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Heft 162: Die Pariser Kommune 1871

Basisdemokratie und soziale Republik

Von: Helmut Bock

3.00 €

Reihe "Pankower Vorträge", Heft 162, 2011, 72 S., A5, 3 Euro plus Versand

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Reihe "Pankower Vorträge", Heft 162, 2011, 72 S., A5, 3 Euro plus Versand

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Inhalt

Einleitung
Wer treibt zum Krieg?

Hauptteil
Bonapartistischer Angriffskrieg und Scheitern bei Sedan
Die dritte „République La France“: „Regierung der Nationalen Verteidigung“
Volkskrieg: Zwischen Rebellion und Kapitulation
Frankreich verleugnet seine Hauptstadt
Der 18. März 1871: Defensive Revolution
Was tun? – Geburtswehen der Kommune
Idee und Wirklichkeit: Kommunale Basisdemokratie und soziale Republik
Blutwoche

Schluss
Karl Marx. Proletarischer Internationalismus und Fortschrittsglaube

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LESEPROBE

Karl Marx. Proletarischer Internationalismus und Fortschrittsglaube

Zwei Tage nach Niederschlagung der Kommunarden, am 30. Mai 1871, tagte in London der Generalrat der Ersten Internationale. Dort legte Karl Marx den Text einer Adresse zur Würdigung und politisch-historischen Interpretation der Pariser Kommune vor. Er hatte den Auftrag im April übernommen, seitdem zahlreiche Pressemitteilungen und andere Informationen ausgewertet, Kontakte zu Brief- und Augenzeugen in und aus Frankreich unterhalten,[1] war allerdings selbst nicht in Paris gewesen, zumal ihn wochenlange Krankheit behinderte. Nach zwei skizzenhaften, aber längeren Aufzeichnungen, die für engagierte Vorarbeit zeugen, beendete er die druckfertige Fassung nunmehr mit voller Kenntnis des tragischen Endes, der allerdings auch befürchteten Katastrophe[2] in der Stadt an der Seine.

Marx bewirkte den einstimmigen Beschluss, seine Schrift unter dem Titel „Der Bürgerkrieg in Frankreich“ sofort als Adresse der Internationale in englischer Sprache zu veröffentlichen.[3] Sie enthielt beißend ironische Kommentare zur Histoire skandaleuse der Minister der „Regierung der nationalen Verteidigung“, in Wahrheit des Landesverrats und der Konterrevolution, vor allem jedoch eine solidarische Verteidigung und Deutung der in Paris versuchten „neuen Gesellschaft“ der arbeitenden Klassen. Die Adresse prägte das Geschichtsbild von der Pariser Kommune, das in der marxistisch beeinflussten Arbeiterbewegung des 19. und 20. Jahrhunderts andauernd rezipiert worden ist.

Von perspektivischer Bedeutung waren die Antworten, die Marx auf die Frage gab: „Was ist die Kommune?“ Er erinnerte sich, vor zwei Jahrzehnten schon unter dem Eindruck der Juni-Insurrektion von 1848 und der putschistischen Machteroberung Louis-Napoleons die Notwendigkeit postuliert zu haben, dass die arbeitenden Klassen die „bürokratisch-militärische Maschinerie“ des Staats der Ausbeuter „zerbrechen“ müssten – dies also „die Vorbedingung jeder wirklichen Volksrevolution auf dem Kontinent“ in Europa sei.[4] Den Versuch, eben diese geschichtliche Aufgabe zu lösen, fand er nun bei „unseren heroischen Pariser Parteigenossen“. Er folgerte aus seiner Beschreibung der Metamorphosen des Staats von der absoluten Monarchie bis zum bonapartistischen Kaisertum: „[...] Die Arbeiterklasse kann nicht die fertige Staatsmaschinerie einfach in Besitz nehmen und diese für ihre eignen Zwecke in Bewegung setzen.“[5]

Marx prüfte dieses Problem anhand des konkreten Zeitgeschehens in Frankreich. „[...] Paris, der Mittelpunkt und Sitz der alten Regierungsmacht und gleichzeitig der gesellschaftliche Schwerpunkt der Arbeiterklasse, Paris hatte sich in Waffen erhoben gegen den Versuch Thiers und seiner Krautjunker, die [...] vom Kaisertum überkommene alte Regierungsmacht wiederherzustellen und zu verewigen. Paris konnte nur Widerstand leisten, weil es infolge der Belagerung die Armee losgeworden war, an deren Stelle es eine hauptsächlich aus Arbeitern bestehende Nationalgarde gesetzt hatte. Diese Tatsache galt es jetzt in eine bleibende Einrichtung zu verwandeln. Das erste Dekret der Kommune war daher die Unterdrückung des stehenden Heeres und seine Ersetzung durch das bewaffnete Volk.“[6]

Unter dem Schutz der Volksbewaffnung war die institutionelle Errichtung der Pariser Kommune erfolgt, und ein im Volk verwurzelter Demokratismus – kein Liberalismus der besitzenden und ausbeutenden Klassen – war Quelle und Triebkraft bei der Gestaltung von Verwaltung und Lebensweise der Hauptstadt Frankreichs gewesen. Als leitendes Organ der Umwälzung sah Marx die durch das allgemeine Stimmrecht in den Stadtbezirken gewählten Stadträte, die den Rat der Kommune bildeten: „verantwortlich und jederzeit absetzbar“, keine „parlamentarische, sondern eine arbeitende Körperschaft, vollziehend und gesetzgebend zu gleicher Zeit“.[7]

Aus den Erscheinungsformen und vielfältigen Lebensäußerungen der Kommune abstrahierte Marx die Grundzüge des Staats und der Gesellschaft, die die Befreiung der arbeitenden Klassen von Unterdrückung und Ausbeutung bewirken konnten. „Die Polizei, bisher das Werkzeug der Staatsregierung, wurde sofort aller ihrer politischen Eigenschaften entkleidet und in das verantwortliche und jederzeit absetzbare Werkzeug der Kommune verwandelt. Ebenso die Beamten aller andern Verwaltungszweige. Von den Mitgliedern der Kommune an abwärts, musste der öffentliche Dienst für Arbeiterlohn besorgt werden. Die erworbenen Anrechte und die Repräsentationsgelder der hohen Staatswürdenträger verschwanden mit diesen Würdenträgern selbst. [...] Das stehende Heer und die Polizei, die Werkzeuge der materiellen Macht der alten Regierung einmal beseitigt, ging die Kommune sofort darauf aus, das geistliche Unterdrückungswerkzeug, die Pfaffenmacht, zu brechen; sie dekretierte die Auflösung und Enteignung aller Kirchen, soweit sie besitzende Körperschaften waren. Die Pfaffen wurden in die Stille des Privatlebens zurückgesandt, um dort, nach dem Bilde ihrer Vorgänger, der Apostel, sich von dem Almosen der Gläubigen zu nähren. Sämtliche Unterrichtsanstalten wurden dem Volk unentgeltlich geöffnet und gleichzeitig von aller Einmischung des Staats und der Kirche gereinigt. Damit war nicht nur die Schulbildung für jedermann zugänglich gemacht, sondern auch die Wissenschaft selbst von den ihr durch das Klassenvorurteil und die Regierungsgewalt auferlegten Fesseln befreit. Die richterlichen Beamten verloren jene scheinbare Unabhängigkeit, die nur dazu gedient hatte, ihre Unterwürfigkeit unter alle aufeinanderfolgenden Regierungen zu verdecken, deren jeder sie, der Reihe nach, den Eid der Treue geschworen und gebrochen hatten. Wie alle übrigen öffentlichen Diener, sollten sie fernerhin gewählt, verantwortlich und absetzbar sein.“[8]

Marx wusste von der „Erklärung an das französische Volk“, die der Pariser Rat am 18. April 1871 verlautbart hatte – er bejahte die darin niedergelegte „Skizze der nationalen Organisation, die die Kommune nicht die Zeit hatte, weiter auszuarbeiten“: „Die Landgemeinden eines jeden Bezirks sollten ihre gemeinsamen Angelegenheiten durch eine Versammlung von Abgeordneten in der Bezirkshauptstadt verwalten, und diese Bezirksversammlungen dann wieder Abgeordnete zur Nationaldelegation in Paris schicken; die Abgeordneten sollten jederzeit absetzbar und an die bestimmten Instruktionen ihrer Wähler gebunden sein. [...] Die Einheit der Nation sollte nicht gebrochen, sondern im Gegenteil organisiert werden durch die Kommunalverfassung; sie sollte eine Wirklichkeit werden durch die Vernichtung jener Staatsmacht, welche sich für die Verkörperung dieser Einheit ausgab, aber unabhängig und überlegen sein wollte gegenüber der Nation, an deren Körper sie doch nur ein Schmarotzerauswuchs war. [...] Statt einmal in drei oder sechs Jahren zu entscheiden, welches Mitglied der herrschenden Klasse das Volk im Parlament ver- und zertreten soll, sollte das allgemeine Stimmrecht dem in Kommunen konstituierten Volk dienen [...].“[9] Die Kommunalverfassung sollte der Republik Frankreich die Grundlage „wirklich demokratischer Einrichtungen“ verschaffen – was nach Marx „eine durch und durch ausdehnungsfähige politische Form“ gewesen wäre. Er verriet ihr „wahres Geheimnis“ mit den Worten: „Sie war wesentlich eine Regierung der Arbeiterklasse, das Resultat des Kampfs der hervorbringenden gegen die aneignende Klasse, die endlich entdeckte politische Form, unter der die ökonomische Befreiung der Arbeit sich vollziehen konnte.“[10] Marx erkannte in der Kommune eine „politische Herrschaft der Produzenten“, die als „Hebel“ dienen konnte, „um die ökonomischen Grundlagen umzustürzen, auf denen der Bestand der Klassen und damit der Klassenherrschaft“ ruht. Auch angesichts ihres tragischen Endes würden die Pariser Arbeiter, mit ihrer Kommune, ewig gefeiert werden: als der „ruhmvolle Vorbote einer neuen Gesellschaft“.[11]

Trotz dieser Hochschätzung, womit Marx das Wirken der Kommunarden als ein zukunftsträchtiges Vermächtnis für die Arbeiterbewegung formulierte, sind allerdings historisch-kritische Fragen zu stellen. Mit seiner Interpretation der Kommune als staatliche Ordnung zur Befreiung der ausgebeuteten und unterdrückten Klassen focht Marx auch einen Streit aus, den er innerhalb der Ersten Internationale gegen Proudhonisten und Bakunisten führte. Beide vertraten zwar die ökonomische Befreiung der Arbeitenden, negierten aber grundsätzlich die Notwendigkeit einer jeden Staatsgewalt. Es fragt sich, ob der daraus erwachsene Gegensatz in der Staatsfrage – oder ob vielmehr ein abstrakter und überhöhter Geschichtsoptimismus den Vordenker in London dazu verleitete, die sozialistische Bewusstheit der Kommunarden zu überschätzen. Mit anderen Worten: ob Marx die Pariser Revolutionäre weniger anhand ihrer objektiven Bedingungen und subjektiven Absichten als nach seinen eigenen, weitgreifenden Auffassungen von der sozialen Revolution beurteilte. Denn was er als eine durchaus mögliche Tendenz in der „Selbstregierung der Produzenten“ erkannt hatte, behandelte er nicht als den augenblicklichen und aktuellen Anspruch der arbeitenden Klassen auf „Basisdemokratie“ und „soziale Republik“ im Verteidigungskampf für den Erhalt der République la France, sondern als die sich bereits vollziehende neuartige Revolution, die unmittelbar zum Sozialismus führe. Schon den bürgerlich-demokratischen Machtwechsel des 4. September 1871 vom Kaisertum zur dritten Republik nannte er in gewagter Verallgemeinerung eine „Arbeiterrevolution“.[12] Von den etwas späteren Kommunarden behauptete er fälschlich, sie hätten „die Enteignung der Enteigner“ beabsichtigt und sogar mit voller Bewusstheit bereits „die Produktionsmittel, den Erdboden und das Kapital [...], in Werkzeuge der freien und assoziierten Arbeit verwandelt“.[13]

Marx ignorierte die Beziehungsvielfalt und Interessenverschiedenheit zwischen Arbeitern, Kleinbürgern, Intellektuellen im Kommunerat. Er überschätzte den dortigen Anteil und Einfluss tatsächlich sozialistischer Arbeiter, wertete sie in seinen Erwägungen zur Bündnispolitik bereits als die Führungsklasse für bürgerlichen Mittelstand und Bauernschaft. Wo er glaubte, sie kritisieren zu müssen, erfolgte dies am Maßstab einer nationalen und sozialen Umwälzung – die nicht wirklich schon in der Absicht und Möglichkeit der Pariser stand. So rügte Marx beispielsweise ein „Versäumnis“ des Zentralkomitees der Nationalgarde, in den Tagen des 18. März sofort nach Versailles zu marschieren, um die Regierung Thiers und die gewählte Nationalversammlung aufzulösen, also doch wohl: die Regierung an sich zu reißen.[14] – Er kritisierte ebenso ihren Beschluss, so schnell wie möglich demokratische Wahlen durchzuführen: Das Zentralkomitee habe die Macht in Paris viel zu früh preisgegeben, „um der Kommune Platz zu machen“.[15] Es scheint, als überwogen bei Marx der Wunsch und die Absichten, die proletarische Macht zu errichten – gegenüber der Akzeptanz einer von breiten Massen getragenen Volksdemokratie, die sich noch im Rahmen der bürgerlichen Gesellschaft verhielt.

Der führende Analytiker der herrschenden Ökonomie der Gesellschaft verzichtete in seiner Adresse auf jede Reflexion des konkreten Entwicklungsstands des Kapitalismus in Frankreich und auch des Reifegrads der Pariser Lohnarbeiter bei ihrer Formierung zur sozialen Klasse. Er benutzte den Begriff „Arbeiterklasse“ nicht streng analytisch anhand ihrer aktuellen, noch stark beschränkten Entwicklung der sozial-ökonomischen Lage, sondern politisch und deklarativ. Dabei ließ er sich vom Fortschrittsglauben an eine Gesetzmäßigkeit leiten, die zweifellos und weltweit zu Sozialismus und Kommunismus führen werde. Die Arbeiterklasse habe „keine Ideale zu verwirklichen“, sie habe „nur die Elemente der neuen Gesellschaft in Freiheit zu setzen, die sich bereits im Schoß der zusammenbrechenden Bourgeoisgesellschaft entwickelt“ hätten.[16] Er wagte eine Voraussage, die ihm als vollkommen sicher galt: „[...] Der Kampf muss aber und abermals ausbrechen, in stets wachsender Ausbreitung, und es kann kein Zweifel sein, wer der endliche Sieger sein wird – die wenigen Aneigner oder die ungeheure arbeitende Majorität. Und die französischen Arbeiter bilden nur die Vorhut des ganzen modernen Proletariats.“[17] Aus heutiger Sicht und Erfahrung ist dieser Gesetzmäßigkeitsglaube und der dadurch begründete Geschichtsoptimismus als problematisch zu bezeichnen.

Die sozial- und wirtschaftshistorische Forschung – insbesondere Frankreichs – hat die von Marx bereits für 1871 angenommene Reife zur sozialen Revolution nicht bestätigen können.[18] Obwohl im Kaiserreich des Louis-Napoleon kapitalistische Zentren in Bergbau, Textil- und Metallindustrie wuchsen (zumeist außerhalb der Seine-Metropole), wirkte noch immer ein sichtliches Beharrungsvermögen vormoderner Produktivkräfte und Produktionsweise. Die Landwirtschaft, wo die Bauern durch die Revolution von 1789 zu bürgerlichen Eigentümern des Bodens geworden waren und nun grundsätzlich besitzerhaltende, also konservative Gesinnungen hegten, dominierte das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben des ganzen Landes. Zumal in Mittel- und Südfrankreich blieb der Agrarsektor vom Industriekapitalismus noch fast unberührt. In den großen Städten, wo die Arbeiter mit ihren Familien immerhin 40 bis 60 Prozent der Bevölkerung stellten, stand deren Formierung zur organisierten und selbstbewussten Klasse noch am Beginn. Insbesondere in Paris herrschte eine prekäre Situation, weil Produktion und Handel nicht von Fabriken, sondern von Klein- und Kleinstbetrieben getragen wurden – nach statistischen Erhebungen von 1860: 31 Prozent des produzierenden Gewerbes von Unternehmen mit zwei bis zehn Arbeitnehmern, nur sieben Prozent darüber. Es waren selbständige Handwerker, die in Paris überwogen, und auch der handwerklich qualifizierte Facharbeiter prägte noch den Typus des Arbeiters, weit weniger der Fabrikarbeiter. Wohl hatte Louis-Napoleon den Lohnarbeitern durch ein Gesetz von 1864 endlich die Bildung von Koalitionen, folglich von Gewerkschaften, eingeräumt, um so die Bourgeoisie in Schach zu halten. Aber die große Masse der kleinen Betriebe bedingte eine Zersplitterung der proletarischen Interessen und eine mangelhafte Aktionseinheit. Die soziale und politische Formierung der Arbeiterklasse erfolgte zögerlich. Eher noch existierten fließende Übergänge zwischen Arbeitern und Kleinkapitalisten, so dass sich situationsbedingte Allianzen zwischen ihnen geradezu aufdrängten.

Gewiss entstanden unter dem Einfluss der Arbeitskämpfe, der Gewerkschaften und auch der Internationale proletarische Bewusstheiten hinsichtlich des Widerspruchs zwischen Arbeit und Kapital, Arbeitern und Bourgeoisie. Die außerordentliche Situation aber, dass eine Art Kollektivierung des Bewusstseins gerade im Pariser Volk und seiner Arbeitermajorität entstand, brachte der Krieg von 1870/71 – insbesondere durch den Abwehrkampf gegen die zweifache Belagerung. Die dadurch hervorgerufenen Geisteshaltungen wurden zuerst durch Patriotismus bestimmt, so dass sich mit den Erinnerungen an den sieghaften Revolutionskrieg von 1792/94 ein jakobinisches Denken reaktivierte, das über soziale Grenzen hinausreichte, von Intellektuellen, Kleinbürgern und Arbeitern aufgefasst wurde. Ideen des proletarischen Klassenkampfes und der sozialen Revolution verstärkten sich erst mit dem Gegensatz zwischen dem Kapitulantentum der Bourgeoisie und der in Paris mehrheitlich bewaffneten und kämpfenden Arbeitermasse.

Wir haben versucht, diese Vorgänge primär nicht an den zum Teil idealisierenden Einschätzungen von Marx, sondern anhand der authentischen Überlieferungen durch Augen- und Tatzeugen „vor Ort“, den selbsttätigen Kommunarden zu reproduzieren. Das allerdings bedeutet nichts Geringeres, als einen „Bruch“ mit der marxistisch-leninistischen Überlieferung[19] des Geschichtsbildes von der Kommune zu vollziehen. Was jedoch bleibt und durch das ganze 20. Jahrhundert bis in unsere Tage wirkt, ist das Vermächtnis der Pariser Revolutionäre: „Kommunale Basisdemokratie und soziale Republik!“


[1] Marx/Engels: Tagebuch der Pariser Kommune, Berlin/DDR 1971.
[2] Marx an L. Kugelmann, London, 17. April 1871: „Die Weltgeschichte wäre allerdings sehr bequem zu machen, wenn der Kampf nur unter der Bedingung unfehlbar günstiger Chancen aufgenommen würde. Sie wäre andererseits sehr mystischer Natur, wenn ‚Zufälligkeiten’ keine Rolle spielten. […] Der entscheidend ungünstige ‘Zufall’ ist diesmal keineswegs in den allgemeinen Bedingungen der französischen Gesellschaft zu suchen, sondern in der Anwesenheit der Preußen in Frankreich und ihrer Stellung dicht vor Paris. Das wussten die Pariser sehr gut. Das wussten aber auch die bürgerlichen Kanaillen von Versailles. Ebendarum stellten sie die Pariser in die Alternative, den Kampf aufzunehmen oder ohne Kampf zu erliegen. Die Demoralisation der Arbeiterklasse in dem letztren Fall wäre ein viel größres Unglück gewesen, als der Untergang einer beliebigen Anzahl von ‚Führern’. Der Kampf der Arbeiterklasse mit der Kapitalistenklasse und ihrem Staat ist durch den Pariser Kampf in eine neue Phase getreten. Wie die Sache auch unmittelbar verlaufe, ein neuer Ausgangspunkt von welthistorischer Wichtigkeit ist gewonnen.“ MEW, Bd. 33, Berlin/DDR 1966, S. 209.
[3] K. Marx: The Civil War in France. Address of the General Council of the International Working Men´s Association, in: Marx/Engels: Gesamtausgabe (MEGA). Erste Abteilung: Werke, Artikel, Entwürfe, Bd. 22: März bis November 1871, Berlin/DDR 1978, S. 119 ff.
[4] Marx an L. Kugelmann, London 12. April 1871, in: MEW, Bd. 33, S. 205.
[5] Die vorgenannte Adresse der Ersten Internationale wurde von F. Engels ins Deutsche übertragen und in „Der Volksstaat“ zu Leipzig, vom 28. Juni bis 29. Juli 1871, erstmalig veröffentlicht. Wir zitieren hier aus der von Engels im Jahre 1891 herausgegebenen Druckfassung in: MEW, Bd. 17, Berlin/DDR 1962, S. 338.
[6] Ebenda, S. 336.
[7] Ebenda, S. 339.
[8] Ebenda. Wir zitieren den originalen Text zum Teil ausführlich, weil er für die Geschichte der Arbeiterbewegung und unsere spätere Kritik an den Staaten des “real existierenden Sozialismus“ von konstitutiver Bedeutung ist.
[9] Ebenda, S. 340 (Hervorhg. – HB).
[10] Ebenda, S. 342 (Hervorhg. – HB).
[11] Ebenda, S. 362 (Hervorhg. – HB).
[12] Ebenda, S. 329.
[13] Ebenda, S. 342.
[14] Marx an Kugelmann, London, 12. April 1871, in: MEW, Bd. 33, S. 205.
[15] Ebenda.
[16] Marx: Der Bürgerkrieg in Frankreich, in: MEW, Bd. 17, S. 343.
[17] Ebenda, S. 361.
[18] Siehe die analytische Übersicht bezüglich der Forschungen nach dem Zweiten Weltkrieg bei Haupt/Hausen: Die Pariser Kommune. Erfolg und Scheitern einer Revolution.
[19] Sogar die wissenschaftliche Edition der MEGA ist unter dem Einfluss Lenins und des durch Stalin interpretierten „Leninismus“ verzerrt worden. Während Marx die „Kommunalverfassung“ als Voraussetzung und oberste Garantie einer sozialistischen Basis- und Volksdemokratie anerkannte, verschob sich die Interpretation in der MEGA auf den zentralistischen Staat, d.h. auf Struktur, Interesse und Praktiken des bolschewistischen, undemokratischen Ein-Partei-Staates. Erich Kundel: Einleitung, in: MEGA. Erste Abteilung, Bd. 22, S. 32 f.

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