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Heft 136: Die „richtigen“ und die „falschen“ Deutschen

Existenz- und Akzeptanzprobleme für Flüchtlinge aus den Ostgebieten in der britischen und sowjetischen Besatzungszone sowie in Berlin während der Nachkriegszeit

Von: Jörg Roesler

Heft 136: Die „richtigen“ und die „falschen“ Deutschen

Reihe "hefte zur DDR-geschichte", Heft 136, 2015, 40 S.

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 Zum vorliegenden Thema referiert der Autor im Verein "Helle Panke" e.V. – Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin am 21. Mai 2015 im Rahmen der Veranstaltungsreihe zur Geschichte der DDR.

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 Autor:     Jörg Roesler,  Prof. Dr., Wirtschaftshistoriker, Mitglied der Leibniz-Sozietät, Berlin

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INHALT

Einleitung                                                                                         

 

1.  Die Wellen der Migration der Deutschen aus „Neupolen“

in die sowjetische und britische Besatzungszone                       

 2.  Anfänge einer Flüchtlingspolitik in der sowjetischen und

britischen Besatzungszone                                                               

 3.  Exkurs: Der Streit der Politiker und Historiker

um die geeignete Bezeichnung für die deutschen Migranten              

 4.  Praktizierte Flüchtlingspolitik: Schritte zur Normalisierung

der materiellen Lebensumstände                                                   

 5.  Akzeptanzprobleme als Hindernis für die kulturelle Integration

der Flüchtlinge in die Gesellschaft                                                

 6. Die Behandlung der Flüchtlingsfrage in der Politik

der Alliierten, der Bundesrepublik und der DDR                          

 7. Das Gelingen der Integration der Flüchtlinge

in der Bundesrepublik und der DDR                                            

 Schluss                                                                                               

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LESEPROBE 

Einleitung

Die Zahl der Flüchtlinge weltweit sei seit den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg noch nie so groß gewesen wie in der Gegenwart, vermeldete, gestützt auf Zählungen für Mitte 2014, das UN-Flüchtlingshilfswerk Anfang dieses Jahres.(1) Angesichts des allgemein als unzureichend bezeichneten Umgangs mit dem Flüchtlingsproblem heute liegt es nahe, sich des Flüchtlingsproblems in den Jahren 1945 und danach noch einmal in all seiner Problematik zu vergegenwärtigen, in der Absicht, aus den damals gesammelten Erfahrungen Anregungen für die Lösung des heutigen Flüchtlingsproblems zu erhalten. Dabei sind zunächst einmal die Historiker gefragt. Tatsächlich gibt es Anzeichen für die neuerliche Hinwendung der Zeitgeschichte zu diesem Thema – in Deutschland und in anderen Ländern Europas. So lud z.B. das Historische Institut der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik für den November 2014 zu einer Konferenz zu „Umsiedlung und Vertreibung von Völkern – ein Syndrom der modernen Geschichte“ ein. Hauptzweck der Veranstaltung war die historische Analyse. Auf der Konferenz sollte aber auch die Frage diskutiert werden: „Kann man auch Lehren für die gegenwärtigen Probleme ziehen?“[2]

Genau dieser Problem- und Fragestellung fühlte sich auch der Autor bei seinen Recherchen zu dieser den deutschen Flüchtlingen, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland aufgenommen werden sollten, gewidmeten Publikation verpflichtet. Entsprechend des in Deutschland in Zusammenhang mit dem fortdauernden Ansturm von Flüchtlingen seit dem Herbst 2014 besonders akut gewordenen Akzeptanzproblems der Eingereisten durch die Einheimischen wird nach der Rekonstruktion der Umstände, die die damalige Fluchtwelle auslösten, und der Schilderung der materiellen Bedingungen für die Aufnahme der Hinzugekommenen der Frage, welche Rolle das wechselseitige Verständnis bzw. die Missverständnisse in den Beziehungen zwischen Flüchtlingen und Einheimischen am Ende des Zweiten Weltkriegs und den Jahren danach spielten, besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Abschließend wird auf den Zeithorizont, in dem sich die letztlich gelungene Integration der Flüchtlinge in beiden deutschen Staaten vollzog, näher eingegangen.  

 

1. Die Wellen der Migration der Deutschen aus „Neupolen“ in die sowjetische und britische Besatzungszone

Die umfangreichste Migrationsbewegung im Europa des 20. Jahrhunderts fand 1945 bis 1949/50 in Mitteleuropa statt. Sie betraf vorrangig die Deutschen. Von den bis 1950 heimatlos gewordenen 12,5 Mill. Deutschen bzw. Deutschstämmigen fanden 7,9 Mill. in der Bundesrepublik, 4,1 Mill. in der DDR, 370.000 in Österreich und 115.000 in anderen europäischen und überseeischen Ländern Unterkunft. Sie hatten entweder in den östlichen Teilen des Deutschen Reiches, jenseits von Oder und Neiße, gewohnt oder in Polen, der Tschechoslowakei bzw. den südosteuropäischen Ländern. Erstere Gruppe stellte mit 7 Millionen das Gros der Migranten.(3) Aus Polen in den Nachkriegsgrenzen (= Neupolen)[4] kamen 59 Prozent aller Migranten in den Westzonen. In der Ostzone lag der Anteil noch deutlich höher und belief sich dort Ende 1949 auf 76 Prozent.[5]

Die alliierten Kriegsgegner des faschistischen Deutschen Reiches ordneten die Aussiedlung der Deutschen an, weil sie überzeugt waren, damit für die Zukunft ethnische Konfliktpotentiale in Mittelosteuropa zu entschärfen. Die Instrumentalisierung der „Volksdeutschen“ für kriegerische Konflikte Deutschlands mit den Nachbarn war von den Nationalsozialisten unter der Losung „Heim ins Reich!“ schamlos für ihre Eroberungspläne bertrieben worden.[6]

In diesem Beitrag wird auf die aus Neupolen kommende deutsche Bevölkerung, soweit sie in die Sowjetische Besatzungszone (SBZ), die Britische Besatzungszone (BBZ) und die Viersektorenstadt Berlin migrierte, Bezug genommen. Die Situation, die Ostflüchtlinge betreffend, war in der Amerikanischen Besatzungszone, die vorrangig Flüchtlinge aus der Tschechoslowakei (Sudetengebiete) aufnahm, ähnlich. Die französische Besatzungsmacht weigerte sich zunächst hartnäckig, Flüchtlinge in ihre Zone aufzunehmen.

Die Migration erfolgte in mehreren Wellen. Als die Rote Armee im Oktober 1944 die deutsche Grenze in Ostpreußen überschritt, begann die deutsche Wehrmacht, die Zivilbevölkerung des unmittelbar betroffenen Memellandes zu evakuieren. Doch häufig wartete die Bevölkerung den Evakuierungsbefehl gar nicht erst ab. Vielfach verließ sie das von Offensiven der sowjetischen Armee bedrohte Gebiet in panikartiger Flucht. Diese Kriegsflüchtlinge hatten nur die notwendigsten Habseligkeiten auf ihre Pferdewagen gepackt oder flohen mit dem, was sie an Gepäck tragen konnten, mit der Eisenbahn. Sie suchten vor den Kämpfen an der Frontlinie im Innern des „Reichs“ Schutz.[7] Unter ähnlichen Bedingungen wie aus Ostpreußen flohen in den folgenden Monaten viele Deutsche aus Hinterpommern, Ober- und Niederschlesien und dem Osten der Mark Brandenburg.

Die erste Flüchtlingswelle stoppte mit Kriegsende im Mai 1945. Versuche eines Teils der Kriegsflüchtlinge, die aus eigenem Antrieb geflohenen waren bzw. der per Wehrmachtsbefehl Evakuierten, nach der Kapitulation Hitlerdeutschlands und dem Ende der Kämpfe in ihre Heimatgebiete wieder zurückzukehren, vereitelten an Oder und Neiße patroullierende polnische Truppen und Milizen. Gleichzeitig setzten irreguläre Aussiedlungen vor allem aus dem westlichen Grenzgebiet von Neupolen ein. In einem Streifen in der Tiefe von 100 bis 200 km wurden im Juni und Juli innerhalb von zwei bis drei Wochen 200.000 bis 300.000 Menschen über Oder und Neiße in das verbleibende Deutschland geschickt. Der Osteuropa-Historiker Eckart Mehls hat diese Aktion so eingeordnet: „Es begann … unmittelbar nach dem Zerbrechen … jeglicher von Deutschen getragenen Administration …(ein) Prozess der spontanen Abrechnung mit den noch verbliebenen Deutschen und ihrer Vertreibung aus ihren bisherigen Wohnsitzen.“[8] Diese zweite Fluchtwelle war das Resultat einer ungeordneten Ausweisung, einer Vertreibung der Deutschen aus jenen Reichsgebieten, die – in noch recht vagen Formulierungen – auf der im Februar 1945 in Jalta stattfindenden Krimkonferenz Polen zugesprochen worden waren.[9] Dabei ist zu beachten, dass sowohl die polnische Exilregierung in London als auch die unter dem Schutzschild der Sowjetunion gebildete Lubliner Regierung von vornherein eine starke territoriale und ethnische Ausdehnung Polens nach Westen befürworteten.[10]

Auf sowjetischen Einspruch hin wurden die „wilden Vertreibungen“ von Deutschen aus Westpolen im Juli 1945 angesichts der bevorstehenden Konferenz von Potsdam – auch als Berliner Konferenz bezeichnet – gestoppt.[11]

Das Potsdamer Abkommen vom August 1945 bestätigte die Oder-Neiße-Linie als neue, in einem späteren Friedensvertrag zu bestätigende Grenze zwischen Deutschland und Polen ebenso wie die Aussiedlung der östlich von Oder und Neiße bzw. östlich der Sudeten wohnhaften Deutschen sowie der Ungarn-Deutschen. Die sowjetische Führung wie auch die westlichen Alliierten waren davon überzeugt, dass mit der „Aussiedlung“ ein Beitrag für einen dauerhaften Nachkriegsfrieden in Europa geleistet werden könne.[12] Die „Überführung“ dieser Deutschen sollte „in ordnungsgemäßer und humaner Weise erfolgen“.[13] Der gemäß Abkommen vom November 1944 geschaffene Alliierte Kontrollrat[14] sollte als Erstes „die Frage einer gerechten Verteilung dieser Deutschen auf die einzelnen Besatzungszonen prfen ... und eine Schätzung über Zeitpunkt und Ausmaß vorlegen, zu dem die weiteren Überführungen durchgeführt werden könnten“. Zugleich wurden die Regierungen Polens, der Tschechoslowakei und Ungarns ersucht, „inzwischen weitere Ausweisungen der deutschen Bevölkerung einzustellen“.[15]

Im November wurde entsprechend diesem Teil der Potsdamer Beschlüsse eine „Richtlinie für die Umsiedelung deutscher Bevölkerungsteile“ vom Sekretariat des Alliierten Kontrollrats verabschiedet, die eine „vorläufige, versuchsweise“ Aufteilung der aus Neupolen auszusiedelnden Deutschen festlegte. Danach sollten 2 Millionen in der sowjetischen und 1,5 Millionen von ihnen in der britischen Zone untergebracht werden.[16]

Das Abkommen enthielt auch einen ziemlich detaillierten „Überführungsplan“, der die dritte, Ende 1945 beginnende Flüchtlingswelle einleitete. Dieser Plan enthielt Vorgaben über die zeitliche, auch jahreszeitliche, Staffelung der „Personentransfers“: im Dezember 1945 sollten 10 Prozent, im Januar/Februar 1946 5 Prozent, im März und April je 15 Prozent sowie im Mai/Juni je 20 Prozent der Auszusiedelnden in die sowjetische bzw. britische Zone abtransportiert werden, die restlichen 15 Prozent bis zum Juli 1947. Auf der Grundlage bilateraler Absprachen wurden allein unter der „Aktion Swallow“ (Schwalbe) 1,4 Millionen Deutsche aus den Gebieten östlich von Oder und Neiße in die britische Zone gebracht. 1947 endete die dritte Übersiedlungswelle.[17] 1948/49 gelangten aus Neupolen noch mehrere 10.000 Deutsche ins Vierzonendeutschland. Im Dezember 1949 war von offizieller polnischer Seite noch von etwa 130.000 in Polen verbliebenen „deutschen Zivilisten“ die Rede.[18]

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Migration während der ersten Flüchtlingswelle ungeachtet dessen, dass sie mit Evakuierungsbefehlen der Wehrmacht begann, im Ergebnis von unvorhergesehenen Frontverschiebungen durch sowjetische Offensiven weitgehend spontan verlief. Die zweite Welle, gekennzeichnet durch die „Gegenbewegung“ von die Rückkehr in ihre Heimatorte anstrebenden Deutschen und „wilde Vertreibungen“ von polnischer Seite aus[19], verlief von Anfang an spontan. Erst mit den zwischen Polen und den Besatzungsmächten Deutschlands vereinbarten Transfers, die mit Hilfe bilaterale Übereinkommen realisiert wurden, nahm der Exodus der Deutschen aus Polen einen organisierten Charakter an. Die vierte Besatzungsmacht – Frankreich – schloss sich den Vereinbarungen von Potsdam erst später an.[20] 

 [1] Vgl. Neues Deutschland v. 8.1.2015.

 [2]. Vgl. Program: Resettlement and extermination of the populations – a syndrome of modern History, Prag 2014, S. 1–8.

 [3] Berechnet nach: Johannes Dieter Steinert, Flüchtlinge und Vertriebene, in: Wolfgang Benz (Hrsg.), Deutschland unter alliierter Besatzung, 1945–1949/55, Berlin 1999, S. 124; Hauptamt für Statistik Groß-Berlin, Zahlen zeigen Zeitgeschehen. Berlin 1945–1947, Berlin 1947, S. 12.

 [4] Mitbehandelt wird das Schicksal der deutschen Flüchtlinge, die aus dem früher sowjetischen, heute zur Russischen Föderation gehörenden nördlichen Teil Ostpreußens kamen.

 [5] Jörg Roesler, The refugee problem in the Soviet Occupation Zone 1945–1949, in: GDR Monitor 2/1989, S. 6.

 [6] Vgl. Christian König, Flüchtlinge und Vertriebene in der DDR-Aufbaugeneration. Sozial- und biographiegeschichtliche Studien, Leipzig 2014, S. 8.

 [7] Ruth Kibelka, Ostpreußens Schicksalsjahre 1944–1948, Berlin 2014, S. 25–26.

 [8] Vgl. Eckart Mehls, „Bevölkerungstransfer“ als Bestandteil der Nachkriegsregelungen für Osteuropa. Historische Hintergründe, Konzeptionsbildung, Ergebnisse, in: Osteuropa in Tradition und Wandel. Leipziger Jahrbücher, Bd. 7/2 (2005), S. 109.

 [9] Vgl. Bericht über die Krimkonferenz vom 3. bis 11. Februar 1945, in: Karl Bittel (Hrsg.), Das Potsdamer Abkommen und andere Dokumente, Berlin 1957, S. 50.

[10] Vgl. Jörg Roesler, Die Lösung der polnischen Frage als Prüfstein für die Realisierbarkeit alliierter Nachkriegskonzeptionen in Osteuropa, in: Osteuropa in Tradition und Wandel. Leipziger Jahrbücher, 7/2 (2005), S. 53–80.

[11] Steinert, S. 124.

[12] Roesler, Die Lösung der polnischen Frage S. 53–55.

[13] Vgl. Bericht über die Drei-Mächte-Konferenz in Potsdam, in: Bittel, S. 84, 87.

[14]   Vgl. Abkommen vom 14. November zwischen Großbritannien, der UdSSR und den Vereinigten Staaten von Amerika über das Kontrollsystem in Deutschland, in: Deutschland 1945: Vereinbarungen der Siegermächte, Bonn 1987, S. 6.

[15]   Bittel, S. 88.

[16]   Ebenda, S. 90.

[17]   Steinert, S. 126.

[18] Beate Ihme-Tuchel, Die DDR und die Deutschen in Polen. Handlungsspielräume und Grenzen ostdeutscher Außenpolitik 1948–1961 (hefte zur ddr-geschichte 41) Berlin 1997, S. 12.

[19]   Steinert, S. 13–14.

[20]   Vgl. Edgar Wolfrum, Französische Besatzungspolitik, in: Benz, S. 65–66.

  • Preis: 3.00 €