Geschichte
Die I.G. Farben – „Interessengemeinschaft Farbenindustrie“– war ein zwischen 1925 und 1945 agierender, die BASF, Bayer, Hoechst und weitere Betriebe umfassender deutscher Unternehmensverbund, damals der größte und mächtigste Chemiekonzern der Welt. Auf dem Gelände des Konzentrationslagers Auschwitz errichtete die I.G. Farben 1942-1945 – unter der Bezeichnung „I.G. Auschwitz“ – ein Chemiewerk, das die größte chemische Fabrik Osteuropas und zugleich ein Brückenkopf für die Germanisierung bis zum Ural werden sollte. I.G. Auschwitz steht für die historisch einzigartige Verbindung von kapitalistischem Unternehmensgeist und nationalsozialistischem Judenhass. Die gnadenlose Ausbeutungspraxis der I.G. Farben kulminierte in der Vernichtung durch Arbeit. In einer erfolgsorientierten, nationalistisch, sozialdarwinistisch und antisemitisch aufgeheizten Atmosphäre waren in erster Linie jüdische Menschen einer bürokratisch akkurat organisierten und betriebswirtschaftlich durchkalkulierten Vernutzung bis zum Tode ausgeliefert. I.G. Auschwitz war die Ausgeburt einer mörderischen Arbeitsideologie. I.G. Auschwitz steht für das, was „Arbeit“ unter dem Vorzeichen einer maximalen Auspressung und der Idealisierung eines elitären Leistungstyps zu werden droht: ein Hort von Unfreiheit, Leid und frühem Tod. Der Vortrag stellt jüdische Biografien vor, die als Gegengeschichte zur Lohnarbeit im Kapitalismus verstanden werden kann, als Ideengeschichte für die Befreiung des Menschen von Ausbeutung, Unterdrückung und Knechtschaft. Er widmet sich emanzipatorisch orientierten Philosophen und Philosophinnen, Schriftsteller/innen sowie sozialmedizinisch, sozialwissenschaftlich und sozialpolitisch aktiven Frauen und Männern, die von den Nazis ermordet, vertrieben oder vergessen gemacht wurden: Theodor Lessing, Emmanuel Levinas, Simone Weil, Edith Stein, Primo Levi, Ludwig Teleky, Käthe Leichter und Julius Berger. Dass die genannten Jüdinnen und Juden sind, dass sie für ihre Überzeugungen mit Verfolgung, Exil oder Tod bezahlten, ist kein Zufall. Sozialethisch orientierter Humanismus war den Deutschnationalen immer schon verhasst. Der Vortrag erinnert sich und gedenkt der genannten Jüd*innen und der vielen Ungenannten, die den Nazis Widerstand leisteten. Wir wollen gemeinsam diskutieren, wie wir auch heute den „Messern des Hasses“ (Nelly Sachs) entgegentreten können, wie es gelingen kann, sich von den Fesseln arbeitsideologischen, sozialdarwinistischen und deutschnationalen Denkens zu befreien und für Mitmenschlichkeit und Verantwortung, für den „Humanismus des anderen Menschen“ (Levinas), einzustehen.
Referent: Wolfgang Hien
Eine gemeinsame Veranstaltung mit der Rosa Luxemburg Stiftung.