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Heft 145: Das ostdeutsche Paradoxon

Warum die Ex-DDR bei der Transformation der Wirtschaften Osteuropas in den 1990er Jahren vergleichsweise schlecht abschnitt

Von: Jörg Roesler

Heft 145: Das ostdeutsche Paradoxon

Reihe "hefte zur ddr-geschichte", Heft 145, 2016, 44 S.

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Autor: Jörg Roesler, Prof. Dr., Wirtschaftshistoriker, Mitglied der Leibniz-Sozietät, Berlin

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INHALT

1. Existenzkrise
Die osteuropäischen Planwirtschaften von der Mitte der 70er bis Ende der 80er Jahre
2. Washington Consensus
Westliche Ratschläge für die Transformation in Osteuropa
3. Transformationsbewältigung mäßig statt vorbildlich
Das DDR-Paradoxon bei der Bewältigung der ökonomischen Transformation
4. Ausgebliebene Forschungsergebnisse
Vergebliche Suche nach Erklärungen für das Paradoxon
5. Schocktherapie oder Gradualismus?
Die Auswirkungen unterschiedlicher Transformationsstrategien auf die Wirtschaft der osteuropäischen Staaten
6. Von der Vertragsgemeinschaft zur Währungsunion
Die DDR auf dem Weg in die Schocktherapie
7. Schocktherapie – ernstgemeint und durchgehalten?
Zur ökonomischen Transformation in Polen und Tschechien
8. Privatisierung von oben
Der Beitrag der Treuhand zum ostdeutschen Transformationsdebakel
9. Fremdbestimmte Transformation
Zur Erklärung des ostdeutschen Paradoxons

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LESEPROBE

1. Existenzkrise
Die osteuropäischen Planwirtschaften von der Mitte der 70er bis Ende der 80er Jahre

Seit etwa Mitte der 70er Jahre, das hat der britische Forscher Angus Maddison für die „Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit in Europa (OECD)“ berechnet, ging der Zuwachs an Effektivität beim Wirtschaften in den sozialistischen Ländern Osteuropas im Vergleich zum vorangegangenen Vierteljahrhundert deutlich zurück. Nach der Überwindung der Nachkriegsschäden und bis zum Ende der weltweit vorrangig durch extensives Wachstum geprägten Wirtschaftsentwicklung, d.h. von den 50er bis in die erste Hälfte der 70er Jahre, hatte das jährliche Wachstum der osteuropäischen Volkswirtschaften, gemessen am Bruttoinlandsprodukt je Einwohner, durchschnittlich 3,8 Prozent betragen. Zwischen 1973 und 1990 verminderte sich die jährliche Zuwachsrate auf 0,5 Prozent.[1] Auch die DDR-Wirtschaft wies diesen Entwicklungstrend auf, wenn auch weniger ausgeprägt. Nach Berechnungen des Kölner Instituts für Sozialforschung lagen die jährlichen Zuwachsraten des Bruttoinlandsprodukts der DDR im mit der OECD-Studie vergleichbaren Zeitraum (1951–1989) pro Jahr bei 4,5 Prozent, betrugen im Jahrfünft 1951–1955 das 1,9fache dieses langjährigen Durchschnitts, 1966–1970 noch das 1,1fache, im Jahrfünft 1976–1980 nur noch das 0,8fache (d.h. vier Fünftel des langjährigen Durchschnitts). Das Wachstum belief sich in den Jahren 1986–1989 nur noch auf 2,1 Prozent jährlich, betrug nur noch knapp die Hälfte der Durchschnittsleistung der DDR-Wirtschaft bei der Steigerung des Bruttoinlandsproduktes während des Gesamtzeitraumes ihrer Existenz.[2]

Offensichtlich gab es in der DDR und den anderen osteuropäischen Planwirtschaften erhebliche Schwierigkeiten, den Anforderungen der Mitte der 70er Jahre beginnenden Periode des dominant intensiven Wirtschaftswachstums gerecht zu werden. Geoffrey und Nigel Swain, bekannte britische Osteuropaexperten, sprechen für die zweite Hälfte der 80er Jahre offensichtlich zu Recht von einer zunehmend krisenhaften Situation.[3] Sie beziehen sich dabei nicht nur auf die Wirtschaft, sondern auch auf die Entwicklung des Lebensstandards und der Lebenszufriedenheit in Osteuropa.

Wie reagierte die politische Führung in den osteuropäischen Ländern auf die sich verschlechternde Lage? Es gab im Grunde zwei Antworten darauf: Länder wie Polen und Ungarn nahmen Wirtschaftsreformen, die die zentralplanwirtschaftlichen Lenkungsstrukturen aufbrechen sollten, (wieder) auf. Das galt auch für Jugoslawien und ab 1985 für die Sowjetunion. Gorbatschows „Perestroika“, die anfangs vor allem auf „Uskorenie“, d.h. auf die Beschleunigung des wirtschaftlichen Wachstums nach zwei Jahrzehnten „Stagnation“ setzte, wurde zum bekanntesten dieser Reformversuche. In anderen Staaten Osteuropas wie Rumänien und Bulgarien, in der DDR wie in der CSSR verfolgten die Regierenden eine Politik des „Weiter so“. Nach Aussagen der Parteiführungen lief dort alles zur Zufriedenheit. Die offensichtliche Unbeweglichkeit der politischen Klasse in diesen Ländern, ihr Hinweggehen über die Probleme des Landes rief in weiten Kreisen der Bevölkerung Unzufriedenheit hervor.[4]

Zunehmende Unzufriedenheit gab es allerdings auch in jenen Ländern, die sich um Wirtschaftsreformen bemühten. Es wurde bald klar, dass die initiierten vorsichtigen Reformen nicht ausreichten, um den dringend benötigten Wirtschaftsaufschwung zu generieren – zumal unter den traditionell durch Einparteienherrschaft gekennzeichneten politischen Bedingungen. Es entstanden Bürgerbewegungen, die jenseits der etablierten politischen Strukturen Reformen zu fordern begannen. Die bekannteste war die 1980 gegründete polnische „Solidarnocz“.[5]

Verlangten die Aktivisten der Bürgerbewegungen mehr Freiheiten und Demokratie, so orientierten sich der „einfache Mann“ bzw. die „einfache Frau“ in den osteuropäischen Ländern hinsichtlich ihrer Forderungen eher am westeuropäischen Lebensstandard. Die Losung „Heimkehr nach Europa“ wurde populär und einigte Opposition und Bevölkerung.[6] In der DDR erfüllte für große Teile ihrer Bürger die Forderung nach „Wiedervereinigung“ die gleiche Funktion, wenn auch die Bürgerbewegungen davon nichts wissen wollten, sondern für die „revolutionäre Erneuerung“ der DDR eintraten.[7] In einem Teil der osteuropäischen Länder, so in der UdSSR, in Jugoslawien und der Tschechoslowakei, kamen zu den üblichen Forderungen der Unzufriedenen noch solche nach nationaler Selbstbestimmung in einem eigenen Staat hinzu. D.h. die schon länger andauernde ökonomische Krise führte Ende der 80er Jahre in Osteuropa zur politischen Krise, in einigen Ländern zur Staatskrise.

Wie verhielt sich „der Westen“ gegenüber den ökonomischen und politischen Zerfallserscheinungen in der UdSSR und den anderen osteuropäischen Ländern?

Wie reagierte er auf die neue Aufgeschlossenheit in den Ländern des Ostens gegenüber westlichen politischen und ökonomischen Strukturen?

[1] Angus Maddison: The World Economy. A Millennial Perspective. Paris OECD 2001, S. 156.

[2] Gerhard Heske: Wertschöpfung, Erwerbstätigkeit und Investitionen in der Industrie Ostdeutschlands 1950–2000: Daten, Methoden, Vergleiche. Köln 2013, S. 24. Zu Osteuropa werden im Folgenden alle ehemals sozialistischen Länder Ostmitteleuropas einschließlich der DDR, Südosteuropas und die europäischen Nachfolgestaaten der Sowjetunion gerechnet.

[3] Geoffrey Swain/Nigel Swain: Eastern Europe since 1945. Houndmills (Großbritannien) 1998, S. 173.

[4] Philipp Ther: Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent, Berlin 2014, S. 41–57.

[5] Adam Michnik: Die auferstandene Unabhängigkeit und die Dämonen der samtenen Revolution, in: Transodra. Deutsch-polnisches Informationsbulletin. Szeczecin/Potsdam (Sonderausgabe 1999/2000), S. 5–7.

[6] Günther Heydeman,/Karel Vodicka (Hrsg.): Vom Ostblock zur EU. Systemtransformationen 1990–2012 im Vergleich, Bonn 2013, S. 7–10.

[7] Volker Gransow/Konrad H. Jarausch: Die deutsche Vereinigung. Dokumente zu Bürgerbewegung, Annäherung und Beitritt. Köln 1991, S. 152–154.

  • Preis: 3.00 €
  • 1 Seiten