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Heft 130: „Kaffeekrise" und Mangelwirtschaft

Bemühungen um die Klärung einer Episode aus der DDR-Geschichte

Von: Jörg Roesler

Heft 130: „Kaffeekrise

Reihe "hefte zur ddr-geschichte", Heft 130, 2014, 52 S.

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Grundlage der Publikation ist der Vortrag des Autors in der Geschichtsreihe der Hellen Panke am 19. März 2014.

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Autor:

Jörg Roesler

Prof. Dr., Wirtschaftshistoriker, Mitglied der Leibnitz-Sozietät, Berlin

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INHALT

1. Die „Kaffeekrise“ – gern zitiertes Beispiel für Mangel- und Misswirtschaft in der DDR

2. Kaffeeverbrauch und „Kaffeekrise“ in der DDR von unten gesehen

3. Die Preispolitik der SED – „rein politisch“ begründet und Ursache der Mangelwirtschaft?

4. Honeckers Wirtschaftspolitik und die „Kaffeekrise“ von oben gesehen

5. Die „Teuerungskrisen“ von 1961 und 1966 in der DDR

6. Keine “Kaffeekrise“ in der Bundesrepublik? Zur Entwicklung von Kaffeepreisen und -verbrauch in der zweiten Hälfte der 70er Jahre in der bundesdeutschen Marktwirtschaft

7. Der „Eierkrieg“ vom Herbst 1948 in Westdeutschland und was die Bundesregierung aus der Teuerungskrise lernte

8. Das Krisenmanagement während der „Kaffeekrise“ in der DDR und die Reaktion der ostdeutschen Bevölkerung

9. „Kaffeekrise“ als Ausdruck sozialistischer Mangelwirtschaft?

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LESEPROBE

1. Die „Kaffeekrise“ – gern zitiertes Beispiel für Mangel- und Misswirtschaft in der DDR

Eine Einführung

Mancher DDR-Bürger wird sich noch erinnern. 1977 war das: Da kam doch Ärger in der Bevölkerung auf, als plötzlich in den Läden neben bzw. anstelle der vertrauten Bohnenkaffeesorten ein „Kaffee-Mix“ auftauchte, der nur noch zur Hälfte aus echten Kaffeebohnen bestand und doch gänzlich wie „Muckefuck“ schmeckte. Man verhehlte seine Missbilligung nicht. „Erichs Krönung“ wurde die neue Marke spöttisch genannt. Erich Honecker verstand schließlich. „Kaffee-Mix“ verschwand nach einigen Monaten wieder aus den Läden.

Diese Episode wäre wie ähnlich geartete Proteste in den 50er und 60er Jahren[1] einer gesonderten Untersuchung nicht wert, wenn ihr nicht von denjenigen Historikern, die sich nach 1990 die „Aufarbeitung der DDR-Geschichte“ zum Ziel gesetzt haben, besondere Aufmerksamkeit gewidmet worden wäre. Stefan Wolle hat der „Kaffeekrise“ in seiner Darstellung der DDR-Geschichte der 70er und 80er Jahre einen gesonderten Abschnitt gewidmet,[2] Annette Kaminsky in ihrer knapp 100-seitigen Überblicksdarstellung zum Konsum in der DDR den vom „Kaffee-Mix“ ausgelösten Turbulenzen immerhin zwei Seiten eingeräumt.[3] Volker Wünderich verfasste zur „Kaffeekrise“ einen 20-seitigen Zeitschriftenbeitrag.[4] Der dem Jahre 1977 gewidmete Teil der Publikationsserie „Die DDR im Blick der Stasi“ geht an mehreren Stellen auf die „Kaffeekrise“ ein.[5] In der Ankündigung der Online-Verfügbarkeit des Bandes steht die „Kaffeekrise“ mit der Biermann-Ausbürgerung und der Zunahme der Ausreiseanträge in die Bundesrepublik im Gefolge der Entspannungsvereinbarungen von Helsinki auf gleicher Ebene.[6]

Keine Erwähnung fand die „Kaffeekrise“ dagegen in den einschlägigen, d.h. der Produktion und dem Konsum in der DDR in der zweiten Hälfte der 70er Jahre gewidmeten Beiträgen in den Wochenberichten[7] und den Buchpublikationen[8] des Deutschen Instituts für Wirtschaftsgeschichte (DIW). Das ist insofern bemerkenswert, als das DIW dasjenige der bundesdeutschen wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstitute war, dessen von der Wirtschaftswissenschaftlerin Doris Cornelsen geleitete Abteilung auf die Analyse von Produktion und Konsumtion in der DDR (und in den „östlichen Industrieländern“) spezialisiert war.

Für die „Aufarbeiter der DDR-Geschichte“ ist die Kaffeekrise insofern besonders wichtig, da sie als herausragendes Beispiel für die dem sozialistischen Wirtschaftssystem der DDR eigene Mangelwirtschaft vorgeführt wird. Die sei auf das uneingeschränkte „Primat der Politik“ in der sozialistischen Ökonomie zurückzuführen. Aus ihr habe sich die Möglichkeit ergeben, auch im wirtschaftlichen Bereich „aus rein politischen und ideologischen Motiven weitreichende Entscheidungen zu treffen und mit allen Mitteln durchzusetzen“[9]. Eine der aus dem Primat der Politik resultierenden und ohne Rücksicht auf Verluste durchgesetzten Strategien seien die starren Verbraucherpreise gewesen, schreibt Wolle. „Die aus Sorge um die politische Stabilität für Produkte des Grundbedarfs eingeführten Festpreise bewirkten dann sowohl einen permanenten Mangel an Waren und Dienstleistungen als auch eine ungeheure Verschwendung von Ressourcen und Arbeitskraft. Bürokratische Mechanismen der Verteilung sollten die Defizite ausgleichen, konnten gelegentlich die Probleme kurzfristig lösen, verursachten aber langfristig eine Beschleunigung des Teufelskreises der Mangelwirtschaft.“[10] Etwas zurückhaltender äußert sich Wünderich, sagt aber Ähnliches in einem Satz: „Die Unzulänglichkeiten der Planwirtschaft gerade auf dem Gebiet der Verbrauchslenkung ließen immer wieder empfindliche Versorgungslücken entstehen.“[11] Nach Kaminskys Ansicht wurden „Mangelerscheinungen in der DDR mit der sog. 'Kaffeekrise' besonders deutlich“[12].

Doch bevor wir diese pauschalen Interpretationen der Ursachen und der Bedeutung der „Kaffeekrise“ einer Überprüfung unterziehen, soll ein genauerer Blick auf deren Zustandekommen und Ablauf gerichtet werden.

[1] Vgl. dazu die Ausführungen in Abschnitt 5.

[2] Stefan Wolle, Die heile Welt der Diktatur. Alltag und Herrschaft in der DDR 1971–1989, Berlin 1998, S. 199–201.

[3] Annette Kaminsky, Illustrierte Konsumgeschichte der DDR, Erfurt 1999, S. 88–90.

[4] Volker Wünderich, Die Kaffeekrise von 1977. Genussmittel und Verbraucherprotest in der DDR, in: Historische Anthropologie 11/2003, S. 240–261.

[5] Daniela Münkel (Hg.), Die DDR im Blick der Stasi. Die geheimen Berichte an die SED-Führung, Göttingen 2012, S. 28–31, 226–228, 229–234.

[6] Jetzt Online: „Die DDR im Blick der Stasi“. Geheime Berichte zu Regimekritikern, Ausreisewilligen und „Kaffee-Krise“. BstU-Pressemitteilung vom 20.01.2014.

[7] Vgl. Doris Cornelsen, Die Wirtschaft der DDR an der Jahreswende 1977/78, in: DIW Wochenbericht 6/1978, S. 64–68; Doris Cornelsen, Die wirtschaftliche Lage in der DDR am Jahresende 1979, in: DIW Wochenbericht 6/1980, S. 59–67.

[8] Deutsches Institut für Wirtschaftsgeschichte, Handbuch DDR-Wirtschaft, Hamburg 1977, S. 226–231; DDR und Osteuropa. Wirtschaftssystem – Wirtschaftspolitik – Lebensstandard. Ein Handbuch, Opladen 1981, S. 133–135.

[9] Wolle, S. 190.

[10] Ebenda, S. 193.

[11] Wünderich, S. 241.

[12] Kaminsky, S. 88.

In der TAZ vom 23. Mai 2014 wird dieses Heft in der Reihe " Hefte zur DDR-Geschichte" besprochen unter dem Titel "Nicht mal Kaffeee in der DDR".

  • Preis: 3.00 €