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Heft 76: Die drei „Revolutions“-Bände von 1848/49 der historisch-kritischen Marx-Engels-Gesamtausgabe

Ein Überblick

Von: François Melis

Heft 76: Die drei „Revolutions“-Bände von 1848/49 der historisch-kritischen Marx-Engels-Gesamtausgabe

Reihe "Philosophische Gespräche", Heft 76, 43 S.

INHALT

François Melis: Die drei „Revolutions“-Bände von 1848/49 der historisch-
kritischen Marx-Engels-Gesamtausgabe. Ein Überblick.
         

 

Dokumente

1) Prospekt zur Gründung der „Neuen Rheinischen Zeitung“ 
2) Vorläufige Vereinbarung zur Begründung der „Neuen Rheinischen Zeitung“
3) Extrabeilage zur Nummer 38 vom 8. Juli 1848
4) Nummer 88 vom 29. August 1848 (Notausgabe)
5) Flugblatt vom 3. Oktober 1848
6) Flugblatt vom 7. Oktober 1848
7) Flugblatt vom 9. Oktober 1848
8) NRhZ Nr. 139 vom 10. November 1849 Druckvariante mit typographischer Änderung
- Abb. 1: Das persönliche Exemplar der NRhZ von Karl Marx. Nummer 1 vom 1. Juni 1848
- Abb. 2: Die nicht veröffentlichte Nummer 88 vom 29. August 1848
- Abb. 3: Foto vom Sitz der Redaktion
- Abb. 4: Gedenktafel „Neue Rheinische Zeitung“

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LESEPROBE
 

François Melis
Die drei „Revolutions“-Bände von 1848/49 der historisch-kritischen Marx-Engels-Gesamtausgabe. Ein Überblick.

Ende des Jahres 2025 erschien der dritte MEGA²-Band mit den Arbeiten von Marx und Engels in der Revolution von 1848/49. Zusammen mit den bereits 2016 und 2020 vorgelegten Bänden wird eine bedeutsame Etappe ihres politischen Wirkens dokumentiert.[1] In ihnen werden insgesamt 600 Texte ediert, vor allem ihre Artikel aus der „Neuen Rheinischen Zeitung“. Als Chefredakteur dieser Zeitung, die den Untertitel „Organ der Demokratie“ trug, bestimmte Marx ihre politische Linie. Sie war zweifellos das anerkannteste Blatt der demokratischen Bewegung in Deutschland. Bereits der erste Demokratenkongress in Frankfurt am Main Mitte Juni 1848 beschloss, der Zentralausschuss solle „sich zu seinen Bekanntmachungen der ,Neuen Rheinischen Zeitung‘ bedienen“.[2] Das zeigt sich auch in der vielfältigen Resonanz der Artikel in deutschen und ausländischen Zeitungen. Allein für die Beiträge von Marx und Engels konnten in zahlreichen Blättern einschließlich Publikationen insgesamt 618 (I/7: 296, I/8: 197, I/9 125) zumeist aussagekräftige Abschnitte, teilweise auch in Gänze, ermittelt werden.[3] Veröffentlicht wurden auch Plakate,[4] Flugblätter[5] und Sonderdrucke,[6] in denen ihre Texte vorliegen. Allein die letzte in Rot gedruckte Ausgabe vom 19. Mai 1849, die eine für die damalige Zeit beachtliche Auflage von 17 000 Exemplaren hatte – die Hamburger Zeitung „Jahreszeiten“ bezifferte sie sogar gegen 20 000 Exemplare –, erregte europaweit Aufmerksamkeit. In mindestens 44 in- und ausländischen Blättern wurden Abschnitte aus Artikeln oder das Abschiedsgedicht von Ferdinand Freiligrath übernommen. Die überwiegende Anzahl betrafen Kommentare entsprechend der jeweiligen politischen Ausrichtung. Für die Zeitungsgeschichte dürfte der Nachweis von Artikeln in anderen Publikationsorganen in diesem Umfang bisher einmalig sein.

Im Anhang werden 25 Dokumente vorgelegt. Es sind vor allem Berichte über mündliche Äußerungen von Marx und Engels in Sitzungen des Bundes der Kommunisten, in Generalversammlungen der Kölner Demokratischen Gesellschaft sowie in Beratungen des Vorstandes des Arbeitervereins.

In der Forschungsphase zu den drei Bänden konnten in 34 Archiven und Bibliotheken Europas und in den USA eine größere Anzahl einzigartiger Dokumente aufgespürt werden. Sie erweitern und vertiefen maßgeblich unsere Kenntnisse über die marxsche Zeitung. Das beginnt bereits mit zwei Gründungsdokumenten um den 24. April 1848, die als Flugblätter veröffentlicht wurden. Es betrifft als Unikat die „Vorläufige Vereinbarung zur Begründung der Neuen Rheinischen Zeitung“[7] und das „Prospekt zur Gründung der Neuen Rheinischen Zeitung.“ (Siehe Dokument 1 und 2).[8] Beide Dokumente hat Heinrich Bürgers, der unter den Demokraten in der Rheinprovinz einen guten Ruf besaß, den Aktionären vorgelegt. Ihm wurde auch „die Sorge, für das Engagement von Mitarbeitern und Korrespondenten“ übertragen, da Marx aus politischen und juristischen Gründen bis zur Generalversammlung der Aktionäre um den 26. Mai 1848 weitgehend im Hintergrund blieb.[9] Bemerkenswert ist, dass sowohl in der „Vorläufigen Vereinbarung“ als auch im „Prospekt“ bereits explizit der Untertitel „Organ der Demokratie“ als Programmatik der Zeitung bestimmt wurde.

Zu den Unikaten zählt auch die Nummer 88 vom 29. August 1848 (Abbildung 2). Während des Druckes der Ausgabe weigerte sich der Druckereibesitzer Wilhelm Clouth diese fortzuführen, sodass sie nicht ausgeliefert werden konnte. Dass dieses Exemplar als Unikat der Nachwelt vorliegt,[10] ist Georg Weerth, einem der Redakteure, zu verdanken. Die im Weerth-Nachlass der Lippischen Landesbibliothek Detmold aufbewahrte Ausgabe steht im engen Zusammenhang mit der Absicht von ihm, einen Feuilleton-Beitrag über die Auseinandersetzung zwischen Engels und Clouth vorzulegen, der allerdings nicht erschien. Ein handschriftliches Fragment ist erhalten geblieben, das von Bruno Kaiser erstmals 1957 veröffentlicht wurde.[11] Weerth ging es vordergründig nicht darum, diesen Vorfall zu parodieren, sondern ihn in den Kontext des „Rheinischen Beobachter“ zu stellen, der zuvor bei Clouth gedruckt und von der preußischen Regierung im Vormärz subventioniert worden war. Nach dem Eklat mit Clouth reagiert Engels sofort. Um die Ausgabe nicht ausfallen zu lassen, behalf er sich damit, eine „Notausgabe“ – eine Zusammenfassung der Nummer 88 – als Flugblatt anzufertigen. Diese und die folgenden Ausgaben der „Neuen Rheinischen Zeitung“ hat Johann Wilhelm Dietz vorgenommen, der 1842/43 bereits die „Rheinische Zeitung“ in seiner Offizin drucken ließ.[12] Die Analyse des in der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln vorliegenden Flugblatts[13] ergab, dass es Engels mit hoher Wahrscheinlichkeit angefertigt hat. (Dokument Nr. 4). Der Inhalt wird deshalb erstmals im MEGA²-Band I/7 ediert.[14]

Ein weiteres bemerkenswertes Dokument erschien in der „Außerordentlichen Beilage“ vom 17. November 1848, das von anderen Zeitungen ebenfalls als Flugblatt übernommen und verteilt wurde. Im November entwickelte sich in Preußen eine brisante politische Situation. Der preußische König Friedrich Wilhelm IV. ließ am 15. November die aufmüpfige Nationalversammlung in Berlin durch das Militär auseinanderjagen. Als Antwort auf den Gewaltstreich fassten die Abgeordneten zuvor einstimmig den Beschluss, dass die Regierung Brandenburg nicht berechtigt sei, „über Staatsgelder zu verfügen und Steuern zu erheben“. Unmittelbar nach Ankunft der letzten Berliner Post am Abend des 16. November brachte die „Neue Rheinische Zeitung“ die Eilmeldung in Fettdruck mit einem Kommentar von Marx: „Von dem heutigen Tage an sind also die Steuern aufgehoben!!! Die Steuereinzahlung ist Hochverrath, die Steuerverweigerung erste Pflicht des Bürgers!“ Nach dem Druck der Sonderausgabe wurde der Artikel aus dem Bleisatz genommen und als Plakat und Flugblatt vervielfältigt.[15] Andere Druckereien in der preußischen Rheinprovinz und darüber hinaus verbreiteten den Text ebenfalls als Handzettel. So wurde in Prüm mit dem ausdrücklichen Hinweis „Aus der Neuen Rheinischen Zeitung“ die untere Hälfte des Artikels als Flugblatt nachgedruckt, einschließlich der Schlusssätze von Marx.[16] Von diesem Tag an prangte auch bis 17. Dezember 1848 in großen Lettern an der Spitze jeder Ausgabe der „Neuen Rheinischen Zeitung“ die Aufforderung „Keine Steuern mehr!!!“

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[1]    Siehe Karl Marx, Friedrich Engels: Werke, Artikel, Entwürfe. Februar bis Oktober 1848. Band 7. Text und Apparat. Bearbeitet von Jürgen Herres und François Melis. Berlin, Boston 2016. 1774 S; Karl Marx, Friedrich Engels: Werke, Artikel, Entwürfe Oktober 1848 bis Februar 1849. Band 8. Text und Apparat. Bearbeitet von Jürgen Herres und François Melis. Berlin, Boston 2020. 1214 S.; Karl Marx, Friedriche Engels: Werke, Artikel, Entwürfe März bis Juni 1849. Band 9. Text und Apparat. Bearbeitete von François Melis, Regina Roth und Christine Weckwerth. Berlin, München, Boston 2025. 1414 S.

[2]    Gerhard Becker: Das Protokoll des ersten Demokratenkongresses vom Juni 1848. In: Jahrbuch für Geschichte 8. Die bürgerlich-demokratische Revolution von 1848/49. Studien zu ihrer Geschichte und Wirkung. Bd. 2. Hrsg. von Horst Bartel, Helmut Bleiber, Rolf Dlubek, Ernst Engelberg, Heinrich Scheel, Walter Schmidt und Wolfgang Schröder. Berlin 1973. Dokument 1, Beschlüsse. S. 389.

[3]    Rolf Weber verwies darauf, dass z. B. die „Dresdner Zeitung“ mehr als 150 Artikel aus der NRhZ übernahm. Am häufigsten nahm sie Anleihen aus dem außenpolitischen Teil der Zeitung. Rolf Weber: Die Revolution in Sachsen 1848/49. Entwicklung und Analyse ihrer Triebkräfte. Berlin 1970. S. 263/264; siehe auch Editha Nagl: Zur Edition der „Neuen Rheinischen Zeitung“ in den MEGA-Bänden I/7 bis I/9. In: Beiträge zur Marx-Engels-Forschung 22. (Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der SED. Marx-Engels-Abteilung.) Berlin 1987. S. 133/134.

[4]    U. a. der in der NRhZ vom 11. Juni 1848 veröffentlichte Engels-Artikel „Köln in Gefahr“, der mit der Überschrift „Neueste Nachrichten aus Köln“ von Fähndrich & Comp. in Berlin gedruckt und plakatiert wurde. Schnellpressendruck von W. Fähndrich & Comp., Berlin. Deutsches Historisches Museum Berlin, Druckschrift, Sign. Do 71/145 I.

[5]    Siehe u.a. die fünf Flugblätter, die während des Belagerungszustandes über Köln vom 26. September bis 3. Oktober 1848 von Marx mit den Geranten herausgegeben wurde. Siehe Karl Marx/Hermann Korff/Stephan Naut/Louis Schulz: Mitteilung an die Abonnenten über das Verbot der „Neuen Rheinischen Zeitung“. In: MEGA² I/7. S. 750–759.

[6]    Verhandelt vor den Februar-Assisen zu Köln. I. Der erste Preß-Prozeß der „Neuen Rheinischen Zeitung“. II. Prozeß des Kreis-Ausschusses der rheinischen Demokraten. Sie umfasste 72 Seiten und kostete 5 Silbergroschen. Die Auflagenhöhe ist unbekannt.

[7]    Universitäts- und Stadtbibliothek Köln, Sig. Ztg 7, alt II 480.

[8]    Russländisches Staatliches Archiv für Sozial- und Politikgeschichte (RGASPI), Moskau. Sign. f. 1, op. 1, d. 268, 13041, N. 304, 1. 1; Abbildung zu beiden Dokumenten: François Melis: Neue Rheinische Zeitung. Organ der Demokratie. Edition unbekannter Nummern, Flugblätter, Druckvarianten und Separatdrucke. (Dortmunder Beiträge zur Zeitungsforschung, Nr. 57). München 2000. S. [96] (Vorderseite) und [97].

[9]    Siehe ders.: Zur Gründungsgeschichte der Neuen Rheinischen Zeitung. In: MEGA-Studien 1998/1 (Hrsg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung Amsterdam.) Amsterdam 1999. S. 35/36.

[10] Die Ausgabe enthält z.B. von Ernst Dronke als Leitartikel die Fortsetzung seines Artikels „Die Debatte über Standesprivilegien“, fünf Korrespondenzen von Eduard Müller-Tellering über den Arbeiteraufstand in Wien im August 1848 und die 66. Sitzung der Frankfurter Nationalversammlung, die Albert Lehfeld regelmäßig der Zeitung übermittelte. Aus Berlin brachte ein unbekannter Korrespondent die Diskussion über die Berliner Nationalversammlung vom 26. August 1848. Unter der Auslandsrubrik „Italien“ teilte Engels aktuelle Berichte aus Rom und Genua mit, die er der römischen Zeitung „Il Contemporaneo“ und der „Wiener Zeitung“ entnommen hatte. Siehe Melis: Neue Rheinische Zeitung. Dokument Nr. 8: Nummer 88 vom 29. August 1848. S. 48–80; Friedrich Engels: Italien. 29. August 1848. In: MEGA² I/7. S. 628/629 und 1501/1502.

[11] Georg Weerth: Sämtliche Werke. Vierter Bd.: Prosa 1848/49. Hrsg. von Bruno Kaiser. Berlin 1957. S. 101–108, 503/504.

[12] Siehe François Melis: Zusammenarbeit und Aufkündigung. Die beiden Drucker der „Neuen Rheinischen Zeitung“. In: Geschichte in Köln. Nr. 43. Köln August 1998. S. 88–104; Abbildung beider Druckereien und der Redaktion der „Neuen Rheinischen Zeitung“ S. 87 und 95.

[13] Universität- und Stadtbibliothek Köln. Sign. Ztg 7, alt II 480.

[14] Friedrich Engels: Notausgabe der Nummer 88 der „Neuen Rheinischen Zeitung“ vom 29. August 1848. In: MEGA² I/7. S. 630–633, 1503/1504; Abbildung in Melis: Neue Rheinische Zeitung. S. [100].

[15] Aus Köln berichtete ein Korrespondent der „Karlsruhe Zeitung“: „Ein Plakat an den Straßenecken kündigt heute in Riesenschrift an: Keine Steuern mehr!“ (Karlsruher Zeitung. Nr. 299, 21. November 1848, S. 3.) Ähnlich berichtete Levin Schücking der „Allgemeinen Zeitung“ Augsburg aus Köln, dass von der Druckerei der neuen Rheinischen Zeitung […] Zettel“ ausgehen, „welche den Bauern den Beschluß der Nationalversammlung plausibel machen, und diese schwören nun den Steuererhebern mit Knitteln zahlen zu wollen, wenn sie sich sehen ließen.“ [Levin Schücking:] Köln, 18. Nov. (Köln.) In: Allgemeine Zeitung. Augsburg. Nr. 328, 23. November 1848. S. 5178; Arbeit[e]rverein. In: Freiheit, Brüderlichkeit, Arbeit. Nr. 7, 16. November 1848. S. 4.

[16] Siehe Stadtarchiv Trier, Sign. 13/127 Trier. Siehe auch das Flugblatt: Steuer-Verweigerung. Trier, den 18. November 1848. Der Bürger-Ausschuß. Stadtbibliothek Trier.

  • Preis: 4.00 €
  • Erscheinungsjahr: 2026