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Heft 152: 1968 - Bilanz und ungelöste Probleme

Zäsur ´68 - Langzeitwirkungen einer "Weltrevolution"

Von: Stefan Bollinger, Michael Klundt, Wolfgang Fritz Haug, Georg Fülberth (Konferenzbeiträge)

Reihe "Pankower Vorträge", Heft 152, 2010, A5, 60 S., Preis 3 Euro plus Versand

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Reihe "Pankower Vorträge", Heft 152, 2010, A5, 60 S., Preis 3 Euro plus Versand

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2007/2008 haben sich "Helle Panke" Berlin e.V., Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg e.V. und die RLS in einer Reihe von Abendveranstaltungen und Konferenzen dem Thema Zäsur '68 – Langzeitwirkungen einer "Weltrevolution" gewidmet. Die Veranstalter gingen bei der Wahl des Themas davon aus, dass die 1968 eingeläutete Weltrevolution 1989/91 nur bedingt beendet worden ist. Sie umfasst vielmehr eine ganze Epoche sozialer Revolutionen, deren Resultat hoffentlich noch nicht feststeht.

Die in den Beratungen vorgetragenen Beiträge wurden von den Referenten freundlicherweise für den Druck bearbeitet und werden in vier Heften der Reihe "Pankower Vorträge" hiermit der öffentlichen Diskussion unterbreitet. Die Herausgeber bedanken sich bei den Autoren und beim Leiter dieses Projektes Dr. Stefan Bollinger für die redaktionellen Arbeiten.

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Inhalt des Heftes 152:
Stefan Bollinger
Annäherungen an eine "Weltrevolution"

Michael Klundt
1968: Opa und Vati waren Nazi. Beginn der "Vergangenheitsbewältigung"?

Wolfgang Fritz Haug
Ursprünge des "Argument-Marxismus"

Georg Fülberth
Linke Hoffnungen, linke Chancen, linkes Versagen?

Autoren der weiteren 3 Hefte in der Reihe:
Zäsur ´68 - Langzeitwirkungen einer "Weltrevolution"
Heft 149:
Stefan Bollinger, Lothar Schröter, Harald Neubert, Erich Wulff, Gottfried Oy
Heft 150: Karl-Heinz Gräfe, Jörg Roesler, Andreas Malycha, Jiří Hudeček
Heft 151: Peter Birke, Peter O. Chotjewitz, Kristina Schulz, Gerd-Rainer Horn, Reiner Tosstorff, Arno Klönne

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LESEPROBE

Georg Fülberth
Linke Hoffnungen, linke Chancen, linkes Versagen?

Die Erinnerungen an 1968 aus dem Abstand von vierzig Jahren waren teilweise von Selbstgeißelungen und Beschimpfungen, aber auch von Nostalgie gekennzeichnet. Erstere galten den damaligen Hoffnungen und Chancen, letztere einem angeblichen Versagen. Der nachfolgende Beitrag geht anders vor. Er fragt nach den Bedingungen, aus denen all dies hervorging, und misst daran das, was daraus wurde.

Soziale Revolution

Eine zentrale Bedingung war eine soziale Revolution, die von den Achtundsechziger(innen) nicht hervorgebracht wurde, sondern aus denen diese hervorgingen. In seinem Buch "Das Zeitalter der Extreme" hat Eric Hobsbawm auf sie hingewiesen.

In den hoch entwickelten kapitalistischen Ländern verschwanden nach 1960 die Bauern als eine quantitativ und ökonomisch relevante Menschengruppe, und es stieg eine neue Massenschicht auf: die Intelligenz. Bis dahin war sie ein Anhängsel der Bourgeoisie (vorher: des Adels) gewesen. Wer sich jetzt um eine empirische Analyse der BRD-Sozialstruktur bemühte, geriet in Schwierigkeiten: wohin gehörte die Intelligenz? Die Antwort wird heute lauten müssen: sie ist eine eigenständige Schicht, teils lohnabhängig, teils auf eigene Rechnung. Der Gegensatz von Kapital und Arbeit ist dadurch nicht aufgehoben, aber zwischen die beiden hauptsächlichen ökonomischen "Klassen an sich" (Bourgeoisie und Proletariat) hat sich nun die Intelligenz geschoben, die in höherem Maße eine "Klasse an sich" geworden ist als das Proletariat. Ihre Artikulationsfähigkeit ist weit stärker entwickelt als die der Arbeiter- und ebenso groß wie die der Kapitalistenklasse. Da die wirtschaftlichen Grundverhältnisse aber unverändert geblieben sind, bleibt die Hegemonie des Kapitals erhalten und macht die Kenntnisse und Fertigkeiten der Intelligenz sich dienstbar. Aber es handelt sich jetzt um eine Konvergenz der Interessen, nicht immer um ein unmittelbares Abhängigkeitsverhältnis.

Die Revolte von 1968 war das Betriebsgeräusch, das dadurch entstand, dass die neue Massenschicht sich auf ihren Platz im politischen und gesellschaftlichen System drängelte. Schließlich – mit Zeitverzögerung von einem Jahrzehnt – produzierte sie sogar eine eigene Partei: Die Grünen.

Eine Dramatisierung erfuhr der Aufstieg der Intelligenz dadurch, dass sie in den 1960er Jahren auf dem Arbeitsmarkt stark nachgefragt war. Bis 1961 hatte die BRD kaum in ihre Bildungs-Infrastruktur investieren müssen: die DDR sorgte ständig für gut ausgebildeten Nachschub. Mit dem Mauerbau 1961 kam Nervosität auf: Woher nun die bisher frei Haus gelieferten Abiturient(inn)en, Facharbeiter und Ärzte nehmen? So entstand die "deutsche Bildungskatastrophe" (Georg Picht). Die gesteigerte Nachfrage nach akademisch Auszubildenden steigerte deren Selbstbewusstsein.

Allerdings war dies nicht auf die Bundesrepublik und Westberlin beschränkt. In den USA hatte der Sputnik-Schock von 1957 die gleiche Wirkung. Aber das sind Ereignisse, die geeignet sind, den Blick auf einen wichtigeren und langfristigen Basis-Prozess zu verstellen: Die zunehmende Bestimmung der Produktions- und Reproduktionsvorgänge durch neue Technologien. Das gibt es zwar schon seit der Industriellen Revolution, nahm aber seit den 1950er Jahren an Umfang und Intensität enorm zu. Hierbei nahm damit nicht nur die Zahl von Ingenieuren und Naturwissenschaftlern zu, sondern auch von Geisteswissenschaftlern. Die Bewusstseinsindustrie war in hohem Maße von neuen Reproduktionstechniken (Unterhaltungselektronik) abhängig und ist zumindest in ihrer heutigen Form deren Resultat. Da bekamen auch Absolvent(inn)en der geisteswissenschaftlichen Fakultäten ihre Chance. Die notgedrungene Bereitschaft der politischen und ökonomischen Eliten nach 1957 (USA) und 1961 (BRD) zur Reform der Infrastruktur führte überdies zu einem hastigen Ausbau der Bildungsinstitutionen und schuf ebenfalls neuen Bedarf. Er konnte nur gedeckt werden, indem das bisherige akademische Privileg des Bürgertums zumindest relativiert wurde. Jetzt kamen tatsächlich Menschen aus den bisher "bildungsfremden" Schichten an die Uni.

Dort fühlten sie sich allerdings zunächst eher eingeschüchtert als ermutigt. Zugleich waren inzwischen ihre Kommilitoninnen und Kommilitonen aus besserem Hause verunsichert: bisheriges Wissen drohte schneller zu veralten, der alt-akademische Hintergrund reichte allein nicht mehr aus, Tunlichkeit eines Seitenwechsels war zu erwägen. Die Wortführer des SDS kamen mehrheitlich aus jenem gehobenen Bürgertum, das jetzt aber an den Universitäten nicht mehr ganz unter sich blieb. Aber das ist schon wieder die verengte Innen-Wahrnehmung der weit fundamentaleren Voraussetzung: Neurekrutierung und enorme Ausweitung der Intelligenz-Schicht.

Letztes Hurra

Wer Neues zu verarbeiten hat, greift häufig auf ältere Bilder zurück. Das nennt man dann eine Projektion. Die Jahre 1968 bis 1973 waren die letzte Etappe einer Periode, die man im Nachhinein als das "Das Goldene Zeitalter" des modernen Kapitalismus zu erkennen gelernt hat: Vollbeschäftigung. Dass es 1966/67 durch eine Mini-Rezession eingetrübt worden war, hatte erste Blicke auf die Krisenhaftigkeit dieser Gesellschaft erlaubt, der bald darauf neu einsetzende Aufschwung – 1968 war ein Boom-Jahr – erzeugte bei Intellektuellen, die sich als eine neue Klasse zu halluzinieren begannen, jene Kombination aus Verunsicherung und Selbstbewusstsein, das zur Aktion animierte. Dass ein universeller Aufbruch begonnen habe, vergleichbar früheren Aufstands-Zeiten in Europa, las man an den Emanzipationsbewegungen der Dritten Welt ab. Als im Mai 1968 in Frankreich auch die Arbeiterklasse in Bewegung geriet und sich dies 1969 in den Heißen Herbsten in Italien und sogar in der Montanindustrie der Bundesrepublik wiederholte, gewannen Revolutions-Projektionen noch mehr scheinbare Evidenz.

Erst einige Jahre später – ca. ab 1974 – lernte man, dass das, was man als den Neuanfang sozialer Kämpfe buchstabiert hatte, in Wirklichkeit schon das Ende einer Periode gewesen ist. Die zeitweilige Waffenparität zwischen Kapital und Arbeit war vorbei. Die Intelligenz musste sich neu sortieren. Statt der Arbeiterklasse entdeckte sie realistischerweise nun sich selbst.

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