstungen, von Not, Hunger und Verelendung. Das belastete die Nachkriegszeit, insbesondere in Europa [1] und Asien, zutiefst und langanhaltend. Dennoch erwuchsen aus der Menschheitskatastrophe des Zweiten Weltkriegs, aus diesem tiefen Fall in die Barbarei, zugleich starke Antikriegsreaktionen verbunden mit Aufbruch zu neuen Ufern, zu neuem Denken und Handeln auf neuartigen Wegen, Visionen von einer Welt ohne Kriege, von einer besseren Zukunft der Menschheit, die mit dem Eintritt in das menschheitsbedrohende atomare Zeitalter dann noch bekräftigt wurden.

Ein Buch mit dem Titel 'One World or None' avancierte Ende 1945 zum New-York-Times-Bestseller. Laut einer Umfrage befürworteten 54 Prozent der US-Amerikaner die Vereinten Nationen als Weltregierung mit der Befugnis zur Kontrolle der Streitkräfte aller Nationen, einschließlich der USA. Sogar viele US-Militärs waren unter dem Vernichtungsschock von Hiroshima und Nagasaki der Ansicht, dass die Atombombe geächtet oder irgendeiner Form der internationalen Aufsicht unterstellt werden müsse. US-Kriegsminister Stimson zufolge konnte nur eine amerikanisch-sowjetische Partnerschaft zur Zukunft der Atomenergie den Frieden dauerhaft sichern.[2] Auch die Wissenschaftler von Los Alamos veröffentlichten eine Erklärung, in der sie als Endziel eine Weltregierung forderten und wählten Einstein zum Vorsitzenden des Emergency Committee of Atomic Scientists.[3]

Der militärisch-industrielle Komplex und die „Falken“ befanden sich in der Defensive. Die Antihitlerkoalition weckte dadurch, dass sie nicht nur nicht auseinanderbrach, sondern in Jalta die Fortsetzung der systemübergreifenden Kooperation bei der Gestaltung der Nachkriegswelt verkündete und danach zügig in Angriff nahm, weltweit große Hoffnungen und Erwartungen. Es schien eine neue, auch bessere Weltordnung – basierend auf dem Prinzip kooperativer Konfliktbewältigungen und der friedlichen Koexistenz – Gestalt anzunehmen. Architekt dessen war zweifellos der amerikanische Präsident Franklin Delano Roosevelt. Ihm schwebte zunächst eine Art „Polizeidirektorium der Großmächte“ anstelle der Völkerbundversammlung vor. „Unter äußerster Geheimhaltung entwarf das amerikanische Außenministerium Pläne für eine derartige Organisation. In der Öffentlichkeit verfolgte Roosevelt die Strategie, die Stimmung der Amerikaner wieder in Richtung Internationalismus zu lenken ... So entstanden die Umrisse einer Nachkriegsversion des Internationalismus, die auf einer Art New Deal für die Welt basierten“[4], in der den USA als stärkster Macht die Rolle des „primus inter pares“ zufallen sollte.

Die Hauptmächte der Antihitlerkoalition beanspruchten gemäß ihrer Weltmachtposition als Vetomächte eine führende Rolle in der zu schaffenden Weltorganisation. Die anvisierte bessere oder andere Welt hatte allerdings deutliche Grenzen. Das trat in den US-Weltmachtambitionen ebenso zutage wie in einer imperialen Festlegung von Einflusssphären zwischen Sowjetunion und Westalliierten in Europa und auch darin, dass Besitzstände Großbritanniens und der Sowjetunion nicht zur Diskussion standen. Churchill ging davon aus, dass die Atlantikcharta nicht den britischen Kolonialbesitz – und damit den Kolonialbesitz überhaupt – tangierte und Stalin vom Gebietsstand der Sowjetunion von 1941 – also einschließlich der baltischen Länder sowie einer Westverschiebung Polens – und beanspruchte außerdem noch den „eisfreien Hafen“ Königsberg. Die Kolonialvölker waren enttäuscht von der UNO-Charta, die ihre Anliegen überging. „Aus Kanada, Australien und anderen Nationen kam massive Kritik an der undemokratischen Struktur der neuen Weltorganisation, dem Mangel an Repräsentation. Aber die Großmächte hielten zusammen ...“[5]

Das „One World“ und „Open Door“ Konzept Roosevelts setzte auf kooperative Konfliktlösungen mit der Sowjetunion und enthielt schon einen Denkansatz von „Wandel durch Annäherung“. Die Wiederwahl Roosevelts 1944 galt als Votum für seine One World Politik. Im Kontext des New Deal war der Einfluss von Big Bussines zurückgedrängt worden. Dieses Amerika war noch nicht das des kalten Krieges und McCarthys. So stand der Übergang vom Krieg zum Frieden deutlich im Zeichen einer trotz aller Querelen energisch fortgesetzten Kooperation und das prägte die weltweiten Erwartungshorizonte. Roosevelts Nachfolger, Truman, musste erkennen, dass er die Weichen nicht einfach in Richtung auf den von ihm vorschnell angekündigten „harten Kurs“ gegenüber der Sowjetunion umstellen konnte. Er sah sich veranlasst, Roosevelts Kooperationskurs weiter zu führen, tat das aber nur halbherzig. Da die britischen Wähler den Eindruck gewannen, dass ihr Kriegsheld Churchill nicht der Garant für eine solche Weltpolitik war[6], dass sie außerdem den Vorkriegszustand nicht zurückwünschten und daher den Labour-Sozialismus favorisierten, wählten sie ihn einfach ab. Die inzwischen einsehbare sowjetische Aktenlage[7] weist wie die schon länger bekannte angloamerikanische[8] aus, dass das durchaus konfliktbeladene Kriegsbündnis zwischen UdSSR, USA und Großbritannien letztlich doch als erfolgreich eingeschätzt wurde und dass man es auch ernsthaft als Grundlage für eine, trotz Systemgegensatz, integrative universalistische Nachkriegsordnung zur Gestaltung der Nachkriegswelt und vor allem zur Sicherung des Weltfriedens anvisierte. Und trotz Interessengegensätzen, Meinungsverschiedenheiten und auch Misserfolgen stellte der Kooperationskurs seine Praktizierbarkeit unter Beweis: bei der UN und den sich herausbildenden Organisationen, den Regelungen für die Weltwirtschaft wie dem Währungssystem von Bretton Wood (1944) mit Weltbank, Währungsfond, Internationaler Bank für Wiederaufbau, Gold-Dollar-Standard und dann 1947 mit dem Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen (GATT), bei der gemeinsamen Besetzung und Verwaltung Deutschlands und Österreichs sowie in weiteren alliierten Kommissionen, im Rat der Außenminister, im Nürnberger Prozess gegen die deutschen Hauptkriegsverbrecher mit dem gemeinsamen Vorstoß zur Weiterentwicklung des Völkerrechts[9] und schließlich auch Anfang 1947 bei den Friedensverträgen mit Bulgarien, Finnland, Italien, Rumänien und Ungarn. Und Regelungen mit Deutschland und Österreich schienen greifbar nahe. Insgesamt hob sich damit die frühe Nachkriegsentwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg doch recht positiv und hoffnungsvoll von derjenigen nach Ende des Ersten Weltkrieges ab.

[1] Siehe dazu jüngst über das „Erbe des Krieges“, „Rache“, „Ethnische Säuberung“ und „Bürgerkrieg“ Keith Lowe, Der wilde Kontinent. Europa in den Jahren der Anarchie 1943–1950, Stuttgart 2014 sowie ähnlich Ian Buruma, '45. Die Welt am Wendepunkt, München 2015.

[2] Erich Schlosser, Command and Control. Die Atomwaffenarsenale der USA und die Illusion der Sicherheit, München 2013, S. 94.

[3] Mark Mazower, Die Welt regieren. Eine Idee und ihre Geschichte, München 2013, S. 242.

[4] Mazower, S. 207.

[5] Ebenda, S. 221.

[6] „Ruhige Nächte dank der Roten Armee“ hieß es in den letzten Kriegsjahren. Erstaunlich, wie schnell Stalin dieses Ansehen wieder verspielte.

[7] Siehe dazu vor allem: Die UdSSR und die deutsche Frage 1941–1948/9. Dokumente aus dem Archiv für Außenpolitik der Russischen Föderation. Band 1–4, 1941–1949. Bearb u. hrsg. v. Jochen P. Laufer u. Georgij P. Kynin, Berlin 2004–2012; Jochen Laufer, Pax Sovietica. Stalin, die Westmächte und die deutsche Frage 1941–1945, Köln-Weimar-Wien 2009; Sowjetische Interessenpolitik in Deutschland 1944–1954. Dokumente. Hrsg. und eingel. von Jan Foitzik (Texte und Materialien zur Zeitgeschichte, Bd. 18, hrsg. vom Institut für Zeitgeschichte), München 2012; Jan Foitzik (Hrsg.), Sowjetische Kommandanturen und deutsche Verwaltungen in der SBZ und frühen DDR. Dokumente (Texte und Materialien zur Zeitgeschichte, Band 19), München 2015; Ders., Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) 1945–1949 (Quellen und Darst. Zur Zeitgesch., Band 44), Berlin 1999; Detlev Brunner/Elke Scherstjanoi (Hrsg.), Moskaus Spuren in Ostdeutschland. Aktenerschließung und Forschungspläne (Zeitgeschichte im Gespräch, Bd. 22, hrsg. v. IfZ), Berlin/Boston 2015.

[8] Siehe die einschlägigen Record Groups im National Archive Washington (vor allem RG 43, 59, 218, 260), die Microfiche Verfilmung der OMGUS Akten im Bundesarchiv BA Z45F sowie die Überlieferungen im Public Record Office London (Pro), vor allem FO 371, 934 ff. und CAB 21.

[9] Siehe u.a. Annete Weinke, Die Nürnberger Prozesse, München 2006; Joachim Perels, Entsorgung der NS-Herrschaft? Hannover 2004. Zu den 12 US-Nachfolgeprozessen gegen die NS-Eliten: Kim C. Priemel/Alexa Stiller (Hrsg.), NMT. Die Nürnberger Militärtribunale zwischen Geschichte, Gerechtigkeit und Rechtsschöpfung, Hamburg 2013.

  • Preis: 3.00 €