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Heft 215: 1962 – 1971 - Schicksalsjahre des RGW

Warum die Wirtschaftsgemeinschaft der osteuropäischen Staaten auseinander zu brechen drohte und wie es gelang, sie funktionsfähig zu halten

Von: Jörg Roesler

3.00 €

 Reihe  "Pankower Vorträge", Heft 215, 2017, 40 S.

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Der vorliegende Text ist die erweiterte Fassung des Vortrags von Prof. Dr. Jörg Roesler am 24. Oktober 2017 im Verein „Helle Panke“ e.V.

 

Autor
Jörg Roesler
Prof. Dr., Wirtschaftshistoriker, Mitglied der Leibniz-Sozietät, Berlin

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INHALT 

Einleitung:
Über die Aktualität des Themas und die Pflicht des Historikers                
1. Die Entstehung des RGW und seine Entwicklung in der ersten Hälfte der 1950er Jahre 
2. Probleme bei der Bewältigung neuer Herausforderungen in der 2. Hälfte der 1950er Jahre                                                                                          
3. Die Auseinandersetzungen um neue RGW-Strukturen in seiner ersten Schwächephase: Von Chruschtschows Initiative 1962 bis zum offenen Ausbruch der RGW-Krise 1964                                                                 
4. Zurückhaltung, Ablenkung und Stagnation:Das vergebliche Ringen um den Umbau des RGWin der zweiten Hälfte der 1960er Jahre    
5. Das Komplexprogramm von 1971: Neubelebung der RGW-Arbeit durch Einführung des „Interessiertheitsprinzips“                                                
6. Der RGW in den 1970er Jahren: Nutzung der kurz- und mittelfristigen Vorteile des erreichten Kompromisses                                                      
7. Der RGW in den 80er Jahren: Erneute Schwächephase und Auflösung                                                                                                   
8. Ein Fazit mit Blick auf die gegenwärtige EU-Krise                              
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LESEPROBE

Einleitung

Über die Aktualität des Themas und die Pflicht des Historikers

„Die EU befindet sich in einem fortgeschrittenen Stadium der Auflösung. Entweder sie ist (noch) zu retten, menschlicher zu gestalten, oder es besteht bereits keine Hoffnung mehr und ihre Auflösung ist sicher.“ Dieser Einschätzung des zeitweiligen griechischen Finanzministers Yanis Varoufakis vom September 2016[1] wird heute ein seriöser Wirtschaftsfachmann, ob er als Politiker oder Wissenschaftler auftritt, um so weniger widersprechen, als mit Austritten aus der europäischen Wirtschaftsgemeinschaft nicht mehr nur gedroht wird, sondern ein solcher Schritt auch – im Falle Großbritanniens – bereits eingeleitet wurde. Die Kritiker sind sich in vielerlei Hinsicht einig, dass die EU in der bestehenden Form kaum eine Zukunft hat. Ratschläge, wie Europa aus dieser vertrackten Situation herauskommen könnte, finden sich in Presse, Rundfunk und in Fachzeitschriften in den vergangenen zehn Jahren immer mal wieder – seit der internationalen Finanzkrise von 2007/08.

Auch der Historiker ist aufgefordert, seinen spezifischen Beitrag zur Erklärung des Krisenphänomens zu leisten, d.h. auf vergleichbare Krisenprozesse von Wirtschaftsgemeinschaften in der Vergangenheit hinzuweisen, deren Belastbarkeit, deren Probleme aufzuzeigen und auf Lösungswege, die seinerzeit in Angriff genommen wurden, ob sie nun zum Erfolg führten oder auch nicht, aufmerksam zu machen. An den Deutschen Zollverein wird der Historiker z.B. erinnern, in dem zwischen 1834 und 1871 mehr als dreißig souveräne Staaten in Zentraleuropa eine Wirtschaftsgemeinschaft bildeten,[2] aber auch an die Organisation der im „Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe“ (RGW) von 1949 bis 1991 zusammengeschlossenen Staaten Osteuropas.

Von dem Versuch, den RGW mit der EU auf diese Weise in einen argumentativen Zusammenhang zu bringen, gar die Probleme beider Wirtschaftsgemeinschaften zu vergleichen, wird allerdings heutzutage überwiegend abgeraten. Dabei werden vor allem drei Argumente angeführt:

Erstens wäre der RGW ein rein machtpolitisch begründeter Zusammenschluss in der Zeit des Kalten Krieges gewesen. Zweitens hätten diese osteuropäischen Länder nicht nur in politischer, sondern auch in wirtschaftlicher Hinsicht dem Diktat Moskaus unterstanden. Und drittens habe es sich beim RGW um einen in jeder Hinsicht gescheiterten Versuch gehandelt, eine Region wirtschaftlich voranzubringen. Dazu heißt es – um nur eines dieser Urteile zu zitieren – bei Martin Dangerfield, Inhaber des Lehrstuhls für europäische Integration von Zentral- und Osteuropa an der Universität Wolverhampton in Großbritannien: „Wie sich der Handel zwischen den mittelosteuropäischen Staaten bis zum Ende der sozialistischen Ära entwickelte, zeigen ihre Exporte in den europäischen RGW unter Ausschluss der UdSSR und DDR.“ Diese hätten sich selbst 1989 nur in einer Größenordnung von 1937 bewegt, „was deutlich zeigt, dass die kommunistische Periode und vierzig Jahre SÖI (Sozialistische Ökonomische Integration – J.R.) in puncto Wirtschaftsintegration ein völliger Fehlschlag waren.“[3]

Diese hier beispielhaft zitierte Auffassung hat in der Wissenschaftswelt des Westens generell Verbreitung gefunden. Vor zehn Jahren verstrich der 50. Jahrestag der Gründung des RGW, ohne dass davon jemand Notiz genommen hätte. Eine im selben Jahr in den USA und Großbritannien herausgegebene wissenschaftliche Arbeit über „Europa in der internationalen Wirtschaft 1500 bis 2000“ enthielt selbstverständlich ein Kapitel, das speziell dem gemeinsamen Markt gewidmet war, aber keine Zeile über die Geschichte des RGW, im Westen als Comecon bezeichnet.[4] In dem 10 Seiten umfassenden Stichwortindex für das Buch ist der Begriff „Comecon“ überhaupt nicht aufgeführt.[5] Der 60. Jahrestag der Gründung des RGW (2009) war für die westliche Wirtschaftsgeschichte genauso wenig Anlass über die osteuropäische Wirtschaftsgemeinschaft zu publizieren wie der fünfzigste.[6] Sieben Jahre später beklagte Ulrich Mählert, leitender Herausgeber des „Jahrbuchs für Historische Kommunismus-forschung“ in der BRD, „dass vergleichende oder beziehungsgeschichtliche Studien zur DDR und weiteren ehemaligen Ostblockstaaten fast völlig fehlen“. Das gelte insbesondere mit Blick auf Ungarn und Bulgarien, aber auch für Rumänien.[7] Es bedarf keiner besonderen Kühnheit, zu prognostizieren, dass auch der 70. Jahrestag der Gründung des RGW (2019) für die westeuropäische Wirtschaftsgeschichtsschreibung kein Anlass sein wird, sich mit der Geschichte der sozialistischen Wirtschaftsgemeinschaft auseinanderzusetzen.

In den nun folgenden Ausführungen geht es mir darum, die Mauer des Schweigens, die die Geschichte des RGW heutzutage umgibt, zu durchbrechen, die langjährige Existenz der osteuropäischen Wirtschaftsgemeinschaft wieder in Erinnerung zu rufen und mich mit den Behauptungen über Charakter und Versagen der osteuropäischen Wirtschaftsorganisation auseinanderzusetzen. Besondere Aufmerksamkeit widme ich dabei der Entwicklung des RGW in den 1960er Jahren. Diese Wahl scheint mir vor allem mit Blick auf die gegenwärtigen Probleme der EU angeraten, erlebte doch in jenem Jahrzehnt der RGW seine (erste) Existenzkrise. Neben dem genannten sehr aktuellen Bezug geht es mir in den folgenden, die historischen Entwicklung des RGW nachvollziehenden Kapiteln auch darum, mich konkret-historisch mit den eingangs genannten angeblich auf den RGW zutreffenden drei Charakteristika – er sei allein politisch motiviert, von Moskau aus dirigiert und von Beginn an erfolglos gewesen – auseinanderzusetzen.

 

[1]  Varoufakis, Yanis: Wenn wir nicht nachgeben, in: neues deutschland v. 5.9.2016.

[2]  Vgl. Görtemaker, Manfred: Deutschland im 19. Jahrhundert. Entwicklungslinien, Bonn 1989, S. 165–174.

[3]   Greiner, Bernd/Christian Th. Müller/Claudia Weber (Hrsg.): Ökonomie im Kalten Krieg, Hamburg 2010, S. 357.

[4]   Die Abkürzung ist abgeleitet von der Übersetzung des Namens ins Englische: Council for Mutual Economic Assistence.

[5]  Aldcroft, Derek H./Anthony Sutcliffe: Europe in the International Economy 1500-2000, Cheltenham/Northampton 1999, Index auf S. 279–289.

[6]  Eine bemerkenswerte Ausnahme ist der von Ralf Ahrens auf der Grundlage seiner 1999 an der Technischen Universität Dresden verteidigten Dissertation verfasste Buchband „Gegenseitige Wirtschaftshilfe? Die DDR im RGW. Strukturen und handelspolitische Strategien 1963–1976“, Köln/Weimar/Wien 2000.

[7]   Mählert, Ulrich (Hrsg.): Die DDR als Chance. Neue Perspektiven auf ein altes Thema, Berlin 2016, S. 53.

3.00 €

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