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Heft 178: Arbeiteremanzipation und frühmoderner Antisemitismus

Drei Studien

Von: Mario Keßler

Reihe "Pankower Vorträge", Heft 178, 2013, 44 S., A5, 3 Euro plus Versand

Die drei Studien entstanden jeweils aus Vorträgen, die der Autor Mario Keßler in Berlin und Jerusalem gehalten hat. So sprach er am 15. März 2013 im Verein „Helle Panke“ zum Thema „Der ADAV: Ferdinand Lassalle und die erste deutsche Arbeiterpartei“. Der erweiterte Vortragstext wurde unter dem Titel Der „romantische Revolutionär“: Ferdinand Lassalle und die frühe deutsche Arbeiterbewegung Teil dieses Heftes.

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Autor: Mario Keßler

Prof. Dr., Historiker, Berlin

Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam

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INHALT

Vorwort

Proletarische Emanzipation und frühmoderner Antisemitismus: Die Revolution 1848/49

Arbeiter und Juden: Zwei Formen der Emanzipation

Juden und Judenverfolgung in der Revolution

Konterrevolution, Antisozialismus und Judenhass

Der „romantische Revolutionär“:

Ferdinand Lassalle und die frühe deutsche Arbeiterbewegung

Auf dem Weg zu revolutionärer Tätigkeit

Lassalle und die Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeiter-Vereins

Lassalles Haltung zu den Juden und zum Judentum

Moses Hess und seine kommunistischen Kritiker

Proletarische und jüdische Emanzipation bei Moses Hess

Hess’ frühe marxistische Verteidiger – und Georg Lukács’ Kritik

Im Widerstreit der Meinungen: Von den 1930er zu den 1960er Jahren

Moses Hess im Urteil von Reformkommunisten: Ernst Bloch und Bruno Frei

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LESEPROBE

Vorwort

Die inhaltlichen Schwerpunkte dieser drei hier vereinten Studien sind, bei verwandter Fragestellung, unterschiedlich gesetzt. Der Beitrag zur Revolution von 1848 gibt einen Überblick der im Revolutionsprozess wirkenden antijüdischen Vorurteile und deren Bekämpfung, die Abhandlung über Ferdinand Lassalle folgt seinen Lebensstationen, während der Aufsatz über Moses Hess sich den widersprüchlichen Interpretationen innerhalb der kommunistischen Geschichtsschreibung zur Philosophie zuwendet. Die drei Studien entstanden jeweils aus Vorträgen in Berlin und Jerusalem. Proletarische Emanzipation und frühmoderner Antisemitismus: Die Revolution 1848/49 trug ich am 6. Juni 1998 aus Anlass des 150. Jahrestages der demokratischen Revolution an historischer Stätte vor: in der Französischen Kirche, wo in der Revolution die Gefallenen der Berliner Barrikadenkämpfe aufgebahrt wurden. Der Text erschien erstmals in dem Sammelband: Walter Schmidt (Hg.), Demokratie und Arbeiterbewegung in der deutschen Revolution von 1848/49. Beiträge des Kolloquiums zum 150. Jahrestag der Revolution von 1848/49 am 6. und 7. Juni 1998 in Berlin, Berlin: trafo verlag dr. wolfgang weist, 2000, S. 189–199, dort unter dem Titel: Proletarische und jüdische Emanzipation in der Revolution von 1848. Der Aufsatz wurde nachgedruckt in: Mario Keßler, Vom bürgerlichen Zeitalter zur Globalisierung. Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Berlin: trafo verlag dr. wolfgang weist, 2005 (Reihe Hochschulschriften, Bd. 8), S. 13–27, dort unter dem hier verwandten Titel, wobei dieser neue Nachdruck leicht gekürzt ist, um Wiederholungen mit den folgenden Beiträgen zu vermeiden. Ich danke dem Verlag und seinem Leiter Dr. Wolfgang Weist sehr für den Wiederabdruck. Die Zwischenüberschriften wurden für die Publikation in der Reihe „Pankower Vorträge“ eingefügt.

Der Beitrag Der „romantische Revolutionär“: Ferdinand Lassalle und die frühe deutsche Arbeiterbewegung ist der erweiterte Text eines Vortrages, den ich am 15. März 2013 im Verein „Helle Panke“ e.V. unter dem Titel „Der ADAV: Ferdinand Lassalle und die erste deutsche Arbeiterpartei“ hielt. Den Text trug ich in Englisch unter dem Titel “The ‘Romantic Revolutionary’: Ferdinand Lassalle and the Early German Labor Movement” am 1. März 2011 auf der internationalen Konferenz “Jews and Revolutions: From Vormärz to the Weimar Republic” im Jerusalem Institute for Israel Studies vor. Die Konferenz wurde von der Rosa-Luxemburg-Stiftung, dem Leo Baeck Institute Jerusalem, dem Martin-Buber-Lehrstuhl der Universität Frankfurt am Main und dem Centre for German-Jewish Studies der University of Sussex gemeinsam veranstaltet.

Die genannten Institutionen organisierten am gleichen Ort das internationale Symposium “Moses Hess between Socialism and Zionism”, auf der ich am 20. März 2012 über “Moses Hess and the Marxist Discourse since 1945” sprach. Dieser Vortrag wurde durch einführende Bemerkungen ergänzt und ist unter dem Titel Moses Hess und seine kommunistischen Kritiker hier deutsch abgedruckt.

Die englisch gehaltenen Beiträge über Lassalle und Hess übersetzte ich selbst ins Deutsche. Zitate aus deutschsprachigen Quellen wurden jedoch nicht rückübersetzt, sondern direkt übernommen.

Berlin, im Mai 2013 Mario Keßler

Proletarische Emanzipation und frühmoderner Antisemitismus: Die Revolution 1848/49

Proletarische Emanzipation und Kampf gegen den Antisemitismus, einschließlich dessen frühmoderner Formen, gingen im Verlaufe der Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts eine, ungeachtet aller Widersprüche, höchst ehrenhafte Symbiose ein. Dies war zur Mitte des 19. Jahrhunderts keineswegs so selbstverständlich, wie es in der Rückschau erscheinen mag. Zwar gehörten Proletarier wie Juden zu den Benachteiligten der aufstrebenden bürgerlichen Gesellschaft. Der Grad der Benachteiligung war indes sehr unterschiedlich: Das materielle Elend der noch in den Ghettos lebenden Juden war durchaus mit der schlimmen Lage des „Vierten Standes“ vergleichbar. Doch in West- und Mitteleuropa war schon in der ersten Jahrhunderthälfte nach 1800 ein jüdisches Bürgertum entstanden, das zu Wohlstand gekommen war und dessen Angehörige die Rechtsgleichheit innerhalb der existierenden Gesellschaft einforderten, keineswegs jedoch deren Überwindung anstrebten, wie es zumindest die frühe marxistische Arbeiterbewegung auf ihre Fahnen geschrieben hatte.

Diese Konstellation führte zu einer spannungsreichen Wechselbeziehung zwischen proletarischer und jüdischer Emanzipationsbewegung, deren Untersuchung auch hinsichtlich des nach wie vor debattierten Charakters der Revolution von 1848/49 nützlich erscheint.

Im Folgenden sollen deshalb Unterschiede wie Berührungspunkte proletarischer und jüdischer Emanzipationsbestrebungen umrissen werden. Daran anschließend wird die Frage aufgeworfen, welchen Anteil die proletarische Bewegung am Kampf gegen die Judenfeindschaft wie am Emanzipationsprozess der Juden in der Revolution nahm, schließlich soll gefragt werden, ob – und wenn ja, inwiefern – jüdische Aktivitäten in der Arbeiterbewegung während der Revolution sich aus einem spezifisch jüdischen Erfahrungshintergrund herleiteten.

Arbeiter und Juden: Zwei Formen der Emanzipation

Bei schärferer Betrachtung der politischen Zustände am Vorabend der Revolution fallen zumindest im deutschsprachigen Raum die Unterschiede zwischen Arbeiterbewegung und jüdischer Emanzipationsbewegung stärker ins Auge als die Gemeinsamkeiten, die aufgrund des sichtbare Engagements von Juden innerhalb der proletarischen Linken naheliegend scheinen.

Zunächst einige definitorische Bemerkungen: Die Arbeiterbewegung – hier stütze ich mich auf die Gegenüberstellung bei Jacob Toury[1] – entstand im 19. Jahrhundert in der Auseinandersetzung mit dem sich entfaltenden Industrie- und Finanzkapitalismus. Im Zentrum der die Arbeiterbewegung bald zutiefst prägenden sozialistischen Weltanschauung stand als Gruppenkonzept das Proletariat oder die arbeitende Klasse. „Sprechen wir vom Volke“, schrieb Stephan Born, einer der wichtigsten Persönlichkeiten jüdischer Herkunft in der Arbeiterbewegung, im Mai 1848, „so rechnet man zu oft alle Welt dazu, und doch soll diese Zeitschrift [nämlich Das Volk] hauptsächlich nur eine bestimmte Klasse im Staat vertreten: die arbeitende Klasse ...“[2] Dennoch erstrebte die Arbeiterbewegung letztlich eine Emanzipation der Menschheit, verstand sich als handelndes Subjekt einer – gewissermaßen – Gesamtgeschichte, aber auch als wichtiger Teilfaktor jenes gesamtgesellschaftlichen Emanzipationsprozesses.

Die jüdische Emanzipationsbewegung bezog sich hingegen auf einen schon quantitativ weitaus geringeren Bevölkerungsanteil. Vor allem jedoch waren die Juden im deutschsprachigen Raum eine noch kulturell-religiös fundierte Gruppierung mit weit zurückreichenden Traditionsbindungen. Diese trugen zu ihrer relativen sozialen Kohäsion bei, immer stärker dafür verantwortlich wurden jedoch außerökonomische Faktoren der nichtjüdischen Mitwelt.

Die Grundlagen einer ökonomischen Sonderexistenz der Juden – die (ohnehin nie alleinige) Wahrnehmung wirtschaftlich notwendiger, doch moralisch geächteter Funktionen wie dem Zinsgeschäft oder dem Tauschhandel – waren in Deutschland, anders als in Osteuropa, bereits in der frühen Neuzeit weitestgehend geschwunden.[3] Im Vormärz wurden jedoch Juden häufiger als im vorangegangenen Jahrhundert Opfer gewalttätiger Ausschreitungen, deren wichtigste Ursache das Aufkommen eines völkischen Nationalismus war.[4] Dieser Nationalismus postulierte die angebliche Reinheit des germanischen Blutes und schloss Juden aus der Gemeinschaft der Deutschen aus.

Der im 18. Jahrhundert vonstatten gegangene soziale Transformationsprozess hatte die große Mehrheit der deutschen Juden im Vormärz an die unteren Segmente der bürgerlichen Schichten herangeführt. Damit verbunden war ein neues Durchdenken der traditionsgebundenen Gruppeninhalte, besonders auch der religiösen Werte, die zu ausgiebigen Kontroversen führten. Die Option für die Arbeiterbewegung bildete deshalb eine nur von einer Minderheit der jüdischen Radikalen in Betracht gezogene Antwort auf die Judenfeindschaft. Weit eher waren jüdische Persönlichkeiten während der Revolution auf Seiten des gemäßigten Bürgertums zu finden. Dies entsprach einer allgemeinen Tendenz der jüdischen Bevölkerung in Deutschland, sich auch ideologisch und habituell an die bürgerliche Gesellschaft zu assimilieren; einen Prozess, den Jacob Toury als den „Eintritt der Juden ins deutsche Bürgertum“ zusammenfassend untersucht hat.[5]

In der Revolution teilten die Juden, allgemein gesprochen, die Opposition des Bürgertums gegenüber der absoluten Monarchie und das Bestreben nach einem Verfassungsstaat. Sie bewegten sich damit zumeist innerhalb der Grenzen bürgerlich-demokratischer Gesinnung. Persönlichkeiten wie Eduard Simson oder Ludwig Bamberger traten weniger als Juden denn als Vertreter der demokratischen und liberalen Öffentlichkeit politisch hervor. Demgegenüber verband Gabriel Riesser bürgerlich-demokratische Aktivitäten unmittelbar mit dem Kampf gegen antijüdische Hetze und Stimmungen.[6] Doch die (später so bezeichnete) „jüdische Frage“ blieb in der deutschen Revolution von 1848/49 noch marginal. So kann es kaum überraschen, dass die damals einsetzende „Trennung der proletarischen von der bürgerlichen Demokratie in Deutschland“[7] kaum anhand der jüdischen Emanzipation nachweisbar ist. Dennoch lassen – im historischen Rückblick – die Positionen von Vertretern der Arbeiterbewegung hinsichtlich der Judenfeindschaft wie der jüdischen Emanzipation bereits Rückschlüsse zu auf den damaligen Reifegrad der Bewegung wie auf spätere Stellungnahmen der Sozialdemokratie.

[1] Vgl. Jacob Toury, Die Dynamik der Beziehungen zwischen Juden und Arbeiterbewegung im Deutschland des 19. Jahrhunderts, in: Walter Grab (Hg.), Juden und jüdische Aspekte in der deutschen Arbeiterbewegung 1848–1918, Tel Aviv 1977, S. 47–62.

[2] Zit. ebenda, S. 47.

[3] Vgl. Abraham Léon, Die jüdische Frage. Eine marxistische Darstellung [1946], Essen 1995.

[4] Hierzu mehr bei Michael Rohrbacher, Gewalt im Biedermeier. Antijüdische Ausschreitungen in Vormärz und Revolution (1815–1848/49), Frankfurt a. M./New York 1993.

[5] Vgl. Jacob Toury, Die politischen Orientierungen der Juden in Deutschland. Von Jena bis Weimar, Tübingen 1966.

[6] Vgl. Margarita Pazi, Die Juden in der ersten deutschen Nationalversammlung (1848/49), in: Walter Grab (Hg.), Jahrbuch des Instituts für deutsche Geschichte, Bd. 5, Tel Aviv 1976, S. 177–209, bes. S. 198 f.

[7] Gustav Mayer, Radikalismus, Sozialismus und bürgerliche Demokratie, hg. von Hans-Ulrich Wehler, Frankfurt a. M. 1969, S. 198 f.

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