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Heft 51: Antagonismen nach Marx

Einblicke in aktuelle Theoriedebatten außerhalb Europas

Von: Jan Hoff

Heft 51: Antagonismen nach Marx

Reihe "Philosophische Gespräche", Heft 51, 2018, 40 S.
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Autor: Jan Hoff, Dr., Historiker und Politikwissenschaftler, München
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INHALT

1. Einleitung
1.1 Ein Blick auf die Kritik der politischen Ökonomie
1.2 Zu emanzipations- und klassentheoretischen Grundpositionen
der Neuen Marx-Lektüre

2. Aspekte kritischen Denkens in China und Nordamerika
2.1 Neuere Entwicklungen im chinesischen Marxismus – zwischen konformistischer Legitimationsideologie und intellektueller Subversion
2.2 Finanzökonomie und soziale Antagonismen: Die Fortsetzung der nordamerikanischen Debatte nach der Occupy-Bewegung

3. Schluss

Anhang: Interview zum Buch Marx global

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LESEPROBE

1. Einleitung

Der vorliegende Text knüpft an meinen Vortrag im Herbst 2016 bei der „Hellen Panke“ an und soll einige thematische Aspekte aus meinem Buch Befreiung heute[1] ergänzen, vertiefen und aktualisieren. Ausgangspunkt der hier vorgelegten Überlegungen ist die Marx´sche Kritik der politischen Ökonomie bzw. eine Lesart dieser Kritik, die rezeptionshistorisch bestimmte traditionsmarxistische Deutungsmuster kritisch überwunden hat. Von diesem Ausgangspunkt aus soll ein Blick auf in jüngerer Vergangenheit stattgefundene theoretische Entwicklungen geworfen werden. Dabei sind erstens Aspekte der neueren chinesischen Marxismus-Diskussion im Spannungsfeld von Herrschaftslegitimation und intellektueller Subversion zu betrachten. Zweitens wird ein Blick auf die nordamerikanische Debatte geworfen, namentlich auf Diskussionen zur modernen kapitalistischen Finanzökonomie. Damit soll erneut – anknüpfend an bisherige Forschungen – die internationale Entwicklung der an Marx anknüpfenden Theoriebildungsprozesse untersucht werden.[2]

1.1 Ein Blick auf die Kritik der politischen Ökonomie

Die Marx´sche Kritik der politischen Ökonomie mit ihrer Perspektive auf die kapitalistische Produktionsweise verknüpft spezifische Gesellschaftserkenntnis, fundamentale Gesellschaftskritik und Erkenntniskritik miteinander. Sie weist zudem auf bestimmte Elemente im kapitalistischen Bestehenden hin, die bei der Errichtung einer zukünftigen Gesellschaft eine Rolle spielen können. Worin besteht der Kerngehalt der Marx´schen Kritik der politischen Ökonomie, wenn man sie als grundlegende Gesellschaftskritik auffasst? Mit Hilfe von Marx lässt sich nachweisen, dass bereits die Existenz der ökonomischen Kategorien der einfachen Zirkulation, die Existenz des (noch nicht als Kapital-Wert bestimmten) Werts und seiner einfachsten Formen, eine spezifische Vergesellschaftungsform der Arbeit voraussetzt, bei der die Gesellschaftlichkeit der Arbeiten nicht als unmittelbare schon vorausgesetzt ist, sondern als vermittelte erst über den Austauschprozess der Produkte als Waren hergestellt wird. Bereits auf der Ebene der einfachen Zirkulation ist mit Blick auf die Subjekte eine Verkehrung eingetreten, an der sich die Befürworter eines sogenannten „Marktsozialismus“[3] anscheinend nicht stören, Marx selbst aber schon: „Ihre eigne gesellschaftliche Bewegung besitzt für sie die Form einer Bewegung von Sachen, unter deren Kontrolle sie stehen, statt sie zu kontrollieren.“ (MEW 23, S. 89) Die sachliche Abhängigkeit ist auf der Ebene des Kapitalverhältnisses gesteigert, wo Ware und Geld in Kapital verwandelt sind, wo die gesellschaftlichen Lebens- und Produktionsmittel die Kapitalform besitzen und daher dem lohnarbeitenden Produzenten antagonistisch entgegentreten. Das Kapitalverhältnis ist nach Marx „das bestimmte soziale Verhältnis, worin die vergangne Arbeit selbständig und übermächtig der lebendigen gegenübertritt“. (MEW 25, S. 412) Die kapitalistische Produktion ist selbstzweckhaft am Ziel der größtmöglichen Kapitalakkumulation ausgerichtet, „der wirkliche Produzent“ hingegen ist „bloßes Produktionsmittel“, wie es in den Resultaten des unmittelbaren Produktionsprozesses heißt. Obwohl Marx die Ebene der „wirkliche[n] Bewegung der Konkurrenz“ aufgrund der Abstraktionsstufe nicht mehr im Kapital darstellt, verrät er in einer Art Vorgriff, wie eine noch höhere Stufe der sachlichen Abhängigkeit aussieht: dass nämlich „die Zusammenhänge durch den Weltmarkt, seine Konjunkturen, die Bewegung der Marktpreise, die Perioden des Kredits, die Zyklen der Industrie und des Handels, die Abwechslung der Prosperität und Krise,“ den Produktionsagenten „als übermächtige, sie willenlos beherrschende Naturgesetze erscheinen und sich ihnen gegenüber als blinde Notwendigkeit geltend machen.“ (MEW 25, S. 839) Die Perspektive von Marx, die auf die spezifischen Verhältnisse der kapitalistischen Gesellschaft und auf den inneren Zusammenhang der verschiedenen ökonomischen Kategorien als Formen des Werts eingeht, ist eng verknüpft mit der Marx´schen Erkenntniskritik, die in kritischer Perspektive die diesen Verhältnissen und Wert-Formen anhaftenden Fetischismen, Verkehrungen und Mystifikationen in den Blick nimmt. Emanzipation bedeutet die Herstellung solcher Produktionsverhältnisse, mit und in denen – auf der Grundlage des Gemeineigentums an Produktionsmitteln und unmittelbar vergesellschafteter Arbeit – die unmittelbaren Produzenten selbst den „Stoffwechsel mit der Natur […] unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden“. (MEW 25, S. 828) Eine solche fundamentale Neugestaltung der Produktionsverhältnisse und der Vergesellschaftungsweise der Arbeit ist unvereinbar mit einer Fortexistenz der ökonomischen Kategorien der kapitalistischen Ökonomie, d. h. des Werts und seiner diversen Formen, weil in einer sozialistischen Gesellschaft die „auf Produkte verwandte Arbeit“ nicht mehr als „Wert dieser Produkte, als eine von ihnen besessene sachliche Eigenschaft,“ erscheint, „da jetzt, im Gegensatz zur kapitalistischen Gesellschaft, die individuellen Arbeiten nicht mehr auf einem Umweg, sondern unmittelbar als Bestandteile der Gesamtarbeit existieren.“ (MEW 19, S. 19 f.)

Die Kritik der politischen Ökonomie enthält zudem Hinweise auf einzelne in der kapitalistischen Gesellschaft selbst vorhandene Elemente, auf die sich die Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft, in der „die volle und freie Entwicklung jedes Individuums“ (MEW 23, S. 618) zum Grundsatz erhoben ist, stützen könnte. In Befreiung heute habe ich die Marx´schen Hinweise auf den bereits gesellschaftlichen Charakter der entwickelten kapitalistischen Produktion (siehe MEW 23, S. 791, MEW 25, S. 452) und auf die Entwicklung arbeitsersparender Produktivkräfte genannt. Doch kann aus den Erkenntnissen der Kritik der politischen Ökonomie m.E. nicht hergeleitet werden, dass die Arbeiterklasse zwangsläufig als revolutionäres Subjekt agieren muss. In diesem Punkt kann der Neuen Marx-Lektüre zugestimmt werden: Ob die Arbeiterklasse sich als revolutionäres Subjekt konstituiert, entscheidet sich nicht durch ihre ökonomische Position in der Klassenstruktur der kapitalistischen Gesellschaft, sondern auf der Grundlage des Gelingens oder Ausbleibens anspruchsvoller politischer Lernprozesse, die sich wiederum nicht unmittelbar und notwendig aus jener ökonomischen Position ergeben.

[1] Siehe Jan Hoff, Befreiung heute. Emanzipationstheoretisches Denken und historische Hintergründe, Hamburg 2016.

[2] In diesem thematischen Kontext steht auch das Interview von 2014, das das vorliegende Heft abschließt.

[3] Mit dem Konzept des „Marktsozialismus” setzt sich Paresh Chattopadhyay (Marx’s Associated Mode of Production, London 2016, S. 125 ff.) kritisch auseinander.

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