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Heft 137: Herbst 1989 in der DDR-Provinz

Fallbeispiele: Pritzwalk, Halberstadt und Gotha

Von: Alexander Amberger, Renate Hürtgen, Sebastian Stude, Matthias Wenzel

Heft 137: Herbst 1989 in der DDR-Provinz

Reihe "hefte zur ddr-geschichte", Heft 137, 2015, 56 S.

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Am 4. November 2014 diskutierten im Rahmen einer Abendveranstaltung der „Hellen Panke“ e.V. Dr. Renate Hürtgen, Sebastian Stude, Matthias Wenzel und Dr. Alexander Amberger (Moderator) mit zahlreichen Gästen zum Thema Für eine andere DDR – Aufbruch und Wende in der Provinz über die Geschehnisse 1989/90 in Gotha, Halberstadt und Pritzwalk.

Das vorliegende Heft enthält Einblicke in die Ereignisse während der Wendezeit in den genannten Orten.

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 AutorInnen

Dr. Alexander Amberger

Berlin, Projektmitarbeiter  der „Hellen Panke“

Dr. Renate Hürtgen

Berlin, Autorin "Ausreise per Antrag: Der lange Weg nach drüben: Eine Studie über Herrschaft und Alltag in der DDR-Provinz"

Sebastian Stude

Berlin, Autor "Aufbruch in der brandenburgischen Provinz – Die friedliche Revolution 1989/90 in Pritzwalk: Ereignisse, Interviews und Dokumente"

Matthias Wenzel

Gotha, Autor "Wendezeiten: Gotha"

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INHALT            

Zur Einleitung

(Un-)Gleichzeitigkeiten: Der Herbst 1989 in der DDR-Provinz

von Alexander Amberger   

Sebastian Stude

Das Ungleiche im Gleichen

Die Friedliche Revolution 1989/90 in der brandenburgischen Kreisstadt Pritzwalk  

Renate Hürtgen

Das Wunder von Halberstadt

Die demokratische Revolution in der Provinz 

Matthias Wenzel

Für eine andere DDR – Aufbruch und Wende in der Provinz

Die Geschehnisse 1989/90 in Gotha

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LESEPROBE 

Zur Einleitung

(Un-)Gleichzeitigkeiten: Der Herbst 1989 in der DDR-Provinz

von Alexander Amberger

 Die Großdemonstration am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz, der „Mauerfall“ fünf Tage später und die Feier zur Deutschen Einheit am 3. Oktober 1990 überstrahlen medial die Erinnerung an die Geschehnisse vor 25 Jahren. Als Außenstehender kann man leicht den Eindruck bekommen, dass die Revolution hauptsächlich in Ost-Berlin stattgefunden haben muss, flankiert von Massendemos in den anderen beiden Großstädten der DDR, Leipzig und Dresden. Das liegt sicherlich daran, dass die Teilnehmerzahlen in größeren Städten absolut gesehen höher waren. In Berlin tummelten sich zudem mehr Reporter, die westliche Presse beobachtete das Geschehen aus wenigen Kilometern Entfernung. In Berlin trennte die – auch als solche sichtbare – Mauer die Stadt, hier saß die DDR-Regierung, und so gut wie alle politischen Entscheidungen wurden in Ost-Berlin getroffen. In Bezug auf die spätere Geschichtsschreibung hatte die Hauptstadt der DDR somit einen „Standortvorteil“. Dass dies zu einem Zerrbild führt, sollte für Zeitzeugen unstrittig sein. Für Nachgeborene wird es hingegen schwieriger, die Ereignisse 1989/90 historisch und geografisch im Ganzen zu erfassen. Denn nicht nur in den großen Zentren, sondern überall in der DDR wurde 1989/90 die alte Macht durch die Bewegung von der Straße beseitigt. Es vollzogen sich in fast jeder Kleinstadt und auf fast jedem Dorf Transformationsprozesse.

Wie gestaltete sich dieser Wandel? War es tatsächlich so, dass 1989/90 die Großstädte den Takt vorgaben? Oder gab es kein „top-down“, sondern eine Parallelität der Ereignisse? Woher kamen die Impulse? Wer waren die Akteure? Welche Unterschiede existierten, welche Gleichzeitigkeiten und Ungleichzeitigkeiten passierten?

Um diesen und weiteren Fragen nachzugehen, stellten die Autorinnen und Autoren dieses Heftes am 4. November 2014, exakt 25 Jahre nach der berühmten Großdemonstration auf dem Alexanderplatz, unter dem Motto „Für eine andere DDR – Aufbruch und Wende in der Provinz“ in der Hellen Panke „ihre“ Kleinstädte vor: Pritzwalk (damals Bezirk Potsdam), Halberstadt (Bezirk Magdeburg) und Gotha (Bezirk Erfurt). Dabei gab es bereits in Bezug auf die Wortwahl unterschiedliche Meinungen: Spricht man nun von „Wende“, von „friedlicher“ oder „demokratischer“ Revolution? Was auf den ersten Blick nach Haarspalterei klingt, sagt unter Umständen etwas über die Einschätzung von subjektiven und objektiven Faktoren auf den Revolutionsverlauf, über das Verhältnis von aktivem und passivem Verhalten der Akteure aus.

Der Kultursoziologe Bernd Lindner hat Dokumente und Belege der damaligen Zeit ausgewertet und auf dieser Grundlage die unterschiedlichen Bezeichnungen für den Transformationsprozess rekapituliert. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass „der Revolutions-Begriff im Herbst 1989 zunächst kaum eine Rolle“ spielte. Das Wort „friedlich“ war hingegen omnipräsent und erst Walter Momper hat am Tag nach dem „Mauerfall“ den Begriff der „friedlichen und demokratischen Revolution“ eingeführt, als er den DDR-Bürgern zu ebenjener gratulierte. Das Neue Forum griff den Terminus „Friedliche Revolution“ dann zwei Tage später in einer Erklärung auf, ebenso wie Helmut Kohl am 19. Dezember in Dresden. Die Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley hingegen sprach lieber von „Aufbegehren“ als von Revolution, Konrad Weiß bevorzugte den Terminus „Umbruch“. Von einer „Wende“ sprachen vor 1989 bereits Gorbatschow und in der DDR Volker Braun (im Gedicht „Die Wende“ von 1988). Auch die Vereinigte Linke forderte in ihrem Gründungsappell vom 4. September ein linkes Konzept für eine „Wende“. Der „SPIEGEL“ brachte den Begriff „Wende“ dann am 16. Oktober auf dem Titel, und Egon Krenz – dem dieser Terminus häufig zugeschrieben wird – verwendete das Wort erst am 18. Oktober. Er war damit also nicht der Wortschöpfer in diesem Kontext, sondern „hat den Begriff lediglich korrumpiert, was wachen Zeitgenossen übrigens bereits damals auffiel“. (1)

Durch diese personelle Zuschreibung bleibt der Begriff der „Wende“ allerdings bis heute umstritten. Umgangssprachlich wird er im Kontext mit 1989 sicherlich auch in Zukunft dominieren. In Feldern, die politisch aufgeladen sind, sorgt er jedoch stets für Diskussionen und/oder Zurückweisung. Ihn zu umgehen fällt aufgrund der hohen Zahl von Synonymen nicht schwer: „Neben Kennzeichnungen wie ‚Umbruch‘, ‚Zusammenbruch‘ oder ‚Implosion‘ hat sich neben ‚Wende‘ noch am ehesten der – historisch wertende – Begriff der ‚Revolution‘ durchgesetzt, allerdings in Verbindung mit verschiedenen Attributen, die eine weitergehende Bestimmung der damaligen Geschehnisse aufzeigen sollen. Als Beispiele seien hier genannt ‚demokratische‘, ‚sanfte‘, ‚gewaltfreie‘, ‚unblutige‘, ‚nationale‘, ‚protestantische‘, ‚nachholende‘ oder schlicht ‚deutsche Revolution‘.“(2)

Die Autorinnen und Autoren dieses Heftes teilen die Meinung, dass es sich um eine Revolution handelt. Renate Hürtgen wählt den Terminus der „demokratischen Revolution“, um zu bekräftigen, dass der demos, also das „Staatsvolk“ auf die Straße ging – es sich also um eine Transformation „von unten“ handelte und nicht um einen Staatsstreich, eine „Implosion“ oder das Werk westlicher Akteure. Sebastian Stude betont die Friedlichkeit der Revolution mit seiner Wortwahl, um an das Besondere des Herbstes 1989 zu erinnern, und Matthias Wenzel schließt sich mit dem Begriff der „Wende“ dem Sprachgebrauch an, den auch die meisten Bewohnerinnen und Bewohner Gothas heute noch haben.

Die drei Fallbeispiele Pritzwalk, Halberstadt und Gotha zeigen auf, dass es überall in der DDR parallele Prozesse gab. Dabei waren die großen Städte sicherlich Impulsgeber. Im Einzelnen existierten aber doch Unterschiede, die in den örtlichen Gegebenheiten begründet waren. Solche Unterschiede betrafen die handelnden Personen im Staats- und Kirchenapparat sowie die Existenz und Präsenz von Oppositionsgruppen; sie betrafen die geografische Lage in der DDR und die sozioökonomischen Bedingungen vor Ort. Im Süden der Republik passierte vieles etwas früher und spürbar intensiver als im Norden. Pritzwalk ist hierfür exemplarisch. Die größte Demonstration fand hier jedoch fast zeitgleich zu Demonstrationen in anderen Städten Anfang November statt. Daran nahmen ca. 2.000 Menschen teil, während in Gotha am 19. Oktober bis zu 20.000 Bürger auf der Straße waren und am 8. November in Halberstadt ca. 12.000. In Relation zu den Bevölkerungszahlen der jeweiligen Städte und ihres Umlandes steht Pritzwalk hier nicht großartig nach. Alle drei Orte lagen damit auch im landesweiten Trend: Vor dem 9. Oktober gab es kaum Massenkundgebungen. Erst nach Honeckers Abdankung wuchsen die Teilnehmerzahlen merklich an. „Nun weitete sich die Bewegung tatsächlich in weite Teile des Landes aus und erfasste immer mehr Klein- und Kleinststädte. […] Nach vorläufigen Erhebungen gab es im Oktober 330 Demonstrationen und Kundgebungen in 171 Städten, in über 100 Städten dabei erstmals nach dem 18. Oktober.“ Die meisten davon im Süden der Republik. Im November wurden es noch mehr: „Allein in den ersten neun Novembertagen fanden etwa gleich viele Demonstrationen wie im gesamten Oktober statt. Nach dem 9. November verdoppelte sich fast die Anzahl der Demonstrationen und Demonstrationsorte. […] die Demonstrationen erfassten bis zum 9. November etwa 250 Städte und Gemeinden. […] In vielleicht nochmals 500, 600 Städten und Gemeinden gab es öffentliche oppositionelle Aussprachen und Diskussionen […].“[3)

Überall spielte das Neue Forum eine wichtige Rolle, und überall waren die Kirchengemeinden entscheidende Ausgangspunkte der Bewegung. Das geistliche Personal in den Gemeinden reagierte jedoch sehr unterschiedlich auf diese Anforderung. Von SED-loyalen Kirchendienern, die ihre Kirchen versperrt ließen, bis zu Moderatoren zwischen Bürgern und Obrigkeit lassen sich verschiedene Verhaltensweisen ausmachen. Die Erzählung von einer „protestantischen“ Revolution ist insofern etwas verklärend, als sich die oberen Kirchenhierarchien bis zum Schluss staatsloyal verhielten. Zudem nutzten zwar viele Menschen das Angebot der Kirchen, taten dies aber nicht aus religiöser Überzeugung, sondern weil es hier einen relativ offenen Raum und zumindest etwas Schutz gab.

In den drei vorgestellten Städten verlief der Herbst 1989 unblutig. Dieses Phänomen lässt sich DDR-weit ausmachen und ist bis heute eines der prägendsten Merkmale dieser Revolution. Sowohl die Besonnenheit der Demonstranten als auch die Handlungsunfähigkeit der Staatsmacht haben hier ihren Teil beigetragen. Das lag sicherlich nicht primär an der freiwilligen Bereitschaft von Polizei und MfS, die Demonstranten unbehelligt laufen zu lassen, sondern an der plötzlichen Kopflosigkeit der Staatsorgane und dem unerwarteten Verlust von Hierarchien und Verantwortlichkeiten. Dass es im späteren Verlauf des Herbstes nicht zu gewalttätigen Überreaktionen, Alleingängen oder Racheakten kam, verblüfft angesichts der massiven Gewalt, mit der die ersten Proteste Anfang Oktober noch zerschlagen wurden.

Im Unterschied zu Berlin, Leipzig oder Dresden war für die Demonstranten in den kleinen Städten die Wahrscheinlichkeit, dass man sein Gegenüber persönlich kannte, wesentlich höher. Man wusste, wer Funktionär, MfS-Mitarbeiter oder „120-Prozentiger“ war. Diesen Personen schlug dann ggf. auch mehr Hass entgegen, als ihren Pendants in den großen Städten.[4] Andererseits musste man auch mehr Mut aufbringen, um im Oktober oder Anfang November eine oppositionelle Veranstaltung in einer Kirche oder auf der Straße zu besuchen, da man in der Kleinstadt leichter erkannt werden konnte. Hier war die Gefahr wesentlich größer als bei der Teilnahme an einer Demo mit Zehntausenden über den Leipziger Ring (was den Mut der dortigen Teilnehmer – insbesondere Anfang Oktober – nicht schmälern soll).

In den einzelnen Bezirken und Städten wurde häufig gleichzeitig protestiert, die Ereignisse ähnelten sich, Unterschiede gab es aber auch. Das zeigen die Beiträge in diesem Heft. Sie sind geografisch von Nord nach Süd angeordnet, beginnend bei Pritzwalk.

Sebastian Stude, der bereits 2010 eine umfangreiche Studie über die Ereignisse in Pritzwalk veröffentlicht hat,[5] meint zu Recht, dass ein Blick auf die kleinen Orte „die ordinäre Annahme einer im Gegensatz zu großen Städten rückständigen Provinz“ widerlege. In Pritzwalk begann die Revolution vergleichsweise spät, hatte aber auch Anfang November ihren Höhepunkt. Das Neue Forum spielte eine wichtige Rolle, die Kirchenfunktionäre waren mehr als passiv. Eine Besonderheit Pritzwalks ist, dass nach dem „Mauerfall“ am 9. November ein Stimmungsumschwung einsetzte und die Bewegung hier deutlich abnahm. Das war in Halberstadt und Gotha nicht so. Abgesehen von der größten Demonstration geschah also alles vergleichsweise etwas später und weniger heftig. Pritzwalk folgte anscheinend den Impulsen der „städtischen Revolutionszentren“, wobei die Intensität des Prozesses steil nach oben ging und sehr schnell auch wieder abflachte.

Halberstadt liegt geografisch ziemlich genau in der Mitte zwischen Pritzwalk und Gotha und wie diese beiden Städte auch recht nahe an der damaligen innerdeutschen Grenze. Laut Renate Hürtgen, die jüngst eine umfangreiche Studie über Halberstadt publiziert hat,[6] ist es hier nach dem „Mauerfall“ am 9. November nicht zu einem Abflauen der Bewegungen gekommen, im Gegenteil: Im Januar 1990 demonstrierten noch einmal 20.000 Menschen gegen die alte Macht. Erst nach dem 9. November 1989 entwickelte sich hier ein reges bürgerschaftliches Engagement. In Halberstadt wirkte der städtebauliche Niedergang als wichtiger Grund der Unzufriedenheit, es entstanden verschiedene Gruppen, die sich diesem Thema widmeten. Vor dem Sommer 1989 gab es – wie wahrscheinlich in den meisten Kreisen der DDR – keine Opposition und keinen Raum für oppositionelles Handeln. Erst im Oktober etablierte sich eine kleine Gruppe in einer Kirchengemeinde, gründete das Neue Forum, wurde zum Motor der demokratischen Revolution in Halberstadt und stellte kurze Zeit später die neue Elite in der Stadt. Die Kirchenleitung hat den Burgfrieden mit der SED bis Mitte Oktober aufrechterhalten, ihre Funktionäre sind erst sehr spät in den Prozess eingestiegen – ähnlich wie in Pritzwalk. Auch hier gab es Anfang November die erste große Demo, den ersten Runden Tisch dann am 4. Dezember. Renate Hürtgen schreibt: „Die Halberstädter waren ein Teil der DDR-weiten Bewegung geworden, die ihre Forderungen über Straßendemonstrationen durchsetzten und die Macht zum Rücktritt zwang.“ Es erstaunt bis heute, wie das ansonsten sehr ruhige Halberstadt plötzlich für kurze Zeit erwachte.

Ähnlich ruhig ist es normalerweise auch in Gotha. Die thüringischen Bezirke zählten ohnehin bis zum „Mauerfall“ nicht zu den „wichtigsten Impulsregionen der Wende“[7]. Das lag auch an den Hardlinern in den Spitzenfunktionen der regionalen SED- und MfS-Apparate. In Thüringen kam zudem das Erleben der innerdeutschen Grenze zur Bundesrepublik hinzu. „Vergleichbare Ausschreitungen rund um den 40. ‚Republikgeburtstag‘ vom 7. Oktober wie in Dresden und Berlin blieben in Thüringen aus.“[8] Die Erfolge der Opposition insbesondere in Leipzig motivierten die hiesige Bevölkerung jedoch ungemein.[9] Der „Mauerfall“ war in Thüringen wegen der langen innerdeutschen Grenze besonders spürbar, hier wurden recht früh Dienststellen des Amtes für nationale Sicherheit (ehem. MfS) von der Öffentlichkeit in Beschlag genommen, und „in den Städten und zahlreichen kleineren Gemeinden Thüringens wurde das entstehende Machtvakuum sofort gefüllt. So bildeten sich Bürgerkomitees und Bürgerinitiativen, Untersuchungskommissionen und Arbeitskreise. Diese neuen Machtstrukturen waren zwar örtlich sehr verschieden, verfolgten dennoch überall die gleichen Ziele. Am 20. November wurde zum Beispiel in Gotha zur Gründung eines Bürgerkomitees aufgerufen.“[10] Schon fünf Wochen zuvor gab es, wie Matthias Wenzel in seinem Beitrag schreibt,[11] hier das erste Friedensgebet und wenig später auch Demonstrationen. Am 4. Dezember wurde die Kreisdienststelle des Amtes für Nationale Sicherheit unter Kontrolle der Bürger genommen – zeitgleich mit der berühmten „Runden Ecke“ in Leipzig (die Zentrale in Berlin wurde erst am 15. Januar 1990 besetzt). Der erste Runde Tisch kam in Gotha am 12. Dezember zusammen. Eine Besonderheit der Stadt ist ihre historische Bedeutung für die deutsche Sozialdemokratie, da sie mit dem „Tivoli“ über eine ihrer Gründungsstätten verfügt.[12] Aus diesem Grund besuchte hier vor der Volkskammerwahl die Parteiprominenz (u.a. Willy Brandt, Egon Bahr und Hans Eichel) die Stadt. Es reichte jedoch nicht zum Wahlsieg, denn in Gotha triumphierte, wie an vielen anderen Orten der DDR, am 18. März die konservative „Allianz für Deutschland“ unter Führung der CDU.

Die Revolution war damit weitestgehend beendet, wenn auch nicht alle Ziele ihrer Mütter und Väter aus der Bürgerbewegung erreicht werden konnten. Über das Erreichte bzw. Nichterreichte streiten diese bis heute. „Das hat damit zu tun, dass ihnen – bei aller bereits damals vorhandenen Unterschiedlichkeit – schon lange das einende Ziel abhanden gekommen ist: die Verhältnisse in der DDR von Grund auf zu verändern. Anfang 1990 bereits in ihren Ansichten zum Fortbestand der DDR beziehungsweise zur Wiedervereinigung gespalten, zerbrach mit der ersten freien Wahl zur Volkskammer am 18. März 1990 der letzte Rest an Gemeinsamkeiten. Manche wollten unabhängige Bürgerrechtler bleiben und warfen anderen, die kandidierten, vor, sich dem politischen ‚Establishment‘ anzudienen. In unterschiedlichen Parteizugehörigkeiten schmolzen dann ohnehin einstige gemeinsame Ideale dahin.“[13]

Die ursprüngliche Dynamik des Prozesses ließ zudem unabhängig vom Personal – das sich übrigens nicht anschickte, die Macht nach dem Ende der SED-Herrschaft zu übernehmen – nach dem 18. März nach. Es kehrte wieder Ruhe ein. Auch in der Provinz. Vergessen ist der Herbst 1989 dort allerdings bis heute nicht.



 [1] Lindner, Bernd: Begriffsgeschichte der Friedlichen Revolution. Eine Spurensuche, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Heft 24–26/2014, Bonn, S. 33–39. Ilko-Sascha Kowalczuk meint (im Gegensatz zu Lindner) in Bezug auf 1989/90, „dass die Bezeichnung ‚Revolution‘ für die Vorgänge fast selbstverständlich war. Sie konkurrierte zwar stets mit ‚Umbruch‘, ‚Wende‘, ‚Zusammenbruch‘, ‚Erosion‘, ‚Scheitern‘, ‚Implosion‘ oder ‚Untergang‘, aber 1989/90 schlossen sich diese Begriffe noch nicht gegenseitig aus. Das erscheint logisch, weil Revolutionen die anderen Prozesse, die diese Begriffe umschreiben, mit einschließen.“ Kowalczuk, Ilko-Sascha: Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2009, S. 534. Zu Egon Krenz und dem Begriff der „Wende“ vgl. auch: Bahrmann, Hannes/Links, Christoph: Chronik der Wende. Die Ereignisse in der DDR zwischen 7. Oktober 1989 und 18. März 1990, 12. Auflage, Berlin 2009, S. 5 und S. 36 f.

 [2] Fraude, Andreas: Die Friedliche Revolution in der DDR im Herbst 1989, 2., erweiterte und aktualisierte Auflage, Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Erfurt 2014, S. 7.

 [3] Kowalczuk: Endspiel, a.a.O., S. 435 f.

 [4] Kowalczuk: Endspiel, a.a.O., S. 442.

 [5] Stude, Sebastian: Aufbruch in der brandenburgischen Provinz – Die friedliche Revolution 1989/90 in Pritzwalk. Ereignisse, Interviews und Dokumente, Pritzwalk 2010.

 [6] Hürtgen, Renate: Ausreise per Antrag: Der lange Weg nach drüben. Eine Studie über Herrschaft und Alltag in der DDR-Provinz, Göttingen 2014.

 [7] Raßloff, Steffen: Friedliche Revolution und Landesgründung in Thüringen 1989/90, 5., überarbeitete Auflage, Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Erfurt 2014, S. 26.

 [8] Raßloff: Friedliche Revolution, a.a.O., S. 42.

 [9] Wobei Bernd Lindner auf der Suche nach dem Ursprung der Losung „Wir sind das Volk!“ eine Spur nach Gotha nicht ausschließt: „Es reicht auch der Rückgriff auf aktuellere Quellen wie den Song ‚Prügelknaben‘ der ostdeutschen Punkband Schleimkeim, die schon Mitte der 1980er Jahre sang: ‚Wir wollen nicht mehr, wie ihr wollt/Wir wollen unsere Freiheit/Wir sind das Volk, wir sind die Macht (…)/Es ist zu spät, wenn es erstmal kracht.‘ Die Band stammte zwar aus Gotha und gerufen wurde die Losung ‚Wir sind das Volk‘ zuerst auf der Leipziger Montagsdemonstration am 2. Oktober 1989, aber ‚die Punkszene in Leipzig war durch Konzertauftritte und die umlaufenden Kassetten mit der SK-Musik vertraut, auch mit den Texten.‘ Wer kann schon ausschließen, dass damals ein Punk ‚als erster die Parole gerufen‘ hat.“ Lindner, Bernd: Begriffsgeschichte, a.a.O., S. 38.

[10] Neubert, Ehrhart/Auerbach, Thomas: „Es kann anders werden“. Opposition und Widerstand in Thüringen 1945–1989, Sonderauflage für die Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Köln 2005.

[11] Von Matthias Wenzel erschien zum Thema auch das Buch: Wendezeiten: Gotha, Erfurt 2009.

[12] Zur Geschichte des Hauses siehe http://www.tivoli-gotha.de.

[13] Sirleschtov, Antje/Schlegel, Matthias: Der künftige Bundespräsident. War Joachim Gauck ein Bürgerrechtler?, in: Der Tagesspiegel, 25.02.2012

  • Preis: 3.00 €