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Heft 44: „Was verliert Europa, wenn es Russland verliert?"

Anregungen von Fedor Stepun (1884–1965) für eine neue Ostpolitik

Von: Christian Hufen

3.00 €

Reihe "Philosophische Gespräche", Heft 44, 2017, 48 S.
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Die vorliegende Publikation enthält den Vortrag von Dr. Christian Hufen in der Veranstaltungsreihe „Philosophische Gespräche“ der „Hellen Panke“ am 17. Februar 2017, verbunden mit einer Einführung in das Lebenswerk von Fedor Stepun und der Wiedergabe seines lesenswerten und politisch aktuellen Essays „Christentum und Politik“, das hiermit erstmals in deutscher Sprache, übersetzt von Christian Hufen, publiziert wird.
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Autor: Dr. Christian Hufen
geb. 1964 in Weimar, freiberuflicher Wissenschaftler, Publizist und Übersetzer, lebt und arbeitet in Berlin. Nach Studien zur Malerei der russischen Avantgarde und zum Thema Kunstraub im Zweiten Weltkrieg widmete er sich vor allem der Erforschung von Leben und Werk des russisch-deutschen Philosophen und Publizisten Fedor Stepun. Dazu erschienen eine Monografie, eine kommentierte Auswahl politischer Schriften sowie eine Reihe von Aufsätzen in deutscher und russischer Sprache.
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INHALT

Stepun, Christentum und Politik
Vorrede von Christian Hufen 

Christian Hufen
„Was verliert Europa, wenn es Russland verliert?“
Anregungen von Fedor Stepun (1884–1965) für eine neue Ostpolitik  

Christentum und Politik
von Fedor Stepun
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LESEPROBE  

Stepun, Christentum und Politik
Vorrede von Christian Hufen

Der Aufsatz „Christianstvo i politika“ erschien 1933/34 in zwei Ausgaben der exilrussischen Zeitschrift „Sovremennye zapiski“ (dt. Zeitgenössische Annalen; Paris 1920–1940). Ihr Verfasser, der aus Moskau stammende Philosoph und Publizist Fedor Stepun (1884–1965), lebte seinerzeit in Dresden, wo er einen Lehrstuhl für Soziologie bekleidete. Es war ihm gelungen, in seinem Gastland Deutschland, das ihn und weitere ausgewiesene Gelehrte aus Sowjetrussland 1922 aufgenommen hatte, Fuß zu fassen. Als Absolvent der Heidelberger Universität (1910) und Mitgründer der internationalen Zeitschrift für Philosophie „Logos“, deren russische Ausgabe er 1910–14 betreut hatte, fiel ihm dies relativ leicht, zumal Studienfreunde wie der Philosoph Richard Kroner seine Rückkehr an die deutsche Universität aktiv unterstützten.

Die liberalen Verhältnisse in der Weimarer Republik sowie in Mittel- und Westeuropa erlaubten Stepun eine Fortsetzung seiner Aktivitäten als zweisprachiger Intellektueller und Mittler zwischen Deutschland und Russland. Diese war vom 1. Weltkrieg unterbrochen worden und ruhte während der Revolution 1917 und im nachfolgenden Bürgerkrieg. Nun machte er sich als Wissenschaftler, genauer: als Anhänger der Rickert`schen Schule der Kulturwissenschaften und Vertreter der frühen deutschen Soziologie einen Namen, publizierte in der führenden katholischen Kulturzeitschrift „Hochland“, bereiste Deutschland und die Schweiz als Vortragsredner und eröffnete mit einem philosophischen Roman über die Liebe („Nikolai Pereslegin“) 1928 das literarische Programm des Carl Hanser Verlags. Stepuns Wirkungskreis in der zweigeteilten russischen Welt beschränkte sich jetzt umständehalber auf die Emigration, deren kulturelles Zentrum in der Zwischenkriegszeit Paris gewesen ist. Als Literaturredakteur und politischer Publizist der „Sovremennye zapiski“, der tonangebenden Zeitschrift für Kultur und Politik mit sozialistisch-liberaldemokratischer Ausrichtung, zählte er zu den bekanntesten Publizisten im russischsprachigen Exil.

Sein Essay über „Christentum und Politik“ weist Fedor Stepun als einen Sozialwissenschaftler und politischen Denker aus, der die Etablierung des Nationalsozialismus aufgrund eigener Erfahrungen in Russland gedeutet und nach der von ihm vorgelegten Analyse des Bolschewismus („Fehlleitung religiöser Energien“) als weiteren Angriff einer militanten Weltanschauung auf Religionsfreiheit und demokratisch verfasste europäische Nationalstaaten interpretiert hat. Sein Text liefert zugleich eine Rechtfertigung für Christen gleich welcher Konfession und nationaler Zugehörigkeit, diesen unheilvollen Entwicklungen durch aktive Einmischung in die politischen Angelegenheiten ihrer Länder und notfalls auch durch militärischen Widerstand entgegenzuwirken. Es handelt sich um ein bedeutendes Dokument auch der deutschen Theoriegeschichte, das zwar von einem ausländischen, jedoch hierzulande ausgebildeten und lehrenden Philosophen beziehungsweise Soziologen verfasst wurde. Stepun hatte die Radikalisierung in der politischen Auseinandersetzung der letzten Jahre der Weimarer Republik zuvor bereits in einer Reihe von Essays aufgezeigt und gedeutet.

Ebenso wie seine „Briefe aus Deutschland“ (1930–32), abgedruckt auch diese in den „Sovremennye zapiski“, konnte seine grundlegende Abhandlung über alternative Politik im Zeitalter der Diktaturen zeitbedingt nur in russischer Sprache erscheinen. Eine Übernahme russischer Essays und Bücher mit situativer Anpassung für deutsche Leserinnen und Leser, wie von ihm bis um 1933 praktiziert und nach 1945 fortgesetzt, war in seiner Wahlheimat Deutschland nach dem Machtwechsel nur noch eingeschränkt möglich. Zur Sorge um die Angehörigen in Moskau, die seit Ende der 1920er Jahre in der Sowjetunion unter Stalin verfolgt wurden, kamen nun die verständlichen Bemühungen des Migranten, die eigene Existenzgrundlage als Hochschullehrer in NS-Deutschland nicht ohne Not durch offenen politischen Widerstand zu gefährden, sowie die entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen jener Zeitschriften und Verlage, mit denen Stepun kooperierte. Vor allem aus diesen Gründen kam seinerzeit keine deutsche Publikation des Essays „Christentum und Politik“ zustande.

Warum dieser Schlüsseltext später nicht ins Deutsche übertragen wurde und auch keine Aufnahme in den einzigen Essayband fand, den Fedor Stepun unter dem Titel „Der Bolschewismus und die christliche Existenz“ veröffentlichen konnte (1959, 2. erweiterte Auflage 1962), wäre im Einzelnen noch zu klären. Seine Auseinandersetzung mit dem „Bolschewismus“ passte sicherlich ins Programm, auch wenn Stepuns Analyse den antisowjetischen Konsens verweigerte; doch eine dezidierte Kritik intellektueller Wegbereiter des Nationalsozialismus wie Carl Schmitt, desgleichen die deutliche Distanzierung von katholischem und protestantischem Politikverständnis, die der Essay von 1933–34 enthält, dürfte in der konservativ-reaktionären Adenauerära eher unpassend gewirkt haben, zumindest im katholischen Kösel-Verlag. Auch der Hanser Verlag zog es vor, seinen Stammautor allein mit russischen Themen und als Theaterexperten zu präsentieren – bis der von der Bühne abtrat.

Für Publikumsverlage und die Neue Linke waren offenkundig weder die Europa-Vorstellungen des Münchener Professors noch dessen christliche Ethik des politischen Engagements von Interesse. Bis heute machen linksliberale Akademiker mit westdeutscher Sozialisation keinen Hehl aus ihren Vorbehalten gegenüber einem weithin Unbekannten, dessen wissenschaftliches und publizistisches Werk hierzulande kaum bekannt und dessen politische Position den in der BRD etablierten Schulen und vertrauten weltanschaulichen Lagern schwer zuzuordnen ist.

Was den im Kalten Krieg posthum marginalisierten Autor für uns heute lesenswert macht und speziell seinen Essay „Christentum und Politik“ zur Aufnahme in diese Publikation empfiehlt, ist – neben Stepuns erweitertem Europa-Begriff, der den exklusiven und oft dezidiert antirussischen Vorstellungen der politischen Eliten des Westens widerspricht – auch dessen Weigerung, im Chor der „werturteilsfreien Wissenschaft“ mitzusingen. Im politischen Kampf mit weltanschaulich motivierten Bewegungen, die jede Demokratie zu untergraben drohen, gilt es heute wie damals, gerade in der „gebildeten Klasse“ und politisch engagierten Jugend, die Geographie-Kenntnisse und Sensibilität für Probleme der Ethik im Kampf für das Gute zu stärken. Fedor Stepun leistete dem Vorschub, gerade weil er sich, anstatt Sonntagsreden über „christliche Politik“ (oder „gemeinsame Werte“) zu halten, für eine „Politik von Christen“ aussprach. Seine Texte zielen auf die Stärkung der Person und ihrer moralischen Kompetenz – Qualitäten, die weiterhin wesentlich erscheinen, auch für Leserinnen und Leser ohne konfessionelle Bindung.

Die vorliegende Übersetzung entstand 2013. Ein Stipendium der Landeshauptstadt München in der Villa Waldberta, Feldafing am Starnberger See, ermöglichte das konzentrierte Arbeiten am Text. Für die Vermittlung hatte Frau Tatjana Erschow, Leiterin der Tolstoi-Bibliothek in München, gesorgt. Frau Dr. Sabine Fahl, Berlin, und Herr Professor Dr. Rainer Goldt, Mainz, gaben wertvolle Hinweise für die Übertragung aus dem Russischen. Besonderer Dank gebührt dem Verein Helle Panke e.V. – Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin für das Interesse an Stepun, namentlich Dr. Wladislaw Hedeler und Dr. Falko Schmieder, der die Vortragsveranstaltung am 17. Februar 2017 moderierte.

3.00 €

Marx 200
Ladenlokal der Stiftung Helle Panke