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Heft 176: Sektierer, Lernender und Märtyrer - Arkadij Maslow (1891–1941)

Von: Mario Keßler

Reihe "Pankower Vorträge", Heft 176, 2013, 40 S., A5, 3 Euro plus Versand

Reihe "Pankower Vorträge", Heft 176, 2013, 40 S., A5, 3 Euro plus Versand

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Diese Publikation beruht auf einem Vortrag, den der Autor im Verein „Helle Panke“ am 21. November 2011 aus Anlass des 70. Todestages von Arkadij Maslow gehalten hat.

Autor: Mario Keßler, Prof. Dr., Historiker, Berlin, Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam

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INHALT

Vorbemerkung

Ein junger Revolutionär zwischen Russland und Deutschland

Vom Ultralinken zum KPD-Führer

Sturz, Parteiausschluss, versuchter Neubeginn im Leninbund

Flucht und Exil: Paris – Marseille – Lissabon – Havanna

Maslows Ermordung

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LESEPROBE

Vorbemerkung

In der DDR galt er als Renegat des Kommunismus, im Westen wurde er, wenn überhaupt, nur in Verbindung mit seiner Lebensgefährtin Ruth Fischer (1895–1961) genannt: Arkadij Maximowitsch Maslow (1891–1941), geboren als Isaak Jefimowitsch Tschemerinskij in Jelisawetgrad im Zentrum der Ukraine. Eine kurze Zeit führten beide die Kommunistische Partei Deutschlands, die KPD, und schworen sie auf die Unterordnung unter die Moskauer Zentrale der Kommunistischen Internationale ein. Nachdem sie, und vor allem Ruth Fischer, ihre Schuldigkeit getan hatten, wurden sie im Herbst 1925 aus den Führungsgremien der KPD entfernt, ein Jahr darauf aus der Partei ausgeschlossen. Fortan lebten sie das Leben linker Außenseiter – von Hitler und Stalin verfolgt. Über Frankreich und Portugal führte Maslows Lebensweg nach Kuba, wo er unter Umständen, die im Folgenden gezeigt werden, im November 1941 ermordet wurde.

Ein junger Revolutionär zwischen Russland und Deutschland

Arkadij Maximowitsch Maslow war ein Träger mehrerer Namen. Geboren wurde er als Isaak Jefimowitsch Tschemerinskij am 9. (21.) März 1891 in Jelisawetgrad im Zentrum der Ukraine. Sein Vater Jefim Tschemerinskij war der typische jüdische Gelehrte ohne finanzielle Mittel, für dessen Unterhalt die Frau aufzukommen hatte, die aus einer vermögenden Familie von Metallwarenhändlern stammte.[1] Doch Ljuba Tschemerinskaja, geb. Mexin, brach aus diesem Rollenklischee aus. Sie ließ sich noch vor der Jahrhundertwende von ihrem Mann scheiden und zog ihren Sohn und die Tochter Anja allein groß. Mehr noch: 1899 verließ sie mit den Kindern das Russische Reich, das Land der rabiaten antisemitischen Ausnahmegesetzgebung und blutigen Pogrome.[2]

Ihr Weg führte sie und die Kinder nach Deutschland.[3] Anfangs lebte die Familie in Berlin-Schöneberg und zog später nach Dresden. Dort besuchte der junge Isaak bis 1910 die Kreuzschule und anschließend das Konservatorium, denn sehr früh hatte er eine ungewöhnliche musikalische Begabung gezeigt. Er studierte Klavier und legte alle Prüfungen mit glänzendem Resultat ab. Die Anerkennung blieb nicht aus: Schon der Zwölfjährige gastierte auf Konzerttourneen in Europa, Japan und Lateinamerika. Als nicht weniger begabt erwies er sich in der Dresdner Kreuzschule in Mathematik; diese Mischung von Musikalität und abstraktem Denken ist auch bei anderen Hochbegabten zu beobachten. Dreiundzwanzigjährig verabschiedete sich der Pianist plötzlich von seinem bisherigen Beruf, um sich der Welt der Mathematik zuzuwenden. Obgleich er bis 1918 noch am Dresdner Konservatorium eingeschrieben blieb, immatrikulierte er sich im Herbst 1914 an der Berliner Universität für die Fächer Mathematik und Physik, die er bei Ausnahmegestalten wie Max Planck und Albert Einstein hörte. Dass Einstein ihn als einen von nur sehr wenigen Schülern überhaupt annahm, zeigt die hohe Intelligenz des jungen Tschemerinskij.

Im Jahre 1960 begann Ruth Fischer mit der Niederschrift einer Biographie Arkadij Maslows, von der sie nur die ersten vier, bis zum Jahre 1919 reichenden Kapitel in einer Rohfassung abschließen konnte. Darin schilderte sie das familiäre Umfeld ihres Lebenspartners. Die gebildete und kultivierte Familie sprach zu Hause Russisch, doch wurde Deutsch die Sprache, in der bereits der junge Tschemerinskij sich am liebsten und sichersten bewegte. „Als alter Dresdner konnte er ziemlich perfekt sächseln und das sächsische Französisch von Clara Zetkin ausgezeichnet nachahmen, und er sprach gern Berliner Dialekt.“[4] In der Schule hatte er Englisch und Französisch rasch gelernt, auf dem Konservatorium auch recht gut Italienisch, und er ließ in seine Gespräche und Briefe mitunter jiddische Redewendungen einfließen, so dass zu vermuten ist, dass er auch in dieser Sprache mindestens Grundkenntnisse hatte. Die jüdische Religion wurde in der Familie in Deutschland nicht mehr praktiziert.

Der Erste Weltkrieg unterbrach jedoch die Lebenspläne des angehenden Mathematikers. Da Tschemerinskij und seine Familie die russische Staatsbürgerschaft besaßen, galten sie nun als Angehörige eines Feindeslandes. Mutter und Schwester gelang die Übersiedlung ins neutrale Dänemark nach Kopenhagen. Tschemerinskij hingegen, der sein Studium in Berlin fortsetzen wollte, musste in Kauf nehmen, dass er zum Zivilgefangenen erklärt wurde, der sich zweimal wöchentlich auf der Polizeiwache melden musste. Doch wurden die zuerst recht strengen Auflagen allmählich laxer gehandhabt: Da ihn bald alle Wachmänner kannten, wurden die Abstände seiner Gänge zur Polizei allmählich größer und die Beschränkung seiner Aufenthaltsbewilligung auf die Berliner Innenstadt schließlich de facto aufgehoben, so dass er auch Ausflüge ins Berliner Umland unternehmen konnte. Zudem machte er sich bald als Übersetzer nützlich und wurde als solcher einer militärischen Spezialeinheit zugeteilt. Vor allem aber wurde Tschemerinskij durch den Krieg zu einem politisch engagierten Menschen.

Anstöße einer Linksorientierung erhielt er schon als Schüler. Nach Ruth Fischer wie auch nach seiner Kominternakte hatte er 1904 bei einem Ferienaufenthalt in der Ukraine den Kontakt zu einer illegalen Schülerorganisation gefunden.[5] Deren wichtigste Figur war der spätere Heidelberger Literaturhistoriker Dmitrij Tschishewskij.[6] 1906 hatte er dann in Jelisawetgrad Verbindung zur russischen Sozialdemokratie aufgenommen. Seit 1916 arbeitete er illegal in Deutschland für die Sozialdemokratische Partei. Noch vor seinem Weggang nach Berlin wurde er als Russe von der sächsischen Polizei beobachtet. Die Russischen Revolutionen des Jahres 1917 wirkten auf ihn wie ein Fanal; damit teilte Tschemerinskij die Gefühle fast aller, auch nichtsozialistischer Juden in Deutschland, die aus dem Zarenreich stammten.

Zu Beginn des Jahres 1918 nahm er Kontakte zur Spartakusgruppe, darunter zu August Thalheimer, auf.[7] Sein Studium hatte er zunächst fortgeführt, um es mit der Promotion bei Erhard Schmidt abzuschließen.[8] Maslow behauptete später, eine entsprechende Arbeit über Integralgleichungen geschrieben, das Manuskript aber in Kopenhagen auf dem Bahnhof verloren zu haben. So jedenfalls berichtete es noch 1994 Ruth Fischers Sohn, ohne zu erwägen, dass diese Geschichte die älteste Ausrede eines jeden „verbummelten“ Studenten ist.[9] Der Wahrheit näherkommen dürfte wohl, dass Maslow die Politik urplötzlich viel wichtiger wurde als der akademische Abschluss.

Am 5. Dezember 1918 trat er dem Spartakusbund bei, der ihn für die Agitation unter russischen Kriegsgefangenen einsetzte.[10] Für die KPD, zu deren Gründungsmitgliedern er gehörte, war er als Übersetzer tätig.[11] Ob die Geschichte stimmt, dass er die Genossen wählen ließ, ob sie ihn als Decknamen entweder Buteljkin (Flaschenmann) oder Maslow (Buttermann) nennen sollten, mag dahin gestellt bleiben. Wenn sie wahr ist, zeigte sie, dass Tschemerinskij auch in politisch gefahrvoller Lage seinen Humor nicht verlor.

Im Pressebüro der KPD lernte er Ruth Fischer kennen, die damals noch Elfriede Friedländer hieß – entweder durch Paul Frölich und August Thalheimer oder durch den Schriftsteller Franz Jung, der damals kurz der KPD angehörte.[12] Es war wohl Liebe auf den ersten Blick: Im September 1919 sahen sie sich zum ersten Mal. Wenige Wochen darauf mieteten sie bereits eine gemeinsame Wohnung. Obgleich Fischer und Maslow niemals offiziell heirateten, traten sie nicht nur wie Eheleute in der Öffentlichkeit auf, sondern bezeichneten sich auch als solche gegenüber den Komintern-Organen.[13]

Der Schriftsteller Ladislaus Singer schrieb, in Ruth Fischers Beziehung zu Arkadij Maslow habe „unbedingte Treue in der Ideologie, unbedingte Untreue in der Liebe“ gegolten. Hier mag Übertreibung in die Schilderung eingeflossen sein, denn die Verbindung zwischen Fischer und Maslow erwies sich privat wie politisch als stabil. Auch Singer gestand dies zu, wenn er schrieb, dass Maslow, „der als Theoretiker Ruth Fischer weit überlegen war, bis zu seinem Tod im Jahre 1941 ihr Mentor und ausschließlicher Ratgeber“ blieb.[14]

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[1] Vgl. Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis, Amsterdam: Ruth Fischer Memoirs by her son Gerard Friedlander, 1995 (im Folgenden zit. als: Friedlander, Memoirs), S. 43.

[2] Die erste massive Pogromwelle im Russischen Reich nahm 1881 in Jelisawetgrad ihren Anfang. Vgl. I. Michael Aronson, Troubled Waters. The Origins of the 1881 Anti-Jewish Pogroms in Russia, Pittsburgh 1990, S. 44–49. Zu Maslows Biographie vgl. die Angaben in seiner Komintern-Personalakte: Rossijskij Gosudarstvennyj Archiv Social’no-Političeskoj Istorii (RGASPI), Moskau, Fonds 495, Bestand 205, Personalakte Nr. 8651 (Maslow, Arkadij). Vgl. weiterhin: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Biographisches Lexikon, hg. vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Berlin [DDR] 1970, S. 318 (mit Negativurteil); Branco Lazitch/Milorad M. Drachkovitch (Hg.), Biographical Dicionary of the Comintern, Stanford 1973, S. 263 f.; Werner Roeder/Herbert A. Strauss (Hg.), Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration, Bd. 1, München 1980, S. 480 f.; Hermann Weber/Andreas Herbst, Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945, Berlin 2004, S. 484–486.

[3] Doch behielt die Familie die Staatsangehörigkeit des Russischen Reiches. Dadurch wurde Maslow auch Sowjetbürger. Er blieb dies auch in der Zeit seiner politischen Aktivität in Deutschland und zunächst sogar im Exil in der Tschechoslowakei und in Frankreich, wo die sowjetische Botschaft ihm einen neuen Pass ausstellte. Vgl. Rüdiger Zimmermann, Der Leninbund. Linke Kommunisten in der Weimarer Republik, Düsseldorf 1978, S. 30 (nach einer Information von Arkadij Gurland).

[4] Ruth Fischer, Biographie Arkadij Maslow – Arbeitsexemplar [1960/61], in: Ruth Fischer/Arkadij Maslow, Abtrünnig wider Willen. Aus Reden und Manuskripten des Exils, hg. von Peter Lübbe, München 1990 (im Folgenden zit. als: Abtrünnig wider Willen), S. 545. Diese Dokumentation enthält Briefe aus Ruth Fischers Nachlass an der Houghton Library der Harvard University in Cambridge (Massachusetts). Der sehr umfangreiche Nachlass trägt die Archivnummer bMS Ger 204: Ruth Fischer Papers, und wird im Folgenden zitiert als: Ruth Fischer Papers. Zu Ruth Fischer vgl. ausführlich Mario Keßler, Ruth Fischer. Ein Leben mit und gegen Kommunisten (1895–1961), Köln/Weimar/Wien 2013.

[5] Vgl. ebenda und RGASPI, Fonds 495, Bestand 205, Personalakte Nr. 8651 (Maslow, Arkadij): Lebenslauf in russischer Sprache.

[6] Vgl. Werner Korthaase, Dmitrij Či¸evskij. ´izn’ velikogo učenogo, hg. von Roman Mnich, Siedlce 2010, S. 21.

[7] Vgl. RGASPI, Fonds 495, Bestand 205, Personalakte Nr. 8651 (Maslow, Arkadij): Lebenslauf.

[8] Vgl. Friedlander, Memoirs, S. 43.

[9] Gerard Friedlander im Interview, das Sabine Hering und Kurt Schilde am 28. Juli in Cam-bridge (England) mit ihm führten, abgedruckt in: Sabine Hering/Kurt Schilde (Hg.), Kampfname Ruth Fischer. Wandlungen einer deutschen Kommunistin, Frankfurt 1995, S. 80. In seinen Lebenserinnerungen führte Friedlander diese Begebenheit nicht an.

[10] Diese Angaben nach einem Brief Maslows an den Komintern-Vorsitzenden Sinowjew vom 28. Oktober 1923, in: Stiftung Archive der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv, Berlin, Historisches Archiv der KPD (SAPMO-BArch), RY 5/I 6/3/125, Bl. 19: Deutsche Sektion beim EKKI.

[11] Vgl. ebenda, RY 1/I 2/3/75, Bl. 315: KPD, Polbüro, Kaderfragen: Beitrittserklärung zum Spartakusbund vom 5. Dezember 1918 (bereits als Maslow). Ruth Fischer sagte zu ihrem Sohn, Maslow habe am KPD-Gründungsparteitag teilgenommen (vgl. Friedlander, Memoirs, S. 45), doch lassen sich dafür keine weiteren Belege erbringen.

[12] Darauf deutet Jungs Zusammenarbeit mit Maslow hin. Beide trafen sich z. B. oft in der diplomatischen Vertretung Sowjetrusslands. Vgl. Fritz Mierau, Das Verschwinden von Franz Jung. Stationen einer Biographie, Hamburg 1998, S. 127.

[13] Vgl. RGASPI, Fonds 495, Bestand 205, Personalakte Nr. 8644 (Fischer, Ruth [Rut]): Lebenslauf (in russischer Sprache, von dritter Seite angefertigt).

[14] Ladislaus Singer, Marxisten im Widerstreit. Sechs Porträts, Stuttgart 1979, S. 84.

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