Publikationen

Heft 205: Die Rückkehr der Emigranten nach der Februarrevolution nach Russland

(zweite, erweiterte Auflage, 2017, 67 S.)

Von: Wladislaw Hedeler

3.00 €

Reihe "Pankower Vorträge", 2016, Heft 205, 1. Auflage,  55 S.
Reihe "Pankower Vorträge", 2017, Heft 205, 2., erw. Auflage,  67 S.
(erweitert von bisher 534 erfassten Exilanten in Auflage 1 auf 794 Rückkehrer in der 2. Auflage)

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Die in diesem Heft vorgenommene Zusammenstellung biografischer Fakten zu 794 nach den revolutionären Ereignissen des Jahres 1917 allein bzw. in sechs größeren Gruppen nach Russland zurückgekehrten Exilanten entstand im Zusammenhang mit der am 9. November 2016 gemeinsam von Helle Panke, der Zeitschrift Berliner Debatte Initial und der Max-Lingner-Stiftung organisierten Diskussion zum Thema Das russische Exil in Berlin.

Die hier publizierte Tabelle sowie die einleitende Analyse in diesem Heft entstammen der Feder von Dr. Wladislaw Hedeler.

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Autor: Wladislaw Hedeler,  Dr. phil., Historiker und Publizist

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INHALT (2. Auflage)

Die Rückkehr der Emigranten nach der Februarrevolution 1917
nach Russland

Zur Ausgangssituation 
Wladimir Iljitsch Lenin 
Georgi Walentinowitsch Plechanow
Iwan Majskij
Leo Martow, Leo Trotzki und Nikolai Bucharin

Rückkehrergruppen 
                                                                              
Die Einreise der Emigranten über den Grenzübergang Torneo nach Russland

Tabellarische Übersicht
Die Rückkehr von 534 russischen Exilanten 1917 bis 1918                

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LESEPROBE

Die Rückkehr der Emigranten nach der Februarrevolution 1917 nach Russland

Zur Ausgangssituation

Die Ausgangssituation der linken bzw. linksorientierten Gruppierungen nach der Februarrevolution 1917 in Russland war weitgehend identisch. Ihre führenden Funktionäre, die in der Regel im Exil lebten, drängten, von der Nachricht über die Revolution überrascht, nach Russland. Kriegsbedingt war die Verbindung zusammengebrochen. „Nach Rußland sind sämtliche Verbindungen abgerissen“, schrieb Leo Martow am 28. Februar 1917 aus Zürich an seine Freundin Nadeshda, „keine Zeitungen, keine Zeitschriften, keine Briefe.“[1] „Aus Rußland bekommen wir nichts, nicht einmal Briefe!!“, hatte Wladimir Lenin am 13. März aus Zürich an Inessa Armand geschrieben. Zwei Tage später erschienen die Zeitungen mit Eilmeldungen über den Sieg der Revolution in Petrograd.

„Die Schlagzeile der Zeitung lautete: ‚Umsturz in Petrograd. Nikolaus II. verzichtet auf Thron zugunsten seines Bruders Michail‘. – ‚Na und?‘ meinte ich zu Fotinski“, erinnert sich Ilja Ehrenburg. „‚Ist Michail besser als Nikolaus?‘ Doch Fotinski war in seiner Freude nicht zu beirren. Er holte eine andere Zeitung, wir fanden eine kurze Notiz: In Petrograd Streiks, Demonstrationen. ‚Eine richtige Revolution!‘ rief Fotinski. […] Eine Debatte hob an: Wird sich der neue Zar halten, oder kommt die Republik? Wir wußten nicht, dass die französische Zensur Nachrichten unterschlug, dass in Petrograd niemand mehr an Michail dachte, dass der Sowjet der Arbeiterdeputierten beriet, wie er sich zur Provisorischen Regierung verhalten sollte. […] Es war schwer zu verstehen, was in Rußland vorging.“[2]

Von einem Tag auf den anderen musste man umdenken. „Gestern schien es, als habe die Regierung Gutschkow-Miljukow bereits vollständig gesiegt und mit der Dynastie bereits Abmachungen getroffen. Heute stehen die Dinge so, daß keine Dynastie da ist, daß der Zar geflohen ist und offensichtlich die Konterrevolution vorbereitet! ...“[3]

Wladimir Iljitsch Lenin

Am Morgen des 15. März 1917 überraschte der polnische Sozialdemokrat Mieczysław Bronski Lenin und Krupskaja mit der Nachricht, in Russland sei die Revolution ausgebrochen. Im Zürcher „Volksrecht“ war von Hungerrevolten die Rede.[4] An diesem Morgen „wundert sich der Bibliothekar der Zürcher Bibliothek. Der Zeiger steht auf neun, und der Platz, auf dem dieser pünktlichste aller Bücherentleiher tagtäglich sitzt, ist leer. Es wird halb zehn und wird zehn, der unermüdliche Leser kommt nicht und wird nicht mehr kommen.“[5]

„Wir sind heute in Zürich ganz aus dem Häuschen“, beschrieb Lenin am 15. März Ines Armand seine euphorische Stimmungslage, um sogleich einschränkend hinzuzusetzen: „Ich bin außer mir, daß ich nicht nach Skandinavien fahren kann!! Ich verzeihe es mir nicht, daß ich 1915 die Reise nicht riskiert habe!“[6] Lenin begann sich nun fast fieberhaft mit den Plänen für seine Rückkehr nach Russland zu beschäftigen. Nadeshda Krupskaja versuchte den Hausrat und die kleine Bibliothek, die sich in Zürich angesammelt hatte, unter die Leute zu bringen.

Am 17. März zweifelte niemand mehr am in Russland erfolgten Systemwechsel.

Am 6. (19.) März erklärte die Provisorische Regierung, den Krieg bis zum siegreichen Ende führen zu wollen und verabschiedete ein Gesetz über die Amnestie. Zu Gefängnishaft oder Verbannung verurteilte Revolutionäre, unter ihnen Lew Kamenew[7] und Jossif Stalin[8] verließen Turuchansk und machten sich auf den Weg in die Hauptstadt. Hier trafen sie am 12. März ein.

Als Lenin von der Amnestie erfuhr, verteilte er nach allen Seiten Aufträge, um die Voraussetzungen und Möglichkeiten der Heimreise auszuloten. Von einer illegalen Einreise per Flugzeug bis zu einem Rollenspiel als taubstummer Schwede schien keine Variante zu abenteuerlich, um in dieser heiklen Lage nicht ernsthaft erwogen zu werden.

Unter Sozialdemokraten wurde fieberhaft nach Wegen gesucht, die Emigranten zurückzuholen. Der in Stockholm lebende Juri Larin hatte Pawel Axelrod am 6.(19.) März über mögliche Reisewege informiert. Vom Seeweg von England aus riet er wegen der Gefahr, von U-Booten torpediert zu werden, ab. Sicherer wäre es, die Route von Spanien in die USA zu wählen. Von New York aus per Schiff nach Bergen. Sollte Amerika Deutschland den Krieg erklären, müsste man den Weg nach Sibirien wählen. Das Geld, mit dem die Überfahrt von Lenin, Axelrod und Martow finanziert werden sollte, lag bereit, die Verhandlungen mit Kerenski hatten begonnen.[9]

Axelrod antwortete umgehend, berichtete über seine Aktivitäten und die Notwendigkeit, den Druck auf die eigene Regierung und die Regierungen der Verbündeten zu erhöhen. Gleichzeitig wies er auf den von Martow eingebrachten Vorschlag hin, den Weg durch Deutschland – im Austausch gegen deutsche Kriegsgefangene – zu nehmen. „Das wäre doch entzückend.“[10]

Am 19. März tauchte erstmals der Gedanke auf, den direkten Weg zu wählen und legal durch das mit Russland im Krieg stehende Deutschland zu reisen. Bevor Lenin aber am 9. April aus der Spiegelgasse 14 aufbrechen konnte, „um den Beginn eines neuen Abschnitts der Weltgeschichte einzuleiten“, mussten hinter den Kulissen noch viele politische Weichen für die Zugfahrt gestellt werden. Für die Rückkehr der russischen Emigranten hatte Robert Grimm mit der ihm eigenen Zielstrebigkeit in Verhandlungen mit hochrangigen Vertretern des Auswärtigen Amtes in Berlin und Schweizer Regierungsstellen bald alle Hindernisse aus dem Wege geräumt und die erforderlichen Arrangements in stiller Diskretion getroffen.

„Unsere Partei hat beschlossen, den Vorschlag der Durchreise russischer Emigranten durch Deutschland unbedingt anzunehmen und die Fahrt sofort zu organisieren“[11], telegrafiert Lenin dem Gewährsmann in Bern. Am 9. April war es dann endlich so weit: 30 russische Emigranten hatten sich am Zürcher Bahnhof eingefunden. Um 15.20 Uhr setzte sich der Schnellzug mit zwei gesonderten Waggons III. Klasse für die russischen Reisenden in Richtung Schaffhausen in Bewegung. Außerhalb der Emigrantenzirkel und der involvierten Regierungsstellen dürfte kaum jemand in der Schweizer Öffentlichkeit davon Notiz genommen haben. Am 17. April 1917 berichtete die Zeitung „Volksrecht“ unter Berufung auf die deutsche Presse über die „Rückkehr russischer Genossen“. Der Meldung war zu entnehmen, dass Lenin bereits in Torneo eingetroffen ist.[12]

Nach dem Oktoberumsturz sollte die Fahrt im „verplombten Waggon“ – zuweilen war auch vom „plombierten Wagen“ die Rede – immer wieder die Phantasie der Zeitgenossen beflügeln, bis sie Stefan Zweig als „Sternstunde der Menschheit“ in die Weltliteratur eingetragen hat: „Millionen vernichtender Geschosse sind in dem Weltkriege abgefeuert worden, die wuchtigsten, die gewaltigsten, die weithintragendsten Projektile von den Ingenieuren ersonnen worden. Aber kein Geschoß war weittragender und schicksalsentscheidender in der neueren Geschichte als dieser Zug, der, geladen mit den gefährlichsten, entschlossensten Revolutionären des Jahrhunderts, in dieser Stunde von der Schweizer Grenze über ganz Deutschland saust, um in Petersburg zu landen und dort die Ordnung der Zeit zu zersprengen.“[13]

Nach einer spektakulären Reise – die auch Kaiser Wilhelm II. aufmerksam verfolgt hat – traf Lenin am Abend des 16. April auf dem Finnländischen Bahnhof in Petrograd ein. Dort nahm ihn eine begeisterte Menge jubelnd in Empfang.

Der Reise waren langwierige Verhandlungen in Emigrantenkreisen vorausgegangen. So fand z.B. in Bern ein Treffen der Vertreter aller im Exil befindlichen russischen und polnischen Parteien statt, auf dem der von Martow unterbreitete Plan einer Rückreise durch Deutschland diskutiert wurde. Martow (Lenin unterstützte dessen Vorschlag) schlug den Austausch von russischen Emigranten in der Schweiz gegen österreichisch-ungarische Zivilinternierte vor. Robert Grimm stimmte Martow zu, dass dieser Vorschlag nur mit Unterstützung kompetenter russischer Regierungsstellen umgesetzt werden kann. Nach einem Zerwürfnis mit Grimm übernahm Fritz Platten die Verhandlungsführung. Auf russischer Seite war die Exekutive des Petersburger Sowjets der Arbeiterdeputierten in die Verhandlungen einbezogen. Sie wählte eine Kontaktkommission, der Matwei Skobelew, Mitbegründer und Stellvertretender Vorsitzender des Petrograder Sowjets, Minister für Arbeit in der Provisorischen Regierungen von Mai bis August 1917 und Vorsitzender der Kommission für Auswärtige Angelegenheiten, sowie die Mitglieder des Exekutivkomitees des Petrograder Sowjets Juri Steklow und Nikolai Suchanow angehörten.

Nachdem die Provisorische Regierung am 10.(23.) März Maßnahmen zur Unterstützung der amnestierten politisch und religiös Verfolgten bekanntgegeben hatte, begann die Rückkehr von Inhaftierten, Verbannten und Emigranten in das politische Leben.

Doch wegen des Frontverlaufs war es so gut wie unmöglich, Russland auf dem kürzesten Landwege zu erreichen. Die im Ausland festsitzenden Sozialdemokraten baten ihre Genossen in Russland immer wieder um Hilfe.

Die Mitglieder des Auswärtigen Sekretariats des Organisationskomitees der Sozialdemokratischen Partei Russlands Pawel Axelrod, Isaak Astrow, Leo Martow, Alexander Martynow und Semjon Semkowsky wandten sich im April mit einem Brief an ihren Genossen Nikolai Tschcheïdse, den Vorsitzenden des Petrograder Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten und des Gesamtrussischen Zentralexekutivkomitees. Eine Woche darauf veröffentlichte die Zeitung „Volksrecht“ eine weitere Erklärung „Zur Rückkehr der russischen politischen Flüchtlinge“, die mit dem 5. April datiert und an Tschcheïdse und den Justizminister Kerensky adressiert war. Die dem Exekutivausschuss angehörenden Unterzeichner: Victor Adler, Andronnikow, Bagocky, Angelica Balabanow, Bolotin, Felix Kon, der Abgeordnete der II. Duma Mandelberg, Prof. Reichesberg, Semkowsky, der Abgeordnete der I. Duma Uljanow, Ustinow und Fratkin stellten darin fest, dass „bis jetzt von der großen Masse der Emigranten in England, Frankreich und der Schweiz  wohl kein einziger Emigrant nach Rußland gelangen konnte. Alles weist zweifelsohne darauf hin, daß der Rückkehr der politischen Emigranten im ganzen auf dem Wege über Frankreich und England unüberwindbare Schwierigkeiten im Wege stehen. Es werden Monate verfließen, die politische Amnestie wird für uns eine Fiktion bleiben.“[14] Es bleibt nur der Weg durch Deutschland, die Suche nach anderen fiktiven Wegen ist reine Zeitverschwendung, heißt es abschließend, verbunden mit der Bitte an die Regierung und den Sowjet, endlich entsprechende Schritte einzuleiten.

Lenin war dieser fruchtlosen Verhandlungen überdrüssig und verließ die Schweiz, ohne das Ende der Verhandlungen mit der russischen Regierung und eine Einverständniserklärung abzuwarten. Der Schwede Branting gehört zu den Sozialdemokraten, die ihm deswegen „schrecklichen politischen Leichtsinn“ vorwarfen. Die Zeitung „Volksrecht“ berichtete über den Stand der Dinge: „Zwecks Vorbereitung und Leitung der Rückkehr aller in der Schweiz weilenden russischen Flüchtlinge nach Rußland ist in Zürich auf die Initiative des Zentralsekretariats der russischen Emigrantenkassen in der Schweiz ein Zentralkomitee [am 23. März – W.H.] gebildet worden, in dem außer dem genannten Zentralsekretariat die Vorstände der Schweizer Liga zur Unterstützung politischer Gefangener und Verbannter Rußlands, des ‚Krakauer Verbands‘, des Vereins ‚Vera Figner‘ sowie die Zentralinstanzen der verschiedenen sozialistischen und revolutionären Parteien Rußlands vertreten sind. Ein Vertreter des Zentralkomitees bereist zurzeit die Emigrantenzentren der Schweiz. Eine Enquete unter der russischen politischen Emigrantenschaft ist in Vorbereitung. Schritte zur Organisierung der Rückkehr nach Rußland werden unternommen. Adresse: S. Bagocky, Klusstraße 30, Zürich.“

Die Verhandlungen schleppten sich hin. Die russische Regierung unternahm nichts. In den Generalkonsulaten waren die Porträts des Zaren abgehängt, doch Ausflüchte der Beamten und Streitereien mit ihnen waren an der Tagesordnung. Erst nachdem der Petrograder Sowjet Druck auf die Regierung ausgeübt hatte, wies diese die Konsulate in London und Paris an, die Emigranten nicht mehr abzuweisen. Daraufhin wies die englische Regierung auf den unsicheren Seeweg nach Bergen hin und erklärte sich bereit, täglich fünf Emigranten aus Paris aufzunehmen und mit den entsprechenden Visa auszustatten.[15]

Die Zeitung „Volksrecht“ kommentierte die Auseinandersetzung um die „Heimkehr russischer Emigranten“ in der Ausgabe vom 20. April 1917: „In Beantwortung eines ‚Humanité‘-Artikels des bekannten Berner Korrespondenten Grumbach wird uns von Genossen Jean Bezrabotny, Redakteur des von der französischen Regierung suspendierten russischen Emigrantenblattes ‚Natschalo‘, geschrieben: ‚Seit den ersten Tagen der Verkündung der politischen Amnestie in Rußland scheiterten alle von den in der Schweiz, in Frankreich und England wohnenden Russen unternommenen Versuche zur sofortigen Heimkehr nicht bloß an den Intrigen der Konsularbeamten des alten russischen Regimes, sondern auch an einer geheimen Kampagne der englischen und französischen Regierungen gegen die ‚russischen Pazifisten‘. Skrupellose Federn, wie diejenige des Herrn Muret von der ‚Gazette de Lausanne‘, versuchten die russischen Sozialisten zu bezichtigen, sie besorgten das Spiel Deutschlands; andererseits zeigen eine Anzahl Briefe, die unsere Freunde uns aus Frankreich zugeschickt haben, mit aller Deutlichkeit, daß die alliierten Regierungen der Heimkehr der Kientaler Genossen alle möglichen Hindernisse in den Weg legen und so die russische politische Amnestie tatsächlich hintertreiben. Während der Agent der Bourgeoisie, Herr Plechanoff, in der Begleitung von Agenten der englischen und französischen Bourgeoisie, nach Rußland heimkehrt, werden Tausende von Russen in Frankreich, England und in der Schweiz zurückgehalten und keine Depesche an den Petersburger Delegiertenrat erreicht ihren Bestimmungsort.

Unter dem Eindruck dieses Tatbestandes haben schweizerische Sozialisten bei der deutschen Regierung Schritte getan, um freien Durchpaß der russischen Emigranten durch Deutschland zu schaffen im Austausch gegen deutsche Zivilinternierte, die sich in russischen Konzentrationslagern befinden. Diese Bemühungen führten um so mehr zu ihrem Ziele, als die provisorische russische Regierung auf das Andringen des Arbeiter- und Soldatenrates, alle Zivilgefangenen freigelassen und ihnen die Möglichkeit gegeben hat, nach Deutschland zurückzukehren. Aber die deutsche Regierung stellte die Bedingung, daß die politischen Emigranten in einem hermetisch geschlossenen Wagen mit plombierten Fenstern reisen in Begleitung eines Schweizers, der während der Reise als Vermittler diente.

Unter diesen Bedingungen ist unser Genosse Lenin und seine Gruppe sowie einige Dutzend andere Personen ohne Parteizugehörigkeit nach Rußland zurückgekehrt in Begleitung eines schweizerischen Genossen.

Das sind die Tatsachen. Alles andere ist phantastische Zuträgerei des Herrn Homo, dessen üble Absichten dermaßen bekannt sind, daß sie uns aller weiteren Widerlegung entheben.‘ Jean Bezrabotny.“[16]

Georgi Walentinowitsch Plechanow

Die Februarrevolution 1917 gab Plechanow nach langem Exil im Alter von 60 Jahren endlich den Weg nach Russland frei.[17] Er lebte damals mit seiner Familie in einem von seiner Frau Rosalija Markowna geleiteten Sanatorium in San Remo, als er am Morgen des 14. März 1917 vom Ausbruch der Revolution in Russland und dem Sturz des Zaren Nikolaus II. erfuhr. Die Freude unter den russischen Emigranten, die im Sanatorium Unterkunft und Heilung fanden, war außerordentlich groß. Plechanow unterbrach seine Studien über Radischtschew und ging in die Stadt, um sich die neuesten Meldungen in den Tageszeitungen anzusehen. Vor den Tafeln mit den Aushängen, so erzählte er später seiner Frau, wurden die Ereignisse in Russland und deren Auswirkungen auf den Kriegsverlauf diskutiert. Einige Italiener sahen die Ursache der Revolution im Unwillen der Russen, weiter Krieg zu führen. Plechanow wies diese Argumente als Beleidigung des russischen Volkes zurück und versuchte ihnen zu erklären, dass das freie Russland nun sein Schicksal endlich in die eigenen Hände nehmen und die deutschen Angreifer besiegen könne.

Tag für Tag trafen Telegramme ein, in denen er immer dringender aufgefordert wurde, so schnell wie möglich in die Heimat zurückzukehren. „Kommen Sie, wir brauchen Sie hier!“ Und es drängte ihn auch selbst zurück. Obgleich die Jahreszeit für seinen Gesundheitszustand sehr ungünstig war, schloss er sich am 25. März mit seiner Frau Rosalija Markowna einer internationalen Sozialistendelegation an, die die Reise nach Russland antrat. Die Fahrt von San Remo nach Paris nahm 18 Stunden in Anspruch. Von hier aus reisten sie nach drei Tagen mit der Delegation weiter nach England und Skandinavien. In London traf Plechanow Leo Deutsch, der, aus New York kommend, nach Russland unterwegs war. Plechanows Ankunft wurde auf Bitten der Delegation geheim gehalten. In London schlossen sich auch englische Sozialisten der Reisegruppe an, der u.a. William Thorne, William Sanders, Marcel Cachin, Ernest Lafont, Marius Moutet und James O'Grady angehörten. Von Schottland aus erreichten sie auf einem Handelsschiff nach 36 Stunden Bergen. Es war 10 Uhr morgens, als sie hier unversehrt ankamen. Von hier aus ging es über Torneo und Christiania weiter, wo die Delegation gegen Mitternacht eintraf. Das erste vernünftige Quartier fanden sie in Stockholm. Hier kam es zu einer Begegnung mit dem Mitglied der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion Hjalmar Branting, der gerade auf dem Rückweg aus Petrograd war. Branting und die Offiziere, mit denen Plechanow sprechen konnte, berichteten über die unter den russischen Soldaten zunehmend Gehör findende Antikriegspropaganda der Zimmerwalder Linken. Auf den Stationen traf Plechanow Sozialdemokraten, die der Gruppe entgegengefahren waren. N. I. Jordanski brachte den Reisenden die ersten Ausgaben der Zeitung „Jedinstwo“, deren Redaktion Plechanow dann kurze Zeit später übernahm. In der Nacht zum 31. März (13. April) fuhr der Zug unter den Klängen der Marseillaise in Petrograd auf dem Finnländischen Bahnhof ein. In ihren Erinnerungen beschreibt Rosalija Markowna, dass sie ihrem gesundheitlich angeschlagenen Mann zugeredet hatte, in Stockholm keine Ruhepause einzulegen, sondern mit der Delegation im wahrsten Sinne des Wortes im Triumphzug anzukommen.

Am Tag der Rückkehr Plechanows aus der Emigration trafen in Stockholm 30 russische Emigranten – es war die Gruppe um Lenin – im „plombierten Wagen“ ein. Am 2. und 3. (15. und 16.) April sprach Plechanow bereits auf der Gesamtrussischen Beratung der Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten im Taurischen Palais. Die Delegierten feierten die Rückkehr der vor der Verfolgung geflohenen Revolutionäre in die Heimat. Tschcheïdse, der die Beratung eröffnete, sagte unter dem Beifall der Delegierten: „Heute ist Nikolaus II. in Haft und der von ihm außer Landes getriebene Plechanow sitzt unter uns in der ersten Reihe.“[18]

Auch Lenins Ankunft wurde gefeiert. Der Zug traf am 3.(16.) April um 23.10 Uhr auf dem Finnländischen Bahnhof ein. Neben den Vertretern des Sowjets waren die aus der Verbannung zurückgekehrten Dumaabgeordneten und ZK-Mitglieder vertreten, die innerhalb von drei Wochen den Parteiapparat reaktiviert und die Herausgabe der Parteizeitung „Prawda“ organisiert hatten. Dem Büro des ZK gehörten Wjatscheslaw Molotow, Alexander Schljapnikow und Peter Salutzki an. Anders als Plechanow ging Lenin sofort mit seinen zur Begrüßung erschienenen Genossen ins Gericht. „Was für Zeug steht denn in Eurer ‚Prawda’“, wandte er sich an deren Chefredakteur Kamenew. Soll Sinowjew zu den Arbeitern sprechen, schlug Lenin vor, ohne das Gespräch mit Kamenew zu unterbrechen. Als er auf dem Bahnhofsvorplatz dann doch eine kurze Ansprache hielt, ließ er zum Erstaunen seiner Genossen die sozialistische Revolution hochleben.

Parallel zur Propagierung seiner „Aprilthesen“ musste sich der wegen Eigenmächtigkeit und Verletzung der Parteidisziplin kritisierte und als deutscher Spion verleumdete Lenin gegen diese Vorwürfe und Angriffe verteidigen. Die Schweizer Zeitungen druckten seine Gegendarstellungen regelmäßig ab. Internationalisten aus Frankreich, Polen, Deutschland, Skandinavien und der Schweiz erklärten sich am 7. April mit Lenin solidarisch.[19] Im Mai veröffentlichte die Zeitung „Plattens Reisebericht“[20] und Berichte über die Abreisevorbereitungen der Gruppe um Martow.[21]

Unter der Überschrift „Die rote Internationale“ berichtete die Zeitung „Volksrecht“ am 15. Mai 1917 über die Abreise der Gruppe um Martow. „Schweren Herzens sahen wir alle die lieben Genossen und Genossinnen scheiden, mit denen wir in jahrelanger Arbeit treu verbunden waren. Wie ganz anders sahen unsere Freunde aus als sonst, verjüngt, strahlend, voller Begeisterung. Wenn man die Gesichter betrachtete, die wir doch so gut gekannt zu haben glaubten, sahen wir Neues, vorher nie Geschautes, und wir begriffen, wie noch nie, was uns theoretische Abhandlungen nie so klar gemacht hätten: daß das russische Proletariat an der Spitze des europäischen Proletariats siegreich sein werde. […] Wir wissen, daß der Weg noch weit und steinig ist, auch wenn die russischen Grenzpfähle erreicht sein werden, aber aus der Hingebung, der Begeisterung der russischen Kämpfer lasen wir den bestimmten Willen des Sichdurchsetzens, den Willen zum Siege heraus. Glückauf der wackeren Kämpferschar.“

 [1] Julij Osipovič Martov-Nadežda Samojlovna Kristi, 28.2.1917. In: 1917 častnye svidetel’stva o revoljucii v pis’mach Lunačarskogo i Martova. Moskva 2005, S. 139.
 [2] Ilja Ehrenburg: Menschen, Jahre, Leben. Memoiren. Berlin 1978, Bd. 1, S. 217 f.
 [3] W. I. Lenin an Alexandra Michailowna Kollontai, 17.3.1917. In: W. I. Lenin: Briefe, Berlin 1967, Bd. IV, S. 400.
 [4] Hungerrevolten in Rußland. In: Volksrecht, 15.3.1917, Nr. 63, S. 1.
 [5] Stefan Zweig: Der versiegelte Zug. Lenin, 9. April 1917. In: ders.: Sternstunden der Menschheit. Zwölf historische Miniaturen, Berlin, Weimar 1979, S. 256.
 [6] W. I. Lenin an I. F. Armand, 15. März 1917. In: W. I. Lenin: Briefe, Berlin 1967, Bd. IV, S. 397 f.
 [7] Jürg Ulrich: Kamenev. Der gemäßigte Bolschewik. Das kollektive Denken im Umfeld Lenins. Hamburg 2006, S. 84 f.
 [8] Isaac Deutscher: Stalin. Eine politische Biographie. Stuttgart 1962, S. 150 f.
 [9] Iz perepiski Ju. Larina s P. B. Aksel’rodom. In: Men’ševiki v 1917 godu. Ot janvarja do ijul’skich sobytij. Moskva 1994, S. 230.
[10] Ebenda, S. 233.
[11] W. I. Lenin an R. Grimm, 31. März 1917. In: W. I. Lenin: Briefe, Berlin 1967, Bd. IV, S. 422.
[12] Rückkehr russischer Genossen. In: Volksrecht, 17.4.1917, Nr. 89, S. 3, 4.
[13] Stefan Zweig: Der versiegelte Zug. Lenin, 9. April 1917. In: ders.: Sternstunden der Menschheit. Zwölf historische Miniaturen, Berlin, Weimar 1979, S. 262 f.
[14] Volksrecht, 10.4.1917, Nr. 82, S. 3, 4.
[15] Vgl. hierzu die Einführung in: 1917 častnye svidetel’stva o revoljucii v pis’mach Lunačarskogo i Martova. Moskva 2005, S. 28 f.
[16] Volksrecht, 20.4.1917, Nr. 92, S. 3.
[17] Rosalija Markowna Plechanowa hat die Rückreise nach Russland sowie Plechanows letztes Lebensjahr in Erinnerungen beschrieben (siehe Rosalija Plechanowa, God na Rodine [Ein Jahr in der Heimat], in: Dialog, 8–12/1991).
[18] Eine Dokumentation der während dieser Beratung gehaltenen Reden, angenommenen Entschließungen und in der sozialdemokratischen Presse veröffentlichten Berichte enthält der Band Menschewiki w 1917 godu w trech tomach. T. 1: Ot janwarja do ijulskich sobytij [Die Menschewiki im Jahr 1917 in drei Bänden. T. 1: Von Januar bis zu den Juliereignissen], Moskau 1994.
[19] Heimkehr russischer Emigranten. In: Volksrecht, 23.4.1917, Nr. 94, S. 3.
[20] Plattens Reisebericht. In: Volksrecht, 4.5.1917, Nr. 103 S. 1., 2.
[21] Ein letzter Abschiedsgruß. In: Volksrecht, 14.5.1917, Nr. 111, S. 1.

3.00 €

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