Publikationen

Heft 52: Wolfgang Heise – Die Wahrheit der Kunst, die Kunst der Wahrheit

Von: Gerd Irrlitz

3.00 €

 Reihe "Philosophische Gespräche", Heft 52, 2018, 40 S.
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Anlässlich des 30. Todestages von Wolfgang Heise würdigte die Helle Panke in der Veranstaltungsreihe Philosophische Gespräche am 28. April 2017 Leben und Werk des Philosophen und Literaturwissenschaftlers. Das Referat hielt Prof. Dr. Gerd Irrlitz, bei dem wir uns für die Möglichkeit bedanken, wesentliche Teile seines Vortrages hiermit einem breiten Leserkreis vorstellen zu können.
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Autor:
Gerd Irrlitz,
Prof. Dr., Philosoph, geboren 1935 in Leipzig, Schüler von und studentischer Hilfsassistent bei Ernst Bloch, Mitherausgeber der Schriften Wolfgang Heises
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INHALT

I. Biographie
II. Erbe und Gegenwart  
III. Die Leitidee  
IV. Die kulturelle Figur des engagierten Intellektuellen  
V. Verfremdungsmethode 
VI. Erbe, Gegenwart und Geschichte

Brief von Wolfgang Heise an Kurt Hager, Wissenschaftlicher
Sekretär des Zentralkomitees der SED, vom 13.11.1976

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LESEPROBE

I. Biographie

Als Wolfgang Heise im April 1987 plötzlich verstarb, ward einem großen Kreis von Intellektuellen und Künstlern der schon gescheiterten, noch fortzitternden DDR bewusst, dass ein Element der eigenen geistigen Balance mitgesunken war. Am 8. Oktober dieses Jahres wäre er 93 Jahre alt geworden. Durch Wissen, das reich war wie aus ferner, schöner Bildungswelt und durch sein immer gegenwärtiges Handeln und Helfen war Wolfgang Heise Aufklärer, Lehrer und Freund in einer ideologisch tief verhangenen Welt, die sich über der Kluft zwischen ideellem Anspruch und Realität unheilvoll hin und her bewegte. Als er fehlte, bemerkten wir alle, dass er kaum einmal von sich gesprochen hatte, während so viele die Klarheit seiner Analysen, seine Kultur der Toleranz, der vermittelnden Fürsprache und die Kraft der Gemeinschaft mit seiner Frau, der Romanistin Rosemarie Heise, erfahren hatten.

In den frühen fünfziger Jahren war er von West- nach Ostberlin gezogen, in der Periode konservativer Versiegelung der NS-Vergangenheit, mit der die Westrepublik die Rückkehr zum parlamentarischen Verfassungsstaat begann. Der achtzehnjährige internierte („halbjüdische“) NS-Zwangsarbeiter hatte Hölderlins „Hyperion“ zur Lektüre für freie Augenblicke im Kittel getragen. Heises letztes Buch erschien 1988 postum im Aufbau-Verlag: Hölderlin – Schönheit und Geschichte. Wolfgang Heise hat sein Leben mit der Erfahrung deutscher Geschichte geführt und unterm utopischen Horizont anbrechenden Austritts aus dem bürgerlichen Zeitalter. „Nicht versinken im bitteren Brunnen seines Herzens“ sagte Hölderlin in seinem Empedokles-Fragment. Die deutsche Geschichte interpretierte er nicht im Sinne der DDR-Historiographie, und auch nicht in dem von Marx und Engels, also nicht als deutsche Misere. Denn Marx hatte auf den Hinweis „aber doch Schiller!“ geantwortet: zur tristen die illusorisch überstiegene Misere. Heises Goethe-Interpretation unterm deutschen Gestirn Hölderlin sieht und rückt den Misere-Punkt zurecht. Das Zurückbleiben der deutschen Staaten im Übergang zur bürgerlichen Gesellschaft gegenüber Westeuropa verstand er als tragisches Geschehen.

So war auch seine Interpretation der klassischen Literatur, insbesondere Hölderlins, auch die (weniger intensive) Goethes, bestimmt. Sein ganzes Verständnis der Teilung Deutschlands durch die Siegermächte in zwei einander befeindende Staaten gehörte zu diesem gedankenvollen Bild der deutschen Geschichte. Seine Erfahrung der Willfährigkeit so vieler deutscher Bürger gegenüber dem faschistischen Terrorsystem – man sagt heute „die Nazis“, als wären es Fremde gewesen – hat seinem Deutschland-Bild die Schwere gegeben.

An der Humboldt-Universität studierte er ab 1946 beim Germanisten H. Kunisch, beim Kunsthistoriker Richard Hamann, beim Altphilologen Wolfgang Schadewaldt. Der Student veröffentlichte zwischen 1946 und 1949 als Theaterkritiker der Gewerkschaftszeitung „Tribüne“ über 70 Kritiken von Aufführungen im Deutschen Theater, den Kammerspielen, dem Hebbel-Theater. In der verstreuten, aber thematisch pointierten Form der Kunst-Kritik findet sich hier ein Moment des ästhetischen Denkens W. Heises vorgeprägt: nicht Theater an sich zu machen, sondern in den ästhetischen Figuren die Epochen-problematik darzustellen und so das Selbstverständnis des Menschen über den Fetisch alltagspraktischer Determination hinauszuführen und möglichen Alternativen von Lebensentscheidungen zu öffnen. Später bildeten die Verbindung zum Theater in der DDR, die Teilnahme an den Debatten über Inszenierungen von Wolfgang Heinz und Adolf Dresen im DT, über Heiner Müllers „Macbeth“, überhaupt der Einsatz für die Anerkennung Heiner Müllers, die Unterstützung des Till-Eulenspiegel-Filmszenariums Christa Wolfs einen Beitrag Wolfgang Heises in der Geschichte des so intensiven ästhetischen Bewusstseins in der DDR. Die Bürgerbewegung der jüngeren Generation in den achtziger Jahren, von den ihr entwundenen und unausweichlichen Prozessen überrascht und schnell verdrängt, trat nur auf den ersten Blick als intensive Eruption an den Tag. Sie besaß lange Vorbereitung im kritischen, Reformen anmahnenden Denken von Intellektuellen wie W. Heise und entfaltete sich zunächst auch im geistigen Bewegungsraum, der bereitet worden war und mit immer erneuertem Engagement offen gehalten wurde. Die sachorientierte Darstellung der Geschichte der geistigen Bewegungen in der ostdeutschen Nachkriegsrepublik, speziell der späten Bürgerbewegung, steht noch aus.[1]

Mit einer Arbeit über Johann Christian Edelmann (1698–1767), den vergessenen pietistischen, später spinozistischen Aufklärer, promoviert, übernahm Wolfgang Heise erst einen Lehrauftrag, 1955 eine Professur für Philosophie an der Humboldt-Universität. Als einer der Prorektoren dieser Universität, erst einige Monate im Amt, weigerte er sich 1964, dem Parteiausschluss und der Relegierung Robert Havemanns zuzustimmen. Er wurde abgesetzt und erfuhr die Zumutungen inquisitorischer Macht, die sich freilich in den von unten her entgegenkommenden Schwingungen kollektiver Schamlosigkeiten auflud. Heiner Müller sagte es 1987 in seiner Trauerrede bei der Feier an der Humboldt-Universität: Heise erlebte Kafkas Literatur als Realität. („Sinn und Form“, 6/1987) Später konnte er am Ästhetik-Institut der Universität seine Tätigkeit fortsetzen und trug nun bis 1985 seine Vorlesungsreihen zur Geschichte der Philosophie und speziell der Ästhetik vor. Seine Auseinandersetzung mit der konservativen geistigen Welt der frühen Bundesrepublik findet sich in Heises erstem Buch, „Aufbruch in die Illusion“ (1956), einer Studie zur Geschichte der deutschen Philosophie im 20. Jh.

Sein Vater, Wilhelm Heise, 1897 in einer preußischen Beamtenfamilie im brandenburgischen Fürstenwalde geboren, seit 1925 Studienrat für deutsche Sprache und Literatur an der Berliner Körner-Oberrealschule, war Mitglied der Kommunistischen Partei seit 1919. Der Weltkrieg hatte ihn auf die Irrealität der deutschen Geschichte nach der Reichsgründung gestoßen. Er hatte wohl auch als Sanitätssoldat die bis dahin ganz unausdenkbaren Verstümmelungen von Menschen durch den maschinisierten Krieg gesehen. Während der Weimarer Zeit hatte Wilhelm Heise politisch vor allem in der Freien Lehrergewerkschaft gewirkt. 1934 war er mit der gegen Beamte üblichen politischen Zwangspensionierung aus dem Schuldienst entlassen worden. Seit Mai 1945 Leiter der Abteilung Volksbildung des Bezirksamtes Steglitz, wurde er im Herbst 1946 als Professor an die Pädagogische Fakultät der neu eröffneten Berliner Universität berufen. Promoviert mit einer literaturwissenschaftlichen Dissertation[2], hatte er vor dem nazistischen Berufsverbot zur Geschichte der deutschen Literatur ediert und geschrieben.[3]1946 erschien seine Lyrikanthologie Deutsche Gedichte von Goethe bis zur Gegenwart.

Wilhelm Heise widmete sich neben seiner Lehrtätigkeit und dem Verwaltungsaufbau an der Universität als Dekan und Institutsdirektor vor allem der Lehrerbildung für die zu erneuernden Schulen. Im 1945 gegründeten Verlag „Volk und Wissen“ begründete er die Reihen Werke der Weltliteratur. Für die deutsche Schule herausgegeben und Wissen und Forschen. Beiträge zur Einführung in die Wissenschaft der Gegenwart. 1948 übernahm er die Chefredaktion der Zeitschrift Deutschunterricht in der Schule. Doch früh verstarb er. Mit nur 52 Jahren beendete im Jahr 1949 ein Herzinfarkt ein Leben, das in seinen rastlosen späten Jahren vom Glück der Verwirklichung seiner frühesten Ideale erhellt war. Als „ein innerlich junger Mensch, entschieden in seiner politischen Haltung, von optimistischer Lebensauffassung“ blieb er in der Erinnerung von Kollegen jener frühen ostdeutschen Jahre. Stärkerer Einfluss auf Wolfgang Heises Lebensverständnis, sein Wissen um die Lebensverantwortung kam von der Bindung an seine Mutter.

Wolfgang Heises Mutter, Edith Hirschhorn, 1899 geboren, kam aus einer weit verzweigten österreichischen jüdischen Familie. Ihr Vater, Max Hirschhorn, Handelsreisender, Einkäufer von Stoffen und Schneiderbedarf, 1863 geboren, wurde 1942 deportiert und ist auf dem Transport oder in einem Lager umgekommen. 16 Angehörige aus dem Familienkreis in Österreich und Polen, die nicht emigrierten, wurden ermordet. Heises Großmutter, Anna Hirschhorn, 1868 geboren, verstarb 1941 in Wien. Ihre drei Geschwister emigrierten 1938 bzw. 1940 nach England und in die Vereinigten Staaten. Unter den vier Kindern war Edith die zweitälteste Tochter. Bescheidene Verhältnisse, die mehr rituelle jüdische Religiosität der „Assimilierten“ im großen Kreise verwandter und befreundeter Familien, selbstverständlich solidarisch mit orthodoxen Freunden, und die K.-u.-K-Metropole noch im späten Glanz einer der letzten alteuropäischen Monarchien, schließlich in deren Untergang.

Edith Hirschhorn war künstlerisch sehr begabt, und die Familie ermöglichte ihr nach der Schule das Studium an der Wiener Kunstgewerbeschule. Das Abschlusszeugnis von 1920 bestätigte ihr gute zeichnerische Begabung und plastische Gestaltung, ihren keramischen Arbeiten ausgezeichnetes Formgefühl und ausgeprägte Behandlung der menschlichen Gestalt. Rosemarie Heise sagt es mit klarem Urteil und bitter: „Betrachtet man die frühen Arbeiten Ediths (d.h. bis zum Beginn der Naziherrschaft), in denen sich Traditionen des österreichischen Bauernbarock mit den in der Wiener Schule aufgenommenen Einflüssen der Moderne (art déco) mischen, so ist man bestürzt über das nicht zu übersehende, tragische Missverhältnis zwischen der unverkennbaren Begabung dieser Frau und dem produktiven Ertrag ihres künstlerischen Arbeitslebens. Dessen geringer Umfang (von der Mehrzahl unbekannt, wo verstreut) wie auch die ästhetische Reduktion der Arbeiten nach dem II. Weltkrieg haben gewiss mehrere Gründe, der gravierendste jedoch ist unstreitig die zwölfjährige faschistische Herrschaft mit dem Berufsverbot für sie und für ihren Mann als Ehemann seiner jüdischen Frau, von der sich zu trennen, er nicht bereit war.“

1922 ging Edith nach Berlin und arbeitete in einer keramischen Werkstätte. Zwei Semester studierte sie bei Prof. Ludwig Gies und arbeitete dann freischaffend. Mit ihren phantasievollen Arbeiten nahm sie an vielen Ausstellungen teil, die Stadt Berlin kaufte eine Plastik fürs Steglitzer Rathaus. 1933 traf sie das Berufsverbot. Nur die Ehe mit ihrem Mann bewahrte sie vor dem Transport ins Konzentrationslager. 1924 hatte sie Wilhelm Heise geheiratet. Die beiden Söhne folgten rasch hintereinander: Wolfgang am 8.10.1925, Hans am 26.11.1926. (Hans Heise studierte Forstwissenschaften, arbeitete später als Forstmeister, verstarb aber schon 1977, ein Jahr vor seiner Mutter.)

1948 hatte sie an der Humboldt-Universität einen Lehrauftrag für plastisches Gestalten bei Studenten der Kunsterziehung übernommen. 1952 wird sie mit der Wahrnehmung einer Dozentur für Keramik und Plastik an der Pädagogischen Fakultät beauftragt. Während dieser Zeit traf sie der beabsichtigte Ausschluss aus dem Verband Bildender Künstler. Der Vorwand: Sie lege keine neuen Arbeiten vor. Zuvor war aber der künstlerische Gehalt einiger ihrer Arbeiten als formalistisch kritisiert worden. Man teilte ihr eine Frist zu, neue, und „realistische“ Arbeiten vorzulegen, die sie verstreichen ließ. Der Ausschluss ward vollzogen. 1959 beantragte sie ihre Entpflichtung an der Universität. In ihrem letzten Lebensjahr ward Edith Heise von Depressionen heimgesucht. Die in ihr seit Jahrzehnten schlafenden Ängste erwachten, und die Klage um den Vater, um die in Theresienstadt ermordete Halbschwester ließen in ihrem bildschaffenden Wesen deren Gestalten wieder wie leibhaftig und zum Ansprechen gegenwärtig werden. In ihrer Schwiegertochter sah sie die umgebrachte Halbschwester Elsa, in ihrem Sohn den Vater wieder zu ihr zurückkehren. Wolfgang und Rosemarie Heise holten sie zu sich, und die ganze Familie pflegte sie bis zum Tode im Jahr 1978.

Rosemarie Heise schildert die Erbteile der Eltern in Wolfgang Heises Geist und Anlage für die Welt: „Die mütterliche Komponente im Wesen des Sohnes war stärker, wie mir erst nach und nach deutlich wurde, als es auf den ersten Blick den Anschein hatte. Nicht nur zeichnerische Begabung, Schönheitsdurst und Formensinn kommen von der Mutter. Auch Wolfgangs sinnlich-chtonisches Element, die Gabe vertrauten Umgangs mit Pflanzen und Tieren, der Sinn für die stoffliche Gestalt des Schönen, die Freude an der Natur in der ganzen Vielfalt ihrer Erscheinungen, auch die Gabe des Humors und der Selbstironie dürften vor allem mütterliches Erbteil sein. Mit dem Vater teilte er die Liebe zu Literatur und Theater, die intellektuelle Fähigkeit zur Anstrengung des Begriffs, Vielseitigkeit der Interessen, hohes Abstraktionsvermögen, eine nie erlahmende, kreative geistige Regsamkeit, auch einen alles andere als schulmeisterlichen Impetus.“

[1]      Sehr lesenswert: W. Mittenzwei, Die Intellektuellen. Literatur und Politik in der DDR 1945–2000, Berlin 2001.
[2]      Wilhelm Heise, Otto Ludwigs „Marino-Falieri”-Fragmente. Ein Beitrag zu seiner dramatischen Theorie und Praxis.
[3]      Wilhelm Heise, Das Drama der Gegenwart. Analysen zeitgenössischer Bühnenwerke. Gerhart Hauptmann, 4 Bde. in einem, Leipzig 1924, ²1930, 257 S. (Darstellung und Kommentar der Stücke); Shakespeares dramatische Werke, 4. Bde., Leipzig o.J., 402 S. (Einleitung zu den Stücken); Der junge Goethe in Frankfurt, Leipzig 1949, 33 S. (Auswahl aus „Dichtung und Wahrheit“). Er veröffentlichte ein Theaterstück, „Jesus von Nazareth“: Jesus habe erkannt, dass zur Änderung der altisraelischen Priesterherrschaft eine Volksbewegung erforderlich sei. Darum habe er Judas beauftragt, ihn zu verraten usf.

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