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Heft 133: Vom Partner zum Adoptivkind

Der Wandel in der Haltung der Bundesregierung zur DDR im Verlauf der Herbstrevolution (November 1989 bis Februar 1990)

Von: Jörg Roesler

Heft 133: Vom Partner zum Adoptivkind

Reihe "hefte zur ddr-geschichte", Heft 133, 2014, 44 S.

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Zum vorliegenden Thema referiert der Autor im Verein "Helle Panke" e.V. – Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin am 26. November 2014 im Rahmen der Veranstaltungsreihe 1989 und 1949 – Versuche für ein anderes Deutschland.

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Autor: Jörg Roesler, Prof. Dr., Wirtschaftshistoriker, Mitglied der Leibniz-Sozietät, Berlin

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INHALT

1. Das Zehnpunkte-Programm vom 28. November 1989 aus der Sicht der Historiker

2. Die deutsch-deutschen Beziehungen in den 80er Jahren

3. Das Zehn-Punkte-Programm: Fortsetzung der Partnerschaft

oder Vorbereitung der Übernahme der DDR?

4. Das Dresdener Treffen: Etappe oder Ende des Weges zur deutsch-deutschen Vertragsgemeinschaft?

5. Kohls Kehrtwende Anfang Februar 1990: Das Ende der Konzipierung der Vertragsgemeinschaft und die des Partnerschaftsprinzips im Umgang mit der DDR

6. Die Motive der Bundesregierung für die Aufkündigung der Partnerschaft mit der DDR – Fakten und Mutmaßungen

7. Abschließende Bemerkung: Verhinderte Alternativen

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LESEPROBE

1. Das Zehnpunkte-Programm vom 28. November 1989 aus der Sicht der Historiker

Am 28. November 1989 hielt Helmut Kohl vor dem Bundestag in Bonn eine Rede, in der er ein Zehn-Punkte-Programm“ zur Weiterentwicklung der Beziehungen mit der DDR vorstellte. Eine Reihe bundesdeutscher Historiker, so der Hildesheimer Michael Gehler, feiern den Zehn-Punkte-Plan, wie er heute gern genannt wird, als „eine Art Fahrplan für die Einheit“. Gehler kennzeichnet des Bundeskanzlers Programm als „geschickten Schachzug, mit dem er eine zeitgemäße Antwort auf die in Fluss geratene deutsche Frage gab“.[1] Kohl selbst hat bei dieser Einschätzung wesentlich nachgeholfen. Er hat sein Zehn-Punkte-Programm einen „Mehrstufenplan zur Wiedervereinigung“ genannt und in seiner als „Mein Tagebuch 1998–2000“ bezeichneten Veröffentlichung rückblickend seine damalige „weitsichtige politische Handlungsweise“ gelobt. Er habe, so der Kanzler in seinen Erinnerungen, mit diesem Programm „das Tor zur deutschen Einheit“ aufgestoßen.[2] Kohl wurde nicht müde, immer aufs Neue zu wiederholen, dass er stets mit der Wiedervereinigung gerechnet habe: „Ich habe seit ich mich politisch bewege, das heißt, seit meiner ersten Wahlversammlung, die war als Oberprimaner 1949 bei der Bundestagswahl, nie daran gezweifelt, ich habe nie etwas anderes gesagt, es war immer meine Überzeugung, dass die deutsche Teilung nicht bleibt, weil ich immer dieser Meinung war: Wenn man ein Volk teilt – und sich selber nicht aufgibt, das ist die Voraussetzung –, ist es so als wenn sie einen Korpus auseinander schneiden.“[3]

Keinesfalls pathetisch wie der Kanzler, aber doch überzeugt von dessen Kehrtwende in seiner Deutschlandpolitik, hat der Berliner Politologe und Historiker Stefan Bollinger Kohls Auftritt vom 28. November so charakterisiert: „Was Kohl nun zu verkünden hatte …, das sorgte für die Veränderung der Ergebnisse des 2. Weltkrieges und das Ende der Ordnung von Jalta.“[4] Bollinger betont aber – im Gegensatz zum Altkanzler – Kohls Bruch mit seiner zuvor betriebenen Deutschlandpolitik. Der Kanzler habe sich bei seinem Regierungsantritt 1982 mit der durch die neue Ostpolitik seiner sozialdemokratischen Vorgänger Willy Brandt und Helmut Schmidt gegebenen Situation abgefunden und die Kontakte mit der DDR-Führung auf gleicher Augenhöhe weitergeführt.[5]

Der Zehn-Punkte-Plan, so will es dagegen die heute vorherrschende Geschichtsauffassung in der Bundesrepublik, sei „ein kühner Griff“[6], die Krönung einer seit der Übernahme der Kanzlerschaft 1982 von Helmut Kohl unbeirrt betriebenen Deutschlandpolitik gewesen, in der er die Wiedervereinigung nie aus den Augen verloren habe. Der eigentliche Adressat des Zehn-Punkte-Programms, wird behauptet, seien nicht die Abgeordneten des Bundestages gewesen, schon gar nicht die DDR-Regierung, sondern die Ostdeutschen, die auf ihren Protestveranstaltungen gegen das „SED-Regime“ seit einigen Wochen nicht mehr „Wir sind das Volk“, sondern immer häufiger „Wir sind ein Volk“, skandierten und damit ihren „Wunsch nach einem vereinten Deutschland“ laut kundtaten.[7]

Höhepunkt nach langem Anlauf oder Bruch einer langjährigen Deutschlandpolitik der Bundesregierung? Was davon trifft nun wirklich zu?

2. Die deutsch-deutschen Beziehungen in den 80er Jahren

In seinem ersten Telefongespräch mit Erich Honecker nach der Machtübernahme hatte Helmut Kohl dem Staatsratsvorsitzenden der DDR und SED-Chef versichert, dass er bezüglich der Gestaltung der deutsch-deutschen Beziehungen die Politik seines – vom ihm gestürzten – Vorgängers Helmut Schmidt[8], fortsetzen werde.[9] Diese ging von der Existenz eines zweiten deutschen Staates als Tatsache aus. Bereits Schmidts Vorgänger Willy Brandt hatte die Formel von den „zwei Staaten und einer Nation“ geprägt.[10] Den Worten waren Taten gefolgt. Mit ausdrücklicher Billigung und Rückendeckung der Bundesregierung fädelte der bayrische Ministerpräsident Franz Josef Strauß 1983 einen Milliardenkredit für die DDR ein, als dem anderen Deutschland auf den internationalen Finanzmärkten Zahlungsschwierigkeiten drohten.[11] Der erste und ein 1984 folgender weiterer Milliardenkredit, analysiert der Wirtschaftshistoriker Matthias Judt, „fungierten … als Türöffner, der der DDR erneuten Zugang zu den Kapitalmärkten in westlichen Ländern verschaffte.“[12] Hatten 1983 erst 80 westliche Banken Stände auf der Leipziger Frühjahrsmesse unterhalten, so stieg ihre Zahl 1984 auf 97 und 1985 auf 115.[13]

Auf der Leipziger Messe wurden auch in den folgenden Jahren zwischen BRD- und DDR-Banken und -Firmen gute Geschäfte gemacht und gleichzeitig die freundlichen Beziehungen zwischen der bundesdeutschen Politprominenz und der der DDR demonstriert. Traditionell machte man einen Rundgang entlang den Messeständen. Besonders gern verweilte die Abordnung der DDR-Oberen beim ältesten Messepartner, vor den Ständen der bundesdeutschen Aussteller. Auch auf der Leipziger Frühjahrsmesse im März 1987 ließ sich Honecker nicht die Gelegenheit entgehen, mit bundesdeutschen Politikern die Hände zu schütteln und sich mit Franz Josef Strauß und Theo Waigel fotografieren zu lassen. Ungeachtet dessen blieb das im Grundgesetz der Bundesrepublik 1949 festgeschriebene Wiedervereinigungsgebot offiziell aufrecht erhalten, das bis 1972 als Argument für die Nichtanerkennung der DDR als zweiten deutschen Staat gedient hatte. Der Publizist und Historiker Peter Bender hat diese Schizophrenie innerhalb der politische Klasse der Bundesrepublik treffend so beschrieben: „Man glaubte nicht mehr, dass es wieder ein einziges Deutschland geben werde, aber weigerte sich strikt, das Kreuz auf die Teilung zu machen. Keine Partei und keine größere Gruppe wagte jemals, das Tabu zu verletzen. Einige Sozialdemokraten, welche die Präambel des Grundgesetzes ändern wollten, und einige Christdemokraten, die nichts mehr von Wiedervereinigung im CDU-Programm wissen wollten, verfielen einem politisch-moralischen Verdikt.“[14]

Im September 1987 besuchte Honecker auf Einladung von Bundeskanzler Kohl die BRD. Der Staatsratsvorsitzende der DDR und Generalsekretär der SED wurde bei seiner Visite mit allen protokollarischen Ehren, so auch mit DDR-Nationalhymne und DDR-Flagge, empfangen. Man unterzeichnete bei dieser Gelegenheit drei Abkommen aus dem Bereich Wissenschaft und Technik, Umweltschutz und Strahlenschutz.[15] „Hymnen, Fahnen; Polizeieskorten, Rituale der Macht fünf Tage lang mit protokollarischer Akribie in Szene gesetzt“, schätzt der Journalist und Publizist Manfred Rexin ein, „sie dienten zahllosen Kommentatoren als Beleg für die These, dass die nun endgültig anerkannte Doppelstaatlichkeit der Deutschen fortdauern werde – bestimmt in den 90er Jahren und vermutlich über den Rest des Jahrhunderts hinaus“.[16] In einer Fernsehrunde unmittelbar nach dem Honecker-Besuch in der BRD fasste der bekannte Schweizer Dramatiker Friedrich Dürrenmatt seine Eindrücke von dem Ereignis so zusammen: Er habe „der inszenierten Beerdigung der deutschen Wiedervereinigung“ beigewohnt.[17]

Von Seiten der wichtigsten Oppositionspartei in der Bundesrepublik, der SPD, hatte Kohl bei der Arrangierung des Honeckerbesuchs keine Kritik zu fürchten. Der stellvertretende SPD-Vorsitzende und Spitzenkandidat für die Bundestagswahl vom Januar 1987, Johannes Rau, war Mitautor des im August 1987 zwischen Vertretern der SPD und der SED verfassten Grundsatzpapiers, in dem es zum Verhältnis BRD und DDR hieß: „Beide Seiten müssen sich auf einen langen Zeitraum einrichten, während dessen sie nebeneinander bestehen und miteinander auskommen müssen.“[18]

Dementsprechend gab es von der wichtigsten Oppositionspartei im Bundestag keine Einwände gegen Kohls Zehnpunkteplan. Hans-Jochen Vogel, der SPD-Vorsitzende, erklärte, gemeinsame deutsch-deutsche Institutionen und die Schaffung einer deutschen Konföderation könnten wichtige Schritte auf dem Weg zum Ziel, der Einheit und Freiheit Deutschlands, sein.

Mit Ausnahme der Grünen unterstützten alle Fraktionen des Bundestages Kohls Plan.(19)Allerdings forderte die SPD-Bundestagsfraktion, dass ins Programm drei weitere Punkte aufgenommen werden müssten, darunter die (von Kohl für den Fall der in Punkt 10 angesprochenen Vereinigung nicht erwähnte) Unantastbarkeit der polnische Westgrenze. Da sich die Bundesregierung weigerte, diesen Punkt zu ändern, billigten nur die CDU und die FDP im Bundestag Kohls deutschlandpolitische Entschließung.[20]

Ernsthafter als mit Vertretern der Opposition hatte der Bundeskanzler sich mit Gegnern seiner Politik der Partnerschaft mit der DDR innerhalb der eigenen Partei auseinanderzusetzen. Alfred Dregger, langjähriger Fraktionsvorsitzender der CDU im Bundestag, hatte bereits 1984, als ein – letztendlich von der sowjetischen Führung vereitelter – Honecker-Besuch in der Bundesrepublik vorbereitet wurde, in einem Interview mit der „Welt“ davor gewarnt, Honecker zu einem Besuch in Bonn zu drängen, da dies auf eine Aufwertung des Generalsekretärs der SED hinauslaufe. SPD-Vorsitzender Willy Brandt vermutete hinter Dreggers Äußerungen sicher zu recht „den dahinter verborgenen Widerstand der Unionsparteien“[21]. Im Jahre 1987, als Honecker tatsächlich anreiste, war das Kräfteverhältnis zwischen dem Kohl’schen und dem konservativen Flügel der Unionspartei unverändert. Nicht umsonst mahnte der damalige Kanzleramtsminister Wolfgang Schäuble mit Blick auf die Rechten innerhalb der Partei im Vorfeld der Visite zu großer Behutsamkeit.[22] Eine Änderung in den sich verfestigenden, ihnen nicht genehmen deutsch-deutschen Beziehungen zu erreichen, gelang Kohls konservativen Gegnern innerhalb der CDU jedoch nicht.

Erst mit Beginn des Jahres 1989 begannen sich aus der Sicht der Bundesrepublik die deutsch-deutschen Beziehungen weniger harmonisch zu gestalten. Anfang Februar 1989 waren zwei DDR-Bürger bei einem Fluchtversuch an der Grenze erschossen bzw. schwer verletzt worden. Daraufhin sagten zwei Bundesminister ihren bereits geplanten Besuch auf der Leipziger Frühjahrsmesse ab.[23] Ein Boykott der Messe war damit allerdings nicht beabsichtigt. Der innerdeutsche Handel blieb auch 1989, was er seit zwei Jahrzehnten war, ein wesentliches Moment der deutsch-deutschen Beziehungen.

Ganz in diesem Sinne hatten die Regierungen der Bundesländer ihre Teilnahme-Zusagen für die Leipziger Frühjahrsmesse 1989 aufrecht erhalten. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Johannes Rau besuchte die Messe in Leipzig ebenso wie der Wirtschaftsminister von Baden-Württemberg Lothar Späth. Günter Mittag, der Wirtschaftssekretär des ZK der SED, unterrichtete Späth über Kooperationsabsichten der DDR mit westlichen Firmen im kommenden Fünfjahrplanzeitraum (1991–1995). Der baden-württembergische Wirtschaftsminister dankte ihm und versicherte, dass aus seiner Sicht in den letzten Jahren ein richtiger Weg zur Stärkung des Wirtschaftsaustausches beschritten worden wäre. In der Tat stünde jetzt ein qualitativer Sprung bevor.[24]

Keine drei Monate nach den Begegnungen von Politikern aus der BRD und der DDR auf der Leipziger Messe setzte, eingeleitet mit der offiziellen Demontage der ungarischen Grenzbefestigungen gegenüber Österreich, eine Fluchtwelle aus der DDR über Österreich in die Bundesrepublik ein. In den Botschaften der BRD in Budapest, Warschau und Prag und in der Vertretung der BRD in Ost-Berlin begannen sich ausreisewillige DDR-Bürger zu sammeln. Im Juli/August vollzog sich die größte Massenflucht aus der DDR seit dem Bau der Mauer 1961.[25] Die DDR-Führung zeigte sich nach außen hin wenig beeindruckt. Das Außenministerium der DDR reagierte am 7. August 1989 allerdings scharf: Die „lautstarke Kampagne um einige DDR-Bürger“, denen in diplomatischen Vertretungen der BRD „widerrechtlich Aufenthalt gewährt“ werde und die „auf illegalen Wegen in den Westen gelangen wollen“, stelle „eine grobe Einmischung in souveräne Angelegenheiten der DDR dar“.[26]

Anders als die bundesdeutschen Medien konnte sich die Bundesregierung an den Botschaftsflüchtlingen nicht so recht begeistern. Sie rechnete, wie der DDR-Experte Staatssekretär Walter Priesnitz es im Juni formulierte, „mit Honeckers Verbleiben im Amt über 1990 hinaus“[27] und sah ihre guten Beziehungen zum anderen deutschen Staat gefährdet. Vertreter der Bundesregierung bemühten sich um Beschwichtigung der ostdeutschen Politiker. Auf eigenen Wunsch reiste Rudolf Seiters, Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes, am 18. August in die DDR-Hauptstadt und traf sich dort mit dem stellvertretenden DDR-Außenminister Herbert Krolikowski. Sein Besuch, erklärte Seiters, diene dem Ziel, „ein politisch wie menschlich schweres Problem“ zu lösen. Er betonte, dass die Bundesregierung zu konstruktiven Beziehungen mit der DDR weiterhin bereit sei. Ein Zeichen sei, dass sie die ständige Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin am 8. August von sich aus geschlossen habe, nachdem dort 170 Ausreisewillige Zuflucht gesucht hatten. Wenn die „gegenwärtige Situation“ allerdings andauere, so Seiters, würden die Beziehungen zwischen beiden deutschen Regierungen einer Schädigung ausgesetzt. Die „gegenwärtige Situation“ ergebe sich daraus, dass die bisher von der DDR-Regierung gegebene Zusage zur Straffreiheit für die Rückkehr der „Ausreiser“, die in den Botschaften Zuflucht gefunden hatte, offensichtlich nicht ausreiche, um die in den Vertretungen befindlichen Menschen zum Verlassen der Vertretungen und zur Rückkehr in die DDR zu bewegen.[28] Die Entscheidung für eine freiwillige Rückkehr der Geflüchteten sei aber, erläuterte Seiters dem stellvertretenden DDR-Außenminister, der einzige für die BRD-Regierung gangbare Weg, bei der Behandlung des Flüchtlingsproblems den Wünschen der DDR-Regierung entgegenzukommen. Die DDR-Seite versprach daraufhin, den Botschaftsflüchtlingen großzügiger Straffreiheit zu gewähren, wenn sie die BRD-Botschaft verlassen würden sowie die Genehmigungsquote bei der Überprüfung der Anträge auf ständige Ausreise zu erhöhen.[29]

Der Besuch des Kanzleramtsministers beim stellvertretenden Außenminister der DDR legt davon Zeugnis ab, dass die Regierung Kohl bestrebt war, die unter den sozialdemokratischen Regierungen Brandt und Schmidt entstandenen und von ihr im Sinne von partnerschaftlichen Beziehungen zur DDR-Führung weiterentwickelten Beziehungen auch unter den erschwerten Bedingungen des Jahres 1989 aufrechtzuerhalten. Sie tat etliches dafür auf dem Wege der Geheimdiplomatie. Die Grenzen ihrer Möglichkeit der – wenn nötig – stillschweigenden Zusammenarbeit sah sie jedoch dort, wo sie die Vorschriften des im Grundgesetz fixierten deutschen Vereinigungsgebots für die Opposition und die Öffentlichkeit erkennbar verletzt hätte. Erklärend, fast entschuldigend nahm der Kanzleramtsminister im Gespräch mit Krolikowski zu dieser für den Amtsträger aus der DDR offensichtlich schwer nachvollziehbaren Haltung der BRD-Regierung Stellung. Im unmittelbar nach dem 18. August von DDR-Seite aufgezeichneten Unterredungsprotokoll liest sich dieser Part der Ausführungen des Bundesministers für besondere Aufgaben so:

„Sehr ausführlich ging Seiters … auf die – wie er sagte – unterschiedlichen Rechtspositionen in der Frage der Staatsbürgerschaft ein. Er versuchte zu begründen, dass die BRD durch das Grundgesetz und das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes verpflichtet sei, für alle Deutschen zu handeln. Im Grundlagenvertrag (von 1972) sei diese Frage offen geblieben. Daraus ergebe sich, dass kein Deutscher aus einer Vertretung der BRD verwiesen werden könne. Das gleiche gelte auch hinsichtlich der Ausgabe von Pässen. Angesichts der in der BRD bestehenden Rechtslage sei die Ausgabe der Pässe rechtmäßig und die Vertretungen der BRD seien dazu verpflichtet.“[30] Was Seiters zu erklären versuchte, war, dass die massenhafte Aufnahme von DDR-Flüchtlingen in der Bundesrepublik seit Beginn des Sommers zwar unvermeidlich, dass diese Handlungen aber nicht als Aufkündigung der Partnerschaft DDR – BRD, die sich jahrelang bewährt hatte, zu werten sei.

Aus den Ausführungen des Kanzleramtsministers lässt sich schließen, dass die vielen, z.T. reißerischen Berichte der BRD-Presse über die Flucht von DDR-Bürgern in die bundesdeutschen Botschaften bzw. über die ungarisch-österreichische Grenze, die die SED-Führung sehr verärgerte, der Bundesregierung nicht gerade gelegen kamen. Honecker hatte sie als „zügellose Verleumdungskampagne, die derzeit, international koordiniert, gegen die DDR geführt wird“ gebrandmarkt und beklagt, dass diese Art Berichterstattung darauf abziele, „Menschen zu verwirren und Zweifel in die Kraft des Sozialismus zu setzen“.[31] Es war anders als der Generalsekretär der SED und mancher SED-Funktionär glaubte: Vom Bundespresseamt koordiniert wurde diese Kampagne mit Sicherheit nicht. Auf einer Pressekonferenz zwei Tage nach dem sogenannten Paneuropa-Picknick vom 19. August 1989, das von DDR-Bürgern zur Massenflucht in den Westen genutzt worden war, wurde der Bundeskanzler von Journalisten auf die noch in den bundesdeutschen Botschaften in mehreren osteuropäischen Staaten ausharrenden DDR-Flüchtlinge angesprochen: Auf einer Pressekonferenz am 22. August in Bonn erklärte Kohl: Daraus dürfe sich für die Medien „keine große Stunde des Klamauks“ ergeben.[32] Deutlicher durfte der CDU-Kanzler mit Rücksicht auf die Konservativen in der eigenen Partei kaum werden.

Bei den Journalisten war es wohl mehr deren Streben mit Sensationsmeldungen höhere Auflagen zu erzielen, das sie veranlasste, den Fluchtgeschichten zunehmend Platz zu reservieren und die Gefahren, deren sich die Flüchtenden dabei aussetzten, womöglich zu übertreiben.[33] Ihre immer mehr Zweifel an der SED-Herrschaft weckende Wirkung auf die DDR-Bevölkerung verfehlten allerdings die Presseberichte auch ohne Zutun bundesdeutscher Regierungsinstitutionen nicht.

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[1] Michael Gehler, Deutschland. Von der Teilung zur Einigung. 1945–heute, Bonn 2011, S. 325.

[2] Helmut Kohl, Mein Tagebuch 1998–2000, München 2000, S. 220.

[3] Zit. in: Jürgen Leinemann, Helmut Kohl. Die Inszenierung einer Karriere, Berlin 1998, S. 61.

[4] Stefan Bollinger, 1989 – eine abgebrochene Revolution. Verbaute Wege nicht nur zu einer besseren DDR? Berlin 1999, S. 269.

[5] Ebenda, S. 144, 266.

[6] Heinrich August Winkler, Der lange Weg nach Westen II. Deutsche Geschichte 1933–1990, Bonn 2004, S. 522.

[7] Gehler, S. 325, Winkler, S. 522.

[8] Vgl. dazu: Jörg Roesler, Kanzlersturz. Wirtschaftlich-soziale Grundsatzentscheidungen am Wähler vorbei. Pankower Vorträge, Heft 170, Berlin 2012, S. 30–33.

[9] Matthias Judt, Der Bereich Kommerzielle Koordinierung. Das DDR-Wirtschaftsimperium des Alexander Schalck-Golodkowski – Mythos und Realität, Berlin 2013, S. 162.

[10] Peter Bender, Deutschlands Wiederkehr. Eine ungeteilte Nachkriegsgeschichte 1945–1990, Stuttgart 2007, S. 284.

[11] Vgl. Alexander Schalck-Golodkowski, Deutsch-deutsche Erinnerungen, Hamburg 2000, S. 289–304.

[12] Judt, S. 164.

[13] Ebenda, S. 165.

[14] Bender, S. 283.

[15] Hans-Georg Lehmann, Deutschland-Chronik 1945 bis 2000, Bonn 2002, S. 338–339.

[16] Manfred Rexin, „Der Besuch September 1987: Honecker in der Bundesrepublik“, in: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitschrift Das Parlament 40–41/1997, S. 11.

[17] Neue Züricher Zeitung v. 13.9.1987.

[18] Zit. in: Kohl, S. 71.

[19] Winkler, S. 523.

[20] Ebenda, S. 526.

[21] Die Welt v. 23.8.1984/ 5.9.1984.

[22] Rexin, S. 8.

[23] Lehmann, S. 359.

[24] Vgl. „Vermerk über ein informelles Gespräch von Lothar Späth, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, mit Alexander Schalck am 19. Mai 1989“, in: Detlef Nakath/Gerd-Rüdiger Stephan, Countdown zur deutschen Einheit. Eine dokumentierte Geschichte der deutsch-deutschen Beziehungen 1987–1990, Berlin 1996, S. 179–184.

[25] Lehmann, S. 359–362.

[26] Zit. in: Zeno u. Sabine Zimmerling, Neue Chronik der DDR, 1. Folge, Berlin 1990, S. 9.

[27] Konrad Jarausch, Die Umkehr. Deutsche Wandlungen 1945–1995, München 2004, S. 290.

[28] Nakath/Stephan, S. 197.

[29] Vgl. „Vermerk über ein Gespräch von Herbert Krolikowski, stellvertretender DDR-Außenminister, mit Kanzleramtsminister Rudolf Seiters am 18. August 1989“, in: Nakath/Stephan, S. 200.

[30] Ebenda, S. 197.

[31] Zit. in: Zimmerling, S. 75.

[32] Zit. in: Zimmerling, S. 16.

[33] Bollinger, S. 123.

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