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Heft 138: Die Russen und wir

Schlaglichter und geschichtspolitische Überlegungen nicht nur zum Tag der Befreiung

Von: Stefan Bollinger

Heft 138: Die Russen und wir

Reihe "hefte zur ddr-geschichte", Heft 138, 2015, 47 S.

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Zum Thema Die Russen und wir. Geschichtspolitische Überlegungen nicht nur zum Tag der Befreiung fand am 11. Mai 2015 eine Veranstaltung der "Hellen Panke" e.V. – Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin mit Dr. sc. phil. Stefan Bollinger statt. Das vorliegende Heft ist eine wesentlich erweiterte Fassung der dort vorgetragenen Überlegungen.

Autor: Stefan Bollinger

Dr. sc. phil., Politikwissenschaftler und Historiker, Berlin

Stellv. Vors. der "Hellen Panke" e.V. – Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin

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INHALT

1. Nachbarn, Feinde, Freunde – Skizzen einer schwierigen Beziehung

Deutsch-russische Beziehungen – ein Zugang?

Nachfragen ist erlaubt – Der Herrnstadt-Artikel heute

Das Pendel der Geschichte

Bündnis von Todfeinden oder der Testlauf einer friedlichen Koexistenz?

Die Weichenstellung 1945

Im strategischen Dreieck? – Deutsch-deutsche Befindlichkeiten

2. Geschichtspolitik und Machtpolitik um den 70. Jahrestag der Befreiung

Geschichtspolitik als Kampffeld

Die bundesdeutsche Entdeckung der Befreiung

Korrektur der Geschichte

Eine Großmacht in Befreiungsmission mit sozialistischer Option?

Linke Geschichtspolitik und die Befreiung

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LESEPROBE

Nachbarn, Feinde, Freunde – Skizzen einer schwierigen Beziehung

Deutsch-russische Beziehungen – ein Zugang?

Die Gefahr, dass wir erneut in eine Vorkriegszeit geraten, besser getrieben werden, ist groß. Wieder sind es zwei europäische Großmächte, die in diese Konstellation verwickelt sind – Deutschland und Russland. Zumindest wie vor 100 Jahren ist die deutsche Rolle fragwürdig, weil zuallererst Bündnisverpflichtungen, ja Nibelungentreue deutsche Politik leiten – einst zugunsten der k.u.k.-Monarchie, heute zugunsten der Vereinigten Staaten.

Sebastian Haffner, der kenntnisreiche Publizist, hat vor fast 50 Jahren eine Einschätzung gegeben, die unverändert aktuell und für die neue gesamtdeutsche Generation trotz der weit größeren Bereitschaft, sich mit Geschichte zu beschäftigen und sie in vielfältiger Form medial serviert zu bekommen, zutreffend ist: "Die Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen zwischen den beiden Weltkriegen [hier könnte angemerkt werden: nicht nur in diesem Zeitraum – St. B.] ist aufregender als jeder Roman. Vergebens sucht man nach einem anderen Beispiel so tödlich-intimer gegenseitiger Verknäuelung und Verstrickung zweier Völker. In dem deutsch-russischen Roman ist fast jede erdenkliche Variation möglicher Beziehungen, einschließlich der extremsten, durchprobiert und durchgespielt worden. Umso unverständlicher, dass im allgemeinen Bewusstsein Westdeutschlands jede klare Vorstellung von diesem ungeheuerlichen Geschehen fehlt, an dem doch die Älteren selbst mitwirkend und mitleidend beteiligt waren und das auch für die Jungen immer noch schicksalbestimmend bleibt. Man hat allenfalls eine vage Vorstellung, dass es einmal ein altes Russland gab, das ein etwas unheimlicher, etwas fremdartig-unberechenbarer, aber doch auch wieder großzügig-gutmütiger, manchmal rettender Nachbar war."[1]

Ja, deutsch-russische Geschichte, Beziehungen, Konflikte und Kooperation haben in den letzten zweieinhalb Jahrhunderten wesentlich das Schicksal der beiden Staaten wie Europas geprägt. Es waren Beziehungen von Nachbarn und Konkurrenten, oft auch von Todfeinden. Diese Beziehungen waren bis auf das siebzigjährige sowjetische Intermezzo Beziehungen zwischen feudalabsolutistischen, aber die meiste Zeit kapitalistischen, imperialistischen Konkurrenten um die Vormacht zumindest in Europa. Allerdings, die längste Zeit kollidierten die Interessen beider nur wenig, die nationalstaatliche Konsolidierung des deutschen Reiches und die Ostexpansion des Russischen Reiches gerieten sich nicht ins Fahrwasser. Ja, Russland sorgte mit seinem siegreichen Handeln in den sog. Befreiungskriegen 1813/15 für das Abschütteln der französischen Fremdherrschaft und die Beförderung einer deutschen Nationalbewegung. Die Konvention von Tauroggen vom 30. Dezember 1812 und der Einzug der Kosaken in Berlin sieben Wochen später mochten gar der Beginn einer deutsch(richtiger: preußisch)-russischen Waffenbrüderschaft sein. (So zumindest der Mythos der Vorgeschichte der Waffenbrüderschaft von NVA und Sowjetarmee zu Zeiten der DDR.) Selbst die von Reichskanzler Otto von Bismarck betriebene gewaltsame Reichsgründung stieß russischerseits auf wohlwollende Sympathie. Ein ausgewogenes Kräftegleichgewicht Frankreich – Großbritannien – Österreich-Ungarn – Russland – Preußen/Deutsches Reich war im Interesse beider Mächte. Der geheime Rückversicherungsvertrag 1887 zwischen beiden Mächten sicherte jeweils "wohlwollende Neutralität" bei innereuropäischen Konflikten und die Anerkennung der russischen Interessen auf dem Balkan und am Bosporus.[2] Damit hatten beide Mächte für ihre Außenpolitik den gewünschten Spielraum. Diese feingestrickte, auf Ausgleich bedachte Sicherheitsarchitektur des alternden Reichskanzlers Bismarck wurde von seinem Nachfolger angesichts der sich neu eröffnenden globalen Perspektiven leichtfertig zerstört.

Es ist zweifellos interessant, die gegenseitigen Feindbilder über "die" Russen oder "die" Deutschen unters Mikroskop zu legen. Es ist sicher erhellend, die verschiedenen Nationalcharaktere näher zu beleuchten, die das jeweilige Handeln und Gegenhandeln beeinflussen. Da die geduldige, genügsame, leidensfähige, trinkfeste, aber auch aufbrausende russische Volksseele, dort die peniblen, wissenschaftsaffinen, korrekten, preußisch-gedrillten Deutschen.[3] Noch interessanter sind die gegenseitigen Betrachtungen und Zuschreibungen der Intellektuellen, die ebenso auf diese Nationalcharaktere abheben wie auf die vermeintlich intellektuell-philosophischen Ansprüche der anderen Seite: Pangermanismus vs. Panslawismus, Organisiertheit vs. Dumpfer Macht.[4]

Deutscherseits sind das auch die Zuneigung zu den Autoren russischer Seele wie Fjodor Michailowitsch Dostojewski, noch mehr Lew Nikolajewitsch Tolstoi, die Aufgeschlossenheit für Pjotr Iljitsch Tschaikowskis Musik oder das ewige "Donkosakenlied" (so der Titel eines beliebten westdeutschen Films aus den späten 1950er Jahren), die gutturale Stimme Ivan Rebroffs oder der zu Tränen rührende, doch antikommunistische "Dr. Schiwago" nach Boris Leonidowitsch Pasternak, der die russische Volksseele schmeichelte. All dies wirkte selbst in Zeiten der massiven Konfrontation, überlagerte aktuelle ideologische und politische Konflikte.

Nicht zuletzt sind Anleihen derjenigen Kräfte, die für einen politischen Wandel ihrer Gesellschaft, ihre Modernisierung einstanden, zu würdigen – sowohl im linken, aber auch teilweise im rechts-konservativen Lager. Sie blickten jeweils auf die großen Umbrüche, ihre Vordenker und Vorkämpfer in dem anderen, nicht so fernen Land. Nicht zuletzt ist es eine lange Geschichte, auch schon vor dem 19. Jahrhundert. Da sind die Zeiten der Hanse und der Ordensritter, die im Osten Land eroberten, da sind die Öffnungen in Richtung Westen, wie sie Peter der Große und Katharina die Große für ihr Reich suchten. Da sind die gezielten Anwerbungen deutscher Handwerker und Bauern, da ist das Rekrutieren des russischen Dienstadels aus Deutschen und Deutsch-Balten. Eine so "erfolgreiche" Rekrutierung, dass immer wieder – nicht zuletzt während des Ersten Weltkriegs – soziale Konflikte auch mit antideutschen Ressentiments verknüpft werden konnten. Beide Länder waren Zufluchtsort für die Exilanten sozialer und politischer Auseinandersetzungen und von Kriegen.

All dies bekräftigt, dass der Blick auf Nationalcharaktere, Kulturen, intellektuelle Anregungen zweifellos wichtig ist. Er hilft aber nur bedingt weiter, wenn es um die großen Konflikte der Geschichte zwischen 1914 und 2015 geht. Böswillig betrachtet bleibt ein solcher Blick eher der Ebene der Folklore verhaftet, fördert Bauchgefühle und intellektuelle Wolkendeuterei. Solche Betrachtungen sind wichtig, wenn das Träumen, Denken, auch Funktionieren von Menschen, von Eliten wie von Massen zu berücksichtigen sind. Die historische Erfahrung belegt allerdings auch die leichte Manipulierbarkeit solcher Zuschreibungen: Eben noch der gutmütige, nun der rohe Russe, eben noch die herrliche Weite der russischen Steppe, wenn es anders herum kommt der endlose Weg in die oder aus der Gefangenschaft ...

Die Herrschenden wussten und wissen sehr wohl, was sie wollten und wann aus Freunden Feinde werden – wenn es um Macht und Einfluss geht. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs versicherte der Chef des Großen Generalstabes, Helmuth von Moltke d.J., seinem k.u.k.-Amtskollegen die unverbrüchliche Bündnistreue im Konflikt mit Serbien und Russland. Er warnte aber, dass ein Kriegsgrund für die deutsche Öffentlichkeit vermittelbar sein müsse: "Nach wie vor bin ich der Ansicht, dass ein europäischer Krieg über kurz oder lang kommen muss, in dem es sich in letzter Linie handeln wird um einen Kampf zwischen Germanentum und Slawentum. Sich hierauf vorzubereiten ist Pflicht aller Staaten, die Bannerträger germanischer Geisteskultur sind. Der Angriff muss aber von den Slawen ausgehen."(5)Während des Krieges wurden weniger die "Bannerträger germanischer Geisteskultur" gebraucht als jene Militärs und Wirtschaftskapitäne, die im Osten alle Chancen für Machtzuwachs und neuen Profit sahen.

Mit den siegreichen russischen Revolutionen von 1917 und dem Errichten einer sich sozialistisch verstehenden Gesellschaftsordnung wurde das Reich im Osten noch weit beunruhigender, trotz der noch zu besprechenden zeitweiligen Zusammenarbeit gegen noch drängendere Bedrohungen. Nun ging es nicht mehr allein um "Lebensraum", um Eroberung im Osten, sondern um die Niederwerfung dieser als widernatürlich angesehenen Macht der Habenichtse. Adolf Hitler hatte frühzeitig seine Pläne fixiert, die er dann mit wohlwollendem Beistand der deutschen Militärs und der deutschen Wirtschaftsführer ab 1941 umsetzen wollte. "Deutschland wird entweder Weltmacht oder überhaupt nicht sein. Zur Weltmacht aber braucht es jene Größe, die ihm in der heutigen Zeit die notwendige Bedeutung und seinen Bürgern das Leben gibt ... Wir setzen dort an, wo man vor sechs Jahrhunderten endete. Wir stoppen den ewigen Germanenzug nach dem Süden und Westen Europas und weisen den Blick nach dem Land im Osten. Wir schließen endlich ab die Kolonial- und Handelspolitik der Vorkriegszeit und gehen über zur Bodenpolitik der Zukunft.

Wenn wir aber heute in Europa von neuem Grund und Boden reden, können wir in erster Linie nur an Russland und die ihm untertanen Randstaaten denken."[6] Allerdings verbanden Hitler und seine Kumpanei diesen imperialistischen Eroberungsdrang und den notorischen Antikommunismus und Antibolschewismus mit einem ebenso wahnhaften wie tödlichen Rassenkampfgedanken, der sich nicht allein gegen Juden, sondern ebenso gegen Sinti und Roma, Slawen richtete. Noch einmal Originalton "Mein Kampf": "Der Kampf gegen die jüdische Weltbolschewisierung erfordert eine klare Einstellung zu Sowjet-Russland. Man kann nicht den Teufel mit Beelzebub austreiben."[7] Nicht Bündnisse, nicht Ausnutzen der russischen Stärke für eigene Zwecke, sondern Vernichtungskrieg gegen Weltanschauung und Rasse, das waren die Maximen, die dann nicht nur Druckerschwärze auf Papier blieben, sondern mit Blut, Blei und Zyklon B Wirklichkeit wurden.

Politikwirksam wurden keineswegs Ideen über Nationalcharaktere, intellektuelle Träumereien, sondern stets handfeste Interessenlagen. Ausschlaggebend bleiben die ökonomischen, politischen, militärischen, auch geopolitischen Interessenlagen. Sie können sich konfrontativ, aber gelegentlich – auch mit dem Charakter von Teufelspakten – kooperativ darstellen, aber eben auch tödlich entladen.


[1] Sebastian Haffner: Der Teufelspakt. Die deutsch-russischen Beziehungen vom Ersten zum Zweiten Weltkrieg. Zürich 1988, 1. A. [überarb. zur Erstausgabe 1968], S. 5.

[2] Geheimer Rückversicherungsvertrag zwischen Deutschland und Russland vom 18. Juni 1887 – http://www.germanhistorydocs.ghi-dc.org/pdf/deu/608_Rueckversicherungs-vertrag_188_.pdf [24.03.2015 19:47].

[3] Sehr instruktiv dargestellt bei Peter Brandt: Das deutsche Bild Russlands und der Russen in der modernen Geschichte. In: IABLIS Jahrbuch für europäische Prozesse. Hagen. H. 1 (2002) – http://www.iablis.de/iablis_t/2002/brandt.htm [17.10.2006 20:19].

[4] Besonders verbissen bei Gerd Koenen: Der Russland-Komplex. Die Deutschen und der Osten 1900–1945. München 2005.

[5] Schreiben Moltkes an Conrad vom 10.2.1913. In: Erich Otto Volkmann: Der Große Krieg 1914–1918. Kurzgefasste Darstellung auf der Grundlage der amtlichen Quellen des Reichsarchivs. Berlin 1922, 3. Aufl., S. 205.

[6] Adolf Hitler: Mein Kampf. Zwei Bände in einem Band. Ungekürzte Ausgabe. München 851.-855. Auflage 1943, S. 776.

[7] Ebd., S. 786.

  • Preis: 3.00 €