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Heft 132: Dramatische Antipoden - Peter Hacks, Heiner Müller und die DDR

Von: Ronald Weber

Heft 132: Dramatische Antipoden - Peter Hacks, Heiner Müller und die DDR

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Autor: Ronald Weber

Jg. 1980, studierte Deutsche Philologie, Neuere und Neueste Geschichte sowie Politikwissenschaften an der Georg-Mercator-Universität Duisburg und der Georg-August-Universität Göttingen und promovierte im Juli 2014 zum Dr. phil.

Zum vorliegenden Thema referierte der Autor 2013 im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Literatur und Gesellschaft“.

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INHALT

Einleitung

1. Leitstern Brecht: Hacks und Müller in den 1950er Jahren

Das didaktische Theater

Hacks und Müller als häretische Gruppe im literarischen Feld

2. Getrennte Wege: die 1960er Jahre

Der Skandal um „Die Umsiedlerin“

„Moritz Tassow“ – ein Gegenentwurf?

Die gescheiterte Teamarbeit: „Der Glücksgott“

Die gemeinsame Abkehr vom Gegenwartsdrama

Die sozialistische Klassik

Divergierende Geschichtsphilosophien

Lehrstück vs. Königsdrama

3. Der Streit zwischen Hacks und Müller

Das Ende des sozialistischen Absolutismus

Die kulturpolitische Liberalisierung und ihre Folgen

Das Öffentlichwerden der Kontroverse – Müllers „Macbeth“

„Hacks ist Monarchist“ – Müllers Reaktionen

Hacks und Müller – eine „Feldschlacht“

Hacksʼ Kampf gegen die Romantik

Antiromantische Dramatik

Die Ausbürgerung Wolf Biermanns und ihre Folgen

Inversion: Von ,Hacks und Müllerʻ zu ,Müller und Hacksʻ

4. Heiner Müllers Mantel

5. Fazit: Zwei antagonistische Konzeptionen sozialistischen Theaters

6. Literaturverzeichnis

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LESEPROBE

Einleitung

Im Nachlass Heiner Müllers (1929–1995) findet sich eine Notiz über Peter Hacks (1928–2003), die vom Ende der 1980er Jahre stammen dürfte. In Müllers schwer lesbarer Handschrift heißt es apodiktisch über den ehemaligen dramatischen Weggefährten: „Hacks – fester Platz in der Literaturgeschichte als Erfinder des klassizistischen Kabaretts.“ Müller, der sich zeitlebens mit dem Gewaltcharakter der sozialistischen Revolution und der aus ihr hervorgegangenen Gesellschaften beschäftigte, attestiert Hacks „innere Blutungen“, einen Verlust an Substanz, den er darauf zurückführt, dass Hacks „sein Leben sein Denken“ für den Sozialismus reduziert habe. Das Ergebnis sei eine vor allem auf das Denken abgestellte dramatische Literatur, die mit dem Leben wenig gemein habe. Hacks sei der „Nurphilosoph“ unter den Dichtern.[1] Ähnlich scharf hatte sich Peter Hacks kurz vor seinem Tod in einem Interview über Müller geäußert: „Müller […] hat sein Frühwerk radikal verleugnet, hat seinen Frieden mit der SED, mit der Stasi, mit dem Regietheater, mit dem Modernismus gemacht. [...] Müller ist mit einem Bruch abgegangen. Er wollte nicht von Kommunisten ernstgenommen werden. Er wollte vom Broadway ernstgenommen werden.“[2]

Die gegenseitige Beschreibung als sozialistischer Betonkopf und westlicher Modernist markiert den Endpunkt der Kontroverse zwischen den beiden wichtigsten Dramatikern der DDR. Die Geschichte dieser Auseinandersetzung, die eine der bedeutendsten innersozialistischen ästhetischen Kontroversen und zugleich eine Teilgeschichte der DDR-Brecht-Schule sowie des DDR-Dramas darstellt, wird im Folgenden in ihren Hauptaspekten beschrieben.[3]

Dabei kann die Darstellung auf Vorarbeiten zurückgreifen, zählt doch die Kontroverse zwischen Hacks und Müller keineswegs zu den vergessenen Auseinandersetzungen der Literaturgeschichte. So hat der Streit, der den ZeitgenossInnen eine Richtungsentscheidung pro Hacks oder pro Müller abverlangte, seinen Niederschlag in zahlreichen autobiographischen Schriften gefunden, und auch in wissenschaftlichen Publikationen findet er verschiedentlich Erwähnung. Eine umfassende Darstellung über das Verhältnis zwischen Hacks und Müller, das allzu oft auf ein planes Motiv der Konkurrenz verkürzt wurde – auf einen „Diadochenkampf um die Brechtnachfolge“ oder gar um die Nebenbuhlerschaft um Heiner Müllers Ehefrau Inge Müller, die sich, schwer traumatisiert durch ihre Erfahrungen am Ende des Weltkriegs, 1966 das Leben nahm[4] – existiert aber nicht. Tatsächlich wurden Hacks und Müller kaum je systematisch zueinander in Bezug gesetzt. Vielmehr gilt die Auseinandersetzung zwischen beiden – obwohl unstrittig ist, dass sie „innerhalb des DDR-Theaters schulbildend gewirkt“ haben – als „ein folgenloser Streit“.[5] Auch werden die ästhetischen Konzepte beider Dramatiker oftmals auf einzelne Schlagworte reduziert, was vor allem in literarhistorischen Überblicksdarstellungen zu Missverständnissen und Verkürzungen geführt hat.

In der Darstellung des Streits außen vor blieb bisher auch der (kultur)historische Kontext. Die in den 1970er Jahren beginnende Rezeption der literarischen und philosophischen Romantik sowie Hacksʼ Kampf gegen diese – ein Versuch der Einflussnahme auf die Entwicklungen innerhalb der DDR-Literatur, in dessen Zusammenhang auch der Streit mit Heiner Müller zu verstehen ist – spielt in der Forschung kaum eine Rolle.[6] Erst vor dem Hintergrund der mit der Öffnung des vormals streng reglementierten literarischen Kanons einsetzenden Gruppenbildungsprozesse zu Beginn der 1970er Jahre erklärt sich aber die Spaltung der DDR-Literatur, die mit den Protesten gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns ihren Höhepunkt fand und das kulturelle Leben der DDR bis zu ihrem Ende prägte. Der sozialistische ,Klassikerʻ Peter Hacks und sein ,modernistischerʻ Gegenspieler Heiner Müller stehen beispielhaft für diesen Spaltungsprozess.

Dass ästhetische und politische Haltungen hierbei miteinander verknüpft sind, erklärt sich selbstverständlich aus dem engen Zusammenhang von Kultur und Politik, der alle kulturellen Phänomene der DDR (nicht allein im Zusammenhang mit der bis in die 1970er hinein omnipräsenten Kulturpolitik) kennzeichnet. Die UrheberInnen der DDR-Literatur als politisch eigenständig Denkende aufzufassen – und nicht lediglich als „staatlich besoldete Funktionäre“[7] auf der einen oder Oppositionelle auf der anderen Seite – ist aber, überblickt man die Debatten zur DDR-Literatur, keineswegs selbstverständlich. Es sei daher betont, dass Peter Hacks und Heiner Müller eminent politische Dichter waren, oder anders gesagt: Ihre literarische Produktion sowie ihre ästhetische Reflexion ist – nicht ausschließlich, aber ursächlich – vor dem Hintergrund der politischen Geschichte des Sozialismus zu verstehen. So sind Hacks und Müller mit einem schönen Wort von Georg Lukács nicht nur künstlerische „Historiker des entstehenden Sozialismus“[8], sondern stehen hinsichtlich ihrer ästhetischen Programme auch für zwei divergierende Konzepte sozialistischer Dramatik. Sie sind, wie im Folgenden zu zeigen sein wird, die dramatischen Antipoden der DDR.

Die Darstellung orientiert sich an der historischen Chronologie: Auf eine gemeinsame, ganz im Zeichen Brechts stehende Phase (Kapitel I) folgt im Zusammenhang der Ausbildung eigenständiger ästhetischer Programmatiken eine zunehmende Distanzierung voneinander (Kapitel II), die in den 1970er Jahren in einen offen geführten Streit übergeht (Kapitel III). In einem kurzen Ausblick werden die ,Nachhut-Gefechteʻ des Streits im Anschluss an die Niederlage des Sozialismus in den Blick genommen (Kapitel IV). Wie Hacksʼ und Müllers ästhetische Konzeptionen vor dem Hintergrund der Literaturgeschichte der DDR zu beurteilen sind und welche Bedeutung ihnen zukommt, wird abschließend im Fazit (Kapitel V) diskutiert.

[1] Akademie der Künste, Heiner Müller-Archiv, Nr. 4598.

[2] AEV 104.

[3] Der vorliegende Text ist eine kurze Zusammenfassung meiner Dissertation „Das antagonistische Drama des Sozialismus. Peter Hacks, Heiner Müller und der Streit im literarischen Feld der DDR“. – Um die Lesbarkeit der Darstellung zu erhöhen, wurde soweit wie möglich auf ,akademischen Ballastʻ verzichtet. Methodische und forschungsgeschichtliche Fragen bleiben daher im Folgenden weitgehend außen vor. Auch die Verweise auf Forschungsliteratur wurden auf ein Minimum begrenzt.

[4] Turk 2003, S. 259. Vgl. Weidermann 2003.

[5] Mittenzwei 1978, S. 528 u. Stillmark 2000, S. 424. Siehe neben Arbeiten, die einzelne Texte von Hacks und Müller vergleichen: Bernhardt 1979 sowie neuerdings Fischborn 2012. Auch der Müller-Biograph Jan-Christoph Hauschild beschäftigt sich in einem kurzen Kapitel mit dem Verhältnis zwischen Hacks und Müller (vgl. Hauschild 2003, S. 290 f.); ähnlich knapp auch Trilse 1980, S. 59–61.

[6] Eine Ausnahme bilden die Arbeiten von Bernd Leistner: Leistner 1991 u. Leistner 2001. Siehe auch: Heukenkamp 2008 u. Weber 2011.

[7] Rothmann 2009, S. 313.

[8] Lukács 1956, S. 82.

Hier finden Sie eine Rezension des "Heftes zur DDR-Geschichte" Nr. 132 in der Tageszeitung Junge Welt auf der Seite 11 am 22. November 2014 mit dem Titel "das Shakespearesche Plotting".

  • Preis: 3.00 €