Helle Panke Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin

03.02.2012

Organische Krise und Transformation.

Eine vergleichende historisch-analytische Betrachtung

Call für die Zweite Transformationskonferenz des Instituts für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Kooperation mit Helle Panke Berlin und der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin»Organische Krise und Transformation. Eine vergleichende historisch-analytische Betrachtung«

Januar 2012

Die Veranstalterinnen und Veranstalter wollen die Tragbarkeit, Reichweite und möglichen Grenzen des Konzepts der »organischen Krise« (Gramsci) mit Blick auf die gegenwärtige Krise des Finanzmarkt-Kapitalismus und frühere große Krisenperioden des Kapitalismus prüfen. Es wird davon ausgegangen, dass eine solche organische Krise die gesamte Periode des Übergangs von einer Akkumulations- und Regulationsweise des Kapitalismus zu einer anderen umfasst. Sie ist durch scharfe ökonomische Einbrüche und harte politische Konflikte gekennzeichnet. In dieser Periode wechseln sich Einzelkrisen und Phasen partieller Stabilisierung oder sogar des Aufschwungs ab. Es ist keine Periode des Niedergangs, sondern des Umbruchs, wo die alte Form der Entwicklung noch nicht abgestorben ist und die neue sich noch nicht auf eigener Grundlage entfaltet hat. Sie birgt ungeheure Gefahren und auch große Chancen. Es kann versucht werden, die Krise durch imperiale Politik nach außen zu wenden oder durch soziale Reformen in eine neue Form innerer Entwicklung zu verwandeln bzw. Beides miteinander zu verbinden. Es hat autoritäre und faschistische Formen der Bearbeitung solcher Krisen gegeben, aber auch die der Demokratisierung und des Sozialstaats.

Die Zweite Transformationskonferenz des Instituts für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Kooperation mit Helle Panke Berlin und der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin zielt darauf ab, die Eigenarten derartiger organischer Krisen im historisch-analytischen Vergleich genauer zu verstehen und das begriffliche und methodologische Instrumentarium eingreifender Krisenanalyse weiterzuentwickeln, um davon ausgehend Aussagen über die aktuelle Krise des Finanzmarkt-Kapitalismus, mögliche Szenarien ihres Verlaufs und Möglichkeiten emanzipatorisch-solidarischen Eingreifens treffen zu können.

Die Konferenz will analytisch-historisch vier organische Krisen der letzten einhundertvierzig Jahre unter gemeinsamen Fragen vergleichen: Die Große Depression (1873 ff.), die Große Weltwirtschaftskrise (1929 ff.), die Krise des fordistisch-sozialstaatlichen Kapitalismus (1973 ff.) und die gegenwärtige Krise des Finanzmarkt-Kapitalismus. Es soll versucht werden, Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser Krisen aufzudecken und Potentiale weiterer Forschung zu erschließen. Im Zentrum sollte die Frage der jeweils spezifischen Möglichkeiten transformatorischer Politik der Linken stehen, um Schlussfolgerungen für das Verständnis des Verlaufs der jetzigen Krise, möglicher Szenarien ihrer Lösung und einer eingreifenden radikalen Realpolitik der Linken zu ziehen. Es soll auch geprüft werden, ob das Konzept der organischen Krise außerdem auf Umbruchprozesse im sowjetischen Staatssozialismus angewandt werden kann. Es ist ein besonderes Anliegen, zu prüfen, wie der Begriff der organischen Krise auf der Basis der bisherigen Theoriebildung (Marx, Gramsci, Poulantzas, Regulationstheorie etc.) bestimmt werden kann und zu diskutieren, worin die Potentiale und die Grenzen des Konzepts im Vergleich zu anderen, wo Ansätze seiner Weiterentwicklung bestehen.

Die Konferenz wird als dreitägiger größerer Workshop mit Arbeitscharakter (rd. 50 bis 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer) im Sitz der Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin (Franz-Mehring-Platz 1, 10243 Berlin) stattfinden. Termin ist der 22. bis 24. November 2012. Interessierte, die Beiträge einreichen wollen, werden gebeten, bis 30. April 2012 elektronisch ein Abstract (mindestens 2 Tsd., maximal 6 Tsd. Zeichen) einzureichen an Frau Uta Tackenberg (tackenberg@rosalux.de). Auf dieser Basis werden die Veranstalter bis 31. Mai 2012 entscheiden, welche Hauptbeiträge auf der Konferenz gehalten werden. Die Veranstaltung wird in deutscher Sprache stattfinden. Insgesamt werden nicht mehr als zehn Paper als Hauptbeiträge angenommen, Die Hauptbeiträge müssen bis 30. September 2012 vorliegen, um an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Konferenz versandt werden zu können bzw. über die Website der Konferenz bereitgestellt zu werden. Die Papiere können einen Umfang bis zu 60 Tsd. Zeichen haben.

Die Hauptbeiträge sollen darauf abzielen, verschiedene organische Krisen im analytisch-historischen Vergleich zubetrachten, dabei die gegenwärtige Entwicklung einzubeziehen und Schlussfolgerungen für das Verständnis der gegenwärtigen Krise, ihrer Spezifik, ihres möglichen Verlaufs und absehbarer Szenarien zu ziehen. Im Vordergrund sollte die Frage stehen, wie in diesen Krisen Grundverhältnisse kapitaldominierter Gesellschaften umbrechen, sich neue Konfigurationen sozialer, politischer und kultureller Akteure herausbilden und über strategische Weichenstellungen entschieden wird. Die Beiträge sollten sich darauf konzentrieren, exemplarisch übergreifende Gesamtzusammenhänge zu verdeutlichen.

Es geht vor allem um die Aufdeckung und Diskussion übergreifender (organischer) Zusammenhänge. Aspekte einer solchen übergreifenden Analyse könnten vor allem sein:

  1. Organische Krise als Umbruch des Gesamtzusammenhangs gesellschaftlicher Reproduktion: Inwieweit sind diese Krisen mit der Herausbildung eines neuen Naturverhältnisses (bis hin zur heutigen Ökologie- und Klimafrage), neuer Produktivkräfte und Veränderungen in den Produktionsverhältnissen sowie der (auch) dadurch bedingten Veränderung in der Klassenstruktur, der Möglichkeiten und Grenzen der Akkumulation und den Anforderungen an die Regulation verbunden? Welches Verhältnis haben dabei die streitbar genannte „Realwirtschaft“ und „die Finanzmärkte“ sowie die Struktur der Einkommen und Vermögen (Problem der Überakkumulation) eingenommen? Wie verändert sich die Rolle staatlicher (welcher?) Institutionen in der Krise gegenüber der vorhergehenden (und nachfolgenden) Periode? Sind organische Krisen mit dem Umbau der Staatlichkeit und der Zivilgesellschaft verbunden? Wie verändern sich der Repressionsapparat des Staates und der Charakter von Repression und Inklusion insgesamt in Zeiten einer organischen Krise?
  2. Organische Krise als Scheidewegsituation: Woran zeigte sich, dass das Akkumulationsregime und die Regulationsweise des vorhergehenden Typs von Kapitalismus (national, europäisch wie international bzw. global) an ihre Grenzen stießen? Welche Vorboten solcher Krisen gibt es (als embryonale Phase einer organischen Krise)? Wie wird durch die verschiedenen Akteure auf solche Vorboten reagiert? Welche Phasen haben organische Krisen, wann werden die entscheidenden Weichenstellungen vorgenommen? Wie werden Entwicklungsblockaden aufgebrochen und um welchen Preis? Wie verändert sich die Klassenstruktur, wie werden die Geschlechterverhältnisse und Verhältnisse, die mit Ethnizität und Staatsbürgerschaft verbunden sind, umgebrochen und wandeln sich die soziokulturellen Milieus? Welche neuen Lebensweisen, neuen Formen der räumlichen und zeitlichen Regime des Lebens entstehen? Wie verändert sich das Verhältnis von „Ökonomie“ und „Reproduktionsökonomie“? Welche Szenarien sind im Verlauf der jetzigen Krise unter Berücksichtigung der historischen Erfahrungen wahrscheinlich? Worin bestehen ihre jeweiligen Stärken und Schwächen? Wie werden dabei die genannten Dimensionen auf neue Weise verkoppelt (vom Naturverhältnis über Klassen- und Geschlechterverhältnisse bis hin zur Staatlichkeit und Lebensweise)?
  3. Organische Krise als Umbruch der handelnden Akteure: Inwieweit kommt es innerhalb der herrschenden Klassen zu Spaltungen, Neugruppierungen, der Entstehung eines neuen herrschenden Blocks und wie verändern die herrschenden Klassen ihre Strategien gegenüber den subalternen Klassen und Schichten? Wie verändern sich die Artikulations- und Repräsentationsverhältnisse sowie die Organisationsweisen? Welche neuen Formen von Konflikten und Kooperationen innerhalb der herrschenden Klasse sowie zwischen verschiedenen Interessengruppen und Bevölkerungsschichten entstehen?
  4. Organische Krise als Veränderungen im kapitalistischen Weltsystem: Welche Veränderungen Europas, des Weltsystems und des Systems der internationalen Arbeitsteilung und Machtausübung sind mit organischen Krisen verbunden (Abstieg alter und Aufstieg neuer Führungsmächte; neue internationale Arbeitsteilung, von Imperialismus und Kolonialismus, Nord-Süd-Konflikt, neue Formen der Regierung, Rolle von Rüstung und kalten bzw. heißen Kriegen, neue gesellschaftliche Raum-Zeit-Regime, neue Ressourcen- und Umweltregime)? Welche Bedeutung hat dabei das Verhältnis von Realakkumulation und Finanzakkumulation?
  5. Organische Krise als Herausforderung für die Linken: Welche strategischen Antworten haben linke Kräfte in den jeweiligen organischen Krisen entwickelt und wie wirksam waren diese Antworten? Welche wissenschaftlichen und politischen Annahmen lagen diesen Antworten zugrunde? Wie hat sich das Verständnis von Sozialismus/Kommunismus/solidarischer bzw. gerechter Gesellschaft als alternativer Ordnung dabei verändert? Von welchen Bedingungen hing die Wirksamkeit linker Kräfte ab und wann waren sie in der Lage, nachhaltige emanzipatorisch-solidarische Antworten zu finden?

Für weitere Rückfragen wenden Sie sich bitte an die VeranstalterInnen. Die inhaltliche Koordination haben Michael Brie, Mario Candeias, Judith Dellheim, Günter Krause, Katharina Pühl und Klaus Steinitz. Die organisatorische Koordination erfolgt durch Frau Uta Tackenberg (tackenberg@rosalux.de; 030 44310 438). Bitte wenden Sie sich an diese Adresse, um weitere Informationen zu erhalten.