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Heft 131: Partisan im Kulturbetrieb

Beiträge zum 100. Geburtstag von Walter Janka

Heft 131: Partisan im Kulturbetrieb

Reihe "hefte zur ddr-geschichte", Heft 131, 2014, 60 S.

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Das Heft vereinigt die Tagungsbeiträge einer Konferenz, die am 18. Januar 2014 anlässlich des 100. Geburtstages von Walter Janka in Berlin stattfand und vom Verein Helle Panke e.V. in Kooperation mit dem Aufbau-Verlag, dem Theater Aufbau Kreuzberg und dem Kulturforum der Rosa-Luxemburg-Stiftung organisiert wurde.

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INHALT

 

Birgit Ziener/Alexander Amberger

 

„Daß die geistige Potenz gegen die Politik der Partei wirksam wird.“

 

Michael Brie

 

Was bleibt? Die kommunistische Verfolgung von Kommunistinnen und Kommunisten und der Fall Walter Janka

 

Carsten Wurm

 

El Libro Libre und Aufbau. Walter Jankas Verlagsarbeit

 

Dieter Wolf

 

Erinnerungen an den DEFA-Dramaturgen Walter Janka

 

Podiumsgespräch

 

mit Jens-Fietje Dwars, Christoph Links, Dietmar Keller und Alfred Eichhorn (Moderation)

 

Schwierigkeiten mit der Wahrheit? Jankas Rolle in der Wendezeit aus damaliger und heutiger Perspektive

 

Walter Janka und Wolfgang Harich

 

Eine Stellungnahme des Historikers Wolfgang Kießling aus dem Jahre 1990

 

Kommentiert von Günter Benser

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LESEPROBE

Birgit Ziener/Alexander Amberger

„Daß die geistige Potenz gegen die Politik der Partei wirksam wird.“

Als wir Anfang 2013 die Idee hatten, den im Folgejahr anstehenden 100. Geburtstag Walter Jankas zum Thema einer größeren Veranstaltung zu machen, war sein Name weitgehend in Vergessenheit geraten. Umso erfreuter waren wir am 18. Januar 2014 über die Resonanz auf unsere Tagung im Theater Aufbau Kreuzberg (TAK). Unserer Einladung in das Gebäude des Aufbau Verlags waren viele Gäste und Zeitzeugen gefolgt – dies zeigt, dass Jankas Leben und dass die Schattenseiten und Widersprüche des „real existierenden Sozialismus“ auch 25 Jahre nach dem Mauerfall noch auf kritisches linkes Interesse stoßen.

Der 1914 in Chemnitz geborene Janka kam aus proletarischem Milieu, wurde früh zum Kommunisten sozialisiert, lernte Schriftsetzer und übernahm bereits mit 16 Jahren Organisationsaufgaben im Kommunistischen Jugendverband Deutschlands (KJVD). Im Jahr 1933 wird sein älterer Bruder Albert Janka, ebenfalls ein aktives Mitglied der KPD, verhaftet und von den Nationalsozialisten ermordet. Walter selbst wird wie sein Vater und seine Geschwister im Anschluss ebenfalls inhaftiert. Aus dem Gefängnis entlassen, ging Janka in den Untergrund und wurde aktiv im kommunistischen Widerstand, der von Prag aus agierte. Er schloss sich im Spanischen Bürgerkrieg den Interbrigaden an. Dort lernte Janka, Partisan zu sein und geriet zum ersten Mal mit Erich Mielke in Konflikt, der unter dem Pseudonym Fritz Leissner im Auftrag Moskaus Verhöre von Anarchisten und Trotzkisten innerhalb der Brigadisten verantwortete.

Nach dem Sieg Francos flieht Janka nach Frankreich und wird in Le Vernet interniert. Im November 1941 gelingt ihm die Flucht nach Marseille und von dort nach Mexiko, wo er dank seiner schriftsetzerischen Ausbildung Anstellung fand und in den Jahren 1942 bis 1946 selbst als Verleger für Exilliteratur auftrat (der Beitrag von Carsten Wurm in diesem Heft widmet sich seiner verlegerischen Tätigkeit).

Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte Janka nach Deutschland zurück und war in die Gründungen der DEFA und des Aufbau-Verlages involviert. Als dessen Leiter geriet er Mitte der fünfziger Jahre mit der SED-Führung in Konflikt. Im Aufbau-Verlag bildete sich ein Ulbricht-kritischer Zirkel, der sog. „Kreis der Gleichgesinnten“ bzw. die „Gruppe Harich“, die Ende 1956 verhaftet und 1957 zu hohen Zuchthausstrafen verurteilt wurde – Janka bekam fünf Jahre. Nach seiner Haft arbeitete er u.a. als Dramaturg bei der DEFA (siehe den Beitrag von Dieter Wolf in diesem Heft), sein Name blieb allerdings im Hintergrund und geriet in Vergessenheit. Das änderte sich im Herbst 1989 mit der öffentlichen Lesung seiner Erinnerungen an die Geschehnisse 1956/57 im Berliner Deutschen Theater. Jankas Memoiren zogen eine Debatte über Stalinismus (in der DDR) nach sich. In den letzten Jahren seines Lebens, Janka starb 1994, wuchs in ihm die Verbitterung über das Geschehene und über den Umgang der Gesellschaft und v.a. der Linken mit ihm. Zudem lieferte er sich mehrere Gerichtsprozesse gegen seinen Mitstreiter von 1956, Wolfgang Harich, über die Auslegung der Geschehnisse von damals.

Ziel unserer Janka-Tagung war nicht, die Heldenkrone des DDR-Oppositionellen aufzupolieren – eine Krone, die ihm 1989 und in den Folgejahren aufgesetzt wurde, was er aber auch nicht völlig abgeneigt über sich ergehen ließ. Wir wollten vielmehr Jankas Leben exemplarisch als Biografie eines überzeugten Kommunisten im „Jahrhundert der Extreme“ (Hobsbawm) einordnen.

Aus heutiger Perspektive – und es sind ja noch gar nicht so viele Jahre seither vergangen – wirken schließlich viele Entscheidungen, die er und die Genossinnen und Genossen seiner Zeit im Sinne der Partei bzw. des Kommunismus trafen, nur schwer nachvollziehbar. Der Jubilar sollte stellvertretend für eine ganze Generation thematisiert werden.

Exemplarisch dafür standen drei Themen im Mittelpunkt: Jankas Wirken als Verleger im Exil und in der DDR, seine Arbeit für die DEFA und seine Rolle in der Wendezeit 1989/90. Überall hier wirkte er nachhaltig, überall zeigt sich an seinen Erlebnissen die Widersprüchlichkeit der jeweiligen historischen Umstände. Der Hauptwiderspruch war dabei jener dystopische zwischen Individuum und Kollektiv, zwischen Unterordnung und Aufbegehren. Janka war niemand, der sich unterordnen wollte – weder den Nazis, noch der ulbrichtschen (Kultur-)Politik, noch Erich Mielke, noch dem Ministerium für Staatssicherheit. Janka war Partisan und so agierte er auch. Die Folgen nahm er bewusst in Kauf. Vermutlich konnte er nicht anders, sein Charakter, seine Sozialisation haben ihn so handeln lassen.

Liest man Jankas Memoiren, so entsteht der Eindruck, dass er kaum Fehler machte, dass meist die anderen schuld waren, er oft zum Opfer weniger charakterstarker, weniger geradliniger Typen wurde. Das ist der Eindruck. Und erwiesenermaßen entsprechen seine Erinnerungen auch nicht an allen Stellen den historischen Fakten. Das ist im Prinzip nicht verwerflich, denn ein Menschenleben ist lang und gerade seines war voller Ereignisse, voller namhafter Weggefährten und Zeitgenossen. Was er erlebte – im Guten wie im Schrecklichen – bleibt den meisten Menschen verwehrt bzw. erspart. Dass er sich bei einer solchen qualitativen und quantitativen Lebensfülle nicht fotografisch an alle Details erinnern konnte, dass Aussagen nach Jahrzehnten nicht im Wortlaut wiedergegeben werden können, ist kein Grund für Kritik. Problematisch wird es – und dieser Makel muss dem späten Janka attestiert werden – wenn auch Fakten nicht zu Einsicht führen, wenn aus dem Opfer Janka der strahlende Held Janka konstruiert wird. Und es kann auch als ein später Sieg Mielkes, als ein Resultat der Spaltungsstrategie Ulbrichts interpretiert werden, dass sich die beiden Opfer von 1956/57, Janka und Harich, nach 1990 bitter und verbittert befehdeten. Beide waren überzeugte Kommunisten und über das Ende der DDR nicht erfreut. Doch statt sich auszusprechen, möglicherweise gar zu versöhnen, führten sie eine juristische Schlammschlacht und beschädigten dabei gegenseitig ihren Ruf.

Dieses Kapitel aus der Biografie wollten wir in der Konferenz bewusst ausklammern, da es unserer Meinung nach wenig zielführend ist: Die konträren Standpunkte und Gegenstandpunkte sind hinlänglich bekannt, können in den jeweiligen Memoiren nachgelesen werden und dienen seit zwei Jahrzehnten den Anhängern der jeweiligen Seite als Argumentationsgrundlage. Diese Situation scheint nicht auflösbar zu sein, solang sie starke emotionale und teils persönliche Befindlichkeiten weckt. Möglicherweise kann die Forschung in einigen Jahren oder Jahrzehnten sachlich und nüchtern die Vorgänge rekapitulieren und einschätzen. Heute ist das noch nicht möglich, ist die zeitliche Distanz noch nicht ausreichend. An dieser Stelle bestätigt sich, was auch im abschließenden Podiumsgespräch (transkribiert und abgedruckt am Ende dieses Heftes) betont wurde: Der Zeitzeuge ist der größte Feind des Historikers.

Man wird Janka nicht gerecht, wenn man nur seine „Heldentaten“ hervorhebt und ihn darauf reduziert, dass er – unbestritten – „ein heroischer Widerstandskämpfer gegen Faschismus und Stalinismus“ war, dessen Charme zudem die Frauenwelt begeisterte und der stets im Sinne eines ausgeprägten Gerechtigkeitsdenkens gehandelt habe. Im Rückblick wird er mancherorts zum nahezu perfekten Menschen stilisiert – ausgerechnet Janka, der von Personenkult wenig hielt. Man tut ihm damit keinen Gefallen. Denn gerade die Widersprüche in den Biografien, die vermeintlichen Irrationalitäten und Fehler im Handeln von Kommunisten des zwanzigsten Jahrhunderts, wecken ja das Interesse für ihr Leben. Sie zeigen auf, dass selbst die charakterstärkste Lichtgestalt auch nur ein Mensch war.

Jankas Agieren im Herbst 1989, als er als einer der ersten Kommunisten in der DDR seine Kritik an den stalinistischen Auswüchsen des Realsozialismus öffentlich machte und dabei auch persönliche, detailreiche Erfahrungen mit dem Repressionsapparat schilderte, war wegweisend. Sie öffnete Menschen die Augen, machte Mut und zeigte zugleich auf, dass die SED-Führung an Macht verlor. Nach seinem aufopfernden Kampf gegen den Faschismus und nach dem folgenreichen Einsatz für eine konsequente Entstalinisierung in den fünfziger Jahren war dies wahrscheinlich die dritte große „Heldentat“ des Walter Janka. Ihn darauf zu reduzieren greift jedoch zu kurz. Denken, statt Denkmäler zu bauen, das muss das Ziel sein.

Das vorliegende Heft vereint Beiträge, die unterschiedlich in ihrer kritischen Distanz zu Janka sind. Wir freuen uns, diese Beiträge drucken zu dürfen und wünschen uns zugleich, dass der Blick auf die Biografien von Kommunisten, egal ob Opfer oder Täter oder beides, zunehmend kritisch-distanzierter wird.

  • Preis: 3.00 €