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Heft 55: Sozialistische Utopien in Wissenschaft und Politik

Nachforschungen bei Marx & Engels, nach der Oktoberrevolution in Russland und in der DDR

Von: Alexander Amberger, Carl-Erich Vollgraf, Thomas Möbius und Ulrike Breitsprecher

Heft 55: Sozialistische Utopien in Wissenschaft und Politik

Reihe "Philosophische Gespräche", Heft 55, 2018, 68 S.
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Thomas Morus entwarf in seiner 1516 erstmals publizierten Schrift „Utopia“ eine ideale Gesellschaftsordnung. Dieses „Urbuch“ begründete eine literarische Großgattung: Die Utopie. Die Verknüpfung der Kritik am Bestehenden mit Entwürfen einer besseren, gerechteren Gesellschaft (teils auch in praktischen Umsetzungsversuchen) machen die Gattung bis heute interessant.

Das 500. Jubiläum der „Utopia“ war Anlass für eine fünfteilige Veranstaltungsreihe im Jahr 2016. Drei der Beiträge und eine Vorbemerkung des Moderators finden sich im vorliegenden Heft.

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AutorInnen:

Alexander Amberger, Dr. phil. (2013), geb. 1978 in Gotha, studierte 1999–2006 Politikwissenschaften an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, seit 2011 Mitarbeiter für politische Bildung bei der „Hellen Panke“. Mehrere Veröffentlichungen zur Utopiegeschichte und zur DDR-Philosophie.

Ulrike Breitsprecher, M.A. (2008), geb. 1982 in Erfurt, studierte Geschichte und Geschlechterforschung in Jena und Göttingen, promoviert derzeit zur Sozialstruktur der HochschullehrerInnen in der DDR und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Leipzig. Forschungsthemen sind die Versprechen des Kommunismus und das Hochschulsystem in der DDR.

Thomas Möbius, Dr., geb. 1974 in Mittweida (Sa.), studierte Sozialwissenschaften, Neuere Deutsche Literatur und Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. Mehrere Veröffentlichungen zur russischen Utopiegeschichte und zur DDR-Literatur, Mitglied der Redaktion der Zeitschrift „Berliner Debatte Initial“.

Carl-Erich Vollgraf, geb. 1950 in Techentin (Bez. Schwerin), Dipl.-Ökonom, Dr. sc. phil. Seit 1972 Mitarbeiter an der MEGA², davon 1975–1990 am IML Berlin (Marx-Engels-Abt.), 1992–2015 an Berlin-Brandenburgischer Akademie der Wissenschaften (MEGA²-Arbeitsstelle), Bearbeiter der MEGA²-Bände I/27 („Anti-Dühring“) und der „Kapital“-Bände II/3.5, II/4.3, II/11, II/14 und II/15, Mitglied der Redaktionskommission der Internationalen Marx-Engels-Stiftung Amsterdam (IMES) 1996–2016, Leiter der „Kapital“-Abteilung der MEGA² 1996–2012. Neben Kommentaren in der MEGA² zahlreiche Aufsätze zu Inhalt und Genesis des „Kapitals“, zu Engels als Kommentator und Herausgeber von Marx sowie zur Geschichte der Marx-Engels-Edition. Übersetzungen ins Chinesische, Dänische, Englische, Japanische, Portugiesische. Seit 1991 Mitherausgeber der Berliner „Beiträge zur Marx-Engels-Forschung. Neue Folge“.

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INHALT

Vorbemerkung
von Alexander Amberger

Carl-Erich Vollgraf
Auch Marx und Engels nicht vor Utopien gefeit

Thomas Möbius
Utopie in der Oktoberrevolution:
„Wir kamen, um die neue Welt zu bauen.“

Ulrike Breitsprecher
Wieviel Zukunft war die DDR? Utopisches Denken im Spiegel von Jugendweihebüchern

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LESEPROBE

Carl-Erich Vollgraf

Auch Marx und Engels nicht vor Utopien gefeit[1]

I. Zur Einführung bzw. zur Motivation

Bei der Bearbeitung der zahlreichen unveröffentlichten Entwürfe von Marx zum 2. und 3. Buch des Kapitals für die MEGA²-Bände II/4.3, II/11 und II/14 kam mir häufig Engelsʼ Sentenz im Anti-Dühring in den Sinn: Um aus dem Sozialismus eine Wissenschaft zu machen, musste er auf einen realen Boden gestellt werden und mit der Mehrwerttheorie sei er Wissenschaft geworden.[2] Engels grenzt sich von jeglichem konkurrierenden Sozialismus ab. Er sieht das eigene frühe sozialistische Denken kritisch, nennt es „embryonal“, „jugendlicher Hitze“ geschuldet. Doch während er vom Staatssozialisten Johann Rodbertus behauptet, er sei seine „Eierschalen“ nie losgeworden, deshalb mit seiner Ableitung des „Mehrwerts“ in der Utopie gelandet,[3] reklamiert er für Marx und sich eine aufwärtsstrebende wissenschaftliche Laufbahn seit den 1840ern. So erklärt er im Anti-Dühring: Dass die „Abwägung von Nutzeffekt und Arbeitsaufwand bei der Entscheidung über die Produktion Alles ist, was in einer kommunistischen Gesellschaft vom Werthbegriff der politischen Oekonomie übrig bleibt, habe ich schon 1844 ausgesprochen. […] Die wissenschaftliche Begründung dieses Satzes ist […] durch Marxʼ ‚Kapital‘ möglich geworden.“[4]

Engels erklärt also 1878, nach gut drei Jahrzehnten habe sich der Kreis ihrer theoretischen Arbeit im Wesentlichen geschlossen. Was in seinen Umrissen zu einer Kritik der Nationalökonomie kühne Vision war,[5] könne jetzt auf Basis des Kapitals wissenschaftlich belegt werden.

Engels hätte ähnliche Noten im Anti-Dühring machen können. Wo er über den allseitig gebildeten und disponiblen Produzenten in der kommunistischen Gesellschaft sinniert, hätte er anmerken können, dass Beide darüber schon in den 1840ern nachgedacht hätten: Der selbstbestimmte Produzent betätigt sich eine Zeitlang als Fischer oder Jäger, dann als Züchter, schließlich alternativ zu diesen Nahrungsbeschaffern als Geistesarbeiter. Durch das Kapital hätten auch diese Überlegungen Hand und Fuß bekommen.

Marx und Engels setzen sich in den 1840ern mit der Forderung vom „Recht auf den vollen Arbeitsertrag“ auseinander. Sie beherrschte die sozialistische Literatur seit Anfang der 20er Jahre. Der Lerneffekt für Marx ist fundamental; es ist die Wegscheide. Er begreift, dass sein Entfremdungskonzept in den 1844er Entwürfen ein idealistisches Nischenprodukt ist und er sich der klassischen Arbeitswerttheorie zuwenden muss, will er als Kritiker der kapitalistischen Aneignung virtuos aufspielen. Auch in den 70er Jahren argumentieren Marx und Engels gegen das „Recht auf den vollen Arbeitsertrag“, Engels in den 80ern in Polemiken gegen Rodbertus und den sozialistischen Rechtstheoretiker Anton Menger.[6] Sind ihre Argumente seit 1867 wissenschaftlich? Seitdem Marx mit der Mehrwerttheorie nicht nur die Ausbeutung der Arbeiter als dem Wertgesetz entsprechend erklärt, sondern damit implizit für die Kapitalisten das „Recht auf den vollen Ertrag der Mehrarbeit“ reklamiert?

Häufig bemühen sich beide Autoren um Analogien zu den Naturwissenschaften, häufig berufen sie sich auf mathematische Verfahrensweisen. Warum, hat Engels 1845 so ausgedrückt: „Mit derselben Sicherheit, mit der wir aus gegebenen mathematischen Grundsätzen einen neuen Satz entwickeln können, mit derselben Sicherheit können wir aus den bestehenden ökonomischen Verhältnissen und den Prinzipien der Nationalökonomie auf eine bevorstehende soziale Revolution schließen.“[7] Marx bestätigt sich in seinen Kapital-Texten der 1860er Jahre immer wieder, methodisch richtig zu liegen: „strikt mathematisch richtig“, „mathematisch exakter Nachweis“.[8] Hat sich auch hier der Kreis 1867 geschlossen mit der „strengen“ Ableitung des Werts bis hin zur Akkumulationstheorie in Band 1?

Ich halte diese positiven Rückblicke auf ihre Überlegungen der 1840er für nachvollziehbar, jedoch für meist unangebracht. Zum einen, weil es der Entwicklung von Marx seit den Londoner Studien 1849–1853, er selbst spricht ja von nichts Geringerem als einem Neuanfang,[9] nicht gerecht wird. Zum anderen, weil es weit mehr Beispiele für den Bruch mit früheren Denkmustern gibt. Marx spottet 1845 über den Eisenbahnpionier Friedrich List, weil er sich wenig für die Arbeitswerttheorie interessiert und sich für die Entwicklung einer starken nationalen Industrie samt modernem Verkehrssystem leidenschaftlich engagiert, für Marx reaktionär.[10] Jahrzehnte später, als er sein Augenmerk auf die beständigen Kapitalkreisläufe richtet und die Profilierung nationaler Wirtschaften als zwangsläufig anerkennt, damit den von ihm in den 1840ern propagierten Weltkonflikt Kapital-Arbeit in das zweite Glied zurückbeordert, begreift er die wirtschaftspolitische Bedeutung von List. Ähnlich langwierig, weil abhängig von der Entwicklung seiner Reproduktionstheorie gestaltet sich Marxʼ Bewertung von François Quesnay. 1845 exzerpiert er das „Tableau économique“, um sich in Misère de la Philosophie darüber ironisch zu äußern: Mit Quesnay sei die bürgerliche Ökonomie zur Wissenschaft geworden, zusammengefasst in seinem berühmten Tableau. Dieses habe 1001 Kommentare erfahren – eine Anspielung auf die morgenländischen Erzählungen von 1001 Nacht und ihre Nachdichtungen. Das Tableau sei allerdings ebenso „ténébreuse“ wie die Methode des französischen Sozialisten Pierre-Joseph Proudhon.[11] Doch 1862 wird der Gegenstand des einstigen Spotts zum Vorbild. Marx spricht im Manuskript 1861–1863 vom Tableau économique als „höchst geniale[m] Einfall, unstreitig der genialste, dessen sich die politische Oekonomie bisher schuldig gemacht hat“[12] und plant selbst Reproduktionsschemata zum Gesamtkapital. Engels schickt er am 6. Juli 1863 ein Muster. „Das einliegende ,Tableau Économiqueʻ, das ich an die Stelle des Tab. des Quesnay setze […] umfaßt den gesammten Reproductionsprozeߓ und figuriert „als Zusammenfassung in einem der letzten Capitel meiner Schrift“. [13] In der französischen Auflage von Band 1 des Kapitals würdigt er Quesnays Schema als höchst verdienstvoll[14], revidiert also der neuen Generation französischer Leser gegenüber seine Bewertung in Misère.

Sehen wir uns in den Umrissen von 1844 jene Textstelle zur Abwägung von Nutzeffekt und Aufwand in der kommunistischen Gesellschaft an, auf die Engelsʼ Replik im Anti-Dühring zielt. Sie weist längst nicht jene Prägnanz auf, in die Engels sie 30 Jahre später fasst. Sie zählt zu jenen Passagen, über die er 1871 sagt, sie seien „veraltet und voller Unrichtigkeiten“.[15] Unpassend für die „praktische Propaganda“, sekundiert Marx.[16] Engels lehnt die Neuveröffentlichung der Umrisse ab.

Das Forschungsfeld um den „wissenschaftlichen Sozialismus“ ist vielfach umgepflügt worden; es schien längst abgeerntet. Doch die MEGA² hat in der Kapital-Abteilung etwa 2.300 Druckseiten erstmals zur Verfügung gestellt: die Entwürfe von 1868 bis 1881 zu Buch 2 und 3 (MEGA²-Bände II/4.3, 11 und 14), das Manuskript 1861–1863 (II/3.1–6), von dem man vorher nur die Theorien über den Mehrwert kannte, das Manuskript 1863–1865 (II/4.1–2), dessen Wortlaut insoweit bekannt war, wie Engels bei der Zusammenstellung der Bücher 2 und 3 darauf zurückgegriffen hatte. Vieles in diesen Texten befindet sich im Gärungsprozess, später von Engels geschliffen oder nicht übernommen. Viele Äußerungen in Briefen werden durch diese Texte fassbar.

Meine Überlegungen drehen sich vor allem um diese erstmals veröffentlichten Texte. Es geht um die Stringenz der Prognosen von Marx und Engels über den Zustand der kapitalistischen Gesellschaft einerseits, um die Plausibilität ihrer Visionen von der postkapitalistischen Gesellschaft andererseits. Bei Aneignungsfragen handelt es sich um einfache Antithesen zur Realität. Die Frage, wie es in der zukünftigen Produktion und Reproduktion aussehe, drängt sich Marx bei Betrachtungen der stofflichen Seiten des kapitalistischen Produktions- und Reproduktionsprozesses stets auf.

Mich interessieren jene visionären Äußerungen von Marx oder Engels, die ihrem jeweiligen theoretischen Stand entsprechen, sich widersprechen, modifizieren und zu Dritten quer liegen. Ich unterscheide zwischen dem Politiker und dem Wissenschaftler. Deren unterschiedliche Konstellationen verbieten der seriösen Marx-Exegese, Textstellen aus Entwürfen, Polemiken oder Programmdebatten chronologisch aufzufädeln, um daraus eine gedankliche Kontinuität und aufstrebende Erkenntnisfolge abzuleiten. Es geht auch um Kontinuität und Diskontinuität im Denken von Marx und Engels.

[1] Die Langfassung des Textes unter dem Titel „Marx und Engels bis zuletzt in utopischen Dimensionen“ enthalten die „Beiträge zur Marx-Engels-Forschung. N. F. 2016/17“, Hamburg 2017. – Mir geht es um einige Aspekte utopischen Denkens bei Marx und Engels. Gemeint ist utopisch im Sinne von unrealistisch: Man kann ein Zukunftsmodell für unrealistisch halten; ebenso kann der Glaube an die Fortexistenz des Bestehenden unrealistisch sein, wie auch der Glaube an die Wandlungsunfähigkeit des Bestehenden.
[2] Siehe Friedrich Engels: Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft (Anti-Dühring), in: MEGA² I/27, S. 231, 237.
[3] Friedrich Engels: Vorwort zu Karl Marx: Das Kapital. Bd. 2, in: II/13, S. 15, 19.
[4] Engels: Herrn Eugen Dührings Umwälzung … S. 469.
[5] Siehe Friedrich Engels: Umrisse …, in: MEGA² I/3, S. 477.
[6] Von diesem verfasst: Das Recht auf den Arbeitsertrag in geschichtlicher Darstellung, Stuttgart 1886.
[7] Siehe Friedrich Engels: Zwei Reden in Elberfeld. II, in: MEW 2, S. 555.
[8] Marx: Zur Kritik der politischen Ökonomie (Manuskript 1861–1863), in: MEGA² II/3.1, S. 149. Karl Marx: Das Kapital (Ökonomisches Manuskript 1863–1865). Buch 3, in: MEGA² II/4.2, S. 272.
[9] Siehe Karl Marx: Zur Kritik der politischen Ökonomie. H. 1, in: MEGA² II/2, S. 102.
[10] Siehe Karl Marx: [Über Friedrich Lists Buch „Das nationale System der politischen Ökonomie“], in: BzG, Berlin, H. 3/1972, S. 425–446.
[11] Siehe Karl Marx: Misère de la Philosophie, Paris 1977, S. 113 f.
[12] Marx: Zur Kritik …, in: MEGA² II/3.2, S. 656.
[13] Marx an Engels, 6. Juli 1863, in: MEGA² III/12, S. 399, Faksimile des Tableaus, S. 402.
[14] Siehe Karl Marx: Le Capital, Paris 1872–1875, in MEGA² II/7, S. 513.
[15] Engels an Wilhelm Liebknecht, 13. April 1871, in: MEW 33, S. 208.
[16] Marx an Wilhelm Liebknecht, 13. April 1871, ebenda, S. 207.

  • Preis: 3.00 €