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Heft 73: Ruy Fausto und José Arthur Giannotti

Pioniere der neuen Marx-Lektüre Brasiliens

Von: Renata Guerra & Luiz Repa

Heft 73: Ruy Fausto und José Arthur Giannotti

Reihe "Philosophische Gespräche", Heft 73, 67 S.

In der Veranstaltungsreihe Philosophische Gespräche referierte Prof. Dr. Luiz Repa am 2. Juli 2025 in der Hellen Panke zum Thema The Dismeasure of Value // Die Maß-losigkeit des Werts. José Arthur Giannotti as a Reader of the "Grundrisse" // José Arthur Giannottis Interpretation der "Grundrisse". Ebenfalls in Berlin sprach seine Kollegin Dr. Renata Guerra zum Thema Ruy Fausto, „Post-Große Industrie“ und die kommunistische Perspektive in den Grundrissen. Wir danken beiden für die Ausarbeitung ihrer Referate für das vorliegende Heft.

Autor*innen

Dr. Renata Guerra

Universität São Paulo / Zentrum für Kultur- und Literaturforschung, ist Forschungsstipendiatin der CAPES-Stiftung mit dem Projekt „Die Bedeutung der Dialektik bei Ruy Fausto“.

Prof. Dr. Luiz Repa

unterrichtet an der Universität von São Paulo im Fachbereich Philosophie, Sprachen und Literatur sowie Geisteswissenschaften.

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Inhalt

* Falko Schmieder und Frank Engster: Zur Einführung

* Renata Guerra: Ruy Fausto, „Post-Große Industrie“ und die kommunistische Perspektive in den Grundrissen
      - Eine logisch-politische Lesart der späten Marx‘schen Kritik
      - Post-Große Industrie: Eine neue Form der Subsumtion 
      - Die Perspektive des Kommunismus 

* Luiz Repa: Die Maß-losigkeit des Wertes. Giannotti als Leser der Grundrisse

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LESEPROBE

Falko Schmieder und Frank Engster

Zur Einführung

José Arthur Giannotti (1930-2021) und Ruy Fausto (1935-2020) gehören zu den renommiertesten Vertretern des unorthodoxen brasilianischen Marxismus, gleichwohl sind sie hierzulande so gut wie unbekannt. Dies mag umso mehr verwundern, als sich ihre theoretischen Einsätze und Fragestellungen mit Ansätzen der sogenannten Neuen Marx-Lektüre treffen, die sich in kritischer Absetzung von Formen eines traditionellen Marxismus seit den 1960er Jahren herausgebildet hat. Dieser neue Ansatz ist mittlerweile selbst schon Gegenstand historiographischer Aufarbeitungen geworden, die sich hierzulande auf die deutsche Marx-Diskussion konzentrieren, wie sie herausgefordert durch den Dogmatismus und die Sterilität des zur Legitimationsideologie verkommenen offiziellen Marxismus und inspiriert durch die Kritische Theorie, aber auch provoziert durch deren theoretischen Defizite entstanden ist.[1] Im Hinblick auf die Arbeiten von Giannotti und Fausto ist aber klar, dass eine neue Marx-Aneignung und eine Erneuerung einer „Kritik nach Marx“ (nach im chronologischen wie logischen Sinne) eine globale Erscheinung gewesen ist, die verschiedene Ursprünge und Traditionslinien hat – unter anderem in Brasilien.[2] Dort bilden, befördert durch die Krisen und Umbrüche der vergangenen Jahrzehnte und die immer düstereren Entwicklungsperspektiven des Kapitalismus, die Arbeiten von Giannotti und Fausto einen wichtigen Referenzpunkt für eine jüngere Generation der brasilianischen Marxforschung, die äußerst vielfältig ist und dem Werk von Marx unter gewandelten historischen Voraussetzungen eine neue Aktualität verschaffen möchte. Das vorliegende Heft präsentiert zwei Beiträge, die sich in verschiedenen Perspektiven mit je einem Repräsentanten beschäftigen. Sie gehen auf im Jahre 2025 gehaltene Vorträge im Rahmen der Reihe der Philosophischen Gespräche zurück, stehen aber im weiteren Zusammenhang eines vom DAAD geförderten Projektes zur brasilianischen Rezeption des Werkes von Hegel. Dieses ist für die verschiedenen neuen Marx-Lektüren, die sich seit Mitte der 1960er Jahre herausgebildet haben, von großem Interesse. Bekanntlich hat sich Marx im Kapital selbst als Schüler Hegels bezeichnet und seine dialektische Darstellungsweise in der Auseinandersetzung mit Hegel entwickelt. Eine kritische Neuaneignung von Marx ist daher gut beraten, dessen Auseinandersetzungen mit Hegel zu verfolgen.

Im Zentrum der Darstellung von Renata Guerra steht Ruy Faustos Rekonstruktion der Bedeutung der Dialektik für die kritische Theorie der Gesellschaft bei Marx. Die vielen thematischen Gemeinsamkeiten mit den deutschen Ansätzen zu einer neuen Auseinandersetzung mit Marx ergeben sich nicht zuletzt daraus, dass Fausto mit den europäischen Theorieentwicklungen zum Teil gut vertraut war. Er hat an der Pariser Sorbonne promoviert, und seine Beiträge zu Marx waren zum Teil in Gegenstellung zu Louis Althussers antihumanistischer bzw. strukturalistischer Marxinterpretation entstanden. Darüber hinaus hat Fausto auch Beiträge aus der deutschen Marx-Diskussion zur Kenntnis genommen – Guerra verweist explizit auf Faustos Lektüre von Arbeiten von Hans-Georg Backhaus und Wolfdietrich Schmid-Kowarzik und seine Kenntnis der für die neuere Marx-Diskussion wichtigen, im Suhrkamp-Verlag erschienenen Publikationsreihe Gesellschaft. Beiträge zur Marx’schen Theorie, die von Hans-Georg Backhaus, Joachim Hirsch und Helmut Reichelt herausgegeben wurde. In übergreifender Perspektive lassen sich seine Beiträge in die breite Phalanx von Marx- und insbesondere von Kapital-Lektüren einordnen, die sich in der Tradition von Georg Lukács und Karl Korsch vom traditionellen weltanschaulichen Marxismus abwenden und den kritischen Gehalt des Marx‘schen Werkes wiederzugewinnen trachten, mit besonderem Augenmerk auf die (dialektische) Methode der Darstellung und Kritik. Aus diesem übergreifenden Erkenntnisinteresse erwachsen die vielen Gemeinsamkeiten von Faustos Arbeiten mit denen, die aus der deutschsprachigen Neuen Marx-Lektüre (NML) vertraut sind. Dazu gehören zunächst die Abkehr von einem ontologischen Arbeitsbegriff und von einem evolutionistischen Verständnis von Dialektik sowie von einem Verständnis von Ideologie als bloßem Überbau oder im Sinne einer einfachen Widerspiegelung der objektiven Realität. Demgegenüber geht es um die Rückgewinnung eines spezifisch historischen Gegenstandsbewusstseins, das sich an den kritischen Begriff der ökonomischen Form bei Marx (Wertform) knüpft. Wenn Marx der politischen Ökonomie den zentralen Vorwurf macht, „niemals auch nur die Frage gestellt“ zu haben, „warum dieser Inhalt jene Form annimmt, warum sich also die Arbeit im Wert und das Maß der Arbeit durch ihre Zeitdauer in der Wertgröße des Arbeitsprodukts darstellt?“[3], so ließe sich dieser Vorwurf auch auf den traditionellen Marxismus übertragen.  Aus einem kritischen Begriff der Wertform erwachsen dann genuin eigene Fragestellungen, die im traditionellen Marxismus keine Rolle spielen konnten, wie etwa die Thematiken der Realabstraktion oder des Warenfetischismus. Neu zu beantworten waren dann auch Fragen wie die nach dem kritischen Gehalt der Dialektik und, damit eng verbunden, die Frage nach dem Verhältnis von Marxens Methode zu derjenigen Hegels; Fragen nach dem Entwicklungsweg von Marx und spezifischen Transformationen oder epistemologischen Umbrüchen innerhalb seiner Konzeption, Differenzen zwischen den Grundrissen und dem Kapital, Widersprüchen und Inkonsistenzen im Werk von Marx sowie die Reflexion des Zeitkerns seiner Arbeiten, die auch zur Reflexion des historischen Abstands zu Marx und den Eigenarten der neuen historischen Entwicklungen des Kapitalismus führen.

Der Beitrag von Renata Guerra widmet sich hier vor allem Faustos Diskussion des berühmten Maschinenfragments und den diesbezüglichen Differenzen zwischen den Grundrissen und dem Kapital. Ein Leitinteresse gilt hier den Transformationen innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise und ihren Konsequenzen und Möglichkeiten für eine postkapitalistische Gesellschaft. Die unterschiedlichen Bewertungen und Darstellungen, die sich bei Marx selbst finden, verweisen auf den historischen Index und auf Widersprüche innerhalb der Marx‘schen Theorie. Marx hat den dynamisch-revolutionären Charakter der kapitalistischen Produktionsweise für verschiedene gesellschaftliche Bereiche herausgestellt: in Bezug auf die unmittelbare Produktionsweise und die Tendenz zur immer weiteren Rationalisierung und Verwissenschaftlichung der Produktion, aber auch in Bezug auf die Beschleunigung und Verdichtung der Kommunikations- und Verkehrsverhältnisse sowie die Auswirkungen auf die Natur des Menschen wie die Natur im ökologischen Sinne etc. Diese dynamische Entwicklung lässt es erforderlich erscheinen, Marx‘ Konzepte, wie etwa das der formellen und reellen Subsumtion, seine verschiedenen Einschätzungen des Verhältnisses von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen oder seine Metaphorik von Kernstruktur und Hülle in Bezug auf den Formcharakter der Produktion kritisch zu befragen, wie es Fausto in verschiedenen Perspektiven tut. Ein Fokus liegt dabei auf der Entwicklung der Wissenschaft zur Hauptproduktivkraft: Diese Entwicklung ermöglicht, dass der Mensch aus dem unmittelbaren Produktionsprozess sukzessive heraustritt. Im Zuge der Automatisierung der Produktion stellt sich mit neuer Dringlichkeit die Frage nach der Historizität (und Überwindbarkeit) eines Kapitalismus, der einerseits auf der Ausbeutung der Ware Arbeitskraft beruht, die andererseits durch die Verwissenschaftlichung der Produktion zunehmend für sie überflüssig zu werden scheint. Auch wenn es, wie Renata Guerra zeigt, nicht Faustos Interesse war, eine zeitgenössische Diagnose des Kapitalismus zu liefern, sondern die Konsequenzen dieser Entwicklungen für eine kritische Theorie und Methode materialistischer Dialektik zu durchdenken, liegt doch die Aktualität dieser Thematik auf der Hand. Gerade heute, im Zeichen der Künstlichen Intelligenz und der immer umfassenderen Digitalisierung der Gesellschaften, können solche theoretischen Einsätze neue Auseinandersetzungen mit Marx anregen, die nicht mehr dogmatisch-weltanschaulichen Interessen, sondern der historisch-kritischen Selbstaufklärung der Gegenwart dienen. Die neue Beschäftigung mit Marx sollte dabei stärker als bisher die verschiedenen internationalen Trajektorien der Forschung und ihr historisches Verhältnis untereinander reflektieren.

Ähnlich wie Ruy Fausto war auch José Arthur Giannotti in Brasilien Pionier einer neuen Marx-Aneignung und Kapital-Lesart, wie sie in den 1960er und 70er Jahren zeitgleich in mehreren Ländern anhob. Giannotti war zudem einer der ersten Leser der Grundrisse in Brasilien, da er bereits in den 1960er Jahren die deutsche Ausgabe las und die Grundrisse in Marx- und Kapital-Lesekreise einbrachte, bevor die Grundrisse in den 1970er Jahren, mit der spanischen Ausgabe von 1971, dann auch in Brasilien in einer ersten Rezeptionsphase größere Verbreitung erfuhren. (Diese erste Phase wurde mit der Rückkehr Brasiliens zur Demokratie im Jahr 1985 in einer zweiten Phase wieder aufgenommen). Giannotti benutzte zudem den Begriff der „Realabstraktion“, der in aller Regel mit Alfred Sohn-Rethel verbunden wird, für seine an Hegel orientierte, philosophisch-dialektische Auslegung des Kapital. Er plädierte für eine solche an Hegels Dialektik orientierte, logisch-systematische Lesart des Kapital aber vor allem mit Bezug auf die Grundrisse. Er räumte den Grundrissen – also den umfangreichen ökonomischen Manuskripten, die Marx zur eigenen Selbstverständigung 1857/58 verfasst und nicht zur Veröffentlichung vorgesehen hatte –, nicht nur einen eigenständigen Rang neben dem Kapital ein, er richtete die Grundrisse explizit auch zum einen gegen die im Marxismus damals vorherrschende historisierende, historisch-logische Lesart des Kapital und zum anderen gegen Althussers Kritik an Hegel, am Hegelianismus im Marxismus sowie beim frühen Marx selbst.

Giannotti verfolgte in Brasilien in den 1960er und 1970er Jahren diese unter dem Eindruck der Grundrisse stehende Interpretationsweise des Kapital zwar parallel und weitgehend unabhängig und eigenständig zu ähnlichen Diskussionen in anderen Ländern, doch er war gut vertraut mit entsprechenden Diskussionen in Deutschland und Frankreich. Seine Interpretation des Marx’schen Wertbegriffs nimmt, ähnlich wie die NML, eine Abkehr von der objektiven Arbeitswertlehre vor, die der klassische Marxismus für Marx reklamiert, denn auch Giannotti rekonstruiert den Wert auf formanalytische Weise als ein gesellschaftliches Verhältnis und eine soziale Form, und auch Giannotti will dadurch nicht nur den Wertbegriff von Substanzialisierungen befreien, er will auch die logische Struktur der kapitalistischen Produktionsweise insgesamt erschließen.

Originär aber ist die Bedeutung, die er der Logik der Messung des Werts zumaß: Es war José Arthur Giannotti, der als einer der ersten die Bedeutung von Maß und Messung für den Zusammenhang von Wert und Geld und für die kapitalistische Ökonomie insgesamt erkannt und Konsequenzen für die kapitalistische Dynamik und ihre geschichtliche Entwicklung erörtert hat. Das ist originär allein schon darum, weil der Zusammenhang oder gar die Notwendigkeit einer Einheit von Geld und Wert auch in der NML, ganz wie in der Marx-Diskussion überhaupt, nicht an der Maßfunktion des Geldes und nicht an der Logik oder der Technik einer Messung festgemacht wurde. Während im klassischen Marxismus die konstitutive Bedeutung des Geldes für die Kommodifizierung der Arbeitskraft, der Produktionsmittel und der produzierten Waren ein blinder Fleck blieb, hat die NML zwar herausgearbeitet, dass Marx‘ Wertformanalyse nicht als Analyse eines unmittelbaren, einfachen Warentauschs auszulegen ist, und die Wertformanalyse ist auch keine historische Genese des Geldes aus einem solchen Warentausch. Vielmehr zeige Marx‘ Analyse, dass ein nicht geldvermittelter Warentausch von vornherein scheitert, sodass die Analyse aus diesem Scheitern, mithin auf eine negative und zugleich auf rein logisch-systematische Weise, die Notwendigkeit des Geldes rekonstruiert. Gleichwohl ist auch die NML, bei aller Kritik am Wert- und Geldbegriff sowohl des klassischen Marxismus als auch der bürgerlichen Ökonomietheorie, doch der Logik des Austauschs und dem Tauschparadigma verhaftet geblieben. Folgerichtig hat auch sie das Geld letztlich als allgemeines Äquivalent und Tauschmittel rekonstruiert – und nicht als Maß sowie als regelrechte Technik, durch die Form der Warenzirkulation eine Quantifizierung gesellschaftlicher Verhältnisse im Sinne einer Messung durchzuführen.

Giannotti zeichnet sich zudem durch die krisentheoretischen Überlegungen aus, die er aus dem Zusammenhang von Maß und Messung zieht. Luiz Repa zeigt in seinem Text in der vorliegenden Schrift, dass Giannotti diese krisentheoretischen Konsequenzen insbesondere aus dem sog. Maschinenfragment der Grundrisse, in dem Marx‘ Überlegungen über die zunehmende Bedeutung von Wissenschaft und Technik für die Entwicklung der Produktivkräfte anstellt, gezogen hat. Die Grundrisse, und hier wiederum vor allem das Maschinenfragment, haben besonders im Operaismus und im Post-Operaismus sowie in ihrem Umfeld eine Auslegung erfahren, die Giannottis Überlegungen ähnelt. Allerdings ziehen Giannotti und der Post-Operaismus geradezu konträre Konsequenzen. Denn wo der Operaismus und besonders der Post-Operaismus in der Verwissenschaftlichung der Produktion und im „General Intellect“ (Marx) sowie in der post-fordistischen Produktionsweise und in der auf immaterieller Arbeit und auf Wissen, auf Affekten, auf Kooperation und auf Vernetzung beruhenden Produktion ein biopolitisches Hinauswachsen des Kapitalismus über dessen eigene Grundlagen sieht und Negri und Hardt in Empire sogar ein „Ende des Wertgesetzes“ konstatieren, zieht Giannotti eine Konsequenz, die dieser emphatischen Erwartung geradezu entgegengesetzt ist. Giannotti zufolge bleiben die Grundlagen der Verwertung und die Logik und der Zwang der Verwertung auch im Zuge einer zunehmenden Verwissenschaftlichung der Produktion einerseits aufrechterhalten und machen sich weiterhin geltend, während andererseits das Maß der Verwertung seine Funktion verliert, weil die gemessene Substanz zunehmend zerfasert und schwindet: die klassische körperliche und industrielle Arbeit.

Mit diesem Schwinden ist bei Giannotti weniger eine ökonomische Krisenverschärfung angesprochen. Vielmehr geraten nach Giannotti – und hier kommt seine Kritik von Maß und Messung zum Zuge – die klassische marxistische Kritik und noch mehr die sozialistische Politik in die Krise, weil die Verwertung ohne ihr Maß ihre homogenisierende und vereinheitlichende Kraft verliert. Die Arbeit und die Arbeitskräfte sowie die Klasse können nicht mehr in derselben Weise auf die eigene Arbeit wie auf eine gemeinsame, verbindende Substanz und Kraft zurückkommen, wie das noch im Zeitalter der industriellen Massenproduktion der Fall war. Es geht Giannotti also weniger um das quantitative Abnehmen des Werts und vielmehr um den Formwiderspruch, der sich daraus ergibt: So sehr dieser Wert laut Giannotti auch ein Schein gewesen sein mag und der Arbeit wie eine transzendentale Vorstellung oder Idee im Sinne Kants zugrunde gelegt werden musste, so sehr hatte die Messung des Werts für die Arbeiten wie für die Arbeiterklasse eine formierende, eine vereinheitlichende Kraft, und in dieser einheitlichen Kraft konnte eine entsprechende Klassenpolitik gründen.

Giannottis Überlegungen zum Zusammenhang von ökonomischer Krise des Werts und politischer Krise der Arbeiterbewegung sind heute, wo reaktionäre, rechtspopulistische und faschistische Kräfte diese doppelte Krise bewirtschaften und ideologisch ausbeuten, dramatisch aktuell.

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[1] Vgl. Ingo Elbe, Marx im Westen, Berlin 2008.

[2] Vgl. Jan Hoff, Marx global, Berlin 2008.

[3] Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band. Buch I: Der Produktionsprozeß des Kapitals. In: Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Hrsg.): Karl Marx Friedrich Engels Werke (MEW). Band 23. Dietz Verlag, Berlin 1962, S. 94–95.

  • Preis: 4.00 €
  • Erscheinungsjahr: 2025