Von: Wladislaw Hedeler

Reihe "Pankower Vorträge, Nr. 248, 2026, 68 S.
Zur vorliegenden Publikation hat der Autor am 6. Mai 2026 in der Kopenhagener Str. 9 gesprochen. In Amerika, England und Palästina sind während und im Ergebnis der Reisen von Leitungsmitgliedern des Ende 1941 in der Sowjetunion ins Leben gerufenen Jüdischen Antifaschistischen Komitees (JAK) hunderte Hilfskomitees für die Hilfe für die Sowjetunion in der Kriegszeit gegründet worden. Ca. 45 Millionen US-Dollar wurden im Westen für die Rote Armee gesammelt. Dr. Wladislaw Hedeler zeichnet die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des JAK sowie die Schicksale seiner Protagonisten nach.
________________________
Wladislaw Hedeler
geb. 1953, Dr. phil., Historiker und Übersetzer. Publikationen zu den
Forschungsschwerpunkten Geschichte der Sowjetunion und der Komintern.
________________________
Inhalt
Vorbemerkung 5
Teil I — Das Jüdische Antifaschistische Komitee
Die Gründung des Jüdischen Antifaschistischen Komitees 7
Berijas Idee 8
Der Anfang vom Ende des Sovinformbüros 10
Atempause für das Jüdische Antifaschistische Komitee 12
Judentum und Nation 13
Stalins Paranoia und staatlicher Antisemitismus 14
Feinde ringsum 16
Die Ermordung von Solomon Michoėls in Minsk 18
Neu im Visier der Staatssicherheit – Polina Žemčužina 19
Lozovskijs Nähe zum JAK 21
Il’ja Ėrenburg 22
Die Kampagne gegen die Kosmopoliten 23
Abakumovs Absetzung als Minister für Staatssicherheit 24
Der Abschluss der „Voruntersuchung“ für den JAK-Prozess 25
Der Prozess gegen das JAK vor dem Militärkollegium des Obers-ten Gerichts der UdSSR 26
David Naumovič Gofštejn 29
Teil II — Solomon Abramovič Lozovskij – Aufstieg und Fall
Vorbemerkung 32
Kindheit, Jugend und Militärdienst 36
Das Exil in Paris 38
Vom Gewerkschaftsfunktionär in Russland zum Vorsitzenden der Profintern
39
Im Auftrag der Profintern 42
Mit Zinov’ev in Halle 43
In Paris 44
Aufstieg im Apparat 45
Lozovskijs Rehabilitierung 48
Kommentiertes Personenverzeichnis 50
Zitierte Literatur 63
________________________
LESEPROBE (S.4-6)
Vorbemerkung
Am 12. August 2026 jährt sich zum 74. Mal die Hinrichtung von Mitgliedern des Jüdischen Antifaschistischen Komitees (JAK) 1952 in Moskau. Für viele sowjetische Funktionäre war das Komitee eine Anomalie, denn das stalinistische System hatte in der Regel keinen Platz für Verbände, die Sonderinteressen repräsentierten. Der Prozess gegen die Angeklagten fand vom 8. Mai 1952 bis zum 18. Juli 1952 im Geheimen statt. Sie wurden als englische Spione und Kosmopoliten denunziert und verleumdet. Nach Stalins Tod wurde das Verfahren am 29. November 1955 wegen fehlendem Straftatbestand kassiert. Am 29. Dezember 1988 beschäftigte sich die vom Politbüro der KPdSU eingesetzte Rehabilitierungskommission mit den Prozessakten und veröffentlichte einen ersten Bericht. Bis zur Publikation des Protokolls vergingen sechs Jahre.
Gennadi Kostyrtschenko (Jg. 1954) und der in der Ukraine geborene Alexander Borschtschagowski (1913-2006) legten 1994 bzw. 1996 quellengestützte Untersuchungen vor. Bortschagowski war Augenzeuge der von ihm im Buch „Angeklagt wird das Blut“ geschilderten Ereignisse. 1949 wurde er aus der KPdSU(B), deren Mitglied er seit 1940 war, ausgeschlossen. Seine Wiederaufnahme in die Kommunistische Partei erfolgte 1955, nach der Rehabilitierung der im JAK-Prozess Verurteilten.
Die in geringer Auflage in der Russischen Föderation veröffentlichten Forschungsergebnisse der hier genannten Historiker stützten die These, dass die Jahre des Großen Vaterländischen Krieges – so paradox es klingt – die für Sowjetbürger freieste Zeitspanne war – zwischen den Jahren des Großen Terrors, den Moskauer Schauprozessen und den unmittelbar nach Kriegsende erneut inszenierten Prozessen:
Die in den 1990er Jahren begonnene Diskussion über Stalins Antisemitismus und den Antisemitismus als Bestandteil sowjetischer Politik ist heute in Russland untersagt, weil unerwünscht. Auf den russischen Wikipedia-Seiten enden die Einträge über Publikationen von Gennadi Kostyrtschenko mit dem Jahr 2019. Viele seiner Kollegen, ist dem Wikipedia-Eintrag zu entnehmen, polemisieren gegen die Behauptung, Stalin habe eine Massendeportation sowjetischer Juden geplant.
Wann die lange vor Beginn des Krieges gegen die Ukraine erfolgte Sperrung für die Forschung relevanter Archivbestände aufgehoben wird, steht in den Sternen. Die vom Moskauer Rosspen-Verlag herausgegebene Schriftenreihe „Zur Geschichte des Stalinismus“ – ein internationales Kooperationsprojekt – ist eingestellt. Museen – darunter das Gulag-Museum in Moskau – werden nach der Wiedereröffnung thematisch neu ausgerichtet.
Die Rehabilitierung Stalins findet nicht im Verborgenen oder in entlegenen Provinzstädten statt, sie ist längst im öffentlichen Raum der Hauptstädte Moskau und Petersburg angekommen. In der Eingangshalle der Metrostation Kurskaja ist 2009, Anlass war der 130. Geburtstag Stalins, die Inschrift „Stalin hat uns zur Treue zur Nation erzogen und uns zu Arbeit und großen Taten inspiriert“ wieder angebracht worden. Anlässlich des 90. Geburtstages der Moskauer Metro erfolgte die Aufstellung der Replik des 1965 entfernten Reliefs „Das Volk dankt dem Führer“. In Putins Amtszeit wurden landesweit 95 Stalindenkmale erneut aufgestellt.
Heute ist in Russland wieder von „ausländischen Agenten“, Kosmopoliten, Spionen und Landesverrätern die Rede. Diese Terminologie ist mir aus der offiziellen sowjetischen Parteigeschichtsschreibung in schlechter Erinnerung. Auch das für derartige „Vergehen“ verhängte Strafmaß kommt heute in der Russischen Föderation wieder zur Anwendung. Verurteilung von „ausländischen Agenten“ zu 25 Jahren Lagerhaft sind Normalität. Drehbuchautoren von Zeichentrickfilmen wie „Tscheburaschka 2“ werden in der Staatsduma wegen ihrer jüdischen Abstammung als Kosmopoliten diffamiert. Diese Aufzählung ließe sich fortsetzen.
Mit der vorliegenden Broschüre, die auf der Auswertung von Forschungsergebnissen russischer Kollegen basiert, wird eine der für die Stalinismus-Kritik zentralen Fragestellungen aufgegriffen: Welcher Stellenwert kommt „Stalins Mannschaft“ für die Durchsetzung und Festigung des Stalinismus zu.