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Heft 74: Heinz Langerhans, Karl Korsch und die Frage der Geschichte

»Die Steine schrien. Sie schweigen wieder.«

Von: Felix Klopotek

Heft 74: Heinz Langerhans, Karl Korsch und die  Frage der Geschichte

Reihe "Philosophische Gespräche", Heft 74, 76 S.

INHALT

* Abkürzungen & Literatur
* Vorerinnerung
* Die Konstellation: Das Problem einer Dialektik der Geschichte 
* Heinz Langerhans: Zwischen Revolution und Konterrevolution
* Kritik der Arbeiterbewegung: Die Thesen von Langerhans
* Karl Korsch: Marxismus und Revolution
* »Was früher mal Utopien waren, sind jetzt aktuelle Aktionsprobleme geworden.«
* Fazit: Stoßtrupp und Autonomie

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LESEPROBE

Vorerinnerung
Nach jahrelanger, bisweilen meditativer Recherche hat man vergessen, dass für die allermeisten Leute der Prozess der Aneignung des historischen Stoffes uninteressant ist und dieser allein deswegen relevant wäre, wenn er sich unmittelbar einsichtig mit den drängenden Fragen auch unserer Zeit verbände. Das ist aber bei Heinz Langerhans (1904–1976) nicht der Fall – hat er doch seine Schriften so angelegt, dass sie keinen Anschein überzeitlicher, »philosophischer«, Gültigkeit haben. Er hat für eine radikale Arbeiterbewegung, wie er sie in den 1920ern noch selbst erlebt und in den 1930ern und 40ern prognostiziert hat, gedacht: eine Neubegründung antikapitalistischen, antistalinistischen und antifaschistischen Handelns aus den Trümmern der alten Arbeiterbewegung und unter den Bedingungen eines totalitär gewordenen Kapitalismus. Um die Kopplung von Theorie und Aktion ging es ihm, und diese Aktion war auf seine Gegenwart bezogen, Theorie sollte präzise die Eingriffsmöglichkeiten bestimmen – jetzt, nicht morgen.
Jede Art der Wiederentdeckung Langerhans’, der Aneignung seines Denkens für unsere Zeit muss den Umweg nehmen, zunächst die enorme Distanz anzuerkennen, die ihn von uns trennt. Das ließe sich freilich über alle möglichen Denker und ihre Schriften sagen. Ob wir Averroes oder Spinoza lesen – gerade dass sie in einer jeweils ganz anderen Gesellschaft lebten, lässt bestimmte Einsichten, bestimmte Beweise in ihren Schriften so erstaunlich modern und gegenwärtig erscheinen. Langerhans war aber, es sei noch einmal betont, kein Philosoph, kein Gelehrter. Selbst als er als Universitätsdozent und schließlich Professor in den Nachkriegsjahrzehnten und vor allem in den 1960ern viel Zeit zum Denken hatte und noch auf der Höhe seiner geistigen Kräfte der 30er und 40er Jahre war, wie seine vergleichsweise wenigen überlieferten Schriften aus diesen Jahren demonstrieren, schrieb er kein Buch und verfolgte nicht mit Nachdruck, seine früheren Schriften neu zu veröffentlichen, auch nicht im Zuge der APO und des neu erwachten Interesses an der ursprünglichen Kritischen Theorie. Langerhans steht nicht als ein Philosoph, sondern als Aktivist in Distanz zu uns – ein Aktivist allerdings, der vor allem theoretisch gearbeitet hat. Und dessen Theorie radikale Zeit-zeugenschaft behauptet: für die Leute, die da kommen werden, wenn die ausgelaugten Vertreter der Sozialdemokratie und die verschlagenen des Bolschewismus-Stalinismus endlich abgetreten sind, weil sie keiner mehr ernst nimmt. Langerhans ist nicht nur Beobachter und Analytiker der globalen Konterrevolution, wie sie auf den Revolutionszyklus von 1917 bis 1923 folgt, sondern er prognostiziert ihren Übergang in einen kapitalistisch eigenständigen, dauerhaften Gesellschaftszustand. Die Welt, sofern sie kapitalistisch verfasst bleiben wird, würde sich nie von ihrer terroristischen Dreiteilung zwischen Faschismus/Nationalsozialismus, Stalinismus und letztlich siegreichem monopolkapitalistischen US-Imperialismus erholen. Der Krieg wird zu Ende gehen, schreibt er 1941 als Geflüchteter/Entflohener in New York, aber nicht nur das, was zu ihm geführt hat, wird fortbestehen, sondern auch das, was in ihm erprobt wurde – jene totalitären Methoden und Maßnahmen, eine ganze Nation für Kriegszwecke einzuspannen und die maximal angespannten Produktivkräfte zur Zerstörung anderer Nationen einzusetzen. Das führte letztlich in die Selbstzerstörung, und für diese Selbstzerstörung steht der eliminatorische Antisemitismus, die Vernichtung der europäischen Juden. Die Tendenz zum Terrorismus wird durch die Niederlage der deutschen Armeen nicht gebrochen. »Auch wenn der letzte Tote dieses Krieges eingegraben sein wird, wird das totalitäre System noch nicht zerschlagen sein. In allen Teilen der Welt bis zur letzten Südseeinsel wird man die totalitäre Methode erlernt haben und anwenden.« (HOT Einleitung / I)
Alles an Langerhans’ Denken ist aktuell und gleichzeitig historisch. Das gilt nicht nur für ihn. Alle in der Nachkriegszeit gestrandeten Revolutionäre, die beiden Totalitarismen (nein, keine Scheu, diesen für Linke angeblich kontaminierten Begriff zu verwenden!) widerstanden hatten, Stalinismus wie Faschismus, und die sich gleichwohl nicht dem American Way of Life anschließen wollten, konstatierten in der Nachkriegszeit ihre Niederlage, ihre Marginalisierung und Isolation. Ihre Selbstkritik war hart. Sie bedachten die Dauer ihres Zustandes, und sie waren darin durchaus großzügig – zehn Jahre, zwanzig Jahre, dreißig Jahre… Die Klügsten unter ihnen extrapolierten Anfang der 1950er eine globale Wirtschaftskrise für 1974/75 (!) und prophezeiten mit ihrem Eintreten einen Wiederaufschwung jener radikalen Arbeiterbewegung, deren vorläufig letzte Repräsentanten sie waren.
Aber dass in den 20er Jahren des 21. Jahrhunderts Texte und Bücher erscheinen, welche die Wiederentdeckung von, zum Beispiel, Heinz Langerhans (oder Karl Korsch, Paul Mattick, Amadeo Bordiga, CLR James, Anton Pannekoek) beschwören – das wäre den alten Revolutionären bitter aufgestoßen, denn diese lange Dauer war nicht vorgesehen. Es ereignete sich zwar die für die 1970er Jahre prognostizierte Weltwirtschaftskrise, aber der Wiederaufschwung der revolutionären Kräfte blieb aus.
Eine revolutionäre Theorie ist an menschliche Maße gebunden, diese können wohl maximal die Zeitspanne einer Generation erfassen. Revolutionäre Theorie, die, sagen wir, 85 Jahre (Langerhans schrieb sein unveröffentlicht gebliebenes Hauptwerk How to overcome Totalitarianism 1941/42) in die Zukunft hinein überbrücken muss, und damit die Lebensspanne des Autors weit übersteigt: Das ist ein Ding der Unmöglichkeit.
Um dieses Ding der Unmöglichkeit ging es in meinen Langerhans-Vorträgen der vergangenen Jahre. Eine schlichte Lesung verbot sich, weil keiner auf ein Buch über Langerhans gewartet hatte; eine vorschnelle Aktualisierung, die Langerhans in einen Zusammenhang mit der radikalen Klimabewegung oder mit der Antifa und ihren Abwehrkampf gegen die AfD bringt, verbot sich ebenso. Das Bedürfnis nach radikaler Theorie entstünde aus einer sozialen Bewegung selbst, die aus ihrer Mitte ihre Fragen an Langerhans stellte. Aber jemand, der nach jahrelangen Recherchen aus fensterlosen Archiven auftaucht, sollte nicht mal im Stillen davon träumen, irgendwelche Begriffe und Gedanken in eine ihm letztlich unbekannte Bewegung einspeisen zu wollen.
Wie also öffentlich über Langerhans reden? Die Texte in dieser Broschüre sind die Summe der Vorträge und Seminare zu Langerhans, die weder Lesung noch eine Aktualisierung sein konnten. Zwei Möglichkeiten boten sich an: a) Langerhans’ Denken aufzufächern und seine Bezüge zu einem Panorama rätekommunistischer/linkskommunistischer Theorie zu zeigen – deshalb spielt im Folgenden Karl Korsch (1886-1961), sein Lehrer, Mentor und Freund, so eine große Rolle, der den Zustand, ein revolutionärer Theoretiker ohne Revolution sein zu müssen, mit größerer Geduld als Langerhans angenommen hatte (oder nicht?); und b) sich auf einen abstrakten Begriff zu konzentrieren, der uns direkt verständlich ist, eben weil er so abstrakt ist, dass wir selber uns samt unseren Gedanken und Projektionen mit ihm kurzschließen können. Das ist der Begriff der Geschichte, der für Langerhans und Korsch in den 1940er Jahren eine große Rolle spielte.
Beider Theorie ist Kritik von Geschichtsphilosophie, aber mit unterschiedlichen Akzenten, Stoßrichtungen, Verpflichtungen – was zwischen Schüler und Lehrer, zwischen den beiden Freunden um 1942/43 eine Kontroverse ausgelöst haben muss. Korsch und Langerhans gemeinsam zu diskutieren, ist nicht nur ein ideengeschichtlicher Beitrag, der die Korsch-Rezeption, die sich vor allem auf seine kommunistisch-aktivistische Zeit der 1920er fokussiert, erweitert. Korsch hat schon zu einem frühen Zeitpunkt der kommunistischen Bewegung, 1923 in Marxismus und Philosophie, darauf gedrängt, dass der Marxismus nur dann revolutionär bleiben, seinen revolutionären Kern bewahren kann, wenn er sich seiner historischen Voraussetzungen, und das sind die Klassenkämpfe seiner Zeit, bewusst bleibt. Langerhans hat diese Einsicht radikalisiert, indem er zeigte, dass diese notwendige Abhängigkeit der Theorie von den Klassenkämpfen deren bewusste Unabhängigkeit von Parteitags- und Gewerkschaftsbeschlüssen bedeutet, insofern Partei und Gewerkschaft integraler Bestandteil der Konterrevolution geworden sind. »Die alten Organisationen sind zerstört worden. Aber der alte Kampf von Arbeit und Kapital hat neue Inhalte und Formen angenommen. Es ist deshalb verfehlt, diesen Kampf in den alten Formen und Inhalten zu suchen. (…) Es ist auch sinnlos, sich neue »revolutionäre Gewerkschaften« auszudenken. Man muss von den tatsächlich gegebenen Formen und Inhalten ausgehen.« (HOT 130) Mit den Schriften von Korsch und Langerhans liegen Modelle vor, proletarische Aktionen wieder radikal zu denken.
Die Radikalität von Langerhans’ Denken und die Distanz zwischen ihm und uns lässt sich transparenter und vielleicht fasslicher machen, wenn wir die philosophischen Gehalte der Radikalität herausarbeiten. Seine Skepsis gegenüber philosophischen Abstraktionen verhindert nicht, dass auch er mit Abstrakta arbeiten muss, zumindest muss er sich mit ihnen auseinandersetzen. Eine reine Strategie- und Organisationsgeschichte des Linkskommunismus, für den Langerhans steht, ist nicht möglich – nicht mehr möglich. Das ist eben die gewachsene Distanz zwischen ihnen und uns.
Auf diese Vorbemerkung folgt die kurze, die durchaus heterogenen Teile dieser Broschüre verbindende Darstellung der spannungsgeladenen Konstellation, wie Langerhans und Korsch eine Dialektik der Geschichte denken oder besser: negieren (Kapitel 1). Auch wenn sie keine Einleitung in Langerhans’ Denken sein kann, kommt die Broschüre nicht ohne eine biographische Skizze aus (Kapitel 2, folgt dem Berliner Vortrag von 2022) – Langerhans ist immer noch zu unbekannt, um seinen unglaublichen Lebensweg einfach vorauszusetzen, zumal seine theoretische Arbeit von ihm nicht zu trennen ist. Danach folgen Thesen zu Langerhans’ Kritik der Arbeiterbewegung (Kapitel 3; es handelt sich um Notizen, die im Anschluss an das Weimarer Langerhans-Seminar im Juni 2023 entstanden sind). In ihnen taucht schon Karl Korsch auf. Aus dieser Kritik ergeben sich die späteren Thesen zur Kritik der Geschichtsphilosophie.
Was ist der Ausgangspunkt von Langerhans’ Denken? Es ist Korschs 1923 erschienene Grundsatzschrift Marxismus und Philosophie (Kapitel 4; dem liegt ein Vortrag für die Konferenz »1923 – Sattelzeit der Revolution. Umbrüche in Politik, Kultur und radikaler Gesellschaftskritik«, 18.10.2023, in der Hellen Panke zugrunde). Aus dem Zusammenhang, dass Korschs Überlegungen die Kritik von Langerhans motivieren, Langerhans in seiner Kritik aber über Korsch hinauszugehen bestrebt ist, ergibt sich die Konfrontation Langerhans-Korsch (Kapitel 5). Konfrontation, nicht Kontroverse. Denn zu einem »Für und wider« zwischen Korsch und Langerhans ist es öffentlich nie gekommen. Wir müssen die Texte und Thesen selber gegenüberstellen.
Ohne das Interesse, das an ihren jeweils ganz unterschiedlichen Orten Frank Engster (Helle Panke Berlin) und Lukas Holfeld (Kunst Spektakel & Revolution, Weimar) für Langerhans, Korsch und den Linkskommunismus aufbrachten und die mich zu den Vorträgen und den anschließenden Überlegungen veranlasst haben, wäre diese Broschüre nicht zustande gekommen.

  • Preis: 4.00 €
  • Erscheinungsjahr: 2026