Vielfalt sozialistischen Denkens
Die Familie als Keimzelle der kapitalistischen Gesellschaft und Ort der sozialen Reproduktion ist auch in China in der Krise – immer weniger junge Leute heiraten, Scheidungen haben zugenommen, die Geburtenrate ist weltweit eine der niedrigsten und nach dem Ende der Ein-Kind-Politik 2015 weiter eingebrochen. Eine Verschärfung der Arbeitskräfteknappheit ist absehbar, das chinesische Akkumulationsregime gefährdet.
Während das migrantische Arbeitskräftereservoir versiegt, das Chinas Kapitalismus bisher am Laufen hielt, verschärften sich die Bedingungen der sozialen Reproduktion in den Familien: stagnierende Löhne und hohe Kosten erhöhen den Arbeitsdruck und verlangen zwei Lohneinkommen, lange Arbeitszeiten und Überstunden lassen kaum Zeit für Erziehung oder Pflege, und die migrantische Arbeit an unterschiedlichen Orten zerreißt den Familienzusammenhang.
Zur Lösung dieser Krise der Reproduktion setzt die Regierung der Kommunistischen Partei auf eine natalistische Politik. Sie will die Frauen wieder „an den Herd“ verbannen und drängt sie zur Produktion von mehr Kindern „für die Nation“. Dagegen formiert sich seit Jahren Frauenwiderstand. Ihr Geburtenstreik wendet sich gegen die Verschlechterung ihrer sozialen Position als Mütter, sie kämpften gegen die alltägliche sexualisierte Gewalt in der patriarchalen Gesellschaft, und sie bedienen sich feministischer Diskurse, um ihren Drang nach mehr Kontrolle über ihr Leben auszudrücken.
Referent: Ralf Ruckus gründete mit anderen 2008 gongchao.org, eine Plattform für die Untersuchung sozialer Kämpfe in China. Zuletzt erschienen die Bücher Der kommunistische Weg in den Kapitalismus. Wie soziale Unruhen und deren Eindämmung die Entwicklung Chinas seit 1949 vorantreiben (Karl Dietz Verlag Berlin, 2024), Die Linke in China. Eine Einführung (Mandelbaum Verlag, 2023) und der Sammelband China von unten. Kritische Analyse & Soziale Kämpfe (gongchao.org, 2023). Eine Liste aller Veröffentlichungen findet sich unter nqch.org.