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Heft 216: Vom mühseligen Suchen und glückhaften Finden

In memoriam Prof. Dr. Heinrich Gemkow (26. Juni 1928 - 15. August 2017)

Heft 216: Vom mühseligen Suchen und glückhaften Finden

Reihe "Pankower Vorträge", 2017, Heft 216, 72 S.

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Mit Prof. Dr. Heinrich Gemkow hat uns ein herausragender Wissenschaftler, Historiker der Arbeiterbewegung und Marx-Engels-Forscher, ein großherziger Freund und liebenswerter Kollege nach einem arbeitsreichen langen und erfüllten Leben am 15. August 2017 verlassen. Sein Tod ist uns Anlass, anknüpfend an die bereits 2003 veröffentlichten zwei Hefte 54 und 55 der „Pankower Vorträge“, sein Wirken zu würdigen.

Anlässlich des 90. Geburtstages von Prof. Dr. Heinrich Gemkow bereitet die "Helle Panke" e.V. – RLS Berlin mit Partnern zu dem in diesem Heft behandelten Themenkomplex eine Veranstaltung vor. Sie ist für den Juni 2018 geplant und wird mit dieser Publikation und in der Programmvorschau für Juni 2018 thematisch vorgestellt. Wir würden uns freuen, Sie als Teilnehmer an diesem Diskussionsabend begrüßen zu können.

Prof. Dr. Walter Schmidt gilt unser Dank für seine Initiative, gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen des Verstorbenen in diesem Heft auf Heinrich Gemkow zurückzublicken.

Die Bibliografien Heinrich Gemkows wurden von Dagmar Goldbeck bearbeitet.

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INHALT

Rolf Hecker
Rede auf der Trauerfeier für Heinrich Gemkow
am 12. September 2017 in Berlin-Pankow

Trauerrede des Großneffen von Heinrich Gemkow Conrad Neumann

Erinnerungen an Heinrich Gemkow

Günter Benser
Anfang und Ende unserer Zusammenarbeit am IML

Ursula Herrmann
Der Bebel-Spezialist

Martin Hundt
„Eine delikate, feinorganisierte, durchaus edle Natur …“

Annelies Laschitza
Marx-Engels-Biograf. Förderer und Ratgeber

Erinnerungenvon MEGA- und Archiv-MitarbeiterInnen aus Moskau

Hans Pelger
Begegnungen mit Heinrich Gemkow

Walter Schmidt
Forscherkollege – Gesinnungsgefährte – Freund

Richard Sperl
Erinnerungen an einen wahren Freund

Fritz Zimmermann
Heinrich Gemkow und die BzG

Schriften von Heinrich Gemkow

Zum Alltag des alternden Friedrich Engels

Frauen um Friedrich Engels

Bibliografie der Schriften Heinrich Gemkows

Auswahlbibliografie 2003–2009

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LESEPROBE

Rolf Hecker
Rede auf der Trauerfeier für Heinrich Gemkow am 12. September 2017 in Berlin-Pankow

Liebe Schwester, Frau Johanna Schlüter, liebe Nichte, Frau Kerstin Neumann, und Herr Clemens Neumann, lieber Cousin, Herr Helmuth Heinrich, und Frau Margit Heinrich, liebe Familienangehörige;

liebe Freundinnen und Freunde, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter von Heinrich Gemkow, verehrte Trauergemeinde.

Seinen 89. Geburtstag am 26. Juni hat Heinrich im Kreis von Freundinnen und Freunden mit seiner Schwester und Nichte verbringen können, allerdings schon nicht wie gewohnt in der Esplanade 34, sondern in der Nähe, in der Seniorenresidenz Haus Pankow. Den gemeinsamen Tag mit seiner Schwester genoss Heinrich sehr; er blühte auf, als sie gemeinsam Briefe beantworteten. Wie immer bei den Geburtstagsrunden tauschte man sich über persönliche, aber auch politische Neuigkeiten aus. Heinrich war hellwach, wenn auch körperlich geschwächt. Seit dem Tod seiner lieben Frau, unserer unvergessenen Hilde vor fünf Jahren, ging es ihm von Jahr zu Jahr schlechter, eine notwendige Operation schränkte seine körperliche Bewegung weiter ein, und er war zunehmend an seine Wohnung gebunden. Das hinderte ihn jedoch nicht, das geistige und politische Leben weiter zu verfolgen und eifrig mit uns bei Besuchen darüber zu diskutieren.

Wir sind hier zusammengekommen, um Abschied zu nehmen von Professor Dr. Heinrich Gemkow, Abschied von Ihrem Bruder, liebe Frau Schlüter, von Ihrem Onkel und Cousin, liebe Familien Neumann und Heinrich, Abschied von unserem Freund und Genossen, von unserem Kollegen auf dem Feld der Geschichte der Arbeiterbewegung und der Marx-Engels-Forschung, von dem leidenschaftlichen Biografen von Marx und Engels und ihren Mitstreitern.

Wir trauern mit den Familienangehörigen, empfinden mit Ihnen den großen Schmerz, den der Tod eines nahestehenden Menschen unvermeidlich hervorruft. Wenn es einen Trost in dieser Stunde des Abschieds gibt, dann die Erinnerung an das gemeinsam Erlebte, an die schönen gemeinsamen Stunden. Erinnern wir uns deshalb an einige Stationen des Lebenswegs eines Wissenschaftlers.

Geboren wurde Heinrich Gemkow am 26. Juni 1928 im pommerschen Stolp in einem christlich-humanistischen Elternhaus; der Vater war Mittelschullehrer und Geograph. Er starb an jenem Tag im April 1934, als sein Sohn Heinrich, noch nicht 6 Jahre alt, eingeschult wurde. Mutter, Schwester und Großeltern waren stets an seiner Seite. Noch während des Schulbesuchs, mit erst 15 Jahren, also 1943, trat der Krieg in das Leben von Heinrich ein: Er wurde gemeinsam mit seinen Mitschülern als Marinehelfer auf der Nordsee-Insel Wangerooge eingesetzt, wo mehr schlecht als recht der Schulunterricht fortgesetzt wurde. Nach kurzer Kriegsgefangenschaft in Schleswig-Holstein ging er zu entfernten Verwandten nach Bayreuth und verdiente dort als Tiefbauarbeiter seinen Lebensunterhalt. Ein Hinweis seiner Mutter, die nach Stendal geflüchtet war, veranlasste ihn, sich erfolgreich an der Martin-Luther-Universität Halle an der Vorstudienanstalt zu bewerben, um anschließend ebenda ein Studium der Germanistik, Geschichte und Pädagogik aufzunehmen. Während dieser Zeit des Aufbruchs und Neubeginns im Osten Deutschlands lernte Heinrich seine spätere Frau Hilde kennen und lieben; beide heirateten in Halle. Gemeinsam stritten sie im Jugendverband, der FDJ, und wurden Mitglieder der Partei – der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Fortan verband sie ein 60jähriger gemeinsamer Lebensweg.

Heinrich Gemkow war nach seinem Staatsexamen zunächst im gerade gegründeten „Museum für Deutsche Geschichte“ Berlin unter Alfred Meusel tätig. Dann wechselte er sehr bald als Mitarbeiter zum Institut für Marxismus-Leninismus, wo er bis zur Abwicklung 1990 tätig war, zunächst als Stellvertretender Chefredakteur der Zeitschrift für Geschichte der Arbeiterbewegung und stellvertretender Abteilungsleiter, dann ab 1964 bis zum Vorruhestand 1990 als stellvertretender Institutsdirektor. 1957/58 war er zu einer Aspirantur an der Humboldt-Universität, wo er 1959 mit einer Arbeit über Paul Singer promovierte. Zehn Jahre später wurde er zum ordentlichen Professor für Geschichte der Arbeiterbewegung berufen. Zehn Jahre war er Mitglied der Historikerkommission DDR–ČSSR, anschließend 20 Jahre Mitglied der Historikerkommission DDR–VR Polen; ebenso 20 Jahre Leitungsmitglied des Wissenschaftlichen Rates für Marx-Engels-Forschung der DDR.

Heinrich Gemkow war 27 Jahre Präsidialratsmitglied bzw. Vizepräsident des Kulturbundes der DDR. Künstlerinnen und Künstler, Schriftstellerinnen und Schriftsteller schätzten seinen Rat und seine Reisebegleitung ins Ausland. Erinnert sei an seine Unterstützung für das Stück „Salut an Alle. Marx“, das mehr als 100 000 Besucher im Theater im Palast der Republik verfolgten. Als Mitglied der Pirckheimer Gesellschaft war er eng mit den Bibliophilen verbunden. Er verstand ebenso gut die Philatelisten, so dass unter seiner Redaktion eine kleine Geschenkausgabe „Postalisches von Marx und Engels“ mit den originalen Reproduktionen der im IML vorhandenen Briefumschläge von Marx und Engels erfolgte. Heinrich war auch einige Zeit als Berater an der Entstehung des Marx-Engels-Forums in Berlin beteiligt, dessen Geschichte noch geschrieben werden muss.

Nach der politischen Wende 1989 war Heinrich an der Gründung von drei Vereinen beteiligt, deren aktives Mitglied er wurde: am Berliner Verein zur Förderung der MEGA-Edition, am Förderkreis Archive und Bibliotheken zur Geschichte der Arbeiterbewegung und an der „Hellen Panke“ – Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin. Stets unterstützte er diese Vereine großzügig mit Geist und Geld, danke Heinrich!

Heinrich selbst hat einmal rückblickend seinen Weg zur Marx-Engels-Forschung geschildert: „Meine Begegnungen mit Marx verliefen in drei Etappen. Die erste erfolgte in den Tagen meines 18. Geburtstages. Als frischgebackener Arbeiter- und Bauernstudent, gerade Mitglied der SED geworden, erwarb ich im Frühsommer 1946 für das Fach Grundlagen des wissenschaftlichen Sozialismus die erste Pflichtliteratur: Das Manifest der Kommunistischen Partei. Die Lektüre wurde zu einem aufregenden und zugleich befreienden Erlebnis. Mein Irren, Fragen und Suchen fand eine Antwort. Marx wurde mir zum Wegbereiter. Dann kamen Studium, die Entscheidung für die Geschichtswissenschaft, die politische Arbeit. Marx, nun häufig und zunehmend gründlich gelesen und befragt, wurde mir zum vertrauten Ratgeber. … Gleiches gilt natürlich für Engels und Lenin. Schließlich … kam der Auftrag zur Marx-Engels-Forschung, zur sozusagen hauptberuflichen Beschäftigung mit Leben und Werk des Mohrs und des Generals. Marx wurde mir zum täglichen, zum unentbehrlichen Weggefährten, ja oft, wenn es in Wort oder Schrift sein Vermächtnis zu verteidigen galt, nicht weniger zum Kampfgefährten.“

Heinrichs biografische Skizzen beginnen mit Paul Singer 1957 und enden mit Sigismund Ludwig Borkheim 2003. Dazwischen liegen: August Bebel, Wilhelm Eichhoff, Marx und Engels, Wilhelm Bracke, Wilhelm Liebknecht, Edgar von Westphalen. Und dann kommen die Frauen: Caroline Schoeler, Helena Demuth, Julie Bebel und nicht weniger als fünf Frauen an Engels’ Seite. Diese biografischen Studien, die aufs Engste mit den Quellen und Publikationen der Heldinnen und Helden verbunden waren, widerspiegeln was Heinrich selbst als „mühseliges Suchen und glückhaftes Finden“ bezeichnet hat. Er suchte die Nachfahren der Familie Engels auf, durchforstete die Archive, korrespondierte mit Erben. Er war dabei nicht allein – Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem Institut und von außerhalb unterstützten ihn bei der Recherche, bei der Textedition und Kommentierung sowie im Korrekturprozess – einige der Anwesenden werden sich gut und gern daran erinnern – die Resultate konnten sich sehen lassen. Manche der Publikationen wurden in Fremdsprachen übersetzt. Rückblickend sah Heinrich einige seiner Biografien selbstkritisch; so sei die Marx-Biografie von 1967 eine ungenügend dialektische bzw. eine hagiografische Darstellung.

Eine Mitarbeiterin war immer an Heinrichs Seite: seine liebe Frau Hilde. Der Titel einer Anthologie, die eigentlich Marx und Engels gewidmet ist, soll wohl eher auf die Gemkows zutreffen: „Vom Glück der Gemeinsamkeit“. Heinrich dankte stets seiner Frau für die Hilfe und Unterstützung, was wohl früher eher nicht so üblich war, oder widmete ihr eine Publikation und als Hilde schon im Ruhestand war, wurde sie zur gleichberechtigten Herausgeberin.

An dieser Stelle – sozusagen im Vorfeld von Marx’ 200. Geburtstag – soll an eine große Dokumentenpublikation erinnert werden, die vor 35 Jahren erschien: „Ihre Namen leben durch die Jahrhunderte fort“. Die bibliografische Verzeichnung von 941 und Edition von 328 Kondolenzen und Nekrologen zum Tod von Marx und Engels unter Heinrichs Leitung bezog viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bibliothek und des Archivs ein, die – das kann man wohl ohne Übertreibung sagen – eine weltweite Suche starteten. Das Ergebnis war und ist exzellent. Und dann denke ich an die kleinlichen Diskussionen mit verantwortlichen Moskauer Genossen, die parallel an der russischen Ausgabe arbeiteten, ob dieser oder jener Nachruf besser nicht aufgenommen werden sollte. Aber hier erwies sich Heinrich als konsequenter Historiker.

Heinrich war ein begnadeter Schriftsteller. Seine Biografien, seine Essays sind von Hingebung zur Heldin bzw. zum Held geprägt, aber auch vom notwendigen Abstand eines Historikers. Auf ihn traf in gewisser Weise selbst zu, was er als Titel einer weiteren, von ihm gemeinsam mit Hilde herausgegebenen Marx/Engels-Anthologie wählte: „Mit gewandter Feder“. Die Vorbemerkung von Heinrich zu diesem Bändchen – übrigens zum Nachlesen empfohlen – ist selbst „brillant im Stil“, klar und überzeugend in der Darstellung, eine Charakteristik, die Heinrich Marx und Engels zuschrieb. Heinrich blieb der Feder treu, wir alle lieben seine Kartengrüße – auf Email konnte er verzichten.

Heinrich und die Frauen – nicht nur, dass er selbst charmant war und den Handkuss beherrschte – sondern für ihn gehörten die Frauen an der Seite seiner biografischen Helden dazu. Einen herausragenden Platz nahm dabei Helena Demuth ein, die treue Seele im Haushalt von Marx und später von Engels. In Heinrichs Kopf hatte sich ihr Bild festgesetzt, wie es ihm von der Fotografie einer jungen Frau entgegenblickte. Wie enttäuscht war Heinrich, als sich herausstellte, dass dieses Foto in Heidelberg aufgenommen worden war, wo Helena niemals in ihrem Leben gewesen war. Es handelte sich um die Nichte von Engels’ Frau Lydia Burns, nämlich Mary Ellen Burns, genannt Pumps. Nun, das passte dann wenigsten wieder, war das Foto nun einer Frau aus Engels’ Umfeld zugeordnet. Und dann Helenas unehelicher Sohn. Als Heinrich die neu aufgefundenen Dokumente aus Moskau mit mir publizierte, meinte er – wie Clara Zetkin –‚ „nie Anspruch darauf gemacht [zu haben], [Marx] für einen Musterknaben zu halten, aber von uns wie manchen anderen seiner Anhänger allzu gern in einen solchen verwandelt wurde“. Selten hört man solche Sätze aus dem Mund eines Wissenschaftlers.

Zu Heinrichs Sammelleidenschaft gehörte das Kommunistische Manifest, das ihn seit seinem Studium faszinierte, so dass er Anfang der 1960er Jahre den Entschluss gefasst hatte, die Ausgaben aus nah und fern zu sammeln. In seiner Leitungsfunktion hatte sich dies herumgesprochen und er wurde mit und ohne Anlass mit vielen Exemplaren von Besuchern aus dem In- und Ausland beschenkt; er selbst durchstöberte die Antiquariate und konnte häufig fündig werden. Im September 1999 übergab Heinrich seine deutschlandweit größte private Sammlung, 245 Ausgaben in 56 Sprachen, zur Aufbewahrung und Ausstellung an das Engels-Haus in Wuppertal. Von dort erreicht uns jetzt die Nachricht, dass Heinrichs Sammlung in der großen Marx-Ausstellung zum 200. Geburtstag in Trier zusammen mit der einzig überlieferten Originalseite des Manifests zu sehen sein wird – übrigens gehört das Manifest seit 2013 zum UNESCO-Weltdokumentenerbe.

Nun komme ich auf das Projekt zu sprechen, um das sich die Forschungen von Heinrich Gemkow gruppierten – die Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA²). Er gehörte der Gesamtredaktion seit ihrer Bildung an, die erste Tagung fand 1965 in Moskau statt. Nach Abschluss der MEW 1968 wurde mit der MEGA begonnen und in den Jahren von 1975 bis Mai 1991 erschienen 45 Bände. Heinrich trug maßgeblich dazu bei, die MEGA-Edition als eine gemeinsame Aufgabe von WissenschaftlerInnen nicht nur der Marx-Engels-Abteilung, sondern der Akademie der Wissenschaften und einiger Universitäten und Hochschulen der DDR aufzufassen. Bei unterschiedlichen Meinungen in Fachfragen wurde lange um die beste Lösung gerungen, Heinrich war wohl oft genug der Vermittler hinter den Kulissen.

Diese Suche nach Dokumenten und die Edition der MEGA konnten und können ohne die weltweite Kommunikation von Marx-Engels-Forschern nicht existieren. Heinrich hat als zuständiger stellvertretender Direktor, aber wohl vor allem als Wissenschaftler, vieles versucht, um Grenzen und Schranken vor 1989 aufzubrechen und ein internationales Netzwerk zu schaffen, das danach nicht ganz unwesentlich dazu beitragen konnte, die MEGA zu erhalten und in einer Internationalen Marx-Engels-Stiftung (IMES) fortzuführen. Die von allen Mitarbeitern an der MEGA 1990 aufgestellte Forderung nach Akademisierung und Internationalisierung hat sich wohl erfüllt – die Konstituierung der IMES, die Revidierung der Editionsrichtlinien und das Wirken des MEGA-Langzeitvorhabens an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften künden davon. Weitere 20 Bände konnten erscheinen; das Projekt ist positiv evaluiert und kann bis 2030 fortgesetzt werden.

Zum Abschluss möchte ich einige Reaktionen auf das Ableben von Heinrich zitieren: Aus Moskau erreichte uns ein Kondolenzschreiben, unterzeichnet von 20 ehemaligen MitarbeiterInnen des dortigen IML. Darin heißt es: „Unsere Treffen in einer Atmosphäre, frei von Formalitäten, haben sich in unserem Gedächtnis unvergesslich eingeprägt. Seine lebhaften, eindrucksvollen Berichte über die Suche nach Dokumenten von Marx und Engels waren für uns faszinierend. Wir waren von der Tiefe und dem Umfang seines weitgefächerten Wissens begeistert, fühlten uns von der Ausstrahlung seiner einzigartigen Persönlichkeit angezogen. Wir wussten, dass sich die Türen internationaler Archive und Bibliotheken sowie in für andere unzugängliche Nachlässe für ihn auch in schwierigen politischen Zeiten öffneten. … Die Kraft und die Integrität seiner Persönlichkeit offenbarten sich besonders nach der Wende 1989/90. Mit großem Interesse lasen wir seine letzten Arbeiten und freuten uns über seine Treue zu seinem eigenen Lebenswerk.“ Und eine weitere Moskauer Kollegin unterstreicht auf Facebook kurz und knapp: „Er war ein fabelhafter Leiter und ein guter Mensch.“ Aus Tokio teilt Tomonaga Tairako mit: „Es ist daran zu erinnern, dass Heinrich in sehr schwierigen Zeiten sein ganzes Leben für die Marx-Engels-Forschung und für die Sache einer besseren Zukunft der Menschheit eingesetzt hat, die mit dem Namen von Marx und Engels eng verbunden ist.“ Und mir scheint ein Gruß von einem jungen französischen Kollegen aus Paris bezeichnend: „Als ich meine Doktorarbeit schrieb, habe ich viele Beitrage von Heinrich Gemkow gelesen. Für mich war er ein wichtiger Historiker der Arbeiterbewegung.“

Ein reiches und erfolgreiches, auch glückliches Wissenschaftlerleben hat sich am 15. August 2017 vollendet. Heinrich Gemkow hat sich um die Geschichte der Arbeiterbewegung, um die Marx-Engels-Forschung und die -Edition in der MEGA, um die Biografien von Marx und Engels und ihrer Mitstreiter hoch verdient gemacht. Ihnen, liebe Frau Schlüter, bleibt die Erinnerung an einen wunderbaren Bruder, Ihnen, liebe Familie Neumann, die Erinnerung an einen treusorgenden Onkel, der für Sie immer da war, und Sie ebenso für ihn vor allem in den letzten Jahren gesorgt haben, und Ihnen liebe Familie Heinrich an ihren Cousin. Uns allen bleibt die Erinnerung an einen Mitstreiter, der von humanistischen und sozialistischen Idealen erfüllt war, einem lebensfrohen Menschen, dessen Güte und Fürsorge, Solidarität und feiner Humor uns fehlen werden. Heinrich wird in unser aller Gedächtnis einen festen Platz einnehmen.

  • Preis: 3.00 €