Eine stille Kämpferin: Wilfriede Otto – 20. September 1933 bis 2. Februar 2015

Wilfriede Otto
Nachrufe sind bei der "Hellen Panke" eher unüblich. Es gibt aber Mitglieder, bei denen man nicht umhin kommt, ihrer öffentlich zu gedenken. Wilfriede Otto war, ist so eine prägende Gestalt auch für unseren Verein. Eine eher zurückhaltend auftretende Historikerin, die ihre Anliegen meist leise, aber prononciert vortrug. Deren Erkenntnisse aber mitleidlos vermeintlich ewige Gewissheiten zerrissen. In den letzten Jahren war sie nicht mehr ganz so präsent, Krankheit und Alter forderten ihren Tribut. Aber wenn sie gebraucht wurde, wenn sie es für wichtig ansah, dann war sie zu vernehmen, mischte sich ein.
Sie gehört zu jenen Historikern und Historikerinnen, die lange ihrer Profession in der DDR nachgingen, im universitären, später im akademischen Bereich einer strengen Parteiinstitution, dem Institut für Marxismus-Leninismus. Kurz vor ihrer verdienten Rente flog ihr wie allen anderen die DDR, die eigene Partei um die Ohren. Die allwissende Partei hatte versagt, das Volk, kritische Intellektuelle, auch kritische Genossen muckten auf – die meisten wollten einen anderen, einen menschlicheren, demokratischen Sozialismus.
Diese Wende im Lande, die dessen Ende brachte, wurde für Wilfriede Otto zu einer Herausforderung, zu einer Wende hin zu den "weißen Flecken" der Geschichte der Linken. Ihr berufliches Aus war der Beginn einer ganz anderen "Karriere", für die es keinen Ruhestand gab. Denn die "weißen Flecken" der Geschichte waren nicht menschenleer, sondern hatten mit Schicksalen von Menschen, Genossen und Parteilosen zu tun, die in die stalinistischen Mühlen geraten waren, die Opfer der Repression wurden, im besten Falle "nur" ausgegrenzt wurden, im schlimmsten Fall den Tod fanden. Dafür engagierte sie sich im Versuch, ihre bisherige Arbeitsstätte als Institut für Geschichte der Arbeiterbewegung basisdemokratisch neu zu organisieren und sich dem bislang Verdrängten kritisch und selbstkritisch zu stellen. Vor allem: Sie war eine der InitiatorInnen der Arbeitsgruppe "Opfer des Stalinismus", die sich genau dieser Fälle annahm, um zumindest den Opfern der Willkür die Ehre, nicht zuletzt auch die Ehre als Linke, als Kommunisten wiederzugeben.
Vor allem hatte sie begriffen, dass eine künftige Linke, welchen Namen sie sich auch geben sollte, mit diesem Erbe des Stalinismus schonungslos aufräumen musste. Sie wollte eine Geschichte der Linken, der kommunistischen Bewegung, der DDR mit all ihren Facetten, sicher auch den positiven, unbedingt aber auch jenen, die Fehler und eben Verbrechen bedeutete. Daraus müssen Linke lernen, das war ihre Lehre aus der Geschichte. Darauf richtete sich ihre Arbeit in der Historischen Kommission der PDS, ihr Engagement auch in den Leitungsgremien der Rosa-Luxemburg-Stiftung, nicht zuletzt auch in ihrer "Hellen Panke". Abendveranstaltungen, Konferenzen, Publikationen brachte sie ein, hier in der "Hellen Panke" zu den Waldheim-Prozessen, zum 17. Juni 1953, zu den Wirkungen des Stalinismus auf Partei und Gesellschaft, die einen wirklichen Sozialismus verhinderten. Sie erinnerte an die Opfer und deren Ideen, die oft Alternativen boten zu jenen Irrwegen und Sackgassen, in die der Realsozialismus geriet, geführt wurde. Dieser antistalinistische Auftrag ist ein wichtiger Teil des politischen, wissenschaftlichen, geschichtspolitischen Profils der "Hellen Panke" geworden. Wilfriede Ottos Mission ist keineswegs beendet.

Dr. Stefan Bollinger
Stellvertretender Vorsitzender


Von Dr. Wilfriede Otto sind in unseren Publikationsreihen folgende Beiträge erschienen:

- Die „Waldheimer Prozesse" 1950
Historische, politische und juristische Aspekte im Spannungsfeld zwischen Antifaschismus und Stalinismus

- Nur Einzelfälle?
In: Verfemt – verfolgt – verschwiegen. Im Konflikt mit der Macht. Schicksale in der frühen DDR. Kolloquium – in memoriam Wolfgang Kießling,

- Spannungsfeld 13. August 1961
In: Zwischen Mauerbau und Mauerfall

- Wider den Stalinismus
In: DDR und Arbeiterbewegung. Kolloquium anlässlich des 70. Geburtstages von Prof. Dr. Günter Benser. Diskussionsbeiträge

- Zur Biographie von Erich Mielke
Legende und Wirklichkeit

- Zwangsarbeit in Workuta
Deutsche Häftlinge über Stalinismus und Repression.
Mit einer Vorbemerkung von Wladislaw Hedeler "Zur Geschichte von Workuta"


Marx 200
Ladenlokal der Stiftung Helle Panke