Publikationen

Heft 45: Aspekte der Geldkritik von Aristoteles bis heute

Von: Ulrich Busch

3.00 €

Reihe "Philosophische Gespräche", Heft 45, 2017, 44 S.
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Das vorliegende Heft enthält die überarbeitete und ergänzte Fassung eines Vortrages, den Dr. Ulrich Busch zu diesem Thema im Rahmen einer Veranstaltung der Hellen Panke am 6. März 2017 in Berlin gehalten hat.

In den Anhang wurde ein 2014 in „Das Blättchen“ veröffentlichter Beitrag des Referenten sowie die Zusammenstellung einer Auswahl von Veröffentlichungen des Autors zu dieser Thematik aufgenommen.
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Autor: Dr. Ulrich Busch
Dr. oec. habil., Finanzwissenschaftler, Mitglied der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin e.V., bis 2010 Dozent für Volkswirtschaftslehre an der TU Berlin und der Frankfurt School of Finance & Management Frankfurt am Main, Redakteur des sozial- und geisteswissenschaftlichen Journals Berliner Debatte Initial.
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 INHALT

Ulrich Busch
Aspekte der Geldkritik von Aristoteles bis heute                                

- Geld: Ein populäres Tabu     
- Geldbegriff und Geldkritik
- Negativer Geldfetischismus: Ein Erklärungsversuch
- Vordenker: Platon und Aristoteles
- Nachbeter: Kirchenväter und Luther
- Positive versus reaktionär-konservative Geldkritik
- Kommunistische Utopien
- Romantik
- Geld und Kapital bei Karl Marx
- Geldreformen
- Abschaffung des Geldes?

Anhang:
Geld: NICHTS, geschöpft aus NICHTS  
Ausgewählte Veröffentlichungen des Autors zu Geld und Finanzen 
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LESEPROBE 

Ulrich Busch
Aspekte der Geldkritik von Aristoteles bis heute

„Alles, was ist, endet. Nur das Geld ist ewig … Dies ist das einzige, das nicht endet, das nie endet … das Geld ist ja unsterblich, es wird uns alle überleben und als einziges übrigbleiben … kein Geld wird es nicht geben.“

(Elfriede Jelinek)[1]

Geld: Ein populäres Tabu

Das Verhältnis, das die Menschen gewöhnlich zum Geld einnehmen, ist widersprüchlich und grenzt nicht selten an Schizophrenie: Einerseits streben sie nach Geld und können nicht genug davon bekommen, geizen damit, horten und sparen es. Andererseits aber verachten sie es, wollen nicht darüber sprechen und möglichst wenig mit ihm zu tun haben. Ja, einige hassen es geradezu und gehen allem, was damit zusammenhängt, aus dem Wege. Nicht selten überträgt sich die Abneigung, die Menschen dem Gelde gegenüber empfinden, auf die Institutionen des Geldverkehrs, auf Banken, Börsen und Finanzämter, schließlich sogar auf deren Personal. So rangieren Geldberufe im öffentlichen Ansehen nicht sehr weit oben. Im Mittelalter z.B. standen die Geldverleiher in der Gunst des Publikums auf dem vorletzten Platz. Ein noch geringeres Ansehen wurde nur dem Henker zuteil. Davon hat sich einiges bis heute erhalten. Auch tragen sich häufende Bankenkrisen und Finanzskandale das ihre dazu bei, derartige Einstellungen immer wieder neu zu beleben und anzuheizen. Bewegungen wie Occupy Wall Street und Bank Occupy dienen hier lediglich als politisch-militantes Sprachrohr für eine allgemeine Antihaltung gegenüber dem Geld und dessen Protagonisten.

Gleichwohl unterhalten so gut wie alle Bürgerinnen und Bürger ein Bankkonto, besitzen eine oder mehrere Debit- und Kreditkarten und tätigen unablässig Geldgeschäfte, sei es im Zahlungsverkehr oder beim Einkauf, beim Währungstausch im Ausland, in Form von Geldanlagen oder an der Börse. Der Umgang mit Geld gehört heutzutage zu den alltäglichsten Verrichtungen im Leben eines jeden Bürgers. Man kann sich dem überhaupt nicht entziehen – und tut es normalerweise auch nicht. – Aber man steht nicht dazu. Ist das nicht seltsam? Man bedient sich unablässig des Geldes, begreift es als unverzichtbar für unser Leben: Geld verdienen, Geld erben, Geld besitzen, Geld ausgeben – das alles lockt und beflügelt unsere Phantasie. Gleichzeitig aber verachten wir es und gehen ihm möglichst aus dem Wege, finden es unanständig, darüber zu reden oder es öffentlich zu zeigen. Man unterstützt Kampagnen, die gegen das Geld gerichtet sind und schimpft auf alles, was mit Geld und Finanzen zu tun hat. Die hierin zum Ausdruck kommende Bewusstseinsspaltung ist allgegenwärtig. Sie gibt der Theorie seit Jahrhunderten Rätsel auf und führt zu kuriosen Phänomenen und Pathologien.

Elementar für die Verwirrung, auf die man beim Geld immer wieder trifft, ist die kategoriale Unschärfe des Geldbegriffs und aller von ihm abgeleiteten Kategorien. Dabei ist die Tatsache, dass über die Definition dessen, was Geld ist oder was als Geld anzusehen sei, nur Banknoten und Münzen oder auch Buchgeld, Plastikgeld, E-Geld, Bitcoins und anderes, keine völlige Klarheit besteht, nicht einmal das größte Problem. Weitaus schwerer wiegt der Anachronismus, dass das allgemeine Geldverständnis, der „gesunde Menschenverstand“ in Bezug auf das Geld, zumeist auf historisch überholten Geldsystemen wie der Münzgeldwirtschaft (des Mittelalters), dem Staatspapiergeld (des 18. Jahrhunderts), dem Goldstandard (des 19. und frühen 20. Jahrhunderts) oder dem Gold-Devisen-Standard (bis 1971) beruht. Die aktuell geltenden Modalitäten einer entwickelten Geldwirtschaft wie das zweistufige Bankensystem und die volkswirtschaftliche Zirkulation von Kreditgeld sind dagegen wenig bekannt bzw. weitgehend unverstanden.[2]
So wird die monetäre Vorstellungswelt vieler Menschen immer noch vom Bargeld beherrscht, obwohl mehr als 90 Prozent des Geldes in unbarer Form, als Buchgeld, existiert, digital gespeichert wird und ausschließlich giral zirkuliert. Dazu gehört auch, dass viele Menschen nicht zwischen Debit-, Kredit- und Geldkarten zu unterscheiden vermögen, obwohl sie diese täglich benutzen und dass im Alltag viel zu wenig in monetären Größen gerechnet wird, obwohl die Masse der Bevölkerung zumindest die Grundrechenarten beherrscht. Dass beim Geld immer zuerst an Bargeld gedacht wird, obwohl dieses ein Relikt früherer Zeiten ist, zeugt von einer monetären Antiquiertheit der Bevölkerung. Das Kleben am Bargeld, wie es die jüngste Debatte um eine Zurückdrängung desselben überraschend offenbart hat, nimmt sich unter den Bedingungen fortschreitender Digitalisierung aber ebenso unzeitgemäß aus, wie das Festhalten am Grammophon im Zeitalter elektronischer Medien.

Die verbreitete Indolenz, nicht selten aber auch Ignoranz und Inkompetenz vieler Bürgerinnen und Bürger in Geldangelegenheiten, findet ihre Entsprechung in einer nicht weniger ausgeprägten kritischen Haltung der Menschen gegenüber dem Geld. Dies gilt keineswegs nur für konservative Kreise, ältere Leute oder erklärte Gegner der Geldwirtschaft, sondern auch für die politische Linke. Dass diese ein gespanntes, oftmals gestörtes, immer aber zutiefst negatives oder sogar feindliches Verhältnis zum Geld besitzt, ist allgemein bekannt. Sie kann sich dabei auf eine Tradition stützen, die von Aristoteles und Platon über die Bibel, Thomas von Aquino, Thomas Morus, Pierre Joseph Proudhon, Moses Hess, Karl Marx, William Morris und Peter Kropotkin bis hin zu Michael Hardt, Antonio Negri, Paul Mason und David Graeber reicht. Die Motivation dafür ist vieldeutig: Sie erklärt sich einerseits aus dem unversöhnlichen Gegensatz der Linken zum Kapital, dessen sinnfälligstes Symbol offenbar das Geld ist. Insofern ist die Antihaltung der Linken gegenüber dem Geld begründet und nachvollziehbar. Sie erschöpft sich hierin aber nicht, sondern speist sich zudem aus der abstrusen Vorstellung, dass die „Wurzel allen Übels“, aller Ungerechtigkeit, Ausbeutung und Verkehrtheit im Leben im Gelde zu suchen sei und nirgendwo sonst. Indem das Geld für gesellschaftliche Fehlentwicklungen und alle möglichen sozialen Missstände verantwortlich gemacht wird, wird der Boden einer rational begründeten Kritik verlassen und stattdessen emotional und affektiv argumentiert bzw. moralisiert. Dies aber führt zu Fehlschlüssen und falschen Schuldzuweisungen. „Kein schlimmeres Gut erwuchs den Menschen als das Geld [...]“, klagte schon Sophokles (496–406 v.u.Z.) vor zweieinhalbtausend Jahren.[3] – Was liegt da näher, als über die Abschaffung des Geldes nachzudenken?!

An diesem Ziel halten nicht wenige Kritiker des Geldes bis heute fest, vor allem Künstler, Literaten, Soziologen, Philosophen, Anthropologen, Theologen, Psychologen, Politologen usw., kaum aber Ökonomen. In ihrer gegen das Geld gerichteten Polemik findet der Kritikbegriff jedoch zumeist einen recht einseitigen Gebrauch: Während man unter „Kritik“ im Allgemeinen die vorurteilsfreie Überprüfung, Beurteilung und Bewertung eines Sachverhalts oder einer Theorie versteht, etwa so wie bei Immanuel Kant in der „Kritik der reinen Vernunft“ (1781) oder bei Karl Marx in der „Kritik der politischen Ökonomie“ (1867), wird Kritik hier immer nur als Absage, Ablehnung, Missbilligung und Zurückweisung verstanden. Eine wissenschaftliche Kritik kann sowohl positiv-zustimmend als auch negativ-ablehnend ausfallen. Geldkritik aber versteht sich in aller Regel als Ablehnung, zumindest aber als eine moralisch bedenkliche Bewertung des Geldgebrauchs. Daher ist sie auch eher Sache der Theologie, Ethik, Soziologie, Politik usw. als der Ökonomie, deren Gegenstand das Geld aber ist. Dies führt mitunter zu einer etwas fragwürdigen Fokussierung der außerökonomischen Gesellschaftskritik auf das Geld, wie sie insbesondere im reiferen Kapitalismus zu beobachten ist.

Die unzulässige Verkürzung der Kritik am Kapitalismus auf eine Geldkritik hat zur Folge, dass die sachliche Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Gegenstand der Kritik, dem Kapitalverhältnis und dessen Erscheinungsformen, ersetzt wird durch ein diffuses Gefühl der Ablehnung und Zurückweisung des Monetären, durch einen antimonetären Affekt. Das Ergebnis ist schließlich ein affektgesteuertes „Draufschlagen“ auf Banken, Banker und Geld. Das war im Altertum und im Mittelalter schon so, als die Geldverleiher, oftmals Juden, dafür herhalten mussten, wenn soziale Diskrepanzen überhandnahmen.[4] Das war bei Martin Luther[5] so und im Absolutismus, z.B. als der Finanzier Joseph Oppenheimer 1738 als Jud Süß hingerichtet worden ist. Und das ist auch heute nicht viel anders, wenn z.B. dazu aufgerufen wird, die Banken zu „zerschlagen“, ihre Gebäude zu besetzen und die „Kasinos“ zu schließen.[6]

Die Substitution sachlicher Argumente und Begründungen durch Emotionen, Affekte und Gewalt gilt für die Geldkritik generell, besonders aber für deren Fixierung auf bestimmte monetäre Phänomene wie Zins, Zinseszins und Schulden.[7] Gleichermaßen betroffen hiervon sind geldwirtschaftliche Institutionen wie Banken und Sparkassen, Notenbanken, Investmentfonds, Finanzdienstleister, Börsen, Versicherungen usw. sowie deren Protagonisten und Agenten, also Bankangestellte, Manager, Geldvermittler, Börsenjobber, Makler, Spekulanten usw.

Die allgemein verbreitete distanzierte Haltung der Menschen gegenüber dem Geld, die Geldkritik, wie sie hier zur Debatte steht, ist, so lässt sich resümieren, insbesondere durch vier Merkmale gekennzeichnet: Sie ist erstens postfaktisch, da zumeist affektiv und emotional aufgeladen, aber kaum rational begründet. Sie ist zweitens ahistorisch, da auf das Geld als solches gerichtet und nicht auf seine konkret-historischen Erscheinungsformen. Sie ist drittens unprofessionell, da in der Regel von ökonomischen und finanzwissenschaftlichen Laien vorgetragen und außerhalb der scientific community angesiedelt. Und sie ist viertens moralisierend, statt theoretisch und sachbezogen argumentierend. Ihr fehlt häufig zudem eine geeignete Datenbasis und folglich die für eine Auseinandersetzung unerlässliche empirische Evidenz. Zugleich bildet die Geldkritik in einer Geldwirtschaft und Geldgesellschaft aber eine unverzichtbare Komponente einer Gesellschaftskritik. Sie ist insofern eine Konstante der geldtheoretischen und -politischen Auseinandersetzung über die Jahrhunderte hinweg.

 [1] Elfriede Jelinek: Rein Gold. Ein Bühnenessay, Reinbek 2013, S. 107, 110, 129.

 [2] Als besonders geeignet, um den Bildungsbedarf von Laien zu befriedigen, sei hier ein von der Deutschen Bundesbank vorzugsweise für Schüler ediertes Buch zu empfehlen: Geld und Geldpolitik, Frankfurt a.M. 2015.

 [3] In moderner Übersetzung: „Die schlimmste Frucht, die je gesetzlich eingeführt / Ward unter Menschen, ist das Geld.“ (Sophokles: Antigone, Vers 295, Berlin und Weimar 1966, S. 233).

 [4] Vgl. Dietrich Schwanitz: Das Shylock-Syndrom oder Die Dramaturgie der Barbarei, Frankfurt a.M. 1997.

 [5] Martin Luther: Von Kaufhandlung und Wucher, in: Hutten, Müntzer, Luther, Werke in zwei Bänden, 2. Band, Berlin und Weimar 1970, S. S. 182–242.

 [6] Vgl. Rudolf Hickel: Zerschlagt die Banken. Zivilisiert die Finanzmärkte. Eine Streitschrift, Berlin 2012; Sahra Wagenknecht: Freiheit statt Kapitalismus, Frankfurt a.M. 2011.

 [7] So publizierte Ver.di beispielsweise 2015 ein Poster zur Abhängigkeit Griechenlands von europäischen Krediten mit der Überschrift „Europäische Schuldknechtschaft“ (Wirtschaftspolitik aktuell, Januar 2015).

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