Ein engagierter marxistischer Historiker hat den Stift aus der Hand gelegt. Zum Tode von Kurt Pätzold (1930-2016)

Von: Dr. Stefan Bollinger

Die Reihen marxistischer Historiker, die nach den Ursachen historischer Prozesse fragen, nicht nur Daten und ideologische Beweggründe gelten lassen, sondern nach den Interessen hinter Entscheidungen suchen, lichten sich. Kurt Pätzold, einer der herausragenden deutschen Faschismusforscher, hat Zeit seines Wissenschaftslebens immer wieder diese Fragen gestellt. Er wollte genau wissen, wie Hitler an die Macht kam, wer ihm zujubelte, vor allem aber, wer ihn finanzierte und Wunschkataloge für eine Aggressionspolitik zum Wohle des deutschen Kapitals unterbreitete.
Früh hat er sich mit Antisemitismus, Judenverfolgung und Judenmord auseinandergesetzt. Auch hier ließ er irrationale Erklärungsmuster nicht gelten, fragte nach rationalen, wirtschaftlichen Interessenlagen und politischen Rahmenbedingungen für den singulären Massenmord an den europäischen Juden. Beharrlich setzte er sich mit der Kriegspolitik des Deutschen Reiches, seiner Naziführung und Wirtschaftsführer auseinander und suchte nach den Gründen für Expansion und Unterwerfung fremder Völker. Es sah den Krieg nicht um des Krieges, sondern um des Profites willen.
Im wahrsten Sinne war Kurt Pätzold ein parteiischer Wissenschaftler, der Partei nahm für die Schwachen, die Verlierer, die Ausgegrenzten und Verfolgten gegen die Demagogen, Ausbeuter, Kriegstreiber und Massenmörder.
Er war ein gestandener DDR-Historiker, der als Hochschullehrer und staatlicher Leiter sich mit seinem Staat und dem politischen Anspruch dieses Staates als Staat des Antifaschismus und des Friedens identifizierte und so handelte. Hier hätte, wie bei vielen realsozialistischen Intellektuellen, kritisches Auseinandersetzen mit der eigenen Staat früher zu Einsichten verhelfen können. Aber politische Parteinahme hat eben auch ihre problematischen Seiten.
Der Professor der Humboldt-Universität gehörte nie zu denen, die ihr Mäntelchen nach dem Wind hängen. Den mit der Zerschlagung der DDR erfolgenden Rausschmiss aus der akademischen Welt nahm er als Herausforderung. Für seinen Staat DDR, für seine sozialistische Idee setzte er sich mit kritischem und selbstkritischem Blick ein. Er erlebte die umfassende Revision der Geschichte, nicht nur die des Realsozialismus, sondern generell jeder kritischen Geschichtsschreibung. Bis zuletzt schrieb er dagegen an, trat er bundesweit in zahlreichen Veranstaltungen für eine konsequente antifaschistische Geschichtsschreibung ein, die nicht nur larmoyant Opfer beklagt, das Versagen von Intellektuellen und Bürgern entschuldigt, sondern die Ross und Reiter beim Namen nennt.
Die braunen Schatten der frühen Bundesrepublik mit ihrem gleichzeitig strikten Antikommunismus konnte er ebenso wenig akzeptieren wie das Schönreden von vermeintlicher Vergangenheitsbewältigung. Das Wiedererstarken offen profaschistischer und faschistischer Kräfte sorgte ihn. Darum sah er sich nicht nur als Historiker sondern als politisch aktiver Verteidiger des Antifaschismus, der Demokratie, der sozialistischen Sache.
Die Helle Panke – Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin e.V. verliert einen anregenden Gesprächspartner und begehrten Referenten vieler ihrer Veranstaltungen. Kurt Pätzold hinterlässt eine Lücke, wir müssen versuchen, sie nicht größer werden zu lassen.

Von Kurt Pätzold erschienen in unseren Publikationsreihen:

Auch die Geschichte kennt ihre Zahltage, in: Zum aktuellen Umgang mit der Nazizeit. Beiträge einer multidisziplinären Geschichtswerkstatt, Pankower Vorträge, Heft 57

Zur Einführung: Von den Urteilen zur „Gnadenarie“, in: Von den Urteilen zur „Gnadenarie“. 60 Jahre nach dem Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess. Konferenzbeiträge, Pankower Vorträge, Heft 86

Das Geschichtsbild der Sieger in Nürnberg und seine Erben, in: Funktionsträger in Staat und Parteien im Entscheidungsjahr 1933. Der 30. Januar 1933 im Spiegel deutscher Biographien, Konferenzbeiträge, Teil I, Pankower Vorträge, Heft 114

In unserem Antiquariat finden sich folgende Titel (unter Beteiligung) von Kurt Pätzold:

Pätzold, Kurt (Hrsg.): Verfolgung Vertreibung Vernichtung. Dokumente des faschistischen Antisemitismus 1933 bis 1942

Pätzold, Kurt/Weißbecker, Manfred: Hakenkreuz und Totenkopf. Die Partei des Verbrechens. Mit 52 Abbildungen und 1 Karte

Pätzold, Kurt/Runge, Irene: Pogromnacht 1938

Pätzold, Kurt: Der Vergangenheit entgeht niemand

Ruge, Wolfgang/Schumann, Wolfgang (Hrsg.): Dokumente zur deutschen Geschichte 1933-1935 (Bearbeitet von Kurt Pätzold unter Mitarbeit von Kristina Shabaviz)

Marx 200
Ladenlokal der Stiftung Helle Panke