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Heft 140: Solidarität oder Eigennutz?

Die mosambikanischen Vertragsarbeiter in der DDR-Wirtschaft

Von: Stefan Bollinger, Ulrich van der Heyden, Ralf Straßburg,

Heft 140: Solidarität oder Eigennutz?

Reihe "hefte zur ddr-geschichte", Heft 140, 2015, 48 S.
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Zum Thema Mosambikanische Vertragsarbeiter in der DDR-Wirtschaft. Hintergründe – Verlauf – Folgen fand am 9. Februar 2015 eine Vortragsveranstaltung der "Hellen Panke" e.V. – Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin statt.

Autoren:
Stefan Bollinger
Dr. sc. phil., Politikwissenschaftler und Historiker, stellv. Vors. der "Hellen Panke" e.V., Berlin

Ulrich van der Heyden
Prof. Dr. mult., Historiker, Humboldt-Universität zu Berlin und University of South Africa

Ralf Straßburg
vormals Mitarbeiter im Staatssekretariat für Arbeit und Löhne der DDR, zuständig für den Einsatz der mosambikanischen Vertragsarbeiter, Berlin

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INHALT

Stefan Bollinger
DDR-Geschichte, Solidarität und die Zwänge des Alltags. Einleitung

Ulrich van der Heyden
Ursachen und Auswirkungen des Einsatzes mosambikanischer Vertragsarbeiter in der DDR-Wirtschaft und die verzerrte Widerspiegelung in der Literatur

Ralf Straßburg
Persönliche Reminiszenzen zu den Verträgen zwischen der DDR und Mosambik

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LESEPROBE

Stefan Bollinger
DDR-Geschichte, Solidarität und die Zwänge des Alltags
Einleitung

Nach der Situation der Vertragsarbeiter in der DDR zu fragen heißt in die Tiefen der DDR-Gesellschaft und ihrer internationalen Verankerung einzudringen. Es eröffnet sich ein komplexes Bild der internen Zustände des Realsozialismus in seinen relativ funktionierenden Zeiten der späten 1970er und frühen 1980er Jahren, aber auch unter den zunehmend problematischeren Bedingungen seit dem Beginn der zunächst schleichenden Krise in den späten 1980er Jahren. Ein großes Solidaritätsprojekt konnte nicht außerhalb der Wirklichkeit des sozialistischen deutschen Staates funktionieren, ebenso wenig außerhalb der Systemauseinandersetzung.

War die DDR auf gutem Wege, wirtschaftlich erfolgreich, sozialpolitisch für ihre Bürger leistungsfähig, dann konnte sie ihre Aufgaben auch auf internationalistischem Gebiet, wie sie es nannte, gut erfüllen. Geriet dieser Realsozialismus aus dem Tritt, dann wurde es auch schwieriger, ihren internationalistischen Part auszufüllen, auch hinsichtlich der Menschen aus fernen Ländern, die in der DDR Schutz, Arbeit, Auskommen, Qualifizierung und jene materiellen Güter erwarteten, die sie ihren Familien zukommen lassen wollten. Auch wenn bis 1989 das System der Vertragsarbeiter im Großen und Ganzen funktionierte, gab es Abstriche hinsichtlich der Qualifizierungsangebote. In den Mittelpunkt rückte das nachdrücklichere Einfordern vor allem von Arbeitsleistung. Nicht zuletzt drehte die Stimmung unter Arbeitern, Bürgern, die spätestens mit dem offenen Ausbruch der Krise im Herbst 1989 ausländische Arbeitskräfte als Ballast und Konkurrenz zu betrachten begannen. War es in den Jahren zuvor der gelegentliche Streit um die "deutschen Mädchen" oder um knappe Konsumgüter, die zu Geplänkeln führten, ging es nun um mehr. Fremdenfeindliche Parolen und Übergriffe kennzeichneten die ersten Jahre des vereinten Deutschlands auch im Osten.

Im Rückblick waren Vertragsarbeiter in der DDR zuallererst Bestandteil einer internationalen Systemauseinandersetzung im Kalten Krieg, der nicht in erster Linie und allerorten mit Waffengewalt geführt wurde, der auch das Ringen um Verbündete einschloss, der ökonomische Leistungsfähigkeit erforderte, der nicht zuletzt auch eine ideologische Basis verlangte.

Im sozialistischen Selbstverständnis der Arbeiterbewegung und der sich auf sie berufenden und aus ihr hervorgehenden DDR war diese zentrale ideologische, moralische Fundierung die Solidarität mit den Schwachen, den Kämpfenden, den Leidenden, den sich Befreienden. Dies sollte durch einen sozialistischen Internationalismus, d.h. eine auf Solidarität, Zusammenarbeit und gemeinsamen Interessen beruhende Politik verwirklicht werden, in der die bereits erfolgreichen Staaten ihren verbündeten Klassenbrüdern uneigennützig mit Rat, Tat, Waffen und Wissen zur Seite stehen sollten. Dass dies in diese Systemauseinandersetzung eingebunden war, machte den Anspruch umso größer. Er reduzierte sich zwangsläufig nicht auf caritative Leistungen, auf individuelle Hilfe. Die wurde durchaus geleistet, sowohl vom Staat wie staatsnahen Organisationen, aber auch den Kirchen in der DDR. Vorrangig ging es aber um mehr: Um die Notwendigkeit, die Staaten und Gesellschaften, die für ihre nationale und soziale Befreiung kämpften auch dazu zu befähigen, eine eigenständige Gesellschaft aufzubauen, nicht zuletzt, um das sozialistische Lager in der Systemauseinandersetzung zu stärken.

Es wundert nicht, dass die Frage der Vertragsarbeiter vor allem jene Menschen und Staaten betraf, die unmittelbar oder bis vor kurzem in einem solchen Befreiungskampf gegen die USA und ihre Verbündeten standen. Das betraf ausdrücklich Algerier, Kubaner und Vietnamesen, aber auch Bürger der bisherigen portugiesischen Kolonien in Afrika, insbesondere Angola und das hier interessierende Mosambik.

Sie hatten einen erfolgreichen Befreiungskampf durchstanden und im afrikanischen Falle nun mit einer fortschreitenden Aggressionspolitik seitens der Republik Südafrika, aber auch von den USA gelenkten Terrororganisationen zu tun. Diese Auseinandersetzung nahm zeitweise – insbesondere in Angola – offen kriegerische Formen angesichts einer südafrikanischen Intervention an, die durch sowjetische Waffenhilfe, Ausbildungs- und Beratungshilfe seitens der anderen osteuropäischen Staaten, auch der DDR, und auschlaggebend durch ein militärisches Eingreifen Kubas entschieden wurde.

Weitaus komplizierter und nachhaltiger waren diese Auseinandersetzungen aber durch die westliche Unterstützung von separatistischen und antikommunistischen Bewegungen wie der Resistência Nacional Moçambicana (RENAMO) in Mosambik. Diese Gruppen heizten permanent eine Bürgerkriegssituation an und störten den Wiederaufbau und das nationbuilding in diesen Ländern. Die damals klar linksgerichtete, nationale Befreiungsbewegung gegen die portugiesische Kolonialherrschaft, Frente de Libertação de Moçambique (FRELIMO), musste nun das Land neu aufbauen und sich gleichzeitig einer von außen gesteuerten Bedrohung widersetzen. Da war Hilfe jeglicher Art dringend willkommen.

Dass der Osten – auch die DDR – sich engagierte, lag im politischen Selbstverständnis, im recht ungetrübten Missionsanspruch, zunehmend aber auch im ökonomischen Kalkül begründet. Wenn diese sich entwickelnden Länder in einem Bündnis mit dem Realsozialismus in der Systemauseinandersetzung bestehen wollten, wenn die aus heutiger Sicht leichtfertige und vorweggenommene "sozialistische Orientierung" dieser Länder funktionieren sollte, dann mussten sie wirtschaftlich auf die Beine kommen. Es war bei allen Sympathiebekundungen klar, dass dies auf Dauer nicht über einen Tropf von Subventionen, von letztlich nicht bezahlten Warenlieferungen, von verlorener Entwicklungshilfe geschehen konnte. Die Länder mussten selbst auf die eigenen Füße kommen, ihren Bürgern Lebensgrundlage, Arbeit, einen bescheidenen Wohlstand schaffen. Und sie mussten die objektiv vorhandenen guten Voraussetzungen – Bodenschätze, klimatische Bedingungen für eine durchaus interessante Landwirtschaft (Kaffee, Kakao, Südfrüchte), reichlich Arbeitskräfte für die eigenen Entwicklung, die Begleichung ihrer Auslandsschulden auch bei den Verbündeten und nicht zuletzt für das Einbringen in eine wirtschaftlich Zusammenarbeit auf gegenseitiger Basis und zum gegenseitigen Nutzen schaffen. Dafür Menschen zu qualifizieren – fachlich wie in den "preußischen Tugenden" organisierter Fabrikarbeit – konnte da hilfreich sein. Zumal es den eigenen Arbeitsmarkt entlastete und der DDR fehlende Arbeitskräfte verschaffte. Wenn bei dieser Gelegenheit auch noch Finanztransfers die Schuldenlast senken konnten, umso besser – wenn auch zunehmend zum Schaden der Vertragsarbeiter, denen Gelder vorenthalten wurden.

Wie jedes DDR-Thema ist auch dieses ein vermintes Gelände zwischen den subjektiven Erfahrungen der Betroffenen, den Aktenüberlieferungen insbes. hinsichtlich der negativen, aber aktenkundigen Informationen, den Intentionen der großen Politik und dem praktischen Erleben aller Beteiligten. Hier haben Ulrich van der Heyden und Ralf Straßburg einen fundierten Zugang zu differenzierter Analyse und Bewertung gelegt. Es bleibt immer eine Frage des Herangehens, des Verallgemeinerns und der kritischen Wertung im historischen nationalen Kontext der DDR, aber auch in der Bezugnahme zum Rest der Welt – nicht zuletzt den Herkunftsländern.

Die Reduzierung dieser geschichtlichen Prozesse auf gelebte Solidarität oder profane wirtschaftliche Ausbeutung oder Quelle von Neonazismus und Rassismus in Ostdeutschland wird einer solchen Betrachtungsweise wohl nicht gerecht. Es bedarf des Blicks auf die Fakten, die positiven wie negativen – und ihrer Einordnung. Das ist aber keine besondere Frage für das Thema Vertragsarbeiter in der DDR, sondern steht vor jedem historischen Thema, in dem es um politische Wertung, in welcher Richtung auch, geht, zumal wenn die Gegenwart nicht so weit von der Geschichte entfernt ist und selbst immer noch Schauplatzt politischer Kämpfe ist, in denen auch Geschichtsargumente gute Schlagwerkzeuge sein können.

Die DDR war weder Einwanderungsland, noch ein besonderes offenes Land, wenn man von bis zu 500.000 stationierten Sowjetsoldaten und ihren Familien absieht, die selbst nur bedingt fraternisierungsfähig sein sollten. Man tat sich in der DDR – wie im ganzen Ostblock – schwer mit dem Ausland, weniger ob rassistischer oder fremdenfeindlicher Ressentiments im klassischen Sinne als vielmehr ob der politischen Komplikationsmöglichkeiten.

Trotzdem hatte die DDR immer eine offene Tür für Flüchtlinge, "Asylbewerber", wenn sie mit dem Auftrag, dem Plazet der entsprechenden Bruderpartei oder -organisationen ins Land kamen – um zu überleben, sich auszukurieren, sich zu qualifizieren, sich auf die kämpferische Heimkehr in ihre Heimat vorzubereiten. Das entsprach der Vorstellung und Praxis schon der alten Komintern. Davon profitierten Griechen, Spanier, Iraner, Chilenen, davon profitierten Kämpfer verbündeter Befreiungsbewegungen aus dem südlichen Afrika und aus Vietnam. Allerdings, das waren nie Größenordnungen, fand oft unter Ausschluss der Öffentlichkeit oder partiell in den 1950er, 1960er und 1970er Jahren als praktische Integration in das DDR-Leben statt.

Erst recht bekam die Öffentlichkeit wenig mit von der politischen, militärischen und geheimdienstlichen Qualifizierung von Kämpfern verbündeter Parteien und Bewegungen. Mehr bekam sie von den Studenten im politischen Auftrag – oder auch auf kommerzieller Basis – in der DDR mit.

Das uns interessierende Thema ist komplexer und keineswegs ein Vorgang, der sich im Dunkeln abspielte – es ging um knapp hunderttausend Menschen in den letzten beiden Jahrzehnten der DDR, mit drastisch steigender Tendenz: Algerier, Kubaner, Polen, Mosambikaner, nicht zuletzt Vietnamesen arbeiteten seit den 1960er und bes. in den 1970er Jahren in der DDR. Die ambitionierte politische und wirtschaftliche Zielstellung war klar, die profane Praxis zweifelsohne komplizierter und nicht frei von Missständen, Konflikten, Konfrontationen.

Es ging um (a) die berufliche Qualifizierung bis hin – wir würden heute sagen – zu dem Einüben sozialer Kompetenzen einer (immer noch) preußisch-deutschen Arbeitswelt mit sozialistischen Vorzeichen; (b) zunehmend um einen Beitrag zur Stärkung der DDR-Volkswirtschaft, die permanent unter einem akuten Arbeitskräftemangel litt; (c) die Erarbeitung von Wirtschaftsleistung zugunsten der Entsendeländer.

Die Bedingungen waren restriktiv, sie zielten nicht auf Integration, geschweige denn Assimilation, sondern auf Arbeitsleistung, klare Befristungen, relative Abgeschlossenheit. Gleichzeitig ging es aber um die Eingliederung in das normale sozialistische Alltags- und Arbeitsleben in einer sozialistischen Volkswirtschaft mit großen Ambitionen, mit viel Engagement von Verantwortlichen und Kollegen vor Ort – aber eben immer im Rahmen der Vorgaben und ohne die Vorstellung eines Zuviels an völkerverbindender Vermischung.

Gleichzeitig waren es Ausländer, trotz aller Solidaritätsbekundungen doch oft Fremde. Sie lebten ständig im Land, in Heimen, unter Sonderbedingungen,. Sie lebten auf jeden Fall anders, setzten teilweise recht erfolgreich private Geschäftsmodelle um. Schließlich hatten sie auch andere, auch die Deutschen tangierende Freizeiterwartungen. Es gab also auch ein Feld für Konflikte, Übergriffe, Zusammenstöße. Sie sollten immer rasch beigelegt werden, auf jeden Fall nicht an die republikweite Glocke gehängt und doch verfolgt werden. Ein schwieriges Unterfangen. Und immer Raum für Spekulation und Enthüllungen eines wenig bearbeiteten Themas, das für Emotionen gut ist.

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