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Heft 56: Gesellschaftspolitik

Anmerkungen zu Rosa Luxemburg

Von: Diethard Behrens

Heft 56: Gesellschaftspolitik

Reihe "Philosophische Gespräche", Heft 56, 2019
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Autor:
Dr. Diethard Behrens, Marx-Forscher und Mitbegründer der Marx-Gesellschaft, Frankfurt am Main
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INHALT:

Ausgangspunkte 
Russische Revolution I 
Russische Revolution II 
Deutsche Revolution 1918? 
Anmerkung zum Leben von Rosa Luxemburg 
Debatten der Sozialdemokratie   
Theoretische Studien 
Soziale Demokratie 
Literatur   
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LESEPROBE

Gesellschaftspolitik – Anmerkungen zu Rosa Luxemburg1

„Rosa Luxemburg - qualitative Änderung der Gesellschaft“[1]

Ausgangspunkte

Die Zeit seit dem Beginn der 90er Jahre des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Ersten Weltkriegs gilt als neue Ära. Die Zeit bis zum Beginn des „Großen Kriegs“ ist wesentlich eine Zeit der Vorkriegsstimmung und der Friedensbewegung, die vor allem von der sozialistischen Jugendbewegung in vielen Ländern getragen wurde.

In der I. und II. Internationale[2] hatte man versucht, zwischen den einzelnen nationalen Sozialistischen Parteien zu Absprachen in Bbezug auf eine mögliche Verhinderung von Kriegen zu kommen, vor allem eine Politik der Friedenssicherung betreffend. Mit dem Beginn des I. Weltkriegs, des Großen Krieges,[3] der Zustimmung zu den Kriegskrediten durch die deutsche Sozialdemokratie[4]und der Ermordung von Jean Jaurès, waren Versuche um einen Friedenserhalt dahin.

Die Bemühungen am Ende des Krieges (ab 1917), die Arbeit der Internationale und damit der Anstrengung, den Frieden wieder zu beleben, scheiterten vor allem an den nationalen Positionen der deutschen Sozialdemokratie.[5] Diesen Versuchen waren, von den linken Flügeln organisiert, die Zimmerwalder und Kientaler Konferenzen für Frieden vorausgegangen, die zu einem erheblichen Teil von Angelica Balabanoff organisiert wurden.[6] Eine kurze Weile wurde die Arbeit an der Internationalen statt von seiten der II. Internationalen dann von eben jenen wie der Zimmerwalder Bewegung übernommen.

Russische Revolution I

Im Februar 1917 bricht die russische Front zusammen. Es gibt Gerüchte über eine neue Land-Umverteilung, und die Bauern-Soldaten gehen nach Hause. Die preußisch-deutsche Armee nutzt die Stunde zu Geländegewinnen. Der Sturz des Zaren, die Einsetzung der Kerenski-Regierung mit Unterstützung durch die Narodniki, Menschewiki u. a. ist die Folge. –- Die Kerenski-Regierung entschloss sich, aufgrund der maximalistischen Forderungen der preußisch-deutschen Armee, den unpopulären Krieg fortzusetzen und eine Armee der „Weißen“ aufzubauen. Lenin und ein Teil führender Bolschewiki wurde von der preußisch-deutschen Armee im plombierten Wagen an die Grenze befördert und reist dann über Skandinavien in die (noch) russischen Gebiete. Es kommt zur Oktober-Revolution.[7]       

Rosa Luxemburg hatte 1917 die Revolution einhellig rundherum begrüßt.[8] Sie hatte aber auch bald ein Augenmerk auf die Probleme gerichtet und dabei ältere Überlegungen aufgenommen.[9]

Russische Revolution II
Rosa Luxemburg, die den Krieg teils im Gefängnis, teils in Festungshaft verbringen musste, und dazwischen nur kurzzeitig in Freiheit war, ist zu diesem Zeitpunkt, 1917, immer noch in Gefangenschaft. Sie verfolgt und kommentiert gleichwohl die Ereignisse.

Das wichtigste Element zur politischen Situation 1918 kurz vor und nach ihrer Freilassung aus dem Gefängnis ist ihr Kommentar und ihre Kritik an Besonderheiten der russischen Revolution[10] Sie betont dabei eingangs, dass die russische Revolution Moment der „internationalen Entwicklung“ sei und dass die Bolschewiki sich an der „Weltrevolution des Proletariats“ orientierten.[11] Insofern wird die Revolution selbst stark begrüßt.

Die Entwicklung wird im Rekurs auf die Ereignisse im Frühjahr 1917 dargestellt. Standen, so wird betont, anfangs, „im März 1917“, die Kadetten an der Spitze, „d. h. die liberale Bourgeoisie“, so änderte sich das bald. „Auch der kurze Versuch der liberalen Bourgeoisie, wenigstens die Dynastie und den Thron zu retten, zerschellte in wenigen Stunden.“ Es sei offensichtlich, „daß die Revolution des Jahres 1917 eine direkte Fortsetzung der Revolution von 1905–-1907, nicht ein Geschenk der deutschen ‚Befreier’ war.“[12] Die treibende Kraft sei „die Masse des städtischen Proletariats“ gewesen mit den Forderungen nach „Demokratie“ und „sofortige(m) Frieden“.[13] In der Folgezeit entwickelte sich eine Phase des Bürgerkriegs.[14] Die Macht sollte in dieser Situation den Vorstellungen der Bolschewiki nach den Sowjets gehören. Die Bolschewiki hätten richtig mit der Parole „Diktatur des Proletariats zum Zwecke der Verwirklichung des Sozialismus“ operiert.[15]Ein Problem war die Agrarfrage,[16] hier argumentiert Rosa Luxemburg mit historischen Parallelen nicht nur der Partei gegenüber. „Die Bolschewiki sind die historischen Erben der englischen Gleichmacher und der französischen Jakobiner.“[17]  Es müsse aber im Agrarprogramm weiter gegangen werden zur Zentralisierung von Grund und Boden, auch wegen seiner Bedeutung für das Internationale. Kritisiert wird Lenins Kleineigentumspolitik und das Selbstbestimmungsrecht der Völker als nationales. „Die Leninsche Agrarreform hat dem Sozialismus auf dem Lande eine neue mächtige Volksschicht von Feinden geschaffen ...“.[18] –- Die Kritik gilt auch dem Selbstbestimmungsrecht, weil dieses dem Klein-Nationalismus Vorschub leiste.[19] Das zielte auf Länder wie „Finnland, die Ukraine, Polen, Litauen, die Baltenländer, die Kaukasier usw.“[20]

Als zentraler Punkt müsse, nicht nur Rosa Luxemburg zufolge, die Frage der Demokratie angesehen werden. Wenn Trockij etwa beschließt, die Kon-stituante aufzulösen,[21] weil sie zu schwerfällig sei, so sei das zu kritisieren. Der Kampf der führenden Bolschewiki gilt aber auch, so wird festgehalten, dem Wahlrecht selbst. Man präferiert das Diktatoriale.

„Aus der Kritik Trotzkis und Lenins an den demokratischen Traditionen geht hervor, daß sie Volksvertretungen aus allgemeinen Wahlen grundsätzlich ablehnen ... Das von der Sowjetregierung ausgearbeitete Wahlrecht ist eben auf die Übergangsperiode von der bürgerlich-kapitalistischen zur sozialistischen Gesellschaftsform berechnet, auf die Periode der proletarischen Diktatur. Im Sinne der Auslegung, die Lenin-Trotzki von dieser Diktatur vertreten, wird das Wahlrecht nur denjenigen verliehen, die von eigener Arbeit leben.“[22]

Hinzu kommt, über die de facto Abschaffung des Wahlrechts hinaus, „noch die Abschaffung der wichtigsten demokratischen Garantien eines öffentlichen Lebens ...: der Pressefreiheit, des Vereins- und Versammlungsrechts“, die alle Gegner für „vogelfrei“ erklärt.[23] – Wenn Lenin den sozialistischen Staat zum als Werkzeug für die für die Repression der Bourgeoisie ausgibterkläre,[24] sei einzuwenden, dass Erziehung und Schulung der Massen wesentlich sei, nicht die Repression.[25]

Auch ist der Revolutionsbegriff bei Lenin und Trockij bloß instrumental konzipiert,[26] wie es später plakativ heißt: Algorithmus der Revolution.[27 Rosa Luxemburg betont stattdessen:

„Weit entfernt, eine Summe fertiger Vorschriften zu sein, die man nur anzuwenden hätte, ist die praktische Verwirklichung des Sozialismus als eines wirtschaftlichen, sozialen und rechtlichen Systems eine Sache, die völlig im Nebel der Zukunft liegt.“28

Auch sei bei der Gestaltung des Gesellschaftlichen „öffentliche Kontrolle notwendig“,[29] Sonst ziehe eben Korruption ein. Beachte man dies nicht, sei die Schreckensherrschaft die Alternative. Die Folge der Lenin-Trockijschen Maßnahmen bestehe in der Erlahmung des Öffentlichen, in einem Hinübergleiten in Diktatur. „Der Grundfehler der Lenin-Trotzkischen Theorie ist eben der, daß sie die Diktatur, genau wie Kautsky, der Demokratie entgegenstellen.“ Kautsky „entscheidet sich natürlich für die Demokratie, und zwar für die bürgerliche Demokratie, da er sie eben als die Alternative der sozialistischen Umwälzung hinstellt. Lenin-Trotzki entscheiden sich umgekehrt für die Diktatur einer Handvoll Personen, d.h. für bürgerliche Diktatur.“[30]

Es bestehe also die Gefahr, dass, orientiert man sich nicht an einer wie auch immer zu gestaltenden sozialistischen Demokratie, man in der Entwicklung um 70 Jahre zurückgeworfen werde. Nur 70 Jahre?

Die Revolution von 1917, im Anschluss an die Revolution von 1905–1907, besteht im Kern aus zwei Schritten: einem, der anknüpft an den vorsichtigen Parlamentarismus von 1905, der zwar als bäuerlich-bürgerlich isten, aber die Chancen der Revolution dem Nationalbewusstsein zuliebe verspielt, und einem, der sozial ein Bündnis von Bauern und Arbeitern, von Stadt und Land versucht, an entscheidenden Punkten indes politisch an der Tradition des Zarismus orientiert bleibt. Letztere Variante war dann nicht nur Beispiel, sondern auch in der Folge Projektionsfläche von Sozialutopien, die weit von den realen Gegebenheiten in Rußland und Europa entkoppelt waren und sind.
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[1]  Beginn der Arbeit am Manuskript: 30.12.2017 auf Basis älterer Entwürfe und Teilpublikation – Hinweise zu Präsentation dieser: KoHa; für einen Vortrag (13.1.2018) in Potsdam für Talkin’ about revolution. Gedanken zu Rosa Luxemburg und dem roten Oktober – Veranstaltungsreihe, organisiert von der Gruppe Konsensnonsens; Ergänzung Feb.2018, überarbeitete Fassung auf Basis von Hinweisen von KiHu und ThSch (Mz 2018) ab Nov. 2018.

[2] Cf. Julius Braunthal, Geschichte der Internationale, 3 Bde., Hannover 1961-1971; Jacques Droz (Ed.), Geschichte des Sozialismus, Frankfurt et al. l. 1974 sqq.

[3]   Zwar war bei allen später kriegführenden Mächten vor dem Kriege ein Hang zu militärischen Auseinandersetzungen zu vermerken, die größte Bereitschaft dazu lag bei der aggressiven Politik des preußisch-deutschen Generalstabs. (Helmuth von Moltke) Cf. Fritz Fischer, Der Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18, Düsseldorf 1961, 2009, 2013; id., Weltmacht oder Niedergang. Deutschland im Ersten Weltkrieg, Frankfurt a. M. 1965, 1968; Volker Berghahn, Der erste Weltkrieg, München 2003; id., Sarajewo, 28. Juni 1914. Der Untergang des alten Europa, München 1997; Roger Chickering, Das Deutsche Reich und der Erste Weltkrieg, München 2002; Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich, Deutschland im Ersten Weltkrieg, Frankfurt  2013; Wolfgang Michalka (Ed.), Der erste Weltkrieg. Wirkung, Wahrnehmung, Analyse, Weyarn 1997.

[4]  Das hatte sich allerdings schon im Vorfeld des „Großen Krieges“ angekündigt. Spätestens seit der Reichstagsrede Gustav Noskes vom 24.4.1907 hatte sich eine Sozialpatriotische Fraktion gebildet: Gustav Bauer, Eduard David, Friedrich Ebert, Wolfgang Heine, Wilhelm Keil, Carl Legien, Gustav Noske, Philipp Scheidemann und Carl Severing. Ab 1914 kommt noch Konrad Haenisch hinzu. Cf. Klaus Gietinger, November 1918. Der verpasste Frühling des 20. Jahrhunderts, mit einem Vorwort von Karl Heinz Roth, Hamburg 2018, p. 28 sqq. Insofern lehnen Partei und Gewerkschaft Streiks zu Kriegsbeginn ab und reagieren auf Anfragen französischer Gewerkschafter nicht. Cf. l.c., p. 32. Die Linke wird zudem mit antisemitischen Angriffen bedacht. Cf. l.c., p. 34 sqq.

[5]  Aber auch aktuell ist in vielen linken Bereichen sowie der gewerkschaftlichen Arbeit weiterhin das Denken in nationalen Orientierungen und an nationalen Interessenlagen bemerkbar.

[6]  Cf. Horst Lademacher (Ed.), Die Zimmerwalder Bewegung. Protokolle und Korrespondenz, Den Haag-Paris 1967.

[7]   Die Urteile über die Situation sind verschieden. Im Rückblick meint Fontana: „Angesichts der seit Februar erreichten Fortschritte mit den Sowjets als Organen der Machtausübung kam er (Lenin) zu der Auffassung, dass die Option für eine bürgerlich-parlamentarische Republik überholt sei und man sofort zu einem System übergehen müsse, in dem alle Macht in den Händen der Sowjets läge.“ Joseph Fontana, Die russische Revolution und wir, in: Das Argument 321, 2017, p. 12–-19, hier: p. 14. Woher unter Kerenskij die Erfahrung mit den Sowjets kommen soll, ist uneinsichtig, obwohl es teilweise solche Organisationen gegeben hat. Die realen Erfahrungen beziehen sich daher auf die Revolution von 1905. Bei Fontana scheint eher ein politizistischer Idealismus durch.

[8]   Cf. Rosa Luxemburg, Die Revolution in Rußland, in: Spartacus, Nr. 4, April 1917, in: Spartakusbriefe, Berlin 1958, p. 302–-305 und in: Rosa Luxemburg, Gesammelte Werke, Bd. 4, Berlin 1979, p. 242–-245. Sie ist mit der Begrüßung der russischen Ereignisse nicht allein. In vielen Teilen der Linken in Europa findet sich Ähnliches. Stellvertretend für andere sei auf Gramsci verwiesen, der die russische Revolution als Signum subjektiv-anarchistischer, den traditionellen Marxismus überwindender Tendenzen fasst. „(Lenin) und seine bolschewistischen Genossen sind überzeugt, dass es jederzeit möglich ist, den Sozialismus zu verwirklichen. ... Es sind Revolutionäre, keine Evolutionisten.“ Antonio Gramsci, SRR, 28.7.1917, Z. 9–-11. Bei der Parteinahme Gramscis ist jedoch zu beachten, dass Uminterpretationen vorgenommen werden, worauf auch Liguori verweist. „Gramsci ‚konstruiert’ den Marxismus der Bolschewiki gemäß seinen eigenen Vorstellungen als historischen, von Hegel hergeleiteten und von den Resten des Positivismus befreiten Marxismus.“ Guido Liguori, Die Revolution als Lernprozeß. Gramsci und die russischen Revolutionen von 1917, in: Das Argument 321, 2017, p. 20–-29, hier: p. 21.

[9]  Cf. ead., Zur Spaltung in der sozialdemokratischen Dumafraktion, in: ead., Gesammelte Werke, Bd. 3, Berlin 1978, p. 356 sq. Dort wird Lenins Spaltungspolitik kritisiert. Diese Kritik findet sich auch bei Pannekoek: die mangelnde Demokratie der russischen Sozialdemokratie seit der Spaltung in Menschewiki und Bolschewiki (Mehrheitler). Cf. Anton Pannekoek, Taktische Differenzen in der Arbeiterbewegung, Hamburg 1909 und Anton Pannekoek, Paul Mattick et al., Marxistischer Anti-Leninismus, eingel. von Diethard Behrens, Freiburg 1991.

[10] Cf. Rosa Luxemburg, Die russische Revolution (posthum publiziert), in: ead., Gesammelte Werke Bd. 5, Berlin 1979, p. 332–-365.

[11] l.c., pp. 333, 334 (Hervorh. im Text) Sie redet, um den Unterschied zu den Russen zu verdeutlichen, von der „fatale(n) Trägheit der deutschen Massen“ l.c., p. 335 – was eine nicht besonders erklärungshaltige Randbemerkung ist, die sich die reale Situation nur teilweise vergegenwärtigt.

[12] l.c., p. 336

[13] Ibid.

[14] Verwiesen wird darauf, dass die Don-Kosaken sich den „Weißen“ anschlossen und Pakte mit der Reichswehr anstrebten. Cf. l.c., p. 337 sq.

[15–      l.c., p. 341 – Diese Aussage ignoriert jedoch die materiellen Bedingungen, i. e. hier: die sozialen Kräfte, i. e. Klassenverhältnisse. Ihre Aussage ist hier primär eine politische. Die sozialen Bedingungen werden erst in der Folge erörtert.

[16] Die Differenz zu den Positionen Lenins und anderer Bolschewiki in Bezug auf die Agrarfrage begleitet die Auseinandersetzung im sozialen Bereich vom Anfang des politischen Eingreifens von Rosa Luxemburg an.

[17] l.c., p. 342 Das verweist bei Levellern und Jakobinern auf die linksbürgerliche Tradition.

[18] l.c., p. 345.

[19] Cf. l.c., p. 346 sq. Cf. zur frühen Kritik auch: Anton Pannekoek, Klassenkampf und Nation, Reichenburg 1912.

[20] Rosa Luxemburg, Die russische Revolution ..., l.c., p. 348 – Betont wird hier das ökonomisch-soziale Element im Widerstreit zu einem politischen, also die Perspektive gesellschaftlicher Transformation vs. praktischer Realpolitik. Hier stellt sich die Frage, ob das Problem bei beiden Kontrahenten, Lenin und Luxemburg, nicht immer noch zu einfach angesehen ist.

[21] Die Kritik gilt hier vor allem der „Auflösung der Konstituierenden Versammlung im November 1917“, deren Einrichtung vorher heftig gefordert worden war, statt Neuwahlen einzuleiten. l.c., p. 353 Genereller wird die Kritik auch auf den Umgang mit der Nationalversammlung bezogen und deren ambivalenter Charakter betont. Cf. Rosa Luxemburg, Die Nationalversammlung, in: Gesammelte Werke Bd. 4, Berlin 1979, p. 407–410.

[22] Rosa Luxemburg, Die russische Revolution ..., l.c., p. 356 – Das entspricht dem Zensuswahlrecht, nur mit dem Unterschied, dass statt der Höhe der Steuer nun Arbeit die Eingangsvoraussetzung bildet. – Aber schon die Voraussetzung, es habe vor 1917 eine bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft in Rußland gegeben, ist schief, dazu waren Industrialisierung und Handel noch zu marginal. Dass Lenin und Trockij in bezug auf Wahlen weder klassen- noch interessentheoretisch argumentieren, ist augenfällig. Cf. zur diktatorischen Tradition unter und nach der Autokratie: Diethard Beh-rens, Vom Scheitern eines Versuchs gesellschaftlicher Modernisierung. Thesen zum Stalinismus, in: Gruppe INEX (Ed.), Nie wieder Kommunismus? Zur linken Kritik an Stalinismus und Realsozialismus, Münster 2012, p. 47–60, hier: p. 48. – Dass das Mißtrauen der Bolschewiki im Kern auch den Räten galt, wird an deren sukzessiver Entmachtung klar. Cf. Rainer Thomann, Anita Friedetzky, Aufstieg und Fall der Arbeitermacht in Rußland, Berlin 2018. Es gibt auch eine frühe Kritik von Rosa Luxemburg am Parteimodell der Bolschewiki: Organisationsfragen der russischen Sozialdemokratie, in: Iskra 1904. Revolution in postmoderner, anarcho-romantischer Perspektive wird von Adamczak diskutiert. Cf. Bini Adamczak, Beziehungsweise Revolution. 1917, 1968 und kommende, Berlin 21917. Konzentriert man sich auf ihre Bemerkungen zu Rosa Luxemburg, so ergebe sich, dass diese das Utopische „als Vorzug des wissenschaftlichen Sozialismus“ hervorhebe, was das Offene, das Experiment bezeichne. Adamczak meint vom Gegenteil, dass „das Negative, der Abbau der kapitalistischen Eigentumsordnung, (sich) diktatorisch dekretieren“ lasse. Gegen Rosa Luxemburg wird im Einklang mit der traditionalistischen Geschichtsschreibung ins Feld geführt, dass Rosa Luxemburg keine Idee vom Übergang habe, keine Utopie. l.c., p. 92, cf. pp. 93, 94 – Bini Adamczaks eigene Vorstellung zielt auf eine „relationale Revolutionstheorie“ als „soziale Konstruktion“, die als „Form einer utopisch-revolutionären Apparatur für die kommende“ Revolution zu denken sei. l.c., pp. 101, 102. – Der hier angelegte Revolutionsbegriff sei „konstruktiv-synaptisch“ und meine das gesellschaftliche Element, „wie eine neue aus der alten erschaffen werden“ könne. Revolution könne dann „radikale Rekonstruktion prä-existierender Elemente“ sein. Ibid. Die Intention, die Elemente der alten Gesellschaft für eine neue neu zusammenzusetzen, verweist auf die Vorstellung einer Modernisierungsstrategie, auf einen Anarchismus als linksbürgerliches Projekt. Von daher erklärt sich auch, dass ihr Begriff der Revolution eigenartig abstrakt und unterbestimmt bleibt.

[23] Rosa Luxemburg, Die russische Revolution, l.c., p. 358.

[24] Wenn Paul Frölich den Terror in bestimmten Fällen für notwendig erachtet, so realisiert er bei seiner Argumentation nicht, dass er sich im Feld des von Rosa Luxemburg Kritisierten bewegt. Hatte diese doch am 31.12.1918 auf dem Gründungsparteitag betont, dass der Terror zum Instrumentarium bürgerlicher Revolutionen gehört. Cf. Hermann Weber (Ed.), Die Gründung der KPD. Protokoll und Materialien des Gründungsparteitages der Kommunistischen Partei Deutschlands 1918/1919, Berlin 1993, pp. 202, 296. – Diese Haltung Frölichs verweist auch auf später Halb-Oppositionelles.

[25] Cf. Rosa Luxemburg, Die russische Revolution, l.c., p. 359. – Das ist hier um zwei Elemente zu ergänzen: a) Operiert man mit einem Staat, so ist nicht zu vergessen, dass dieser nur das Andere der bürgerlichen Gesellschaft. b) Argumentiert man mit der Erziehung, so gilt es, den Einwand von Marx nicht zu vergessen, dass auch die Erzieher erst erzogen werden müssen. „Die materialistische Lehre von der Veränderung der Umstände und der Erziehung vergißt, daß die Umstände von den Menschen verändert und der Erzieher selbst erzogen werden muß. Sie muß daher die Gesellschaft in zwei Teile – von denen der eine über ihr erhaben ist – sondieren. Das Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder Selbstveränderung kann nur als revolutionäre Praxis gefaßt und rationell verstanden werden.“ Karl Marx, Thesen über Feuerbach, MEW 3, Berlin 1969, p. 5 sq.

[26] Cf. Rosa Luxemburg, Die russische Revolution, l.c., p. 359 und zur generellen Kritik an linker Sozialtechnologie und Diskussion von Voraussetzungen und Folgen: Diethard Behrens, Zur Kritik marxistisch-leninistischer Naturtheorien, (1984), Frankfurt 1987.

[27] Das impliziert für eine spätere Epoche, dass der Begriff De revolutionibus orbis coelestium (Copernicus), von dem der politische Revolutionsbegriff abgelesen ist, zwar als Kritik statisch-deterministischer Positionen brauchbar und somit auch der Kritik am Thomismus diente, aber als Umdrehung zu sehr an Reproduktion rückt und somit lediglich eine andere Form der Notwendigkeit präsentiert. Cf. Karl Griewank, Der neuzeitliche Revolutionsbegriff. Entstehung und Entwicklung. Weimar 1955, Hamburg 31992. – Die besondere Veränderung des Gesellschaftlichen ist aber zu spezifizieren.

[28] Rosa Luxemburg, Zur russischen Revolution, l.c., p. 359 – Jede Form von Sozialtechnologie sei zu verabschieden. – Entschieden wird festgehalten: „Das Negative, den Abbau, kann man dekretieren, den Aufbau, das Positive, nicht. Neuland.“ p. 360.

[29] Ibid.

[30]  l.c., p. 362 (Hervorh. im Text) – Sie greift mit ihrer Kritik insofern voraus und antizipiert stalinistische Elemente. Cf. zur Auseinandersetzung mit diesen Bois, der sie allerdings erst mit dem Jahre 1924 einsetzen läßt und nur die Auseinandersetzungen innerhalb der KPD im Blick hat. Cf. Marcel Bois, Kommunisten gegen Hitler und Stalin, Essen 2014. Ihm folgt auch Buckmiller, ungeachtet des Umstandes, dass er als Editor der Korsch-Ausgabe eigentlich um die früher gelegenen Oppositionen wissen müsste. Cf. Michael Buckmiller, Rez.: Bois, Marcel, Kommunisten gegen Hitler und Stalin. Die linke Opposition der KPD in der Weimarer Republik. Eine Gesamtdarstellung, Essen 2014, in: Das Argument 321, 2017, p. 143 sq. 

  • Preis: 3.00 €
  • Erscheinungsjahr: 2019