Zum Tode von Kurt Neumann (10.6.1945 - 2.10.2021)

Gern stünde ich heute hier, Kurt gedenkend, schließlich war die „Helle Panke“ der Verein, dem er lange aufs Engste verbunden war. Nur Corona hindert mich gerade.
Man könnte viel über Kurt erzählen, aber vieles von dem ist bereits gesagt worden, etwa von Andreas Wehr bei der Beerdigung von Kurt. Diejenigen, die nicht da waren, können das auf der Homepage von Andreas Wehr nachlesen. Dieser Text leuchtet viele Seiten von Kurts Persönlichkeit aus und ist zugleich eine schöne biographische Skizze. Ich erwähne diesen Text jedoch nicht nur deshalb, weil er gut ist. Ich erwähne ihn, weil es andere Texte gibt.
Wer auf Wikipedia nach Kurt sucht, wird einen Artikel finden, der im Focus erschienen ist. Das, was wir dort lesen, demonstriert eine Art und Weise, wie wir uns an Kurt erinnern sollen. Sie strotzt vor Gehässigkeit. Aber zwischen dem Sollen und dem Müssen liegen Welten. Es gibt schließlich das Können und das Dürfen. Noch ist es nicht so weit, dass ein paar Gehässigkeitsmagazine uns vorschreiben, wie wir zu denken haben. So viel zum Dürfen. Und das Können speist sich aus unseren Erinnerungen, daraus also, wie wir Kurt kannten. Andreas Wehr beschreibt die geistige Orientierung von Kurt – ich verknappe jetzt – stärker durch Abendroth, weniger durch Adorno geprägt. Das mag sein. Von Adorno und anderen Vertretern der Kritischen Theorie kann man auch wenig Konkretes über das Recht im sozialen Verfassungsstaat lernen, da sind sie viel zu abstrakt. Und wenngleich Adorno mich sehr geprägt hat, auch ich nehme ihm nicht ab, dass Schönberg oder Webern hören die Welt besser macht.
Aber die marxistische Theorie des Rechts war eben ein Thema, das Kurt interessierte. Wie lässt sich die rechtlich verfasste Gesellschaft mit den Mitteln des Rechts so verändern, dass sie nicht länger Unrecht erzeugt? Denn das ist eines der zentralen Probleme der modernen Gesellschaften, wie Hegel bemerkte und woran Marx anschloss: die Produktion von Unrecht durch Entrechtung auf der Basis rechtlicher Verfasstheit.
Kurt war von der Möglichkeit einer sozialistischen Gesellschaft, die diesen Namen zu Recht führen darf, zutiefst überzeugt. Zugleich bekannte er in einem Gespräch bei einem Bier – es war schönes Wetter und wir hatten gute Laune –, dass er überhaupt nicht wisse, was der Sozialismus eigentlich sei. Und so muss es auch sein, wenn man nicht in die Fallstricke eines Dogmatismus geraten will, der zuerst den Geist tötet und dann vielleicht auch vor Menschenleben nicht halt macht.
Unsere letzten Gespräche kreisten um die Europäische Integration und die Schwäche unserer Partei, da überhaupt noch eine kohärente Position zu finden. Auch hier wird Kurt fehlen.

Dr. Olaf Miemiec
Vorstandsvorsitzender

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