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Heft 61: Entwicklungsphasen und Grundzüge der Theorie kommunikativer Vernunft von Jürgen Habermas

Von: Stefan Müller-Doohm

Heft 61: Entwicklungsphasen und Grundzüge der Theorie kommunikativer Vernunft von Jürgen Habermas

Der hier veröffentlichte Text ist die ausgearbeitete Fassung eines Vortrages, den der Autor am 3. Dezember 2018 im Verein „Helle Panke“ e.V. – Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin gehalten hat. Der Autor dankt Falko Schmieder für seine Initiative.

Autor:
Stefan Müller-Doohm ist emeritierter Professor für Soziologie mit dem Schwerpunkt Interaktions- und Kommunikationstheorien an der Universität Oldenburg, Gründer der Adorno Forschungsstelle und derzeit Leiter der Forschungsstelle für Intellektuellensoziologie. Forschungsgebiete: Soziologische Theorien, Gesellschaftstheorie, Kommunikationsforschung und Medientheorie, Kultur- und Intellektuellensoziologie. Veröffentlichungen u. a.: Adorno. Eine Biographie (2003); Jürgen Habermas. Eine Biographie (2014); als Herausgeber u. a.: Das Interesse der Vernunft. Rückblicke auf das Werk von Jürgen Habermas seit „Erkenntnis und Interesse“ (2000); (mit Richard Klein und Johann Kreuzer) Adorno-Handbuch (2011/2019); Habermas Global (2019) (mit William Outhwaite und Luca Corchia).

 INHALT

Stefan Müller-Doohm
Entwicklungsphasen und Grundzüge der Theorie kommunikativer Vernunft von Jürgen Habermas 

 Interview mit Stefan Müller-Doohm
Autor der intellektuellen Biographie: Jürgen Habermas: Eine Biographie 

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LESEPROBE

Stefan Müller-Doohm
Entwicklungsphasen und Grundzüge der Theorie kommunikativer Vernunft von Jürgen Habermas

„Humanität ist die Kühnheit, die uns am Ende übrig bleibt, nachdem wir eingesehen haben, daß den Gefährdungen einer universalen Zerbrechlichkeit allein das gefahrvolle Mittel zerbrechlicher Kommunikation selbst widerstehen kann.“ (Habermas 1970/1998, S. 215)

Biographische Stichworte
Der am 18. Juni 1929 geborene Jürgen Habermas verbringt seine Kindheits- und Jugendjahre in Gummersbach, einer Kleinstadt im Oberbergischen Land, in der Nähe von Düsseldorf. In den frühen Jahren wird der zweite Sohn ein Objekt besonderer Zuwendung der Eltern. Es werden medizinische Eingriffe notwendig, um die Auswirkungen der angeborenen Gaumenspalte zu lindern. Die Nasalierung beim Sprechen lässt sich jedoch auch durch eine Gaumenoperation nicht vollständig beseitigen. Diese Erfahrungen haben Habermas zufolge seine eigenen Denkwege beeinflusst: einerseits die Einsicht in das prinzipielle Angewiesensein des einen Menschen auf den anderen; andererseits erfährt er am eigenen Leib, welche Bedeutung „das Medium der sprachlichen Kommunikation als Schicht einer Gemeinsamkeit [hat], ohne die wir auch als Einzelne nicht existieren können. […] Wir brauchen die Sprache eher zu kommunikativen als zu rein kognitiven Zwecken.“ (Habermas 2005, S. 19 f.)

Mit 10 Jahren wird er als Mitglied der Hitler-Jugend den Feldschern zugeteilt und für eine Tätigkeit innerhalb des Sanitätsdienstes ausgebildet, dann im August 1944 auf Befehl des örtlichen Gauleiters als Flakhelfer an den Westwall geschickt, um Panzergräben auszuheben. Für die nationalsozialistische Weltanschauung mit ihrem Herrenmenschentum war er ebenso wenig empfänglich, wie er zu dieser Zeit an die Propaganda des Endsiegs glaubte. 

Das Kriegende im Mai 1945 erlebt Habermas als Befreiung, einhergehend mit dem schockhaften Bewusstsein, in einem kriminellen System gelebt zu haben, das für Menschheitsverbrechen, den Vernichtungskrieg und den Völkermord verantwortlich ist. Nie wieder Auschwitz, diesen Imperativ verbindet Habermas damit, sich mit Demokratie zu identifizieren, mit einer demokratischen Verfassung, bei der, wie er später formulieren wird, die Adressaten der Rechte zugleich die Autoren sind. Die Jahre des Studiums der Philosophie als Hauptfach verbringt er kurz in Göttingen und Zürich, dann hauptsächlich in Bonn. Seine akademischen Lehrer waren dort in erster Linie Erich Rothacker und Oskar Becker, wichtiger noch war die Begegnung mit dem sieben Jahre älteren Karl-Otto Apel. Apel entspricht nicht nur weitgehend Habermas’ damaliger Vorstellung vom lebendigen Philosophieren, mit seiner Rezeption der unterschiedlichen Strömungen der Sprachphilosophie wird er wegweisend für dessen geistige Entwicklung. Karl-Otto Apel ist damals, so erinnert sich Habermas Jahrzehnte später, „für einen kleinen Kreis Studierender zum philosophischen Lehrer geworden“. In seiner Person verkörpert er „die Sache der Philosophie selbst […], nicht von den hermeneutischen Einsichten abzulassen, keine der hermeneutischen Tugenden preiszugeben, immer sensibel zu bleiben für den geschichtlichen Kontext, die Gedanken eines Opponenten stets in seiner Stärke aufzuspüren“ (Habermas 1997, S. 86 f.).

1954 schließt Habermas sein Studium ab mit einer Dissertation über Friedrich Wilhelm Joseph Schelling mit dem Titel Das Absolute und die Geschichte. Von der Zwiespältigkeit in Schellings Denken.

Nach einem kurzen, durchaus erfolgreichen Intermezzo als freier Journalist wird Habermas 1956 Assistent von Theodor W. Adorno am Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main. Von Adorno, den er als Vorbildintellektuellen wahrnimmt, lernt Habermas, dass eine wichtige Aufgabe des Philosophen darin besteht, öffentlich Stellung zu beziehen, sich politisch zu engagieren, die Stimme gegen gesellschaftliche Missstände, Ungerechtigkeit zu erheben. Während die Beziehung zu Adorno von wechselseitigem Respekt getragen ist, hat Habermas zu Max Horkheimer ein angespanntes Verhältnis. Der Institutsdirektor verübelt ihm sein politisches Engagement gegen die Atombewaffnung und lehnt das damals von Habermas vertretene Konzept einer Geschichtsphilosophie in praktischer Absicht ab. (Vgl. Yos 2019, S.275–380) Zwar spielt in den frühen, in dem Band Theorie und Praxis von 1963 versammelten Texten von Habermas die Revolutionstheorie von Marx eine große Rolle, aber sein Zugang zum  Historischen Materialismus ist ein kritischer. So wendet er sich beispielweise explizit gegen die Verelendungstheorie von Marx und den Primat der Produktivkräfte. Statt auf die verändernde Kraft einer proletarischen Revolution zu hoffen, setzt Habermas damals schon und mit Nachdruck auf „eine fortschreitende Demokratisierung der Gesellschaft“, die „auch innerhalb der kapitalistischen Wirtschaftsordnung nicht von vornherein ausgeschlossen“ sei. (Habermas 1963, S. 198) Habermas nutzt seine Unabhängigkeit, die ihm ein Habilitationsstipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft gewährt, um im Oktober 1929 die Stelle am Institut aufzugeben – sehr zum Bedauern von Adorno.

Seine Habilitation schließt Habermas in Marburg bei dem „Partisanenprofessor“ Wolfgang Abendroth ab. Auf Betreiben von Hans-Georg Gadamer erhält er schon 1961 einen Ruf als Außerordentlicher Professor für Philosophie in Heidelberg. Die Veröffentlichung des Strukturwandels der Öffentlichkeit (1962) macht ihn bald auch international bekannt, das Buch sollte sich mit der Zeit als Klassiker der politischen Philosophie erweisen.

Habermas wird 1964 in Frankfurt Nachfolger von Horkheimer auf dessen Lehrstuhl für Philosophie und Soziologie. Die ehemaligen Animositäten gehören der Vergangenheit an, nachdem sich Horkheimer nach der Emeritierung auch von der Leitung des Instituts für Sozialforschung zurückgezogen und Habermas mit dem Buch Erkenntnis und Interesse von 1968 einen großen wissenschaftlichen Erfolg hatte. (Habermas 1968a, vgl. Müller-Doohm 2000) In dieser Zeit sympathisiert Habermas mit der Außerparlamentarischen Opposition (Apo), insbesondere mit der Forderung einer Demokratisierung der Universitäten. (Vgl. Habermas 1969) Auf der anderen Seite setzt er sich mit dem Aktionismus militanter Strömungen der 68er Bewegung auseinander, eine kritische Debatte, die im Vorwurf des „Linksfaschismus“ gipfelt.

Mit Carl Friedrich von Weizsäcker ist Habermas von 1971 bis 1981 Direktor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt in Starnberg. Am Max-PlanckInstitut hat Habermas als zweiter Direktor einen Zuständigkeits- und Verantwortungsbereich, der weit über den eines Lehrstuhlinhabers hinausgeht. Für die Durchführung der verschiedenen interdisziplinären Forschungsprojekte steht ihm ein niemals ganz ausgeschöpfter Pool von 15 Sozialwissenschaftlern zur Verfügung. Für diesen Forschungsverbund hat ihr Leiter zu Beginn der Projektarbeit einen theoretischen Bezugsrahmen ausgearbeitet:  Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus (1973). 1980 nimmt er eine Gastprofessur in Berkeley wahr und erhält im September den Theodor W. Adorno Preis der Stadt Frankfurt. Im Jahr 1981, als Habermas in der Folge von internen Konflikten als Institutsdirektor zurücktritt, veröffentlicht er sein Opus Magnum, die zweibändige Theorie des kommunikativen Handelns. Seit 1983 ist er wieder Philosophieprofessor in Frankfurt, der mit seiner Vorlesung Der Philosophische Diskurs der Moderne, die 1985 als Buch herauskommt, Aufsehen erregt und zugleich weiterhin die Funktion des wichtigsten öffentlichen Intellektuellen wahrnimmt.

Nach der Emeritierung im September 1994 nimmt Habermas zahlreiche Einladungen zur Vorträgen an, nimmt Gastprofessuren in aller Welt wahr und veröffentlicht kontinuierlich neben seinen großen Philosophischen Werken (Nachmetaphysisches Denken I und II, Faktizität und Geltung, Die Einbeziehung des Anderen u.a.) über 12 Bände der Kleinen politischen Schriften. Im Herbst 2001 erhält der Philosoph und Soziologe eine der bedeutendsten Auszeichnungen in Deutschland: den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Laut Begründung des Börsenvereins wird er damit als ein Zeitgenosse gewürdigt, der den Weg der Bundesrepublik Deutschland ebenso kritisch wie engagiert begleitet habe. In seiner Dankesrede nimmt Habermas die Anschläge vom 11. September in New York zum Anlass, über Bedingungen der Modernität sowie einer gelingenden Säkularisierung nachzudenken.

Die Frage der Säkularisierung lässt Habermas fortan nicht mehr los. So ist das Spannungsverhältnis von Glauben und Wissen das Leitthema seines zweibändigen Alterswerks, das vier Monate nach seinem 90sten Geburtstag unter dem Titel Auch eine Geschichte der Philosophie erscheint. Bei diesem Buch handelt es sich um eine ideengeschichtliche Selbstvergewisserung, die von den Griechen, den mittelalterlichen und neuzeitlichen philosophischen Strömungen über den Protestantismus weiter zu Hume, Kant und Hegel, bis hin zu Feuerbach, Marx und Kierkegaard geht und endet schließlich beim Pragmatismus von Peirce. Die hier in groben Zügen geschilderten lebensgeschichtlichen Stationen (vgl. Müller-Doohm 2008, 2014) markieren existentielle Wendepunkte eines Politisierungsprozesses, durch den Habermas zu einer gesellschaftstheoretischen Reflexion und Verarbeitung zeitgeschichtlicher Erfahrungsprozesse kommt.

 

  • Preis: 3.00 €
  • Erscheinungsjahr: 2020