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Heft 134: Vielfalt und Monotonie

Die Bewegung der schreibenden Arbeiter der DDR – ihre Zirkel, ihre Texte und ihr Archiv – im Wechselspiel mit der Gesellschaft damals und heute

Von: Rüdiger Bernhardt, Anne Klose, Jürgen Kögel, Reinhard Kranz, Dolores Pieschke, Peter Rausch, Britta Suckow

Heft 134: Vielfalt und Monotonie

Reihe "hefte zur ddr-geschichte", Heft 134, 2015, 64 S.

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Im März 2014 referierten in einer Abendveranstaltung Mitglieder von SchreibART e.V. – Verein zur Förderung und Pflege von Literatur und zur Aufarbeitung von Literaturgeschichte und Gäste zur Entwicklung der Zirkel schreibender Arbeiter in der DDR.

Dieses Heft enthält überarbeitete und erweiterte Textfassungen dort vorgetragener Forschungsergebnisse und Überlegungen zu einem bisher noch wenig untersuchten Gegenstand – der Geschichte der Bewegung schreibender Arbeiter.

Die Veranstaltung der „Hellen Panke“ e.V. entstand in Kooperation mit SchreibART e.V. und dem Kulturforum der Rosa-Luxemburg-Stiftung e.V.

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AutorInnen

Rüdiger Bernhardt, Prof. Dr., Literaturwissenschaftler   

Anne Klose, Sachbearbeiterin, Autorin

Jürgen Kögel, Cellist, Schriftsteller

Reinhard Kranz, Lehrausbilder, Maler, Autor

Dolores Pieschke, Tierärztin, Autorin

Peter Rausch, Diplom-Ingenieur, Autor

Britta Suckow, Dokumentarin

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INHALT 

Rüdiger Bernhardt 

Literarische Salons des Volkskunstschaffens    Zu Geschichte, Aufgaben und Methodik der Zirkel schreibender Arbeiter  

Jürgen Kögel

Sie schrieben nicht mehr nur für sich

Annemarie Klose

Zirkel schreibender und lesender Arbeiter im VEB Berlin-Chemie                                                                    

Peter Rausch

Mein Schreibzirkel                                                                               

Reinhard Kranz

Vielfalt und Monotonie oder Wege zum eigenen Schreiben                

Dolores Pieschke/Britta Suckow

Dokumente der Berliner Zirkel im Archiv Schreibende Arbeiterinnen. Gründung  und Arbeit des Archivs Schreibende ArbeiterInnen       

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LESEPROBE

Rüdiger Bernhardt   

Literarische Salons des Volkskunstschaffens   

Zu Geschichte, Aufgaben und Methodik der Zirkel schreibender Arbeiter[1]  -Auszug-

Die folgenden Ausführungen sind ein weiterer Mosaikstein für eine zu schreibende Geschichte der Bewegung schreibender Arbeiter. Es werden grundsätzliche Entwicklungen, Vorgänge und Ergebnisse beschrieben; das dazu ausgewählte Material wurde allerdings weitgehend zufällig aus der unübersehbaren Fülle herausgegriffen, die bis heute einer sachgerechten und objektiven Aufarbeitung in Form einer Geschichte der Bewegung schreibender Arbeiter und ihrer Organisationsformen harrt. Es hätten auch andere Beispiele sein können, die grundsätzlich zu keinen anderen Ergebnissen geführt hätten. Dass Lücken in den Detaildarstellungen bleiben – bei Zirkelformen, Veröffentlichungen, Betreuung, Gemeinschaftsarbeit usw. –, ist in Anbetracht der riesigen Archivbestände verständlich. 

1. Der Zirkel als literarischer Salon?

In einem Protokoll des Zirkels schreibender Arbeiter Braunkohlenwerk (BKW) „Erich Weinert“ Deuben aus dem Jahre 1959, kurz nach der 1. Bitterfelder Konferenz, wird berichtet, wie die Mitglieder über die Aufgaben ihres Zirkels stritten. Noch gab es keine Klarheit, wohin die Reise gehen sollte. Die Beteiligten wussten, sie hatten einander viel zu erzählen und wollten das aufbewahren. Sie erinnerten an ein früheres Beispiel: „Gab es nicht einmal eine bevorzugte Klasse, in der es zum guten Ton gehörte, ein Sonett schreiben zu können oder zu musizieren? Diese Klasse heute – das sind wir.“[2] Das galt den Salons und Gesprächskreisen des Bürgertums, die seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert nach französischer Anregung zu Heimstätten der Bildung geworden waren und Literatur in die Breite trugen. Beispiele wie die Salons der Caroline Schlegel und Johanna Schopenhauer, aber vor allem der von Rahel Levin Varnhagen sind bis heute berühmt für literarische Gespräche. Vergleichbar fühlten sich Schreibende wie die Deubener, allerdings von einer veränderten sozialen und historischen Situation her. Sie probten die kulturell-geistige Gesellschaft miteinander, wenn auch nicht mit den Worten Friedrich Daniel Schleiermachers, der 1799 einen Versuch einer Theorie des geselligen Betragens veröffentlicht hatte, um ihren Alltag und ihre Hoffnungen, ihre Sorgen und ihre Absichten zu besprechen, die Ansichten darüber auszutauschen und sie schließlich in tragfähige Worte zu fassen. Insofern waren diese Zirkel in ihrer Grundlage und ihrem Wollen ähnlich dem Salon der früheren Zeit, „in dem das nach seinen Möglichkeiten entfaltete Individuum und die Gruppe, flexibel auf wechselnde Zusammensetzungen reagierend, sich zu einem jeweils harmonischen Ganzen zu bilden“[3] versuchten. Der Begriff der zeitgenössischen Salons wurde in der Geschichte der schreibenden Arbeiter immer wieder als Parallelbegriff verwendet.

Die Zirkel der Bewegung schreibender Arbeiter gehören zu den Erfolgsgeschichten der DDR, auch wenn die Bezeichnung sowohl etwas Altmodisch-Spießiges an sich hat als auch letztlich falsch ist, versteht man sie soziologisch. Einen Sinn bekommt er als eine symbolische Bezeichnung, als eine Chiffre: Der in der Produktion tätige Arbeiter wird begleitet vom Arbeiter des Geistes, zu dem auch der schreibende Arbeiter gehört. Unter den zahlreichen Versuchen, den Terminus von einer Fehldeutung zu befreien, nimmt sich ein Epigramm des Schriftstellers und Generalsekretärs des PEN-Zentrums der DDR Henryk Keisch (1913–1986) amüsant aus, auch wenn es dem Charakter der schreibenden Arbeiter nicht voll gerecht wird:

„Schreiben und Arbeiten

Er war SCHREIBENDER ARBEITER. ‚Na und?‘ sagten sie im Betrieb.

Mit einem Lächeln voll Nachsicht lasen sie, was er so schrieb.

Erst seit er freischaffend ist, seine Bücher Bestseller,

nehmen sie ihn ernst: als ARBEITENDEN SCHRIFTSTELLER.“[4]

Verwendet wurde der Begriff Bewegung schreibender Arbeiter in der DDR seit 1959 aus der Fortschreibung eines vorhandenen Begriffs: Die Bewegung schreibender Arbeiter war die Fortsetzung und Steigerung der Bewegung lesender Arbeiter, die seit den frühen fünfziger Jahren das Lesebedürfnis der Werktätigen zu entwickeln und zu befriedigen helfen sollte. Die 1. Bitterfelder Konferenz schlug vor, „die Bewegung des lesenden Arbeiters weiter zu entwickeln und sie zu ergänzen durch eine Bewegung des schreibenden Arbeiters“[5]. In Ermangelung anderer Beispiele oder in absichtsvoller Verdrängung der zahlreichen Einzelschreibenden orientierten die Konferenzverantwortlichen als einzige Tradition auf die der Arbeiterkorrespondenten. Sie wurde – was so nie in der Praxis Verwendung fand und auch in den Zirkeln keine Bedeutung hatte – „als das Fundament für die Entwicklung weitergehender literarischer Befähigung betrachtet“[6]. Diese Festlegung war einseitig, falsch und irreführend, doch leitete die Konferenz daraus die Aufforderung an den Schriftstellerverband, die Kulturhäuser und die staatlichen Leitungen ab, „alles zu tun, um die Arbeiterkorrespondentenbewegung durch Organisierung von Zirkeln des schreibenden Arbeiters usw. zu fördern“[7].

Der vorgeschlagene Weg von der Mitarbeit an Betriebs- und Dorfzeitungen über den Arbeiterkorrespondenten zum schreibenden Arbeiter und schließlich zum proletarischen Schriftsteller – abgeleitet von der Entwicklung von Schriftstellern wie Willi Bredel in den dreißiger Jahren – erwies sich als Irrweg, weil die meisten der in den Zirkeln tätigen Schreibenden auf anderem Wege zur Literatur gekommen waren und ihre Erfahrung zwar durch andere Möglichkeiten erweitern, aber nicht aufgeben wollten. Dieser Weg wurde in der Regel auch nicht gegangen, zumal er mit Ansprüchen der Schreibenden kollidierte, sondern die Zirkel folgten eigenen Vorstellungen, besonders begründet dann, wenn sie wie der Zirkel schreibender Arbeiter „Maxim Gorki“ in Berlin bereits vor der Bitterfelder Konferenz bestanden und/oder sich außerhalb von Betrieben oder unabhängig von ihnen ansiedelten oder gearbeitet hatten. So entstand die Bewegung schreibender Arbeiter von Beginn an aus einem Widerspruch: Für die Massenorganisationen und die Kulturfunktionäre war sie ein politisches Instrument zur Durchsetzung gesellschaftlicher Zielstellungen, für die in den Zirkeln Beteiligten war sie zuerst und zumeist eine literarisch geprägte Interessengemeinschaft, in der eigene Wünsche befriedigt werden konnten. Nur in einzelnen Fällen stimmten beide Interessen überein oder konnten annähernd in Übereinstimmung gebracht werden. Der Hinweis auf die Arbeiterkorrespondenten der KPD „als organisierte Form der Parteiarbeit“[8] bedeutete eine Konzentration auf die kommunistischen Betriebszellen der dreißiger Jahre. Aber bei den Zirkeln schreibender Arbeiter waren von Beginn an nicht politische Überzeugungen ausschlaggebend. Auch fanden sich in den Zirkeln neben Arbeitern Menschen aus allen Bevölkerungsschichten. Eine Bindung an die Partei war für die Teilnahme ebenso wenig Voraussetzung wie eine Mitarbeit an der Betriebszeitung oder die Einschränkung, „Erfahrungen im Klassenkampf in episodenhaften Darstellungen weiterzugeben oder ... ihre Kampfaufrufe in Gedichtform“[9] zu kleiden. Die Mitglieder in den Zirkeln nahmen oft eine andere Entwicklung, widmeten sich anderen literarischen Themen und Gestaltungsmöglichkeiten. Selbst die Arbeiter in den Zirkeln veränderten sich: In erfolgreichen Zirkeln hatte die Gemeinschaft wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung ihrer Mitglieder; das führte dazu, dass zahlreiche Arbeiter durch die Zirkelarbeit auf Bildungsmöglichkeiten gestoßen wurden, die nur mittelbar einen politischen Charakter hatten und denen sie folgten. Im Berliner Zirkel „Maxim Gorki“ studierten sieben Mitglieder, der Zirkel der Leuna-Werke nahm auf die Qualifizierung von zwölf Mitgliedern Einfluss: Zuletzt delegierte er Lutz Seiler, den Buchpreisträger des Jahres 2014, zum Studium der Germanistik nach Halle, als er 1986 während eines Einsatzes als Bauarbeiter in Buna, geleistet in seiner Zeit als Soldat der NVA, in den Zirkel kam.

Nicht die Herkunft oder die Tätigkeit waren ausschlaggebend für den Eintritt in den Zirkel. Der Inhalt der Zirkelarbeit, der immer vor Ort vom Zirkelleiter und den Mitgliedern bestimmt wurde, zog an und war von herausragender Besonderheit: Er erfüllte uralte Träume des Menschen nach geistiger Kreativität, Beurteilungsfähigkeit und Kunstverständnis, nach einem gemeinsamen künstlerischen Schaffen. Das bezog sich selbstverständlich auf einen einfachen Umgang mit Kunst und Literatur, entwickelte sich jedoch im Laufe der Zeit zu einem auffälligen und nachhaltig wirkenden Vorgang. Es muss erwähnt werden, dass nicht alle mit diesen Vorstellungen kamen, sondern etliche auch die neue Form des literarischen Lebens zu nutzen versuchten, um sich damit zu legitimieren. Sie wollten keine kritische Beschäftigung mit ihren Texten, sondern die Legitimation gegenüber Verlagen und Zeitungen, sie suchten in den Zirkeln einen „Schutzschirm, hinter dem sich Dilettantismus, Kleinbürgertum und künstlerische und politische Ignoranz verbergen konnte“[10].

In einer Hausarbeit über den Zirkel im VEB Berlin-Chemie wurde die Zirkelarbeit beschrieben: Die Mitglieder sollten „bewusst ohne Zwang, denn Lebensfreude produzieren ist ein hohes Ziel nebenbei, zu Persönlichkeiten“ werden, „sie sollen Bestätigung ihrer Fähigkeit im Denken und Folgern und ihrer Individualität erhalten“[11]. Es darf dabei nicht vergessen werden, dass die schreibenden Arbeiter Teil einer großen Volkskunstbewegung waren, die sich nach 1945 regte, zerstörte Traditionen aufnahm und weiterführte. In der Bewegung schreibender Arbeiter waren 1985 um die 3.000 Aktive in etwa 300 Zirkeln[12] tätig. Nicht berücksichtigt wurden dabei die Zirkel schreibender Schüler und Jugendlicher, die seit Anfang der siebziger Jahre eine besondere Entwicklung nahmen.[13] Die gesamte Volkskunst umfasste ca. 700.000 Menschen in 48.000 Volkskunstgruppen, unabhängig von den zahlreichen Einzelschaffenden.[14] Andere Quellen geben 850.000 Mitglieder in 42.000 Gruppen auf 20 Fachgebieten an.[15] Die Unterschiede ergeben sich aus verschiedenen Methoden der statistischen Erhebungen, teils unter Einbeziehung der an Schulen bestehenden Gruppen, teils unter Auslassung; das betraf auch andere Bereiche (NVA, Polizei usw.). Auch wurde das individuelle Schaffen, das bruchstückhaft in Poetenzentren erfasst wurde, teils mitgerechnet, teils nicht. Insgesamt ging man davon aus, dass 1.500.000 Teilnehmer ab dem 6. Lebensjahr in Kunst und Volkskunst außerhalb der Berufskunst tätig waren.[16]

Ebenso wie die Beziehungen zwischen den Volkskunstgruppen mitgedacht werden müssen, dürfen die gravierenden Unterschiede zwischen schreibenden Arbeitern und anderen Volkskünstlern nicht negiert werden, machen sie doch auch die Besonderheiten schreibender Arbeiter aus. Das Volkskunstschaffen insgesamt fand nach 1945 eine Fortsetzung in den bewährten Gruppierungen wie Chören, Tanzgruppen usw. Bereits 1947 gab es auf diesen Gebieten Leistungsvergleiche, Wettbewerbe und Leistungsschauen, die von den neu gegründeten Massenorganisationen verantwortet und von der Besatzungsmacht gefördert wurden.[17] (Die besondere Rolle der sowjetischen Kulturoffiziere, die in der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland – SMAD – tätig waren, in dem Prozess des kulturellen Neuaufbaus und die Rolle des SWA-Verlages kann nur erwähnt werden; auch sie bedarf einer gründlichen Aufarbeitung. Zwar hatten sie keine grundlegende Bedeutung für die Bedeutung schreibender Arbeiter, beide schufen aber ein neues Gefühl für den Umgang mit Literatur.[18]) Organisierte Schreibende gab es unter den Volkskünstlern nicht; die Schreibenden blieben nach wie vor für sich und unter sich. 1954 fasste eine Erklärung des Ministeriums für Kultur Über den Aufbau einer Volkskultur die Volkskunst und ihre verschiedenen Gebiete zusammen. Sie betonte die Bedeutung der Kultur- und Klubhäuser, verwies auf Schulungssysteme für Zirkelleiter und entsprechende Arbeitsmaterialien, zählte die unterschiedlichen Gruppen auf (Chöre, Instrumentalmusik, Volkstanz, Kabarettgruppen u.a.) und erwähnte erstmals in einem zentralen Dokument Schreibende, beließ die aber in einer Grauzone von „Versuche(n) von Werktätigen, sich schriftstellerisch und kompositorisch zu betätigen“[19]. Von Zirkeln war keine Rede. Zu diesem Zeitpunkt gab es zwar bereits zahlreiche Schreibende, die sich an die Volkskunsthäuser wandten – es gab sie in Form von Klub- und Kulturhäusern, seit 1955 auch als Bezirkshäuser für Volkskunst[20] –, aber sie wurden zentral weder erfasst noch angeleitet noch in zentrale Wettbewerbe einbezogen. Aus diesem Grunde spielte die 1. Bitterfelder Konferenz für die schreibenden Arbeiter eine besondere Rolle: Während andere Kunstgattungen ihre Traditionen einbringen konnten und Bestätigung erfuhren, war die Bewegung schreibender Arbeiter eine völlig neue Form des Volkskunstschaffens, die es bisher nicht gab und die auch nicht durch den Verweis auf die Volkskorrespondentenbewegung erklärt wurde. Dass die 1. Bitterfelder Konferenz aus einer Autorenkonferenz entstand und die schreibenden Arbeiter überdurchschnittliche Aufmerksamkeit bekamen, hatte mit der zurückliegenden Vernachlässigung des volkskünstlerischen literarischen Lebens zu tun.

Die Bewegung schreibender Arbeiter ist mit ihrem Anliegen und ihren Methoden seit 1959 – für einzelne Zirkel weiter zurückreichend – aktuell geblieben, auch wenn das nirgends so zu lesen ist. Die bereits während ihres aktuellen Wirkens beginnenden Kurse für kreatives Schreiben an Universitäten, Hochschulen und Stadthäusern von Stockholm bis Saarbrücken, Verfasserkurse in norwegischen Distrikthochschulen und anderes sind nichts anderes als akademisch gestylte Zirkelarbeit, die der Entwicklung von Schreibfähigkeiten diente. Die Aktualität des kreativen Schreibens wird herausgestellt, wenn es in öffentlichen Diskussionen um das Lesen als eine Fähigkeit geht, die Einblicke in die Welt ebenso ermöglicht wie in das eigene Leben, und die größere Bedeutung bekommt, wenn sie sich mit dem Schreiben verbindet. In einer vom Spiegel ausgelösten Debatte 2014 schrieb ein Leser: „Weitergehend gebildete Leser werden immer in der Minderheit sein. Dennoch sollte das bewusste Lesen wie auch kreatives Schreiben viel mehr gefördert werden, um allen die fantastischen Möglichkeiten der Literatur zu eröffnen.“[21] Zöge man von den Grundsatzdokumenten der 1. Bitterfelder Konferenz und der Bewegung schreibender Arbeiter die politisch geprägten Versatzstücke ab, blieben solche Wünsche stehen.



 [1] Zu dem Thema liegen mehrere weiterführende Arbeiten vor: Rüdiger Bernhardt: Schreibende Arbeiter der DDR zwischen Arbeiter- und Gesellschaftsstruktur. In: Dominique Herbet (Hrsg.): Culture ouvrière. Arbeiterkultur. Villeneuve d’Ascq: Presses Universitaires du Septentrion, 2011, S. 117–150, und Anne M. N. Sokoll: „Ein gutes Wort zur guten Tat“. Die Zirkel schreibender Arbeiter im Spannungsfeld zwischen staatlichen Anforderungen und dem Streben nach Freiraum innerhalb der DDR-Volkskunstbewegung und in ihrer Außenwirkung nach Westdeutschland. In: Gertrude Cepl-Kaufmann und Jasmin Grande (Hrsg.): Schreibwelten – Erschriebene Welten. Zum 50. Geburtstag der Dortmunder Gruppe 61. Essen: Klartext Verlag, 2011 (Schriften des Fritz-Hüser-Instituts Bd. 22). Ein weiteres informatives Material ist: Reiz und Phänomen: Die Literatur der schreibenden Arbeiter. Ein Diskurs im Spannungsfeld der Erfahrungen von Vision und deutsch-deutscher Realität. Hrsg. vom Archiv Schreibende ArbeiterInnen. Berlin 1996.

 [2] Deubner Blätter (I). Arbeitsmaterialien des Zirkels schreibender Arbeiter BKW „Erich Weinert“ Deuben, Kreis Hohenmölsen. Halle (Saale): Mitteldeutscher Verlag, 1961, S. 38.

 [3] Brigitte Kronauer: Unendliche Liebe zur Gesellschaft. In: Rahel Levin Varnhagen: Rahel. Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde, hrsg. von Barbara Hahn. Göttingen: Wallstein Verlag, 2011, Band 1, S. 7.

 [4] Henryk Keisch: Schreiben und Arbeiten. In: Die Weltbühne 1973, Nr. 45, S. 1437.

 [5] Greif zur Feder, Kumpel. Protokoll der Autorenkonferenz des Mitteldeutschen Verlages Halle (Saale) am 24. April 1959 im Kulturpalast des Elektrochemischen Kombinats Bitterfeld. Halle 1959, S. 117.

 [6] Zur Geschichte des künstlerischen Volksschaffens in der Deutschen Demokratischen Republik. Institut für Volkskunstforschung beim Zentralhaus für Kulturarbeit, Leipzig 1979, S. 110.

 [7] Greif zur Feder, Kumpel. Protokoll, a.a.O., S. 108.

 [8] Zur Geschichte des künstlerischen Volksschaffens in der Deutschen Demokratischen Republik. Institut für Volkskunstforschung beim Zentralhaus für Kulturarbeit, Leipzig 1979, S. 110.

 [9] Zur Geschichte des künstlerischen Volksschaffens , a.a.O.

[10] Walter Radetz in der „Zirkelchronik“ (1967), in: Britta Suckow, Jürgen Kögel (Red.): Wer blieb, der schrieb. Der Zirkel schreibender Arbeiter „Maxim Gorki“ im Zentralen Haus der DSF. Eine Dokumentation, hrsg. von SchreibART e.V. mit freundlicher Unterstützung der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Berlin 2013, S. 59.

[11] Annemarie Klose: Wir wollen das Selbstbewusstsein fördern. In: Axel Oelschlegel (Hrsg.): Arbeiter schreiben – Hobby, Auftrag oder Berufung? Anregungen für die methodische Arbeit in und mit Zirkeln schreibender Arbeiter. Leipzig: Zentralhaus-Publikation, 1987, S. 94.

[12] Vgl. dazu Rüdiger Bernhardt: Traditionen und Selbstverständnis der schreibenden Arbeiter. Leipzig: Zentralhaus-Publikation, 1984, S. 30. Die Zahlen bewegten sich seit 1963 zwischen 3.000 und 2.500, schlossen aber zahlreiche Bereiche nicht ein. Unberücksichtigt blieben die ca. 9.000 schreibenden Kinder und Schüler.

[13] Vgl. Rüdiger Bernhardt: Bemerkungen zur Methodik in Zirkeln schreibender Kinder und Jugendlicher. In: Entdeckung der Gemeinschaft. Hinweise zur Arbeit mit schreibenden Schülern. Halle: Bezirkskabinett für außerunterrichtliche Tätigkeit, 1973, S. 7–18.

[14] Die Angaben wurden entnommen: Zu einigen Ergebnissen des künstlerischen Volksschaffens seit dem X. Parteitag der SED. Zentralhaus-Publikation, Leipzig 1984 (Ag 503/101/84), S. 3.

[15] Arbeitsmaterial zur Vorbereitung der IV. Volkskunstkonferenz der DDR (Nur für den Dienstgebrauch). Zentralhaus für Kulturarbeit der DDR. o.O., o.J. (1983), S. 21.

[16] Arbeitsmaterial, a.a.O., S. 21.

[17] Vgl. dazu das materialreiche und instruktive Material: Zur Geschichte des künstlerischen Volksschaffens in der Deutschen Demokratischen Republik. Institut für Volkskunstforschung beim Zentralhaus für Kulturarbeit, Leipzig 1979, S. 16.

[18] Vgl. zu dem Thema mehrere, auch im Ausland erschienene Untersuchungen des Verfassers, darunter: Rüdiger Bernhardt: Maßstab Humanismus. In: NDL 1976, H. 4, Rüdiger Bernhardt: Die Bedeutung sowjetischer Kulturoffiziere für die Konzeptionsbildung. In: Zwischen politischer Vormundschaft und künstlerischer Selbstbestimmung. Akademie der Künste zu Berlin 1991, S. 42 ff.

[19] Zur Geschichte des künstlerischen Volksschaffens in der Deutschen Demokratischen Republik, a.a.O., S. 70.

[20] Regionale Häuser bestanden unabhängig davon wie das 1953 eröffnete Haus der erzgebirgischen Volkskunst in Schneeberg, das 1.500 Schnitzer betreute.

[21] David Perteck, in: Der Spiegel Nr. 51 vom 15. Dezember 2014, S. 10 (Riechen, fühlen, sehen).

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