Samstag, 5. Dezember 2015, 10:00 bis 17:00 Uhr in Berlin

Sonnenburg/Slonsk

Ein europäischer Gedenk- und Lernort zu Verfolgung und Widerstand

Konferenz

Häftlinge
(c) Foto Familienarchiv Lekschas, Nachlass Fritz Lange

Das etwa 100 km von Berlin entfernte polnische Słońsk (ehemals Sonnenburg) wird bislang in der deutschen Erinnerungskultur kaum wahrgenommen. Dabei wurde das seit 1931 wegen erheblicher Mängel geschlossene Zuchthaus Sonnenburg 1933 zu einem der größten frühen Konzentrationslager im Freistaat Preußen. Den Nationalsozialisten diente es zur Ausschaltung der Opposition. Neben Carl von Ossietzky, Erich Mühsam und Hans Litten wurden überwiegend Aktivisten der KPD, SPD und Gewerkschaften inhaftiert. Ab April 1934 wieder als Zuchthaus genutzt, internierten die Nazis in der Haftstätte europäische Widerstandskämpfer aus den deutschen Besatzungsgebieten. Nach Hitlers Nacht- und Nebelerlass wurden seit 1942 mehr als 1500 Widerstandskämpfer_innen aus Westeuropa und Norwegen nach Sonnenburg verschleppt. Hunderte starben an Hunger, durch Zwangsarbeit oder unterlassene gesundheitliche Hilfe. Kurz vor der Ankunft der Roten Armee ermordete ein SS-Kommando in der Nacht vom 30. auf den 31. Januar 1945 819 Gefangene aus vielen Ländern Europas.

Die Auseinandersetzung mit der Geschichte des KZ und Zuchthauses Sonnenburg kann Jugendlichen europäische Perspektiven der Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen und Zugänge zu Möglichkeiten des Widerstands gegen den Faschismus in Deutschland und im besetzten Europa eröffnen. Die Berliner VVN-BdA hat sich in den letzten Jahren intensiv darum bemüht, dass Słońsk als ein wichtiger europäischer Gedenk- und Erinnerungsort wahrgenommen wird. So beteiligte sich der Internationale Arbeitskreis zum Gedenken an die Häftlinge des KZ und Zuchthauses Sonnenburg bei der Berliner VVN-BdA maßgeblich an der am 30. Januar 2015 eröffneten neuen Dauerausstellung im rekonstruierten „Museum der Martyrologie der Häftlinge – Opfer des Hitlerismus in Słońsk/Sonnenburg“ über die Geschichte des KZ und Zuchthauses Sonnenburg von 1933 bis 1945. Gleichzeitig erschienen in Zusammenarbeit mit Historiker_innen und erinnerungspolitischen Mitstreiter_innen aus Polen, Westeuropa, Norwegen und Deutschland erstmals eine deutsche und eine polnische Publikation zum Thema.

Nun soll es darum gehen, Sonnenburg zu einem Denk- und Lernort für Jugendliche aus Deutschland, Polen und anderen europäischen Ländern zu entwickeln. In gemeinsamen Workshops haben sich in diesem Jahr Schüler_innen aus Słońsk und Fürstenwalde der Geschichte von Sonnenburg und der Gegenwart von Słońsk genähert. Das Ergebnis ihrer gemeinsamen Spurensuche zeigt ein Film, mit dem wir die Tagung eröffnen. Für die Tagung zentral wird somit die Frage sein, wie es gelingen kann, unter Jugendlichen das Interesse an historischer Verfolgung und Widerstand zu wecken und mit ihnen die Vergangenheit in die Gegenwart zu übersetzen. Gleichzeitig diskutieren wir Anknüpfungspunkte, Möglichkeiten und Herausforderungen für eine europäische Bildungs- und Erinnerungsarbeit an Gedenk- und Lernorten zur NS-Geschichte, die die Heranwachsenden und deren Bedürfnisse, Ängste und Hoffnungen in den Mittelpunkt stellt.

Die bisherige und künftige Zusammenarbeit mit Angehörigen von Häftlingen, mit Historiker_innen und Interessierten, mit Gedenkstätten aus Polen, Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Norwegen, Luxemburg und Deutschland ermöglicht es, individuelle und kollektive Erinnerungen mit aktuellen Fragen zur gesellschaftlichen Entwicklung in Europa zu verbinden: Welche Verantwortung erwächst aus der gemeinsamen Vergangenheit für den Umgang mit Flüchtlingen und in der Auseinandersetzung mit Rassismus, Fremdenhass für den Menschenrechtsdiskurs in den europäischen Gesellschaften?


GESCHICHTE UND ERINNERUNG

10:00 Uhr Dr. Hans Coppi, Berliner VVN-BdA
Perspektiven von Erinnern und Gedenken

10:15 Uhr „Sonnenburg – Spuren eines Schreckensortes“ polnisch-deutscher Film von und mit SchülerInnen aus Słońsk und Fürstenwalde
11:00 Uhr Gespräch mit Ewelina Wanke, SchülerInnen aus Słońsk und Fürstenwalde, Gerhard Eichin (früherer Leiter des Katholischen Schulzentrums Bernhardinum Fürstenwalde) und Artur Wysokiński (Lehrer in Słońsk)
Moderation: Amélie zu Eulenburg

Ergebnisse historischer Forschung für die Bildungsarbeit
11:40 Uhr Christoph Gollasch, Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin
Das KZ Sonnenburg: Möglichkeiten der historischen und pädagogischen Aufarbeitung

12:00 Uhr Frieder Böhne, Berliner VVN-BdA
Die Datenbank zum KZ Sonnenburg, Namen und Orte für regionale Bildungs- und Erinnerungsarbeit in Brandenburg

12:20 Uhr Julia Pietsch, Freie Universität Berlin
Jüdische Häftlinge im KZ Sonnenburg, Antisemitismus im Zuge von „Schutzhaft“ und politischen Terror

12:40 Uhr Daniel Queiser, Berliner VVN-BdA
Zwangsarbeit, Widerstand und Solidarität im Zuchthaus Sonnenburg – Rekonstruktion aus Häftlingsberichten

13:00 bis 13:40 Uhr - Mittagspause

INTERNATIONALE GEDENK- UND ERINNERUNGS-PROJEKTE
13:40 Uhr Dr. Katarzyna Woniak, Zentrum für Historische Forschung Berlin (PAN) Möglichkeiten einer gemeinsamen europäischen Perspektive am Beispiel Sonnenburg/ Słońsk

14:00 Uhr Thomas Hetzer, Deutsch-Polnisches Jugendwerk (DPJW)
Erfahrungen aus der Mittler-Tätigkeit des DPJW bei Gedenkstättenfahrten deutscher Jugendlicher nach Polen

14:20 Uhr Magdalena Dźwigał, Referat für Wissenschaftliche Forschung im IPN Szczecin Möglichkeiten und Herausforderungen der historischen Bildungs-Arbeit am Institut für Nationale Erinnerung (IPN) in Polen

14:40 Uhr Kamil Majchrzak, Berliner VVN-BdA
Erfahrungen aus trilateraler Erinnerungs- und Antirassismus-Arbeit mit Jugendlichen in Buchenwald

15:00 bis 15:30 Uhr - Kaffeepause

15:30 bis 17:00 Uhr PODIUMS-DISKUSSION:
Internationale Erfahrungen zur Erinnerungs- und Bildungsarbeit mit Jugendlichen
Mit: Thomas V. H. Hagen (Stiftelsen Arkivet Kristiansand, Norwegen); Jan Hertogen (Comité de l‘Amicale Sonnenburg, Belgien), Dr. Matthias Heyl (Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, Deutschland), Dr. Laurent Thiery (La Coupole, Centre d‘Histoire et de Mémoire du Nord - Pas-de-Calais, St. Omer, Frankreich)
Moderation: Dr. Sylvia de Pasquale

Eine Tagung von Helle Panke e.V. - Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin in Kooperation mit dem Internationalen Arbeitskreis zum Gedenken an die Häftlinge des KZ und Zuchthauses Sonnenburg bei der Berliner Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) e.V. und der Stiftung Haus der Demokratie und Menschenrechte.

Kosten: 7,50 Euro / ermäßigt 4,00 Euro (inklusive Versorgung)

Veranstaltungsort:

Haus der Demokratie und Menschenrechte
Greifswalder Str. 4
10405 Berlin
Marx 200
Ladenlokal der Stiftung Helle Panke