22.06.2015

Bericht zur Jugendbildungsreise durch das ehemalige Jugoslawien

"Geschichte als Politik - Migration und Antiziganismus, Sozialpolitik und das Verhältnis zur EU in Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Serbien" vom 3.-10. April 2015

Fabian Kunow
Slideshow
Zweiter Tag Besuch von Gedenkpark Dotr¨čina
Zweiter Tag Besuch von Gedenkpark Dotr¨čina
Wir steuerten Zagreb (Kroatien), Sarajevo (Bosnien-Herzegowina) und Belgrad (Serbien) an. TeamerInnen waren Birgit Ziener und Fabian Kunow aus der Geschäftsstelle der Hellen Panke sowie Mara Puskarević von der Berliner Initiative „SolidarnOST“. Mit Mara sowie SolidarnOST haben wir in den letzten Jahren schon zwei Abendveranstaltungen (Post-Jugoslawien im Fußballstadion - Fußballkrawalle, Nationalismus, Krieg der Symbolik und Jugoslawische Denkmäler - Objekte revolutionärer Ästhetik und hybrider Architektur) sowie ein Jugendseminar zur Geschichte Jugoslawien bestritten.
Mara hatte vor einigen Jahren schon eine Bildungsreise für eine Stipendiatengruppe der Hans-Böckler-Stiftung über den Balkan organisiert. Sie ist zudem Mitherausgeberin des Buchs "Mythos Partizan (Dis-)Kontinuitäten der jugoslawischen Linken: Geschichte, Erinnerungen und Perspektiven" und kennt vor Ort viele AktivistInnen aus unterschiedlichen Initiativen, Szenen und Organisationen.
Unterstützung für diese Jugendbildungsreise bekamen wir von der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Finanziell aber auch durch die Kolleginnen und Kollegen des in Belgrad ansässigen Regionalbüros der RLS in Form von Tipps und Vorschlägen. Da die Reise als Jugendbildungsreise konzipiert war und sich an junge Leute und Studierende richtete bemühten wir uns den Eigenanteil (150 Euro, plus eigene An- und Abreise) der Teilnehmenden möglichst gering zu halten.
Dies unterscheidet die Reise von anderen Angeboten aus der RLS bzw. von privaten Anbietern, die in der Regel deutlich teurer sind. Konkret bedeutet hieß das z. B. in den ersten beiden Städten (Zagreb und Sarajevo) in Youth Hostels statt Hotels zu schlafen sowie von Berlin aus alles selbst zu organisieren. Von außerhalb eine Reise zu planen, vor allem in zum Teil noch nicht voll touristisch-erschlossene Gebiete, ist deutlich arbeitsintensiver, als wenn Reiseveranstalter vor Ort ihr Programm abspulen.
Los ging es am Freitag, dem 3. April in Zagreb. Gleich bei der Ankunft war zu merken, dass Kroatien ein EU-Staat ist: Ökotaxis, auf westeuropäische Backpacker ausgerichtetes Youth Hostel und an jeder Ecke deutsche Super- und Baumarktketten, die die heimischen Läden verdrängt haben. Am Nachmittag bekamen wir einen mehrstündigen Stadtrundgang durchs historische Zagreb, an Orte des kroatischen Faschismus und der Kollaboration sowie des Widerstands, aber auch Orte, an denen es nach 1990 zu sozialen Bewegungen kam.
Der Samstag führte uns an den Stadtrand von Zagreb. Während des Faschismus war hier noch Wald, in dem es massenhaft zu Exekutionen politischer Gegner durch kroatische Faschisten und Wehrmachtssoldaten gekommen war. Hier entstand der jugoslawische Gedenkpark Dotr¨čina, welcher von der Denkmalästhetik stark abwich von Denkmälern, die in den Ostblockstaaten geschaffen wurden. Der Nachmittag gehörte der Gegenwart bzw. Kroatien nach dem Bruch mit Jugoslawien. Wir trafen uns zu einer Gesprächsrunde mit verschiedenen Kooperationspartnern aus sozialen Bewegungen zu aktuellen sozialen und politischen Kämpfen sowie feministischer und queerer Praxis.
Nachts fuhren wir mit dem Bus von Zagreb nach Sarajevo in Bosnien-Herzegowina. Schon bei der Einfahrt in die Stadt, die sogenannte Sniper-Allee entlang, waren die beiden Faktoren zu sehen, die Sarajevo bis heute prägen: die Verwüstungen der 1.425 Tage langen Belagerung sowie das Erstarken des Islams in dieser auch vorher größtenteils von Muslimen bewohnten, aber als jugoslawische Musterstadt geltenden, Metropole. Bei unseren Stadtrundgängen, Gesprächen und Museumsbesuchen war der Staatszerfallskrieg des ehemaligen Jugoslawien an jeder Ecke noch immer präsent durch Friedhöfe, Schäden an Gebäuden und Erinnerungen.
Von Sarajevo unternahmen wir mit einem gemieteten Bus am vierten Tag unserer Bildungsreise aus unsere Exkursion zum Gedenk- und Nationalpark Sutjeska. Dieser liegt in der Republika Srpska. Hier fand die bedeutende Partisanenschlacht im 2. Weltkrieg, die „Schlacht an der Sutjeska“ statt. Sie brachte im Krieg gegen die deutschen Besatzer und ihre Verbündeten die Wende, da ab diesem Zeitpunkt die Alliierten die jugoslawische Armee unter Tito als Verbündeten angesehen und mit Waffen und Munition beliefert haben. Dies führte zur Befreiung Jugoslawiens „aus eigener Kraft“, also ohne die Rote Armee, worauf der Staatsgründungsmythos basierte. Der jugoslawische Staat baute in dieser landschaftlich schön gelegenen Gebirgslandschaft dann den Gedenkpark Sutjeska im gleichnamigen Nationalpark. Dieser umfasst neben einer riesigen Skulptur, welche den Sturm den Berg aufwärts symbolisiert, eine Kathedrale, Ausflugslokale und Begnungsstätten. Diese sind heute verfallen, einzig das riesige Denkmal aus Beton ist unverwüstlich. Die arme Republika Srpska versucht den Gedenk- wie den Nationalpark für Touristen wieder zu erschließen und zu restaurieren. Wenn man vor Ort ist, merkt man aber, dass diese Aufgabe die Regionalregierung auf absehbare Zeit nicht alleine stemmen kann.
Am fuhren wir mit einem gemieteten Kleinbus die Strecke von Sarajevo nach Belgrad. Wir machten Station in Vi¨egrad mit Besichtigung dieser Kleinstadt und der dortigen „Brücke über die Drina“, die im Roman vom Literaturnobelpreisträger Ivo Andrić verarbeitet wurde. Beim Rundgang durch Vi¨egrad, welches sich bemüht aus dem Vermächtnis von Andrić touristisches Kapital zu schlagen, war die ökonomische Krise von Bosnien-Herzegowina an jeder Ecke zu spüren. Hier gibt es keine Touristen oder Investoren aus dem europäischen bzw. arabischen Ausland wie in den Metropolen Sarajevo und Belgrad. Es herrscht bedrückender Stillstand. Als wir abends in Belgrad ankamen, besuchten wir ein Konzert im Soziokulturellen Zentrum Mixer anlässlich des Tages der Roma.
Der sechste Tag war der programmreichste der ganzen Bildungsreise. Los ging es morgens mit der Besichtigung des Gedenkorts des KZ Topovske ¨upe. Auf diesem Gelände, welches heute Werkstätten enthält, plant der reichste Mann Serbiens ein riesiges Einkaufscenter zu errichten. Nur eine kleine Plakette, außerhalb des eigentlichen Lagers, erinnert daran, dass hier während der deutschen Besatzung Juden interniert wurden. Die Vorstellung, dass im Jahr 2015 auf einem KZ-Gelände eine Shoppingmall gebaut wird, ist für uns aus dem Erinnerungsweltmeisterland Deutschland doch recht befremdlich. Weiter ging es am Stadion von Partizan Belgrad vorbei zum Museum of Yugoslav History und dem darüber liegenden „Haus der Blumen“. Dieses war Titos ehemaliger Wohnsitz und seine heutige Grabstätte. Hier findet sich eine sehr auf Tito zugeschnittene Ausstellung. Der Personenkult um den Staatsgründer ist eine Mischung aus bizarrer, bisweilen sympathisch-lustiger Nostalgie und autoritärem Personenkult.
Nach diesem geschichtlichen Teil widmeten wir uns der Gegenwart in Belgrad. Wir besuchten das Stiftungsbüro der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Belgrad und führten dort ein Gespräch mit der Mitarbeiterin Ksenija Forca über die derzeitige politische Situation in Serbien. Zur Sprache kamen der neoliberale Umbau des serbischen Staats um sich der EU anzubiedern sowie der gesellschaftliche Kampf um Gay Rights und gegen Homophobie. Im Anschluss besuchten wir das Minority Right Center in Belgrad. Wir unterhielten uns mit den dortigen Mitarbeitern über die Situation von Roma in Serbien. Abends ging es noch weiter in das linksradikale Cafe „Oktober“, um Kontakt zu den dortigen Aktivisten zu schließen.
Der letzte Tag unserer Bildungsreise begann mit einer Teilung der Gruppe. Ein Teil nahm das Angebot des Minority Centers wahr und fuhr mit in die informelle Roma-Siedlung Samuca. Diese gibt es schon seit Jahren und sie soll geräumt werden, um die Roma in Container-Siedlungen außerhalb der Stadt anzusiedeln. Dies bedeutet für die in Samuca lebenden Menschen, ihre wirtschaftliche Existenz zu verlieren. Sie sammeln in der Stadt Müll, um diesen zu recyceln. Firmen aus der Abfallwirtschaft stellen Container für Papier, Metall und Glas in diese Siedlungen und holen sie gegen eine niedrige Entlohnung ab. Um dieser Tätigkeit nachgehen zu können, brauchen die Roma die räumliche Nähe zu den Haushalten, deren Müll sie recyceln. Menschenrechtler wie das Minority Center versuchen juristische Unterstützung für die sehr prekär lebenden Roma zu organisieren.
Der andere Teil besichtigte mit der Künstlerin Rena Jeremić Raedle das ehemalige Lager Staro Sajmi¨te. Dieses war Lager zu Deportation bzw. Vernichtung der Juden Serbiens auf dem ehemaligen Messegelände der Stadt Belgrad errichtet worden. Literarische Bekanntheit erreichte Sajmi¨te durch das Buch „Götz und Meyer, dem Roman des serbischen Erfolgsautors David Albahari. In diesem versucht sich der Sohn von Holocaust-Überlebenden in die beiden SS-ler Götz und Meyer, die den Gaswagen fahren, hineinzuversetzen. Der Roman basiert auf den historischen Tatsachen und gehört zu den wichtigsten neueren Werken der Holocaustliteratur.
Nach dem Besuch von Sajmi¨te und einem weiteren Denkmal, das an den Widerstand gegen den faschistischen Terror erinnern soll, unterhielten wir uns mit der ursprünglich aus Deutschland stammenden Rena Jeremić Raedle über das Wesen der Gedenkpolitik in Serbien, die NGO-Landschaft in Belgrad sowie das Streben der serbischen Politik auf eine EU-Mitgliedschaft.
Gemeinsam als gesamte Gruppe nahmen wir am historischen Stadtrundgang mit dem Historiker Milan Radanović durch das innerstädtische Belgrad teil.

Was bleibt von dieser Reise neben dem eigenen verdichteten Bildungserlebnis? Während der Reise sind mehre Abendveranstaltungsideen entstanden, wovon schon mit „YUROPA - Das jugoslawische Erbe und Zukunftsstrategien in postjugoslawischen Gesellschaften“ die erste mit 75 BesucherInnen in der Fahimi-Bar umgesetzt wurde. Die nächste soll sich der „Praxis Gruppe“ und 1968 in Jugoslawien widmen.
Aus der Gruppe gibt es mehre Ideen für Artikel für verschiedene Zeitungen. So soll ein Bericht über die anstehende Räumung der informellen Roma-Siedlung Samuca in einer großen deutschen Tageszeitung untergebracht werden. Weitere Ideen zu Artikel zu Stätten, die wir besucht haben, stehen noch im Raum. Erste Ideenspinnereien für weitere Jugendbildungsfahrten der Helle Panke in naher Zukunft wurden schon während der Reise gemacht.

P. S.: Gerne wieder!!!
Marx 200
Ladenlokal der Stiftung Helle Panke