Dienstag, 13. Mai 2008, 19:00, KulturGut, Alt-Marzahn 23, 12685 Berlin

Die Revolution von 1848/49 in der deutschen Geschichtskultur

Marzahner Gesellschaftspolitisches Forum

Referent: Prof. Dr. Walter Schmidt
Moderation: Dr. Ingrid Matschenz
Eintritt: 1,50 Euro
Ort: KulturGut Marzahn, Alt-Marzahn 23 (Haus 1)

Das Informationsblatt DIE LINKE. Bezirksverband Marzahn‐Hellersdorf schrieb in seiner Ausgabe vom Juni 2008 über die Veranstaltung:

Die Revolution von 1848/49in der deutschen Geschichtskultur

Dr. Ingrid Matschenz

Die historische Gedenkkultur wird allgemein und weltweit bestimmt von den Interessen der jeweiligen Politik, der „gleichsam eine historische Dimension verliehen“ werden soll. Daraus folgt, dass je nach dem politischen Umfeld im Jubiläumsjahr mal die eine, mal eine andere Seite des historischen Ereignisses in den Mittelpunkt gerückt wird. Ausgehend von dieser generellen Erkenntnis, blickte am 13. Mai im KulturGut Prof. Dr. Walter Schmidt auf
herausgehobene Gedenkzäsuren der Revolution von 1848/49 in Deutschland.
Der 25. Jahrestag 1873 war eindeutig geprägt von der vorausgegangenen Reichseinigung. Für Konservative und Liberale wurde diese zum allein gültigen Maßstab historischer Beurteilungen. Aus dieser Sicht war allein die Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche von Bedeutung. Der offizielle Gedenktag war und ist bis
heutigen Tags für alle politischen Kräfte außerhalb der Arbeiterbewegung der 18. Mai, der Tag des Zusammentritts der Nationalversammlung. Die Berliner Ereignisse im März und ähnliche in anderen Orten des Deutschen Bundes waren peinliche Ausrutscher, das Werk von Verschwörern. Durch alle Jahrzehnte hindurch bildete nur die Bevölkerung in Baden‐Württemberg und Teilen des Rheinlands eine rühmliche Ausnahme – sie hielt das Andenken ihrer Revolutionskämpfer von 1848/49 in Ehren. Wie 1873 so auch zum nächsten Gedenkjahr 1898 war es allein die Arbeiterbewegung, die die Revolution in
ihrer Gänze würdigte, insbesondere als ersten Schritt zur Emanzipation der Arbeiter. Die offizielle Gedenkpolitik war zwar unverändert, aber erstmals wurde die Revolution Gegenstand öffentlicher Debatten mit dem Höhepunkt einer Rede August Bebels im Reichstag. Ebenso waren die folgenden Gedenktage von den tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen geprägt: 1923 von der Novemberrevolution und ihren
ambivalenten Folgen, das Zentenarium 1948 hatte die Katastrophen des Faschismus und des 2. Weltkriegs im Rücken und eine drohende nationale Spaltung vor sich. Der Kalte Krieg hatte begonnen und polarisierte auch die Geschichtskultur. Gemeinsam in allen Zonen war eine Flut von Publikationen und Veranstaltungen, akademischen Festakten, Diskussionen. Zum ersten Mal wurden offiziell auch die Barrikadenkämpfer in Berlin
geehrt: Otto Suhr enthüllte einen Gedenkstein im Friedrichshain, der einen Text von Peter Alfons Steiniger trug.
Aber darüber hinaus waren die Inhalte scharf nach Ost und West geschieden: In der SBZ war der Kern „die Legitimation des bereits vollzogenen gesellschaftlichen Umwälzungsprozesses ... die Zuendeführung der 48er Revolution.“ In den Westzonen lag das Gewicht (und heute wieder in Gesamtdeutschland) auf der Würdigung der Tradition des Parlamentarismus.
Wir können (und müssen) hier abbrechen – die Grundlinien lassen sich weiterverfolgen bis zum mühsamen Ringen der „Aktion 18. März“ um eine neue Namensgebung des Pariser Platzes und des Antrags an den Bundesrat 2006, den 18. März zum Nationalen ‐ nicht Feier‐ – aber Gedenktag zu erheben.
Es bleibt noch zu vermerken, dass sich den Ausführungen des Referenten eine Diskussion anschloss, die u.a. nach den Wirkungen der Revolution fragte, obwohl sie ja als eine gescheiterte bezeichnet wird.


Das Informationsblatt „Marzahn‐Hellersdorf LINKS“ können Sie hier im Internet lesen.

Wo?

KulturGut
Alt-Marzahn 23
12685 Berlin