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Heft 218: Vom mühseligen Suchen und glückhaften Finden

In memoriam Prof. Dr. Heinrich Gemkow (26. Juni 1928 – 15. August 2017) - Teil IV

Von: Walter Schmidt, Dagmar Goldbeck, Rolf Hecker, François Melis und Martin Hundt

Heft 218: Vom mühseligen Suchen und glückhaften Finden

Reihe "Pankower Vorträge", 2018, Heft 218, 48 S.
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In Memoriam fand am 26. Juni 2018 zum 90. Geburtstag von Heinrich Gemkow (26.6.1928–15.8.2017) ein wissenschaftliches Kolloquium statt. Es knüpft an die im Juni 2003 unter dem Motto „Vom mühseligen Suchen und glückhaften Finden“ durchgeführte Veranstaltung anlässlich seines 75. Geburtstages und an die zu seinem Gedenken im Herbst 2017 erschienene Publikation an. Die Beiträge wurden veröffentlicht in der Publikationsreihe „Pankower Vorträge“, Heft 54 und 55 (Teil I und II) sowie Heft 216 (Teil III).

Mit der Veröffentlichung der vorliegenden Beiträge als Teil IV wird die Reihe „Vom mühseligen Suchen und glückhaften Finden“ abgeschlossen.

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INHALT

Walter Schmidt
Kolloquium zum 90. Geburtstag Heinrich Gemkows am 26. Juni 2018
Eröffnung

Dagmar Goldbeck
Das Dokumentarstück „Salut an alle. Marx“ und Heinrich Gemkow

Anhang von Dagmar Goldbeck / Rolf Hecker:
Salut an alle, Marx Bekenntnisse

Rolf Hecker
Das Marx-Engels-Forum in der Mitte Berlins:
Zur Entstehungsgeschichte und zum politischen Auftrag für Heinrich Gemkow

Anhang
Übersicht über Marx-, Engels- und Marx/Engels-Denkmäler

François Melis
Marx- und Engels-Holzstiche von Heinrich Scheu

Martin Hundt
Auch ein Marx/Engels-Forscher
Ein paar Worte über Helmut Hirsch (1907–2009)

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LESEPROBEN (Auszüge)

Walter Schmidt
Kolloquium zum 90. Geburtstag Heinrich Gemkows am 26. Juni 2018
Eröffnung

Ich habe die Ehre, das wissenschaftliche Kolloquium anlässlich des 90. Geburtstags unseres Freundes und Mitstreiters, des Marx-Engels-Forschers Heinrich Gemkow zu eröffnen. Man hat mich gebeten, auch die Moderation zu übernehmen. Ich möchte als erstes alle Anwesenden herzlich begrüßen, seine Freunde, Mitstreiter, Gesinnungsgefährten, Genossen und Arbeitskollegen, die an diesem schönen End-Juni-Tag in den Veranstaltungsraum der „Hellen Panke“ in die Kopenhagener Straße gekommen sind, um sich seiner mit wissenschaftlichen Beiträgen zu erinnern. Ich freue mich, dass dieser Saal sehr gut gefüllt ist – wie oft bei wissenschaftlichen Konferenzen, bei denen Heinrich Gemkow den Vortrag hielt oder die ihm zu Ehren stattfanden. Mein besonders herzlicher Gruß gilt der Nichte von Heinrich Gemkow, Frau Dr. Kerstin Neumann, und ihrem Ehemann Klemens Neumann. Das Ehepaar Neumann war in den letzten Jahren, nachdem Heinrich seine Frau Hilde verloren hatte, gewissermaßen sein familiäres Hinterland. Sie haben sich beide bis zuletzt in rührender Weise um das Wohl des Onkels gesorgt, ihn besucht, immer wieder angerufen und alle seine Wünsche erfüllt. Ihnen gebührt dafür auch unser Dank.

Geboren wurde Heinrich Gemkow am 26. Juni 1928 im pommerschen Stolp, dem heutigen polnischen Słupsk, einem Städtchen nahe der Ostsee, an das er gern zurückdachte. Seine Geburtstage waren schon seit Jahrzehnten an seiner Arbeitsstelle im Institut für Marxismus-Leninismus, vor allem aber in den nach“wend“lichen Jahren Treffpunkte vieler seiner Freunde. Ich habe selbst einige davon mit Heinrich verleben dürfen, möchte heute nur noch einmal an seinen 89. Geburtstag am 26. Juni vor einem Jahr erinnern. Er beging diesen Tag in einem schönen Ambiente, in einem besonders hergerichteten kleinen Raum des Seniorenheims, das ihn seit Monaten beherbergte. Heinrich wirkte in der Feierlichkeit des Tages zunächst etwas nachdenklich, taute dann aber auf, war aufgekratzt und freudig, freundlich und zuvorkommend wie immer, etwas lustig auch, so wie wir ihn kannten. Es war ein kleiner Kreis von Freunden und Genossen, der sich um ihn geschart hatte. Besonders erfreut hat ihn, dass seine Schwester, Dr. h.c. Johanna Schlüter, eine renommierte Biologin, leitende Mitarbeiterin und letzte Geschäftsführerin des berühmten Gustav Fischer Verlags, aus Jena angereist war. Ihren jahrzehntelangen Einsatz für den Naturschutz hat die Biologisch-Pharmazeutische Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität mit dem Ehrendoktor gewürdigt. Dabei in der kleinen Geburtstagsrunde war auch seine Nichte Kerstin Neumann. Allein war Heinrich Gemkow in den letzten Jahren selten geblieben. Treue Freunde aus den Jahren der gemeinsamen Arbeit besuchten ihn regelmäßig, anfangs in seiner Wohnung in der Pankower Esplanade und zuletzt in der schönen Seniorenresidenz in der Pankower Schulzestraße, unweit des S-Bahnhofs Wollankstraße. Und die Gespräche, die wir bei unseren Besuchen mit ihm führten, zeigten, dass er bis zuletzt regen Anteil am wissenschaftlichen, aber auch politischen Leben unserer Zeit nahm.

Sein Tod hat eine große Lücke in die Schar der erfahrenen Marx-Engels-Forscher unseres Landes gerissen. Angesichts seiner Verdienste um die Marx-Engels-Forschung und die Geschichte der Arbeiterbewegung entschlossen wir uns am Tage seiner Beisetzung, Heinrich ein „In-Memoriam“ zu widmen. Es erschien dank großzügiger Unterstützung durch den Verein „Helle Panke“, dem Heinrich seit Anbeginn angehörte und der auch das heutige Kolloquium gefördert hat, Ende 2017 als Heft 216 der traditionellen „Pankower Vorträge“. Das Heft enthielt neben zwei von Heinrichs letzten wissenschaftlichen Studien, beides Kleinodien historischer Biografik, die Trauerrede von Rolf Hecker, einige Kondolenzen und Erinnerungen aus der Feder von Heinrichs Mitstreitern aus mehreren Jahrzehnten. Diese Dokumente ließen vor unseren Augen Heinrichs wissenschaftliches Leben noch einmal entstehen. Aber sie zeichnen sich wohl auch dadurch aus, dass sie zugleich kleine Mosaiksteine für eine Geschichte der Marx-Engels-Forschung und der Geschichte der Arbeiterbewegung in der DDR liefern. Wir stellten das Erinnerungs-Heft unter den von Heinrich Gemkow selbst als Fazit seines wissenschaftlichen Lebens gefundenen Titel: „Vom mühseligen Suchen und glückhaften Finden“. Er hatte sich zu dieser Losung seines eigenen Lebens von Überlegungen seines Freundes, des legendären Bibliothekars und Forschers Bruno Kaiser, inspirieren lassen.

Dieser Titel steht auch über diesem Kolloquium. Wir hatten uns dazu entschlossen, als das „In Memoriam“ gerade erschienen war. Und es sollte zu seinem heutigen 90. Geburtstag stattfinden, den er nicht mehr erleben konnte.

Vier von Heinrichs Freunden werden das Erinnerungs-Kolloquium mit ihren Vorträgen inhaltlich ausfüllen. Es soll damit, wie es in der Einladung heißt, vor allem einigen Projekten nachgegangen werden, die mit Heinrich Gemkows Leben und Schaffen eng verbunden sind. Damit soll’s der Vorrede genug sein. Und ich gebe dem ersten Referenten, Rolf Hecker, das Wort. Er wird uns über das Marx-Engels-Forum in der Mitte Berlins informieren, dessen Entstehungsgeschichte darstellen und über die Beratertätigkeit Heinrich Gemkows bei diesem Großprojekt berichten.

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Dagmar Goldbeck
Das Dokumentarstück „Salut an alle. Marx“ und Heinrich Gemkow

Bei der Arbeit an der über 550 Titel umfassenden Bibliographie der Publikationen von Heinrich Gemkow stieß ich auf ein vierseitiges Manuskript, das Gemkow im Februar 1976 für das Programmheft zu „Salut an alle. Marx“ geschrieben hatte. Der von ihm handschriftlich nachträglich als „Schatzkammer in Briefen“ bezeichnete Text wurde, wie ich inzwischen ermitteln konnte, unter dem Titel „Ein Stück aus Briefen“ auf der Innenseite des als „Neue Rheinische Zeitung“ (NRZ) aufgemachten Begleitmaterials zu dem Theaterstück abgedruckt.[1] Von besonderem Interesse ist jedoch: Das Manuskript führt zu einer denkwürdigen „Episode“ in der wissenschaftlichen Tätigkeit des Marx-Engels-Forschers. Gemkow begleitete das Entstehen dieses, vom Theater im Palast (TiP) uraufgeführten, Dokumentarstücks mit seinem fachlichen Rat.

„Salut an alle. Marx“ berichtet – in dieser Art und Weise erstmalig – über Leben, Kampf und Werk der Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus. Verfasst wurde das Stück von den beiden bekannten Drehbuchautoren Günter Kaltofen[2] und Hans Pfeiffer[3] auf der Grundlage des Briefwechsels von Karl und Jenny Marx und Friedrich Engels untereinander sowie ausgewählter Texte. Die Idee zu dem Dokumentarstück kam ihnen während der umfangreichen wissenschaftlichen Vorarbeiten und der literarischen Gestaltung eines Fernsehfilms über Karl Marx. Pfeiffer und Kaltofen arbeiteten als Autor bzw. stoffführender Dramaturg an dem sich damals in Vorbereitung befindlichen Mehrteiler mit.[4] Dabei erkannten sie, welche überragende Bedeutung die Korrespondenz der drei Personen für die Kenntnis ihrer Persönlichkeiten hatte. „Uns erschlossen die Briefe“, erklärte Hans Pfeiffer in einem Interview, „den höchst individuellen Reichtum der Gedanken und Gefühlswelt von Marx, Engels und Jenny – ob er ein welthistorisches Ereignis wie die Pariser Commune betrifft, den Tod des Lieblingssohnes Musch oder die verläßliche Beförderung halbierter Pfundnoten. Wir sahen die Briefe aber niemals als bloße Informationsquellen. Sie sind so spontan, ganz und gar intim, dabei so geschliffen und pointiert, daß sie häufig selbst wie ein literarisches Kunstwerk wirken. Dies alles reizte uns, aus diesen Briefen ein Stück über die drei Briefschreiber zu machen und dabei die Briefe in ihrer ganzen Lebendigkeit und Ausdruckskraft dokumentarisch getreu zu verwenden.“[5]

Welche Mammutaufgabe, aus dem mehr als 1.500 Stücke umfassenden Briefwechsel ein Theaterstück von etwa 100 Minuten zu gestalten![6]. Die dafür ausgewählten Briefe, Erinnerungen, Notizen und Gedichte wurden in vier thematischen und zeitlichen Abschnitten[7] so zusammengefügt, dass sich vor den Zuschauern das Leben von Marx und Engels in ihrer Gesamtheit als Wissenschaftler, Kämpfer und Familienmenschen abspielt. Erlebbar werden die Freundschaft und die produktive Zusammenarbeit zwischen Marx und Engels, die Entstehungsgeschichte solcher weltverändernden Werke wie „Manifest“ und „Kapital“ wie auch die tiefe Liebe zwischen Jenny und Karl und ihr Leben voller Entbehrungen und Erschütterungen. Die beiden Autoren verwendeten ausschließlich authentische Text[8], die sie – um eine szenische Gestaltung zu ermöglichen – ähnlich einer literarischen Collage geschickt arrangierten, zum Teil auch montierten, wie zum Beispiel im Dialog zu den „Bekenntnissen“[9]. Nicht immer fügten sie die Zitate in der ursprünglichen zeitlichen Abfolge zusammen, doch immer im Kontext zu der von den ursprünglichen Schreibern beabsichtigten inhaltlichen Aussage. In das Szenario wurden zahlreiche, beliebig erweiterbare Bildprojektionen eingebaut. Mit wichtigen Daten des Briefwechsels oder der Veröffentlichung wesentlicher Schriften, durch Porträts, Faksimiles von Briefen oder Abbildungen historischer Orte konnte das Gelesene illustriert und das Geschehen auf der Bühne verdeutlicht werden.

Sehr früh im Entstehungsprozess des Stückes, als lediglich die ersten Szenen geschrieben waren, interessierten sich die künstlerische Leitung des Palastes der Republik sowie Vera Oelschlegel, die Intendantin des TiP, für das Projekt. Die Uraufführung wurde zum Vorabend des IX. Parteitages der SED geplant und gleichzeitig zur Eröffnung der neuen Spielstätte im Palast vorgesehen. „Das war für uns natürlich ein starker Ansporn“, erzählte Kaltofen, „ebenso wie die Ermunterung durch die, die von nun an den Fortgang unserer Arbeit bis zur Premiere begleiteten.“[10] Zu diesen Begleitern gehörte Heinrich Gemkow.

[1] H[einrich] Gemkow: Ein Stück aus Briefen. In: Salut an alle. Marx. Hrsg. vom Palast der Republik, Abt. Öffentlichkeitsarbeit, Besucherpolitik; Theater im Palast TIP, Palast der Republik. Berlin 1976, S. [2]. Großformatiges Programmheft.
[2] Günter Kaltofen (12. Juli 1927–11. Mai 1977) schrieb für über 20 Film- und Fernsehproduktionen der DDR das Drehbuch.
[3] Hans Pfeiffer (22. Februar 1925–27. September 1998) war Autor, Dramatiker und Erzähler. Er schrieb Kriminalromane und rechtsmedizinische Fallsammlungen, historische Romane, Biografien, Theaterstücke sowie Drehbücher für zahlreiche Hör- und Fernsehspiele.
[4] Marx und Engels – Stationen ihres Lebens. Eine elfteilige szenisch-dokumentarische Sendung über Leben, Lehren und Wirken von Karl Marx und Friedrich Engels. Sie wurde von 1978 bis 1980 erstmalig im Fernsehen der DDR ausgestrahlt.
[5] Gespräch mit Günter Kaltofen und Hans Pfeiffer. In: Theater der Zeit, 1976, Nr. 7, S. 60.
[6] Salut an alle. Marx. Ein Stück nach Briefen von Karl und Jenny Marx und Friedrich Engels von Günter Kaltofen und Hans Pfeiffer. Berlin 1976. II, 80 S. Als unverkäufl. Ms. vervielfältigt. (Enthält vermutlich Text u. Quellennachweis.) Das Heinrich Gemkow vorliegende Ms. umfasste ca. 50 S. – Das Textbuch der Schauspieler hatte 74 S. – Das Stück ist veröffentlicht in: Theater der Zeit, 1976, Nr. 7, S. 62–72.
[7] Der 1. Abschnitt umfasst Marx' Jugend, seine Verlobungszeit und die Revolution von 1848. Im 2. steht die Arbeit am „Manifest“ und der „Neuen Rheinischen Zeitung“ im Mittelpunkt. Teil 3 ist vorwiegend der Arbeit am „Kapital“ gewidmet. Der Tod von Marx steht am Ende des 4. Abschnittes, der mit den „Bekenntnissen“ einen besonderen emotionalen Höhepunkt vermittelt.
[8] Salut an alle. Marx. Quellennachweis: ...
[9] „Bekenntnisse“ waren ein beliebtes Frage- und Antwortspiel. Die drei unabhängigen Originaltexte wurden eng miteinander verflochten, um ein Gespräch zu simulieren. Siehe Anhang.
[10] Gespräch mit Günter Kaltofen und Hans Pfeiffer.

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Rolf Hecker
Das Marx-Engels-Forum in der Mitte Berlins:
Zur Entstehungsgeschichte und zum politischen Auftrag für Heinrich Gemkow

Die Geschichte des Marx-Engels-Forums (MEF) führt weit zurück, bis an den Anfang der 1950er Jahre und steht in Verbindung mit städtebaulichen Vorstellungen über die neue Mitte Ostberlins als Hauptstadt der DDR und als sozialistische Großstadt. Bruno Flierl hat darüber bereits ausführlich vor über 20 Jahren geschrieben;[1] ich möchte mich heute auf einen Aspekt begrenzen.[2] Es geht um die politisch-ideologischen Aspekte bei der Schaffung des Ensembles des Marx-Engels-Forums Mitte der 1970er Jahre und die Beratertätigkeit von Heinrich Gemkow. Grundlage ist ein Dokumentenkonvolut, das im Bundesarchiv/SAPMO unter dem Titel „Marx-Engels-Denkmal/Marx-Engels-Forum in Berlin 1973–1988“[3] abgelegt ist und in dem Vorlagen, Berichte, Informationen aus dem ZK der SED (vor allem aus dem Büro von Kurt Hager) gesammelt sind. Außerdem hat mir Heinrich Gemkow einige Zeit vor seinem Tod eine schmale Mappe mit einigen Blättern über seine Beratertätigkeit für die beteiligten Künstler überlassen, die an verschiedenen Stellen auch als Kopie vorhanden sein sollten.

Im folgenden Vortrag geht es nicht um eine Bewertung künstlerischer Aspekte in der Entstehungsgeschichte des MEF, es geht auch nicht um bestimmte Mythen und Legenden, die sich um Ludwig Engelhardt, als dem Leiter der Künstlergruppe, ranken. Ich spreche nicht von Kollektiv, da die Künstler an ihren Objekten selbständig arbeiteten. Es geht um die ME-Skulptur (Engelhardt), das Bronzerelief (Margret Middell), das Marmorrelief (Werner Stötzer) und die Edelstahlstelen mit Fotos (Peter Voigt und Norbert Blum, Arno Fischer, Hans Gutheil, Günter Köhler) sowie die Beteiligung der Architekten (Peter Flierl und Solweig Steller-Wendland) und des Kunstwissenschaftlers und Koordinators Friedrich Nostitz. Das Denkmalensemble entstand als eine Auftragsarbeit des Ministeriums für Kultur der DDR, zuständiger Minister war Hans-Joachim Hoffmann. Als Koordinatoren wirkten Wilfried Maaß, stellvertretender Minister, später Dietmar Keller; seitens des ZK die Abteilung Kultur, Leiter: Peter Heldt, dann Ursula Ragwitz. Der Minister seinerseits stand in ständiger Absprache mit dem Sekretär und Mitglied des Politbüros des ZK der SED Kurt Hager, der seinerseits den direkten Kontakt zu Ludwig Engelhardt pflegte und bei notwendigen Entscheidungen den Generalsekretär, also Erich Honecker, konsultierte.

Der allgemeine Beschluss des Politbüros des ZK über die Errichtung eines Marx-Engels-Denkmals wurde im Zusammenhang mit der Bestätigung der Grundsatzstudie für den Palast der Republik im Mai 1973 gefasst. Zunächst war Fritz Cremer (1906–1993) – zu jener Zeit noch nicht Vizepräsident der Akademie der Künste (ab 1974) – beauftragt, eine Grundkonzeption der bildkünstlerischen Gestaltung des Marx-Engels-Platzes als Gesprächsgrundlage auszuarbeiten. Er erklärte sich bereit, die Leitung eines Kollektivs bildender Künstler zu übernehmen. Er dachte dabei an eine „Verlebendigung und Vermenschlichung“ des Platzes, nicht an eine formale, oder „formalistische Repräsentation“.[4] Die Skizze, die Cremer vorlegte, sah zwei Funktionsebenen vor: erstens ein „Gliederungsschema für ein Stoffvolumen (Geschichte)“ und zweitens ein „räumliches Ordnungsschema für eine architektonisch-bildhauerische Anlage“. Als gestalterische Mittel sollten „räumlich voneinander getrennte Elemente“ dienen, „zweiseitig erlebbare Reliefträger im weitesten Sinne“, die so angeordnet werden, dass sie „zwei Seiten eines historischen Vorganges, bzw. einer gesellschaftlichen Situation zum Ausdruck bringen“.[5] Zu dem Künstlerkollektiv gehörten Ludwig Engelhardt (1924–2001) und Jo (Joachim) Jastram (1928–2011)[6]. Offenbar übernahm Engelhardt den Auftrag, die Marx-Engels-Skulptur zu schaffen, und ihm wurde dann auch die Leitung der Künstlergruppe übertragen.

Konkretere Vorstellungen über Vorbereitung und Gestaltung des Marx-Engels-Denkmals wurden vom Politbüro am 28. Juni 1977 beschlossen; als Standort war der Marx-Engels-Platz auf der Höhe der sogenannten Schlossfreiheit (ehemals „Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal“, jetzt als Standort für ein „Einheitsdenkmal“ geplant) vorgesehen, also ein zentraler Platz, zwischen Palast der Republik, Staatsratsgebäude und Gebäude des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten der DDR gelegen. Nachfolgende Entwicklungen in den künstlerischen Ausführungen, Fragen der Beschaffung von Werkzeugen und finanzielle Fragen (einschließlich von Valuta-Mitteln, also West-DM) sowie die Veränderung des Standorts wurden selbstverständlich als Beschlussvorlage im Sekretariat des ZK behandelt, Erich Honecker zeichnete mit „Einverstanden“ ab.

Das MEF wurde am 4. April 1986, am Vorabend des XI. Parteitags der SED – es sollte der letzte reguläre werden –, eingeweiht. Anwesend war die geschlossene Partei- und Staatsführung der DDR, Ludwig Engelhardt erklärte das Ensemble. Honecker hielt vor den anwesenden 50 Tausend (laut der Tageszeitung „Neues Deutschland“, Zentralorgan der SED) Berlinerinnen und Berlinern, die von ihren Betrieben und Einrichtungen gesandt waren, sowie Arbeiterinnen und Arbeitern der beteiligten Betriebe und Institutionen, wie z.B. der Kunstgießerei Lauchhammer, eine etwa 20minütige Rede. Sie stand unter der Überschrift: „Ideen von Marx und Engels haben in der DDR für immer ihre Heimstatt gefunden“.[7]

Am MEF war rund 13 Jahre gearbeitet worden, nur wenige Details drangen an die Öffentlichkeit. Eigentlich war daran gedacht gewesen, es schon viel früher einzuweihen, spätestens jedoch 1983 anlässlich des 100. Todestages von Marx, in der DDR als Karl-Marx-Jahr begangen. Jedoch verzögerten sich die Arbeiten von Engelhardt. So wurde der Beschluss gefasst, die Konzeption und Modelle des künftigen MEF in einer Ausstellung der Akademie der Künste der DDR im Neuen Marstall (bis 1990 Ausstellungsräume der Akademie der Künste der DDR) zu zeigen. Der Akademiepräsident (Manfred Wekwerth) wurde gebeten, das Vorhaben zu unterstützen. Unabhängig davon hatte wohl der 1. Sekretär der Bezirksparteileitung der SED, zugleich Mitglied des Politbüros des ZK der SED, Konrad Naumann (er wurde 1985 von seinen Funktionen „aus gesundheitlichen Gründen“ entbunden), entschieden, am Strausberger Platz an der Karl-Marx-Allee einen Abguss der von Will Lammert bereits 1953 geschaffenen Büste[8] zu Ehren von Marx‘ Todestag aufstellen zu lassen, wo sie sich bis heute befindet (darüber habe ich noch keine Dokumente).

Die Idee einer Ausstellung schien verlockend: plötzlich sollte also die Bevölkerung über die Fertigstellung der Denkmalsanlage informiert werden. Um den Jahreswechsel 1982/83 war noch eine besondere Entscheidung gefallen: der Standortwechsel. Die wirtschaftlichen Interessen setzten sich durch: der Parkplatz vor dem Palast der Republik sollte nicht aufgegeben werden, die Kosten für die Denkmalsanlage einschließlich Ufersanierung waren zu hoch. Engelhardt protestierte mehrfach gegenüber Hager, aber letztlich musste das Zugeständnis gemacht werden und die Anlage auf die andere Seite vom Palast der Republik in den Park an der Spree gebracht werden. Gegenüber Erich Honecker meinte Kurt Hager im Januar 1983, dass Engelhardt recht habe, da der ursprüngliche Standort der „politisch richtigste“ sei, jedoch die bautechnischen Einwände und die Parkplatzfrage nicht unwesentlich seien. Deshalb hätten die Künstler, „schweren Herzens“ zugestimmt. Und Kurt Hager schrieb weiter: „Ich sehe auch eine Lösung darin, daß bei der Wahl dieses Standortes diese Anlage künftig als ‚Marx-Engels-Forum‘ bezeichnet wird.“ Am Rand von „EH“ mit „Richtig“ abgezeichnet.[9] Somit war der Name der neuen Anlage gefunden und abgesegnet.

[1] Siehe Bruno Flierl: Der Zentrale Ort in Berlin – Zur räumlichen Inszenierung sozialistischer Zentralität. In: Kunstdokumentation SBZ/DDR 1945–1990, Köln 1996, S. 320–357. – Zur Geschichte des Berliner Zentrums erschien soeben: Benedikt Goebel: Mitte! Modernisierung und Zerstörung des Berliner Stadtkerns von 1850 bis zur Gegenwart, Berlin 2018.
[2] Vorgeschichte: Am 30. Dezember 1950 beriet das Politbüro des ZK der SED über die Aufstellung eines Marx-Engels-Denkmals in Berlin an zentraler Stelle und die Gründung eines entsprechenden Komitees. Anfang 1951 wurde das Denkmal so beschrieben: Bronzedenkmal auf einem Sockel, Marx und Engels nebeneinander, so dass sie die Hände auf das „Kommunistische Manifest“ legen. Es sollte eine internationale Ausschreibung erfolgen und Kurt Liebknecht (Architekt, Präsident der Deutschen Bauakademie) wurde beauftragt, eine entsprechende Konzeption auszuarbeiten. Gustav Seitz, Fritz Cremer und Walter Howard erhielten den Auftrag, entsprechende Studien vorzubereiten; ihnen wurde empfohlen, sich an dem Goethe-Schiller-Denkmal in Weimar zu orientieren. Auch Walter Arnold beteiligte sich. Letztlich wurde der Entwurf von Howard ausgeführt und auf Beschluss des Politbüros vom Januar 1957 nicht in Berlin, sondern in Karl-Marx-Stadt noch im selben Jahr aufgestellt, und zwar im Schillerpark. (Siehe Bruno Flierl, Anm. 1, S. 329–333.) Liebknecht (1905–1994; Neffe von Karl Liebknecht) erinnert sich an die Einberufung der Kommission unter Vorsitz von Wilhelm Pieck, er war Sekretär. Das Ergebnis war ernüchternd: „Es stellte sich aber dann doch heraus, daß unsere bildenden Künstler und unsere Architekten einer solchen Aufgabe noch nicht gewachsen waren.“ (Kurt Liebknecht: Mein bewegtes Leben. Aufgeschrieben von Steffi Knop, Berlin 1986, S. 135).
[3] SAPMO-BArch, DY 30/27378.
[4] Fritz Cremer: [Stellungnahme], 14. Juni 1973, SAPMO-BArch, DY 30/27378.
[5] [Fritz Cremer: Skizze], o.D., zwei Seiten, SAPMO-BArch, DY 30/27378.
[6] Jastram schuf ein Marx-Relief, das 1984 in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba als Geschenk der DDR eingeweiht wurde (SAPMO-BArch, DY 30/26316). – Siehe Neue Berliner Illustrierte (NBI), Nr. 38, 1984, S. 18.
[7] Neues Deutschland, 5./6. April 1986, S. 3.
[8] Von Lammerts Marx-Büste stand seit 1953 ein Abguss in Jena (jetzt eingelagert in der Universität). Auch Fritz Cremer hat 1952/53 eine Porträtbüste von Marx angefertigt, ein Bronze-Abguss steht in Neuruppin, weitere in Frankfurt/O. und Neuhardenberg (zuvor Marxwalde), seit 2003 steht einer im Innenhof des Karl-Marx-Hauses in Trier (von beiden Arbeiten gibt es mehrere Abgüsse). – Siehe Denkmalliste im Anhang.
[9] Kurt Hager an Erich Honecker, Berlin, 25. Januar 1983, SAPMO-BArch, DY30/27378.

  • Preis: 3.00 €
  • Erscheinungsjahr: 2018